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Keine Flügel für Reggi von Siegfried Maaß
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
01.01.2011
ISBN:
978-3-86394-233-5 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 337 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Liebesroman/Geschichte/20. Jahrhundert, Belletristik/Familienleben, Belletristik/Moderne Frauen, Belletristik/Medizin, Belletristik/Politik
Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Lifestyle-Literatur, Familienleben, Liebesromane, 20. Jahrhundert (1900 bis 1999 n. Chr.)
Querschnittsgelähmt, Rollstuhlfahrer, Motorradunfall, Liebe, Neuer Anfang, Trostlosigkeit
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"Sag mir nur mal, warum du in der Burg ganz anders warst. Da konnte dich nichts erschüttern. Oder war das Täuschung, hast du uns allen etwas vorgemacht?"

Wir stehen inzwischen mit unseren Rollstühlen im Park. Der Blätterdom einer mächtigen Eiche ragt in den Himmel, jahrhundertealtes knorriges Holz, und die Naturschützer haben den Baum in ihre Obhut genommen, einen Teil des Stammes mit Zement ausgegossen und das Schild mit der Eule angebracht.

Ich fahre aus dem Schatten der Eiche, und Wilfried folgt. Vor dem abschüssigen Uferstreifen halten wir.

"Vorgemacht? Keine Spur. Ich war damals wirklich so, kannst du mir glauben. Ich hatte mich ganz schnell mit der neuen Situation abgefunden."

"Und jetzt?", frage ich. "Man müsste doch annehmen, je größer der zeitliche Abstand zum Unfall wird, desto eher und leichter ist alles zu ertragen... Von 'abfinden' will ich gar nicht reden. Mich damit abzufinden wird mir wahrscheinlich nie gelingen. Aber ich habe jetzt eine gewisse Klarheit gewonnen, weiß, was mir möglich ist und was nicht. Illusionen habe ich nicht."

"Illusionen! Hatte ich die?" Wilfried zuckt die Schultern. "Glaube ich nicht", sagt er nach einer Weile. "In der Burg war nur alles einfacher. Da habe ich nicht an die Schwierigkeiten gedacht, die später auf mich zukommen könnten."

"Siehst du", erkläre ich und komme mir augenblicklich wie ein besserwissender Lehrer vor einer Klasse vor, "bei mir war es umgekehrt. Ich habe immer nur die Schwierigkeiten gesehen, die mich außerhalb der Burg erwarten."

"Und kommst jetzt viel besser zurecht als ich."

"Möglich."

"Möglich?" Wilfried sieht mich aufgebracht an. "Du brauchst mir nichts vorzuspielen, Reggi! Ich habe doch Augen im Kopf."

"Dann reiße sie weit auf, Wilfried! Sieh bloß zu, dass du bald aus deinem Tief herausfindest!"

"Ich habe keine Karen an meiner Seite, vergiss das nicht."

Damit nimmt er mir die Chance einer Antwort. Wie oft habe ich mir selbst schon gesagt - was wäre ohne Karen aus mir geworden?

Mein Vater ist nicht der Mann, sich immerzu um Dinge zu kümmern, die mein Leben vereinfachen könnten. Als er damals seine Briefe an den Bürgermeister schrieb, hatte es ihn viel Überwindung gekostet... Anders wäre es vielleicht gewesen, wenn meine Mutter noch lebte. Sie hatte sich meistens behaupten und durchsetzen können, und mein Vater hatte sich auf das Geschick meiner Mutter verlassen.

"Ich wollte weg, verstehst du?", höre ich Wilfried sagen. "Das Abi machen und dann weg von zu Hause, zur Armee oder sonst wohin."

Er starrt auf das trübe Flusswasser, als spiegele sich darin seine ganze Vergangenheit mit den vielen guten Vorsätzen fürs Leben.

"Weißt du, woran ich denken muss?", frage ich und will keine Antwort, was Wilfried zu spüren scheint, denn er wartet auf meine Erklärung. "Ich habe dich damals beneidet, schon am ersten Tag in der Burg. Deine Eltern wichen nicht von deiner Seite, man konnte annehmen, sie wären an deinen Rollstuhl gekettet. Mein Vater dagegen... Er war von der anstrengenden Busfahrt so erschöpft, dass er sich sofort irgendwo niederließ. Ich fuhr darum allein los und sah mir die neue Umgebung an."

"Mich haben immer alle beneidet", erwiderte Wilfried. "Schon in der Kindheit. Meine Alten, besonders mein Vater, konnten wunderbar tun, als..." Er winkte mürrisch ab. "Lass uns das Thema wechseln, Reggi. Heute ist ein so schöner Tag für mich, endlich mal raus aus dem Kaff und den eigenen vier Wänden..."

Er schweigt. Aber Sekunden später fügt er hinzu: "Er hat allen die Augen verkleistert, seinen Leuten im .Betrieb, den Nachbarn und auch meinen Lehrern. So aktiv wie er ist kaum noch einer gewesen, ob in der Gewerkschaft oder dem .Elternbeirat... 'Immer mit dem Rücken an die Wand, Wilfried', hat er mir eingetrichtert und mich sogar erinnert, dass ich zum Fahnenappell in der Schule oder zum Maiumzug das Blauhemd anziehen müsse. Aber lief ich dann zu Hause auch nur fünf Minuten länger als nötig damit umher, schrie er mich an, ich solle bloß schnell den blauen Fummel vom Leib kriegen... Vielleicht wäre er früher, als es noch möglich war, nach drüben gegangen, wenn er nicht so an dem Haus hängen würde, das er von seinem Vater geerbt hat. Selbst diese Courage hat er nicht gehabt, weil er eher auf den Pfennig scheißt, als irgendwas zu riskieren."

 

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