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Schau auf die Erde – Der Flug des Falken. Drittes Buch: Der lange Weg der Erkenntnis von Walter Baumert
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
14.02.2014
ISBN:
978-3-86394-556-5 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 365 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Biografisch, Belletristik/Geschichte, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Politik, Belletristik/Medizin
Historischer Roman, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Kriegsromane, Biografischer Roman, Familienleben
Berlin, England, Hegel, Feuerbach, Universität, Utopische Sozialisten, Manchester
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Rechts neben der Landstraße duckte sich eine Elendshütte, notdürftig aus allen möglichen Brettern und Blechen zusammengenagelt. Vor dem Eingang loderte ein mächtiges Feuer. Ein Krankentransportwagen und zwei Feuerwehrwagen hielten in einem schmalen Seitenweg. Leute mit hellen Mänteln und Gesichtsmasken hantierten mit Pumpen und Spritzschläuchen. Die Tür der Hütte stand offen. Lautes Frauengekreisch und Kinderschreien war zu hören.

Friedrich folgte Susanne, die dorthin eilte. Sie entdeckte Waldecks Chaise am Lattenzaun. „Bleib hier draußen!“, befahl sie Friedrich und wollte auf das Haus zugehen. Friedrich hielt sie zurück. „Kann ich nichts tun, Susanne?“, fragte er. Sie überlegte einen Augenblick, dann zeigte sie zum Krankenwagen. „Lass dir dort einen Schutzkittel geben.“

„Von Doktor Waldeck?“, fragte der Kutscher und wies nach hinten. „Suchen Sie sich einen aus.“

Friedrich, jetzt ebenso wie alle die Männer hier von einer nach Karbol stinkenden Schutzhülle umgeben, kehrte zu der Hütte zurück. Zwei Krankenträger trugen einen Mann aus der Behausung. Susanne versuchte, die in Lumpen gehüllte Frau, die sich unter Jammern an der Trage ihres Mannes festklammerte, loszureißen. „Wir sind verloren, wir sind verloren!“, schrie sie immer wieder. Die vier kleinen Kinder standen heulend, nicht begreifend, vor der Tür. „Werden sie ihn eingraben?“, fragte ein Junge.

„Nein“, antwortete Friedrich, „er ist ja nicht tot. Er kommt ins Krankenhaus, in ein schönes weißes Bett. Dort wird er wieder gesund.“

Zwei Männer waren dabei, das Strohlager, das Bettzeug, die Kleider, die der Kranke getragen hatte, im offenen Feuer zu verbrennen. Friedrich ging an die Haustür. Er sah, wie Dr. Waldeck mit den Feuerwehrleuten dabei war, eine chemische Flüssigkeit in das Elendsquartier zu spritzen. Er prallte vor den ätzenden Dämpfen zurück. Waldeck begrüßte ihn mit einem Kopfnicken. Er wandte sich an einen der Männer. „Machen Sie der Familie klar, dass sie hierbleiben müssen. Sie dürfen ihre Hütte nicht verlassen, bis die Quarantänezeit abgelaufen ist.“

Friedrich war entsetzt. „Aber dort können doch diese Menschen nicht wieder hinein!“

„Wo sollen sie sonst hin, junger Mann?“, erwiderte der Arzt. Ein Mann war dabei, mit Ölfarbe und einer Schablone einen Totenkopf auf die Haustür zu malen. „Einen Vorteil hat das“, stellte Waldeck fest. „Niemand kann sie in dieser Zeit auf die Straße setzen oder ins Arbeitshaus sperren.“

„Wer sollte das denn vorhaben?“

Sie gingen auf die Straße. Waldeck zeigte auf das Krankengefährt, in das eben die Trage hineingeschoben wurde. „Dieser da ist ihr einziger Ernährer. Wovon sollen sie jetzt die Miete bezahlen?“

„Miete? Für dieses Loch?“

Der Arzt antwortete nicht. Er zog die Maske vom Gesicht und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Schwager Jacoby hat diese Desinfektions- und Quarantänemaßnahmen in die Medizin eingeführt, äußerst rabiat, aber wirkungsvoll. Seitdem haben wir die Cholera unter Kontrolle. Hätte man früher auf ihn gehört, wären Ihr Hegel und etliche Tausend andere Menschen heute noch am Leben.“

Vom Krankenwagen war plötzlich wieder das Geschrei der Frau zu hören, die einer der Krankenwärter gewaltsam vom Wagen wegreißen musste und dabei zu Boden stieß. Dort lag sie in Weinkrämpfen. Friedrich bückte sich. Waldeck riss ihn zurück. „Hände weg!“

Friedrich griff nach der Brieftasche.

„Lassen Sie Ihr Geld stecken! Um allen den Tausenden zu helfen, die hier vegetieren, würde ein Vermögen nicht ausreichen.“

Der Krankenwagen fuhr davon.

Friedrich starrte auf die Frau, die sich mühsam vom Boden aufraffte, alle Verzweiflung der gepeinigten Kreatur im Gesicht. Er sah die Kinder hinter der Umzäunung, hilflos verloren ...

Nie im Leben wird er das Bild vergessen, nie, nie!

Susannes Hand riss ihn aus seiner Erstarrung. „Wir müssen weiter“, sagte sie. „Das Schlimmste steht uns noch bevor.“ Sie zeigte den Weg entlang über die Landstraße hinweg, wo sich am grauen Nachthimmel eine Kolonne dunkler riesenhafter Quadrate abzeichnete. „In den Familienhäusern.“

Auf dem Weg dorthin erklärte der Arzt: „Ein geschäftstüchtiger Unternehmer, der nicht weit von hier eine Fabrik betreibt, hatte die glorreiche Idee, aus dem Elend der Proletarierfamilien Kapital zu schlagen, und baute hier sieben solcher Kolosse. Für jede Familie nur ein winziges Zimmer, aber in einem Haus aus richtigen Steinen. Doch dieser Mann berechnete nicht, dass der Monatslohn, den er und seine Kaste ihren Arbeitern zahlen, nicht einmal ausreicht, um den Mietzins zu entrichten. So müssen sich drei und vier Familien eine ,Zelle' teilen, gerade so viel Platz für jeden, dass er sich nachts auf dem Stroh ausstrecken kann. Wenn da einer die Krankheit hat, sind zehn oder zwanzig Leute mit infiziert.“

„Und gibt es dort eine Erkrankung?“

„Leider. Vorerst muss ein Zimmer geräumt und ausgeräuchert werden. Aber die Leute haben sich eingeschlossen und verbarrikadiert. Sie wollen lieber elendiglich verrecken als aus ihrer Behausung gehen.“

Je näher sie kamen, um so unheimlicher wurden die hässlichen Steinkolosse, sechs, sieben Stockwerke hoch. Vor dem mittleren Gebäude standen Fahrzeuge. Blendlaternen tasteten in eine tunnelartige Hauseinfahrt.

Sie gingen an den Männern vom Seuchenschutz vorbei und kamen in einen von Schutt, Müll und dumpfem Geruch angefüllten Hinterhof. Nur zwei, drei Fensterlöcher waren erleuchtet. Sonst lag alles in schwarzer Dunkelheit und dumpfer Lethargie.

Plötzlich brüllte eine Stimme aus dem Querbau: „Aufmachen! Aufmachen!“ Dann durchbrachen harte Schläge die Stille. Waldeck beschleunigte seine Schritte. Er ging durch einen Hintereingang eine schmale Stiege hinauf in ein oberes Stockwerk. Sie kamen in einen von Laternen erleuchteten kasernenmäßigen Korridor. Polizisten, Krankenwärter und Feuerwehrleute waren aufgeboten. Einige waren dabei, eine Tür einzurammen. Krachend zersplitterte sie. Die Bewohner der Zimmer wurden gewaltsam aus dem Raum geschleppt. Alles, was sich im Zimmer befand, Kleidungsstücke, Strohsäcke, Wäsche, flog aus dem Fenster zum Verbrennen. Wohl zwanzig jammervolle Gestalten aller Altersstufen zählte Friedrich, Kinder, Frauen und Männer, die sich an ihre armselige Habe klammerten und sich mit letzter Kraft gegen den Abtransport zur Wehr setzten.

Friedrich war außerstande, irgendetwas zu tun. Er wollte helfen, einschreiten gegen die rohe Gewalt, deren Notwendigkeit er einsah. Endlich war der Raum menschenleer. Dr. Waldeck trat mit seinen Sprühleuten in Aktion. Der ätzende Geruch zwang Friedrich, sich ein Stück zurückzuziehen. Er lehnte sich an die Flurwand. Die Erschütterung lähmte alles Denken. Er war außerstande, die Tränen zurückzuhalten.

Susanne, die sich bis jetzt um die Säuglinge und Kleinkinder gekümmert hatte, trat zu ihm. Leise sagte sie: „Ich hatte dich gewarnt.“

 

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