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Sie sind hier: DDR-Autoren: Newsletter 01.05.2026 - Zwischen Netzkunst, Krimi und Geschichte

Zwischen Netzkunst, Krimi und Geschichte – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Von Freitag, dem 1. Mai, bis Freitag, dem 8. Mai, präsentiert EDITION digital erneut eine vielseitige Auswahl preisgesenkter E-Books. Diesmal reicht das Spektrum von faszinierenden Einblicken in die Welt der Spinnen über gesellschaftliche Fragestellungen und spannende Krimiunterhaltung bis hin zu eindrucksvollen historischen Erzählungen – fünf Titel, die zum Nachdenken, Mitfiebern und Neu-Entdecken einladen.

Das Geheimnis der Netzkünstler. Warum Spinnen unsere stillen Helfer sind von Gisela Pekrul

Zwischen Gartentisch, Kellerfenster und raschelnden Blättern entdecken Noah und Joshua etwas, das ihnen zuerst Angst macht: eine große Spinne in ihrem Netz.

Doch gemeinsam mit ihrer Oma lernen die beiden, genauer hinzuschauen. Sie beobachten, staunen und verstehen Schritt für Schritt, wie geschickt Spinnen ihre Netze bauen, wie sie nachts arbeiten und warum sie für uns so wichtig sind.

Aus Angst wird Neugier. Aus Ekel wird Bewunderung.

Und am Ende erkennen die Jungen: Spinnen sind keine Monster – sondern stille Helfer der Natur.

Ein warmherziges, liebevoll erzähltes Sachbilderbuch über Mut, Wissen und die kleinen Wunder direkt vor unserer Haustür.

Für Kinder ab 6 Jahren – und für alle, die Spinnen neu entdecken möchten.

Wie löst die Planwirtschaft die Probleme der Marktwirtschaft? von Sören Pekrul

In einer Welt voller Krisen – von Klimakatastrophe, Kriegen bis zu wachsender Ungleichheit – stellt sich eine unbequeme Frage: Ist die Marktwirtschaft wirklich das beste System, das wir haben? Oder ist sie selbst Teil des Problems?

Dieses E-Book nimmt den Kapitalismus schonungslos unter die Lupe und zeigt, warum Konkurrenz, Profitstreben und Marktmechanismen nicht zu Wohlstand für alle führen, sondern zu Verschwendung, Krisen und sozialer Spaltung. Doch es bleibt nicht bei der Kritik.

Anschaulich und fundiert wird eine Alternative vorgestellt: die demokratisch organisierte Planwirtschaft im Sozialismus. Wie könnte eine Wirtschaft aussehen, die sich nicht am Profit, sondern an den Bedürfnissen der Menschen orientiert? Welche Rolle spielen Arbeiterräte, moderne Technologien und kollektive Entscheidungen? Und ist eine gerechte, nachhaltige Gesellschaft tatsächlich möglich?

Ein provokantes, inspirierendes und zugleich praxisnahes Plädoyer für eine andere Zukunft – jenseits von Markt und Profitlogik.

Shooting. Ein Fotografenkrimi von Jan Eik

Der Berliner Privatdetektiv Oliver John (OJ) wird von seinem alten Bekannten Dolf Parey - einem Hamburger Werbe-Starfotografen - engagiert, angeblich in einer Erpressungsangelegenheit. Als OJ in Dolfs Atelier auftaucht, findet er seinen Auftraggeber erschossen vor und gerät selbst in Verdacht, an dem Todesfall beteiligt zu sein.

Im Verlauf seiner Ermittlungen, die ihn tief in das Fotografen-Milieu der Werbebranche eindringen lassen, gelingt es OJ zwar, Dolfs Mörder zu entlarven, doch er vermag einen zweiten Mord nicht zu verhindern.

Der rote Antares von Heinz Kruschel

„Was sind Wörter, wir sagen uns nur irgendwelche Wörter.“ Als Wiebke diesen Satz denkt, fühlt sie sich als eine andere. Sie weiß nicht, ob sie froh darüber sein kann. Aber was nun folgen wird, hängt nicht nur von der Reaktion ihres Mannes Albrecht ab. In drei Tagen ist viel geschehen.

Wiebke und Albrecht, seit wenigen Monaten verheiratet, leben an seinem ersten Dienstort. Was so idyllisch schien, wird für die junge Frau allmählich unerträglich. Der Zweifel an dem Sinn ihres Lebens wächst, und dieser Sinn reduziert sich mehr und mehr auf ihre Rolle als werdende Mutter. Sie zweifelt an diesem Sinn. Sie zweifelt auch an der Liebe Albrechts, der als junger Offizier der Nationalen Volksarmee von seinen Soldaten geachtet wird. Aber Albrecht, ausgefüllt von seinem Leben in der Truppe, ständig gefordert von Soldaten und Vorgesetzten, spürt nicht, wie es um sie steht, wie ernst es ist. Darum kann er ihre Flucht nicht begreifen und darum verschärft sich der Konflikt zwischen beiden schnell. Es geht nun nicht um das Zerschlagen eines flüchtig geschürzten Knotens oder um eine perfekt nachzuvollziehende Entscheidung.

Drei Tage (Frühling) im Leben der beiden Menschen, die in diesem Roman erzählt werden, bringen eine Lösung, die keiner von beiden gewollt oder bewirkt hat, aber die Partner treten sich nach drei Tagen anders gegenüber - um ihrer selbst willen. In das Geschehen der drei Tage, emotional tief und unmittelbar gestaltet, fließt die mögliche Antwort auf die Frage ein, wodurch Menschen wurden, wie sie sind, was sie selbst bewirkt haben könnten und inwiefern sie im jeweiligen Augenblick verwoben sind mit dem Schicksal anderer, mit dem Leben auf dieser Welt. Schwer ist die Verantwortung, das Menschenmögliche zu tun, für andere und für sich selbst.

In unserer Rubrik „Fridays for Future“ greifen wir diesmal zu einem historischen Stoff, der den Blick auf Verantwortung, Macht und die Folgen politischen Handelns richtet. „Des Kaisers Kuli“ von Theodor Plievier führt in die Zeit des Ersten Weltkriegs und macht erfahrbar, wie eng individuelle Schicksale mit großen historischen Entwicklungen verknüpft sind – eine Perspektive, die auch für heutige Generationen von Bedeutung bleibt, wenn es um Frieden, Verantwortung und Zukunftsgestaltung geht.

Ob Wissenschaft, Gesellschaft, Spannung oder Geschichte – jedes dieser Bücher eröffnet eine eigene Welt. Werfen Sie in den folgenden Leseproben einen ersten Blick hinein und finden Sie heraus, welcher Titel Sie besonders anspricht.

Das Geheimnis der Netzkünstler. Warum Spinnen unsere stillen Helfer sind von Gisela Pekrul

Spinnen sind weit mehr als nur stille Beobachter am Rand unseres Alltags – sie leisten Erstaunliches.
Entdecken Sie in der Leseprobe die faszinierende Welt dieser unterschätzten Helfer.

Die geheimen Netzkünstler

Am nächsten Morgen liefen Noah und Joshua wieder zum Gartentisch.

„Schau mal!“, rief Joshua. „Das Netz sieht heute irgendwie anders aus!“

Noah beugte sich vor. „Es ist größer geworden … und viel dichter!“

Oma lächelte. „Eure Spinne ist eine echte Netzkünstlerin.“

„Aber wie macht sie das eigentlich?“, fragte Noah neugierig. „Das sieht so ordentlich aus.“

Oma zeigte auf das Netz. „Sie baut es Schritt für Schritt. Zuerst spannt sie starke Fäden wie einen Rahmen. Danach legt sie die feinen Linien in die Mitte.“

Joshua kniff die Augen zusammen. „Wie ein Bauplan!“

„Genau“, sagte Oma. „Und jeder Faden hat eine Aufgabe. Manche geben Halt, andere sind klebrig.“

Noah staunte. „Also ist das gar kein Zufall!“

„Nein“, sagte Oma. „Die Spinne weiß ganz genau, was sie tut.“

Joshua tippte vorsichtig gegen einen Faden. „Und das hält wirklich!“

„Die Fäden sind dünner als ein Haar“, erklärte Oma, „aber unglaublich stabil.“

Noah sah beeindruckt zur Spinne. „Dann ist sie ja wie ein kleiner Architekt.“

„Und eine Künstlerin“, ergänzte Joshua.

Oma nickte. „Eine Meisterin im Netzebauen.“

Die beiden Jungen betrachteten das Netz noch lange.

Und je länger sie hinsahen, desto mehr entdeckten sie in dem feinen Geflecht – Linien, Kreise und Muster, die wie ein kleines Kunstwerk wirkten.

Wie löst die Planwirtschaft die Probleme der Marktwirtschaft? von Sören Pekrul

Ein spannender Blick auf wirtschaftliche Systeme und ihre Versprechen.
Lesen Sie die Leseprobe und setzen Sie sich mit einer provokanten Fragestellung auseinander.

Als Argument gegen den Sozialismus wird oft angeführt, dass er nicht funktionieren könne, weil der Mensch faul, egoistisch und gierig sei. Wenn alle alle Produktionsmittel besäßen, würde niemand mehr arbeiten. Jeder würde sich auf die anderen verlassen.

In dem Artikel „Ist die Gesellschaft, wie sie ist, weil der Mensch so ist?“ gehen wir dieser Frage nach und kommen zu dem Ergebnis, dass es in erster Linie die Produktionsverhältnisse und die damit verbundenen ökonomischen Zwänge sind, die gesellschaftlich relevantes menschliches Handeln bestimmen.

Historische und anthropologische Beispiele zeigen, dass Kooperation und Gemeineigentum nicht nur möglich, sondern über lange Zeiträume die Grundlage aller Gesellschaften waren. In frühen Stammesgemeinschaften ohne Klassen und Staaten finden sich zahlreiche Modelle, in denen individuelle Gier nicht das treibende Prinzip war. Diese Beispiele, die es auch heute noch in manchen Gegenden der Welt gibt, widerlegen die Behauptung, Egoismus und Konkurrenz seien tief in der menschlichen Natur verankert. Vielmehr sind es die spezifischen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die diese Verhaltensweisen fördern oder unterdrücken.

Das Erbe und die Nachwirkungen von Jahrtausenden der Klassengesellschaft darf man jedoch nicht ignorieren. Gerade der Kapitalismus belohnt Gier und Egoismus wie keine andere Klassengesellschaft. Es ist wichtig zu erkennen, dass das kapitalistische System nicht nur bestimmte Verhaltensweisen belohnt, sondern diese auch aktiv hervorbringt. Die Warenform und die Konkurrenz zwingen die Individuen dazu, ihre eigene Existenz gegen andere durchzusetzen – ein Verhalten, das in einem anderen Gesellschaftssystem mit anderen Produktionsverhältnissen und ihren dazugehörigen Eigentumsverhältnissen gar nicht notwendig wäre. Im Sozialismus wird also eine Perspektive geschaffen, in der der ökonomische Zwang zur Selbstbehauptung schrittweise überwunden wird.

Deshalb wird es auch im Sozialismus noch einen Staat geben, der aber in dem Maße abstirbt, wie die Klassen an sich verschwinden. Die in der Gesellschaft noch notwendige Organisation und Verwaltung verlieren ihren politischen Charakter und werden in die gesellschaftliche Selbstverwaltung überführt.

Ebenso wird es auch im Sozialismus noch Geld geben, durch das der Austausch von Leistungen und deren Ergebnisse geregelt wird. So werden auch hier Anreize zur Arbeit geschaffen. Es gilt noch das bürgerliche Leistungsprinzip: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung. Entsprechend seinem Anteil an der gesellschaftlich geleisteten Arbeit wird jeder entlohnt und kann an den gesellschaftlichen Ergebnissen partizipieren.

Aus bürgerlicher Sicht erscheint dieses Leistungsprinzip gerecht, weil jeder genau den Anteil erhält, den er eingebracht hat. Aus humanistischer oder sozialistischer Sicht bleibt es aber immer noch ungerecht, weil nicht jeder gleich viel leisten kann. Jeder Mensch hat unterschiedliche körperliche und geistige Voraussetzungen. Andererseits brauchen nicht alle Menschen gleich viel. Zum Beispiel sind die Lebenshaltungskosten von Alleinerziehenden mit mehreren Kindern höher als die von Lebensgemeinschaften ohne Kinder.


Shooting. Ein Fotografenkrimi von Jan Eik

Zwischen Kamera und Verbrechen entspinnt sich ein packender Kriminalfall.
Tauchen Sie in die Leseprobe ein und folgen Sie den ersten Spuren dieses ungewöhnlichen Krimis.

Ivy stolperte mit einer großen Mappe unter dem einen Arm und einem halb geschlossenen Regenschirm in der anderen Hand durch die automatische Tür. Die Mappe elektrisierte OJ für einen Augenblick.

Er stand auf und winkte Ivy zu sich an einen der Klubtische. Natürlich war sie schwarz gewandet und bemalt und sah insgesamt etwas besser aus als tags zuvor. Auf ihren Lidern schimmerte ein Hauch von Türkis.

„Hatten Sie einen Unfall?“, erkundigte sie sich erschrocken.

OJ strich über seine linke Gesichtshälfte. Die brannte nach seiner Selbstbehandlung wie Feuer, sah im Spiegel aber nicht mehr so auffällig aus, wie er fand.

„Sie hatten Schwierigkeiten, mit mir zu telefonieren“, sagte er ablenkend.

Sie lachte. „Tilman stand direkt neben mir. Ich habe gleich einen Anpfiff bekommen, weil ich Sie am Telefon nicht mit dem Namen angesprochen habe.“ Sie ahmte ihren Art Director nach: „So etwas muss für eine Kontakterin selbstverständlich sein!“

„Ich heiße Oliver“, sagte OJ. „Wenn es Not tut, dürfen Sie mich mit jedem beliebigen Namen ansprechen.“

„Ich heiße Evelyne. Alle sagen Ivy.“ Sie wollte die Mappe auf den Tisch legen, aber dafür war sie zu groß. Also lehnte sie das Monstrum neben sich an den Sessel. „Furchtbar, diese Dinger. Wenn es ein bisschen stürmisch ist, kommt man sich vor wie eine Segeljolle. Mappenschlacht im Windkanal heißt es, wenn die Fotografen antanzen.“ Sie kramte in ihrer Manteltasche. „Hier ist übrigens Cosimas Nummer. Ich glaube, die Kleine ist ziemlich am Boden. Sie mochte Dolf. Na ja, nicht so, wie man jetzt vielleicht meint - oder doch. Ich glaube, sie hat mit ihm geschlafen, wie alle anderen auch. Darin war Dolf unverbesserlich. Und man konnte ihm nicht mal richtig böse sein. So war er eben.“ Sie lächelte traurig vor sich hin. „Für mich stellte das jedenfalls kein besonderes Problem dar.“

OJs Misstrauen war geweckt. Weshalb erzählte sie ihm das, nachdem sie sich am Vortag so bedeckt gehalten hatte.

„Und für Daniel?“, fragte er.

„Der würde seinen Herrn und Meister nur zu gerne nachahmen. Aber dafür ist er nicht der Typ. Er versteht nichts von Frauen. Er ist zu grob. Und ein bisschen hinterlistig. Das merkt man erst, wenn man ihn näher kennt.“

„Er hat etwas für Cosima übrig?“

Sie faltete die Hände, als wollte sie ein stilles Gebet sprechen, und sagte. „Ach, weißt du, das solltest du Cosi selber fragen. Wenn, dann ist das von ihrer Seite ganz gewiss unerwidert geblieben. Sie hat ihn mal die Blindschleiche genannt. Er hat ihr nachspioniert.“

„Aber er hat doch eine Freundin ...“

„So? Hast du sie mal gesehen? Ich nicht. Und ich war in den letzten Wochen ziemlich häufig im Atelier.“

„Hielt sich Daniel manchmal alleine dort auf?“

„Wie soll ich das verstehen? Jeder kam und ging, wie es gerade notwendig war. Dolf war manchmal eine Woche unterwegs, und dann hockten sie wieder tagelang zusammen. In dieser Woche wäre Dolf zum Beispiel zum ADC nach Berlin gefahren. Der Art Directors Klub hat seine Jahrestagung.“

OJ nickte. „Natürlich ohne Daniel“, vermutete er.

Sie blickte auf. „Naja, das ist schon ein bisschen gemein. Wie beim Eislaufen. Da müssen die Paare auch erst jahrelang was vorzeigen, bis sie eine vernünftige Wertung erhalten. Daniel hätte schon das Zeug, sich selbstständig zu machen, besonders nach den Fotos für diese Energie-Werbung. Aber ob er das Geld und die Beziehungen hat, wie Dolf sie hatte? Weißt du, was eine Kassettenkamera von Sinar kostet? Oder nur eine Sechs-mal- sechs-Hasselblad?“

„Ich denke, das kann man heutzutage alles mieten.“

„Natürlich. Wenn man die richtigen Aufträge hat. Und ob Daniel an die rankommt ..."

„Du meinst, Tilman lässt ihn nicht?“

„Tilman ist ein ...“

„... Arsch“, ergänzte OJ trocken. „Das wusste ich schon, bevor ich ihn kennenlernte. Hat er wirklich so viel Einfluss?“

„Na ja, bei Ganador fühlt er sich jetzt ganz oben. Er schwätzt nur noch von Zielgruppen, Pitches und Etats und kann sich aussuchen, mit wem er arbeiten möchte.“

„Und wo. Zum Beispiel mit Fritjof Loos in Australien.“

Sie sah ihn erstaunt an. „Davon höre ich zum ersten Mal. Wann soll das stattfinden?“

„Stattgefunden haben. Ich werde es noch herausfinden.“

„Ausgerechnet mit Loos? Kann ich mir gar nicht vorstellen. Wir wollten ihn im Winter für ein Dreitageshooting in Namibia haben, da waren ihm angeblich der Flug und das Klima zu anstrengend. Sein Arzt hätte ihm dringend abgeraten.“

Sieh an, dachte OJ, kommentierte die Information jedoch nicht. Er rückte vielmehr an der ungewohnten Ersatzbrille und fragte: „Weshalb wolltest du mich eigentlich sprechen?“

Der rote Antares von Heinz Kruschel

Eine Geschichte voller Spannung und Atmosphäre entfaltet sich vor einem eindrucksvollen Hintergrund.
Werfen Sie einen Blick in die Leseprobe und lassen Sie sich in diese besondere Erzählwelt entführen.

Obermeier liest langsam, Zipolles Schrift lässt sich nicht schnell lesen. Eine schreckliche Pfote schreibt der Mann, denkt er. Je länger er liest, desto erstaunter wird er, das schreibt nun ein Mann wie Zipolle.

... ich fühle mich viel wohler, seitdem ich wieder im Zug des Leutnants Wenze bin, bei dem war ich schon einmal, das habe ich Dir geschrieben. Eine Zeit lang hatten sie mich einem Leutnant Fürst übergeben, in dem seinen Zug war ich Schütze Arsch, entschuldige bitte, aber es stimmt, oder was ist, wenn man immer die Klos sauber machen soll, die andere einsauen? Bei Leutnant Wenze, da geht es gerecht zu, da hatte ich mächtigen Dusel. Wenn Du kannst, liebe Mutter, dann sammle doch wieder Kreuzworträtsel, du kannst sie ja aus der Wochenendbeilage ausschneiden und herschicken, ich habe mir nämlich ein Heft angelegt, wenn ich Wörter nicht weiß, dann schreibe ich sie hinein. Später kann ich nachblättern. Mach Dir keine Sorgen um mich, das Essen geht schon, es ist besser geworden, und rede lieber nicht mit dem Mädchen, soll sie einen anderen haben. Wenn ich entlassen werde, suche ich gründlich, ich habe auch mit dem Leutnant Wenze darüber gesprochen, er hat gemerkt, wie ich im Dalles war. Auspacken die Probleme, hat er gesagt, die Wahrheit auf den Tisch, treu muss ein Mädchen schon sein, süße Reden und falsches Herz, das hat keinen Zweck. Wenn ich entlassen bin, bauen wir das Haus um, ich arbeite weiter als Baumschulengärtner, ich muss an der Luft sein. Liebe Mutter, ich bleibe doch bei Dir wohnen, mach Dir keine Sorgen. Ich liege im Zimmer zusammen mit Radieschen, mit dem ich Dich mal besucht habe, weißt Du, der immer so viel Zwiebeln isst, und Rotmann, der studiert ist und in seinem Koffer lauter Bücher hat, die hat der auch im Kopf. Im Unterricht bin ich vom Leutnant gelobt worden, ich habe ganz frei gesprochen, das erste Mal in meinem Leben. Kannst Du Dir das vorstellen? Franz Zipolle steht vorn und redet wie der Vorsitzende zur Vollversammlung? Das habe ich in der Schule nie gekonnt. Ich habe früher kein Wort rausgekriegt, wenn ich vorn stehen musste.

Liebe Mutter! Du bist zu jung, Du hast bestimmt keine böse Krankheit, lass Dir das nicht einreden von den Alten, es kann bloß so eine Geschwulst sein. Mein Leutnant meint das auch, nicht dass Du denkst, ich sage dem Leutnant alles, aber er fragt mich öfter. Meinem Gruppenführer Obermeier kann ich das nicht sagen, der würde mich auslachen, der würde nicht verstehen, dass ich ihm mit solchen Sachen komme, der ist kein ausgetretenes Ei wert, der ist leicht eingeschnappt und will, dass man ihm um den Bart geht, der ist wie der Vorsitzende in unserem Dorf, lobt man ihn, dann ist alles gut, man muss ihn anstaunen und so tun, als könnte man nie so gut sein wie er. Na, Du kennst das ja. Entschuldige meine Schrift. Ich schreibe so in den Pausen. Der Urlaub ist beantragt, in vierzehn Tagen komme ich und streiche Dir den Zaun an und Sentas Hütte auch, und wir werden uns beide in Staat werfen und in die Stadt gehen, ich habe jetzt endlich eine Hose bekommen, die nicht mehr so weit ist, und so kurz auch nicht, darin kann ich mich schon eher mit Dir sehen lassen. Im letzten Kreuzworträtsel stand: König von Theben, mit fünf Buchstaben, ich hatte keine Ahnung und fragte meinen Leutnant, aber der hatte keine Zeit. Oder er wusste es selber nicht, und so fragte ich Rotmann, der ja lange studiert hat und sogar Doktor wird, aber nicht einer, der Menschen untersucht, Rotmann sagte: Laios, mit ai. Und dann erzählte er mir die Geschichte, die ist vielleicht spannend. Ein Sohn war von seinem Vater ausgesetzt worden. Viele Jahre später kam er als Fremder in die Heimat zurück. Dort tötete er Laios, seinen Vater, von dem er ja nicht wusste, dass es sein Vater war, und heiratete Jokaste, seine Mutter, von der er ebenfalls nicht wusste, dass es seine Mutter war. Als er nun die Wahrheit erfuhr, machte er sich selber blind. Ich hätte gern meinen Vater kennengelernt, du musst wieder mal von ihm erzählen, wie er war, ich höre das gern, er wäre jetzt vierzig Jahre alt, so alt ist Oberstleutnant Hyder, unser Bataillonskommandeur. Besorgst Du mir in der Kreisstadt griechische Sagen? Es soll zwei Bände geben. Dann wollte ich Dir noch mitteilen, dass ich inzwischen elf Klimmzüge schaffe und das Zentnergewicht zehnmal stemme, aber davon brauchst Du dem Mädchen nichts zu sagen, wenn Du die mal triffst. Denn es soll ja keine Angabe sein, mach ihr auch keine Vorwürfe, es war nämlich schön mit ihr, wenn ich mit ihr im Weinbergsgrund war. Aber treu muss ein Mädchen sein, da hat der Leutnant recht, der ist verheiratet, seine Frau sieht sehr schön aus. Ich werde mich richtig umsehen. Wenn ich ein Mädchen finde, dann müsste sie so sein wie Du. Liebe Mutter! Ich möchte dem Leutnant gern den Tabaksbeutel von Vater schenken, weißt Du, den Vater aus dem Herzbeutel des Rindes angefertigt hat, Wenze raucht nämlich Pfeife. Der Beutel liegt doch noch im untersten Kommodenfach? Und wenn Du wieder was schickst, pack mir eine große Dauerwurst ein, für die Stube, essen können wir immer. Wie macht sich die kleine Simone in der Schule, schielt sie noch auf einem Auge, oder hat sich das gegeben? Bier trinke ich nur noch selten, es soll keine Dummheit wieder vorkommen. Ich spare nämlich, Du wirst staunen, wir streichen den Zaun ganz blau an ...

Als sich Zipolle im Schlaf bewegt, unbeholfen wie ein junger Hund, schlägt Obermeier den Block zu und steckt ihn dem Soldaten in den Stiefelschaft. Zipolle liegt auf dem Rücken, die Arme ausgebreitet, als möchte er den Himmel umfangen. Er schnarcht mit geöffnetem Munde. Die beiden Raffzähne im Mäusegebiss wirken wie kurze Hauer. Vielleicht träumt er von dem blauen Zaun, dem Hund Senta und von allen vier Straßen der Welt. Es riecht nach Schweiß und Erde.

Obermeier fühlt sich nicht mehr müde. Er ist aufgekratzt, sieht auf Zipolle hinab und denkt: So einen Brief schreibt der nun, ich hätte nicht gedacht, dass er so einen Brief überhaupt schreiben kann. Wir haben ihn so oft zum Affen gemacht. Erzähl mal, wie du deine Fahrerlaubnis losgeworden bist, erzähl doch mal, wie du neben der Frau des Vorsitzenden aufgewacht bist und gar nichts dafür konntest, weil sie dich blau in die Kammer getragen hatten. Und dann erzählte Zipolle, naiv und zum wiederholten Male, weil er sich freute, andere unterhalten zu können und im Mittelpunkt zu stehen. Da wirkte er zufrieden mit sich und mit allem, was mit ihm geschah.

Nun hat Obermeier durch einen Brief einen ganz anderen Zipolle kennengelernt und denkt daran, wie er ihn ausgelacht hat.

Solche Gedanken macht der sich über mich, denkt er, er schätzt mich so ein, kein ausgetretenes Ei soll ich wert sein. Na warte, Bursche, ich fühle mich, als wäre ich gegen den Strich geleckt worden. Dass der überhaupt nachdenken, dass er einen so langen Salm schreiben kann, das sieht man diesem Gesicht gar nicht an. So soll ich also sein. Da hört doch der Gurkenhandel auf. Ich komme mir ja vor, als hätte mich in kurzer Zeit einer aus und in den Sack gespielt. Das saugt sich doch ein Mensch wie Zipolle nicht aus den Fingern, dazu reicht ihm die Fantasie gar nicht. So kann ich doch nicht sein.

Obermeier friert. Er denkt über sich nach. Er beugt sich zu Zipolle herab und verscheucht einen Nachtfalter, der sich auf die Stirn des Schlafenden gesetzt hat. Er friert, weil er übermüdet ist, Schauer laufen über seinen Rücken.

Obermeier weckt die Schläfer genau zur vorgegebenen Zeit und wäscht sich in einem Wassertümpel, der im Gold der frühen kalten Sonne schwimmt, das Gesicht und den nackten Oberkörper.

Verstohlen blickt er auf den gedrungenen Zipolle, der sich mit dem kühlen Wasser bespritzt und nicht darauf achtet, dass dabei die Hose nass wird.

Obermeier denkt: Mich wirft das nicht um, deswegen bleibt er doch zu lahm im Angriff. Aber warum schätzt der Zipolle den Wenze so hoch ein? Natürlich zeigt Zipolle guten Willen, aber was soll ich schon mit einem guten Willen anfangen? Ich kann ihn nicht fragen, warum er mich so sieht. Ich darf ja von diesem Brief nichts wissen. Ich bin also kein ausgetretenes Ei wert.

Er zieht sich an und geht zu dem Leutnant, der mit Turner redet. Turners Gruppe ist die langsamste. Obermeier möchte sagen: Dann setzen Sie doch endlich einen Unteroffizier ein, Turner ist Gefreiter und macht nur seine eineinhalb Jahre, der ist in drei Wochen fertig und dreht nicht mehr voll auf. Aber er verbeißt sich die Bemerkung. Dabei kommt es ihm vor, als ob Wenze auf eine Bemerkung von ihm gewartet hat.

Des Kaisers Kuli von Theodor Plievier

Der Erste Weltkrieg aus einer persönlichen Perspektive erzählt – eindringlich und nahbar.
Lesen Sie die Leseprobe und erleben Sie Geschichte durch die Augen eines Einzelnen.

Ein zweiter Panzerkreuzer derselben Klasse kommt in Sicht, der „Tiger“! Sechzehn schwere Turmgeschütze richten sich auf die kleine „Ariadne“.

„Ruder hart Steuerbord!“, befiehlt der Kommandant.

„Liegt Steuerbord!“, antwortet der Rudergänger.

Die „Ariadne“ dreht auf Gegenkurs, sucht mit äußerster Fahrt sich in den Nebel zurückzuziehen. Der „Lion“ schießt mit seinem vorderen Turm. Aus den Mündungen steigt Rauch auf.

„Wie ein D-Zug, der über eine Eisenbrücke rattert!“, konstatiert Hein Mathiesen. Er würgt an den Worten. Seine Augen sind stier. Kleesattel erkennt das Schiff wieder – vor ein paar Wochen vor der Insel Malta! Ein Gewimmel von Matrosen damals! Er hätte diesem Hamburger Bäckermeister doch die Fresse zerschlagen sollen! Die Rote-Kreuz-Schwester in Bremen auf dem Bahnhof, was für hohe, schlanke Beine sie hatte!

Anderthalb Sekunde!

Zwei Fontänen steigen aus dem Meer, einige hundert Meter vor dem Schiff. „Fünfundfünfzig Hundert!“, gibt die Feuerleitung für die eigene Artillerie an. „Fünfundfünfzig Hundert!“, wiederholen die Telefonposten an den Geschützen.

„Salve – Feuer!“

Die Geschützführer – an der Backbord vorderen Kanone der Bootsmaat Paul Weiß – reißen die Abzugshebel zurück. Betäubendes Krachen. Das Rohr rennt rückwärts in der Lafette. Zweiunddreißig Pfund Eisen jedes Geschütz. Erbsen gegen die schweren Panzer der Schlachtkreuzer, die wirkungslos abprallen.

2600 Tonnen ist die „Ariadne“ groß.

30 000 Tonnen jeder der Panzerkreuzer.

Die fünf Mann Bedienung der Ariadnekanonen stehen frei an Deck. Die achtzig Mann Bedienung jedes britischen Turmgeschützes stehen hinter dem Schutz dicker Panzerwände.

Die nächsten Aufschläge liegen achterlich. Der Gegner hat sich herangegabelt, das Schussfeld gefunden. Jetzt zuckt ein Feuerkreuz rings um die beiden „Panzer“. Der braune Korditrauch der Pulverladung steigt wie eine Wand.

Die „Köln“ ist im Nebel verschwunden.

Die „Ariadne“ hat den Schlachtkreuzern den Achtersteven zugekehrt und bietet nur ein schmales Ziel. Die Granaten schlagen neben dem Schiff ein. Wassersäulen, grün aufleuchtend, steigen hoch wie kristallene Dome, brechen dann über das Deck zusammen. Fünfhundert, tausend Tonnen vielleicht, aus Wolkenhöhe – welche Gewalt Wasser hat! Das Schiff kreischt und zittert in allen Spanten und sackt plötzlich weg wie ein überladenes Packtier, das sich auf den Hintern setzt.

In den Abteilungen kollern Gegenstände durcheinander. Gläser und Kontrollinstrumente zerbrechen. Die Metallfäden von Glühbirnen zerstäuben. Auf dem Achterdeck heben sich blutig geschlagene Gesichter aus den abfließenden Wassern. Der lange Oberleutnant Alvens wird weggeschleppt mit zerbrochenen Armen.

„Mehr Umdrehungen!“, fordert der Kommandant.

„Hilfe!“, trommeln Finger auf die F.–T.

„Feuer!“, kommandiert der Artillerieleiter.

Die Stoker wühlen wie gejagte Teufel. Kohlenkarren, Schüreisen, klappende Feuertüren! Die durchgeschwitzten Fetzen kleben nass an ihren Schenkeln. Lungen und Brustkasten arbeiten wie Blasebälge – – Dampf! Dampf!

Auf dem Deck, an den Geschützen: Granate, Kartusche, Verschluss zu! Die näher kommenden grauen Phantome im Fadenkreuz der Ferngläser! Abschussfeuer! Erstickende Pulvergase! Die Augen schmerzen. Kehlen sind wie ausgebeizt und ganz trocken.

Wenn der Rauch fällt, ohne Pause weiter:

32 Pfund Eisen jedes Geschütz! 80 Kilo die Breitseite.

„Lion“ und „Tiger“ schießen in großen Zwischenräumen, aber sie stoßen mit jeder Salve 6600 Kilo Stahl und Dynamit durch die Luft.

„Hallo, an Deck?“

Heizer Turuslawsky steht unter dem Luftschacht:

„Sind unsere ,Dicken’ schon in Sicht?“

Der Matrose oben – ein Glied in der Kette der Munitionsmänner – setzt seine Last ab. Der Nebenmann ist nicht mehr zu sehen. An der eisernen Wand klebt was, flach und weit wie eine ausgespannte Kuhhaut, rieselt in roten und grauen Streifen an das Deck hinunter.

Diese Heizer, was wollen sie dauernd?

Der Matrose steckt seinen Kopf in den Luftschacht.

„Sind unsre ,Dicken’ schon zu sehen?“, wiederholt Turuslawsky.

„Scheiße!“, brüllt der Matrose von oben in das Dunkel hinunter.

Turuslawsky packt seine Kohlenschaufel und stellt sich wieder in die Reihe. Die Kessel stehen unter Druck bis zum Bersten. Aber die Leistungen der Maschine haben die Grenze erreicht.

„Zu alt, der verfluchte Klasten!“

„Zu langsam zum Ausrücken!“

Munitionsträger, Ausguckposten, geschwärzte Gesichter der Geschützbedienungen, immer wieder suchen sie nach Osten, von wo die schweren Schiffe anmarschieren müssen zur Entlastung. Und immer wieder duckt sich alles, was Fleisch ist, wenn das anrollende Metall die Luft zerdonnert.

„Karl …!“

„Heini! Mensch!“

Sie fassen und halten sich, sehen jeder das fahle Gesicht des anderen wie das eigene aufzuckende Spiegelbild. Dann schlauchen sie tief Luft. Der Mast steht noch.

„Das ist der Luftdruck! Da kann man nicht gegen an, Hein!“

So muss ein Erdbeben sein. Derselbe Stoß von unten gegen die Eingeweide! Doch schwimmende Schiffskörper sind weicher abgefedert. Aber das Fleisch schlottert an den Knochen. Die Nerven klappern.

Das da unten an Deck, das Hineingurgeln in die Tiefe, die Feuerlohe, die bis zum Krähennest gesprungen und die Augen geblendet hat, ist noch nicht das Ende. Kleesattel sieht wieder, kann hören, denkt und beobachtet!

Die Granate hat das Deck durchschlagen, ist im Vorschiff krepiert. Pressluft heult durch das Einschussloch. Kohlenstaub! Rauch! Der Staub geht nieder, eine schwarz funkelnde Wolke. Der hochsteigende Rauch ist von sattem Ockerbraun. Durch Zugänge, Mannlöcher, zuletzt auch durch die Einschussöffnung quillt eine Flut halb nackter, schwarzer Leiber. Die Stoker! Sie räumen das Unterschiff. Die Bunkerkohlen brennen. Die Kesselräume liegen in Rauch. Fünf Kessel sind ausgefallen.

Die „Ariadne“ läuft nur noch halbe Fahrt.

An der vorderen Kanone sind die Apparate zerstört. Telefon, Fernrohr, Visiereinrichtung weggefegt. Bootsmaat Weiß peilt über das Rohr und klappt nur ein wenig hinter den übrigen Geschützen her.

Viel Freude beim Stöbern, Entdecken und Lesen!

In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem „Keine Zeit für Beifall“ von Gabriele Herzog, ein Buch über den Abriss der Leipziger Universitätskirche.

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