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Zeugnis zu dritt von Egon Richter
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Preis E-Book:
8.99 €
Veröffentl.:
07.11.2017
ISBN:
978-3-95655-805-4 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 339 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Psychologisch, Belletristik/Politik, Belletristik/Moderne Frauen
Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Seelenleben, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Moderne und zeitgenössische Belletristik
DDR, Lehrer, Republikflucht, Westberlin, Berufsverbot, Psychologe, Gerechtigkeit, Gehorsam, Aufbegehren
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Keller hatte viel über alles nachgedacht: man konnte nichts Besseres tun, als der Kollegin die Internatsleitung anzuvertrauen. Es entsprach ihrem Charakter und ihrem Verhältnis zu den Kindern. Er hatte wenig Zeit, aber er hospitierte oft. Er war manchmal bei ihr gewesen, damals, als sie hergekommen war. In letzter Zeit nicht mehr, das stimmte, aber anfangs hatte er viele ihrer Stunden besucht. Er erinnerte sich noch heute an einen Wandertag und an die liebevolle Sorge, mit der sie jedes Kind umgab, wie ausführlich sie jede kleine Frage nach Blumen, Sträuchern und Tieren beantwortete. Diese Geduld war selten, diese Fürsorge bewundernswert. Es waren Eigenschaften, die im Internat die besten Früchte tragen konnten und die im hastigen Getriebe der Schulleitung oft wenig nützten und den unbefriedigt ließen, der sie besaß. Für sie war die Internatsleitung der richtige Platz. Es war wichtig, dass jeder am richtigen Platz eingesetzt wurde, dass er ihn mit größtem Nutzen für die Gesellschaft ausfüllen konnte. Keller wollte nicht, dass in diesem Land irgendwer irgendwann und irgendwo versagte. Er wollte es vor allem deshalb nicht, damit die anderen nicht auf sein Land und auf ihn deuten und sagen konnten: Seht ihr, ihr seid eben nicht fähig!

Immer fragte er sich und die anderen: Wem nützt es? Jede Entscheidung hatte von dieser Frage auszugehen, sie war Maßstab und Richtpunkt. War die Frage nicht schon zu einer Phrase geworden, oft gebraucht – aber deshalb doch nicht weniger wahr? Sie hatte doch ihre Berechtigung. Man musste nur immer wieder ihren tiefen Sinn sehen und darüber nachdenken, als höre man sie zum ersten Mal.

Überhaupt stand doch hinter jedem seiner Worte ein Gedanke. Den Vorwurf, Phrasen zu gebrauchen, konnte ihm doch niemand machen.

Keller liebte das Land, in dem er lebte, und darum hatte er es oft schwer. Die anderen drüben hatten es leichter, die Herren, sie machten im Grunde dort weiter, wo sie aufgehört hatten, immer nach altem Muster und mit den gleichen Zielen. Aber hier geschah etwas, das es in Deutschland noch nicht gegeben hatte, hier baute man ein neues Bildungs– und Erziehungssystem auf, das ...

Keller unterbrach sich. Diese Worte gefielen ihm nicht. Es war doch immer zugleich ein Suchen und oft ein mühevolles Fügen von Stein auf Stein. Man müsste viel mehr Versuche machen, pädagogische Experimente, und es wäre nötig, Querverbindungen zu suchen zwischen Theorie und Praxis, enge Beziehungen herzustellen zwischen Unterricht und Produktion und jedes Mal von Neuem die Frage zu beantworten, wie dies besser zu machen sei. Neulich hatte ihm jemand empfohlen, mehr industrielle Verfahrenstechniken zu lehren. Aber das ist Unsinn! Solche Produktionsverfahren können morgen schon veraltet sein, und die Schule hat dann nur kostbare Zeit verloren. Das mit der Zeit ist überhaupt ein Problem, im Grunde ein nicht lösbares Rechenexempel.

Er hatte sich oft damit beschäftigt. Der Wissensstand der Menschheit verdoppelte sich in fünf bis sieben Jahren. Der Schule blieb nur die Möglichkeit, Teile davon zu vermitteln. Aber welche Teile ... Oft genug flatterten Lehrplanänderungen auf den Tisch, jedes Jahr war vieles von dem, was gestern noch gültig schien, überholt oder neu durchdacht. Das sagte sich so schön: die Schule muss auf der Höhe der Zeit sein, aber die Höhe von heute war das Tal von morgen. Was könnte man tun, um die Schüler auf die Welt von morgen vorzubereiten?

Als er neulich eine Geschichtsstunde der Kollegin Becher besuchte, war ihm aufgefallen, nicht zum ersten Mal, aber wieder einmal, dass die junge Lehrerin vor der Klasse einen schillernden Fächer von Daten und Namen ausbreitete. Mit wie viel Gedächtnisstoff wurden die Schüler belastet! Trug das zur Entwicklung eines historischen Bewusstseins bei? Ganz sicher nicht. Er hatte lange mit der Kollegin darüber gesprochen: Der Lehrer muss entscheiden können! Er muss aus der Fülle des Materials die wesentlichen Fakten heraussuchen und mit deren Hilfe das Denken lehren und anerziehen und damit zugleich moralische Qualitäten ausbilden!

Der Lehrer brauchte Ruhe dazu und Kontinuität im Schulablauf. Keller erwartete, dass jeder den ihm zugewiesenen Platz ausfüllte und dass er überhaupt fähig war für diesen Platz. Und er fasste die Fähigkeit sehr weit. Sie beschränkte sich für ihn nicht auf spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten. Einmal, vor Jahren, als die Schule noch im Rohbau war und sie noch in drei notdürftig zurechtgezimmerten Baracken unterrichteten, hatte er einem jungen Mathematiklehrer den Stuhl vor die Tür gesetzt, weil er mit amerikanischen Zigaretten handelte. Er hatte keinen Mathematiker, und es war ihm schwergefallen. Er hatte sich beholfen und Vorwürfe einstecken müssen. Aber Lehrer mussten untadelig sein. Sie mussten in jeder Beziehung untadelig sein.

Manchmal versuchte Keller sich zu erinnern, wie die Kollegin damals ausgesehen hatte. Sie trug wohl eine bunte Flickenjacke wie die meisten Frauen und Mädchen. Aber genau wusste er das nicht mehr. Sie war wohl Brüneckes Lieblingskind gewesen, sicher wegen ihrer „reichen und tiefen Gefühlswelt“, wie der Alte sich ausgedrückt hatte. Der Professor schien ihm schon damals ein wenig sentimental zu sein, trotz seiner Erfahrungen. Brünecke hatte oft den Fleiß der Kollegin gelobt, ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Liebe zu den Kindern. Aber das war lange her, über zehn Jahre, und damit allein war heute nichts mehr zu machen. Die Zeiten hatten sich geändert, sie änderten sich jeden Tag, und jeder Tag forderte andere Entscheidungen. Machte er etwas falsch?

Wahrscheinlich würde sie draußen auf dem Korridor auf Pank warten. Ihm selbst aber und seinen Kollegen misstraute sie leider, und sie hatte wohl nie das rechte Verständnis für ihn aufgebracht. Was konnte Pank nur veranlasst haben, die Kollegin ausgerechnet hierher zu schicken. Pank wusste doch, was für eine Schule dies war: ein halbes Tausend Schüler, ein halbes Hundert Lehrer und ein gutes Dutzend technisches Personal. Er musste doch wissen, dass das kein Zuckerlecken war für eine Stellvertretende Direktorin, dass das eine straffe Organisation erforderte, abgegrenzte Verantwortungsbereiche und eindeutige Zuständigkeiten und dass jeder sich da einzufügen hatte.

Gleich würden sie hereinkommen, zuerst wahrscheinlich Scharff. Er würde lächeln und sich den bequemsten Platz aussuchen. Das war so eine Äußerlichkeit. Sie war an sich bedeutungslos und zählte nicht, aber hinter Scharffs Lächeln verbarg sich Kompromissbereitschaft. Hin und wieder war es nützlich, dass Scharff diese Eigenschaft besaß, die ihm, Keller, so fremd war. Scharff wollte keinen Streit, er wünschte stets für alle Teile annehmbare Lösungen. Scharff würde nach guten und beschwichtigenden Worten suchen, sie bestimmt auch finden. Es war gut, dass Scharff da war, und es konnte einem leid tun, dass er von hier weggehen wollte. Niemand wusste genau, warum Scharff das beabsichtigte. Man hatte vergeblich auf eine Erklärung von ihm gewartet. Am Ende des nächsten Schuljahres würde er fortgehen, und jeder würde nur das Beste über ihn sagen können. Keller war sich sicher, dass er Scharff vermissen würde. Er hätte die Kollegin für Scharffs Stelle vorschlagen können, wenn sie sich geeignet hätte, aber sie eignete sich eben nicht.

Ob er sie in vielem nicht zu streng beurteilt hatte? Eines stand fest: sie war ganz sicher keine schlechte Pädagogin. Darin hatte Pank recht, und vielleicht war das der Grund, warum er sie hergeschickt hatte. Sie verfügte über eine seltene Gabe, mit Kindern umzugehen, und verstand sie ausgezeichnet zu nutzen. Jahrelang hatte das Internat keinen vernünftigen Leiter gehabt. Jahrelang war es vernachlässigt worden, und vieles dort war veränderungsbedürftig und verlangte eine ruhige, geduldige und auch liebevolle Hand. Das Internat war der noch schwache Punkt der Schule. Es war Zeit und Gelegenheit, dies endlich zu verändern. Es wäre das beste, die Kollegin dort arbeiten zu lassen, selbstständig und ungestört. Erstens wäre ihr damit geholfen, und zweitens käme es in vielen Fällen darauf an, die Menschen so zu nehmen, wie sie waren, das Beste und Klügste aus ihnen zu machen und sie dort einzusetzen, wo sie den meisten Nutzen bringen konnten. Die Übernahme der Internatsleitung war die beste Lösung für die Kollegin und für die Schule, und er hoffte sehr, dass sie das begreifen würde.

Sie war absolut nicht schlecht und steckte voller Ideen, und viele dieser Ideen waren brauchbar, manche nicht und manche noch zu sehr aus der Sicht der kleinen Dorfschule geboren, als dass sie hier verwendbar wären. Aber das alles war nicht so wichtig. Was der Kollegin in ihrer jetzigen Stellung fehlte, war das Vermögen, über ihre persönlichen Kontakte zu Schülern und Lehrern hinaus das Gesamtinteresse der Schule zu sehen und zur Grundlage für ihre Urteile und ihr Handeln zu machen. Ihm wurden die Entscheidungen nicht leicht gemacht, bewegte er doch kein totes, formbares Material, sondern Menschen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, Ansprüchen und Leistungen. Es konnte ihm entgleiten, wenn er es nicht ordnete, streng und systematisch. Denn immer waren die anderen da, die letztgültige Entscheidungen erwarteten. In ihren Augen durfte er sich nicht irren, ihm hatte kein Fehler zu unterlaufen.

Nach Scharff würde Guschke hereinkommen, und er würde nicht lächeln. Er würde sich eher den Kopf zerbrechen. Er war ein ordentlicher Gruppensekretär, manchmal nur mit ein wenig zu viel Gemüt. Guschke suchte immer nach Wegen und besten Möglichkeiten, er war stets und ständig auf der Suche. Das war es wohl, was Guschke bisweilen zögern ließ. Das entscheidende Wort blieb oft bei ihm, bei Keller. War es wirklich nur ein Suchen, das Guschke zögern ließ?

Keller sah sich im Raum um und setzte sich an den Klubtisch. Er saß dort und hoffte, dass sie seine gut gemeinte Absicht erkennen würde, sie von einem falschen an einen richtigen Platz zu stellen. Aber Keller war sich da nicht ganz sicher. Sie sah ja so manches nicht ein, und er hatte sich oft gefragt, warum sie sich eigentlich mitunter Argumenten allzu schnell verschloss.

Als sie hierher kam, schien alles einigermaßen gut zu gehen, und er war schon fast geneigt gewesen, Panks Entscheidung vernünftig zu finden. Aber dann hatte sie diesen Mann geheiratet. Sie kannte ihn nicht, aber sie hatte ihn geheiratet. Warum hatte sie das getan? Es könnte vielleicht Einsamkeit gewesen sein, vielleicht auch Trotz, vielleicht auch Liebe. Manchmal tat sie ihm leid, und er wünschte sich, so viel Zeit zu haben, um sich um alles kümmern zu können. Aber er wusste, er hatte die Zeit nicht. Er hatte sie vor dieser Ehe gewarnt, und sie hatte nicht auf ihn gehört. Wahrscheinlich hatte sie gar keine Vorstellung davon gehabt, was es bedeutete, im Direktorium so einer Schule zu sitzen, dass da jeder auf einen schaute innerhalb und außerhalb des Hauses, dass man Maßstab war, ja ein Stück Öffentlichkeit, und dass dies Opfer verlangte, Beschränkungen selbst in der privaten Sphäre. Im Grunde hatte sie mit dieser gescheiterten Ehe ihrem öffentlichen Ansehen geschadet. Ein Lehrer hatte eben ein Vorbild zu sein, ob er wollte oder nicht.

Keller hatte nie ein Wort darüber verloren, er hatte sogar das Getuschel im Kollegium unterdrückt. Auch später, als alles vorbei war.

Manchmal war ihm schon der Gedanke gekommen, dass diese Ehe der Kollegin einen Schock versetzt hatte, den sie irgendwie auffangen musste. Vielleicht rührte daher ihre plötzliche Aktivität. Vieles von dem, was sie unternahm, war überraschend, manchmal geradezu abwegig, besonders als sie die Schülerbrigaden in ihren Klassen auflöste. Dabei handelte sie vielleicht in guter pädagogischer Absicht. Aber er durfte sich kein Schema auf drängen lassen. Ruhe und Ordnung schienen ihm unabdingbare Voraussetzungen für gute Schülerleistungen. Sie hatte Unruhe im Kollegium gestiftet. Sicher ungewollt, aber das spielte keine Rolle.

Es war Keller nicht klar, warum sie diesen Medizinalratssohn nicht durchschaut hatte. Sie war doch sonst klug und einfühlsam genug. Wie konnte sie nur die sichtbaren Leistungen als einzigen Maßstab nehmen? So etwas konnte doch trügen. Dieser Junge war unwahrhaftig, verzogen, ohne Zweifel intelligent. Er hatte nicht das Format seines Vaters, der ein hervorragender Fachmann war und das Krankenhaus mit Tatkraft leitete. Aber es war sehr wahrscheinlich, dass er schon einen Vorvertrag für Hamburg in der Tasche und ein Konto auf einer Bank der anderen Seite hatte. Bei solchen Leuten wusste man das nie. Ihr Anspruch stieg bisweilen ins Unermessliche, und sie versteckten ihn hinter hohlen Bekenntnissen. Dies war es, was der Junge von seinem Vater übernommen hatte, den Anspruch, dass ihm alles zuzufallen habe und alle ihm zu hofieren hätten. Der Junge heuchelte, und seine Mitschüler wussten das. Jedenfalls ein paar, er machte das sehr geschickt. Wurde so etwas honoriert, dann machte es Schule. Breitete sich das aus, war die Erziehungsarbeit gefährdet. Und ein Mitglied der Schulleitung ließ sich blenden davon und verteidigte das auch noch! Nicht nur hier, sondern auch noch in der Öffentlichkeit. Was mochte sie zu dieser Disziplinlosigkeit veranlasst haben? Trotz, Stolz, Unvermögen?

Jedenfalls musste getan werden, was notwendig war. Das war für Keller nichts Neues. Als er aus der Gefangenschaft gekommen war, hatten sie gar nicht erst lange gefragt. Sie hatten ihn in Brüneckes Fürstenpalast gesteckt und erwartet, dass er dort alles vernünftig organisierte, auch gründlich sein Fach studierte und stets politisch vorbildlich wirkte.

Nein. Man hatte nie Rücksicht auf ihn genommen. Als das Gröbste geschafft war und er meinte, in Ruhe arbeiten zu können, da hatten sie ihn weggeholt und vor eine riesige Baugrube gestellt. Sie hatten ihm und Pank auf die Schultern geklopft und gesagt: Hieraus macht ein modernes Schulkombinat, Muster und so weiter! Und es blieb einem gar keine Wahl. Er wusste heute nicht mehr, ob er sich eine Wahl überhaupt gewünscht hatte. Er hatte den Willen, dies zu schaffen, und es gelang ihm mit Unnachsichtigkeit und straffer Organisation und hin und wieder eben auch mit schnellen und mitunter schmerzhaften Entscheidungen. Sicher hatte er manchem wehgetan und nie genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken.

Was notwendig war, musste getan werden, auch wenn die, die es betraf, ihn nicht verstehen sollten. Auch dann, wenn sie ihn hart und herzlos und berechnend nennen sollten. Er musste, obwohl ihn manchmal die Wut packte, immer kühl und sachlich bleiben.

 

Zeugnis zu dritt von Egon Richter: TextAuszug