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Das bayerische Jahr. Fragment einer Kindheit in Deutschland von Rudi Benzien
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Preis E-Book:
9.99 €
Veröffentl.:
26.11.2018
ISBN:
978-3-95655-971-6 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 592 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Geschichte, Belletristik/Politik, Belletristik/Moderne Frauen, Belletristik/Familienleben, Belletristik/Jüdisch
Kriegsromane: Zweiter Weltkrieg, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Heranwachsen, Familienleben, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Berlin, Bayern
2. Weltkrieg, Schlesien, Flucht, Bombenangriff, Bayern, Dresden, Berlin, Bauernhof, Dorf, Juden, Amerikaner, Kinder, Tauschgeschäfte, KZ, Kriegsende
12 - 99 Jahre
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Kaum stand der Zug, drängten die Menschen gegen die Abteiltüren, dass es unmöglich war, sie zu öffnen.

Rot-Kreuz-Schwestern, in Lodenmänteln und weißen Hauben, versuchten mit energischen Worten, die Flüchtlinge zu veranlassen, die Türen frei zu machen.

„Luftlagemeldung: Starke angloamerikanische Bomberverbände befinden sich im Anflug auf Dresden. Bitte geben Sie die Türen frei, damit ein schnelles Einsteigen möglich wird. In fünf Minuten wird der Zug den Bahnhof verlassen.“

Die Nachricht, die sachlich-nüchtern aus dem Lautsprecher kam, bewirkte ein Wunder:

Vor den Türen bildeten sich freie Räume, die Rot-Kreuz-Schwestern öffneten die Türen, halfen beim Einsteigen. Auffallend viele Flüchtlinge waren ohne Gepäck, was das Einsteigen beschleunigte. Innerhalb von drei Minuten war der Bahnsteig menschenleer, der Zug setzte sich in Bewegung. Als der letzte Wagen den Bahnhof verlassen hatte, kündigte ein auf- und abschwellender Heulton einen erneuten Fliegerangriff auf die Stadt an der Elbe an.

 

Im Abteil war es angenehm warm und sie hatten genug Platz, wie in dem Zug, der sie gestern nach Dresden gebrachte hatte. Außer Peter und seiner Mutter waren noch zwei Frauen und drei Kinder im Abteil. Zu einer blonden, hageren Frau gehörte ein kleines, etwa dreijähriges Mädchen; ein Zwillingspaar, ein Junge und ein Mädchen, schmiegte sich Schutz suchend an ihre Mutter, deren Gesicht von strähnigem, dunklen Haar umrahmt war.

Wie sich im Gespräch herausstellte, waren sie in der Nacht auf dem Hauptbahnhof gewesen, aber gleich als die ersten Bomben in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs einschlugen, hatten sie ihr Gepäck liegengelassen und waren aus dem Gebäude geflohen.

„Alles, was wir gerettet haben, ist unser nacktes Leben und meine Umhängetasche mit den Papieren“, sagte die Frau mit den Zwillingen. Der Frau mit dem kleinen Mädchen war es ebenso ergangen. Über ihr im Gepäcknetz lag ein kleiner Koffer, auf ihrem Schoß hielt sie krampfhaft eine lederne Handtasche fest.

Peter blickte hoch zum Gepäcknetz über seinem Kopf, wo der große Sack mit den Betten, der große Koffer mit den gelben Ecken, sein Rucksack und seine Schulmappe lagen. Genau wusste er nicht, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht.

Auf der Seite, wo Peter und seine Mutter saßen, war noch soviel frei, dass dort Platz für mindestens drei Leute war.

Der Zug hatte Dresden hinter sich gelassen, fuhr mit großes Geschwindigkeit durch die bergige Landschaft, ab und zu versperrten Dampfwolken, die von den Lokomotive herkamen, den Blick aus dem Fenster. Zu dem Geratter der Räder gesellte sich ein fernes Donnergrollen, das aus der Richtung kam, in der Dresden lag …

Peter hielt sich die Ohren zu, so spürte er nur mit dem Körper die Vibrationen, die die Schienenstöße verursachten, die fernen Bombeneinschläge nahm er nicht mehr wahr.

Er sah, wie seine Mutter ihre Umhängetasche öffnete und den letzten Brief seines Vater herauszog. Peters Freude darüber, dass sein Vater nun auch endlich Soldat geworden war, hatte sich längst verflüchtigt, war einem Gefühl von Angst und Sorge um seinen Vater gewichen.

Während seine Mutter zum wiederholten Male den Brief las, breitete sich in ihm ein Gefühl von bisher nie gekannter Unsicherheit aus: Ihm wurde bewusst, dass es keinen Punkt mehr gab, den er Zuhause nennen konnte; seine Freunde waren in alle Winde zerstreut, saßen frierend auf Pferdewagen oder in Zügen, die ohne festes Ziel durch das von den Feinden noch nicht besetzte Deutschland fuhren, das täglich kleiner wurde. Wenn er versuchte, an seinen Vater zu denken, hatte er jetzt keinen Ort mehr, wo er sich ihn vorstellen konnte. Er wusste nicht, wo er jetzt in diesem Augenblick sein konnte. Ihm fiel jener Abend am Fluss ein, wo er mit seiner Mutter am Ufer der Neiße gestanden hatte, wo weit hinter dem Fluss der Himmel feuerrot war und aus der Ferne jenes ihn Angst machende Donnergrollen zu hören war. Er versuchte, sich seinen Vater an einem Ort vorzustellen, aber seines Vaters Bild verschwamm in feurig flackernder Himmelsglut, zerfloss im Grollen ferner Artilleriekanonaden. Bruchstücke von Frontberichten, die er im Radio gehört hatte, kamen ihm in den Sinn: Verlustreiche Rückzugsgefechte, heldenhafte Gegenwehr, aufopferungsvoller Abwehrkampf … Der Gedanke, dass sein Vater, wenn er einen Brief schreiben wollte, nicht wusste, wo er ihn hinschicken sollte und dass sie, wenn sie wieder an einen Ort kämen, wo sie bleiben konnten, ihm nicht schreiben konnten, weil sie nicht wussten, wo er sich befand, beunruhigte ihn zusätzlich. Würden sie sich je wiederfinden? Peter suchte in seiner Erinnerung nach Bildern. Er schaffte es, sich sein Gesicht klar und deutlich vorzustellen, ihm fiel eine Situation ein, an die er sich gern erinnerte: Ein Abend im letzten Winter, in der kleinen Stube ihrer Wohnung in Berlin, es war dunkel im Zimmer, die Fenster waren verhangen, damit kein Licht nach draußen drang. Der Vater stand mit dem Rücken am Ofen, er sang das Lied vom Brunnen vor dem Tore und das von der Mühle im Schwarzwälder Tal und das von der wahren Freundschaft, die niemals wanken soll, wenn sie auch entfernet ist und jenes vom schönsten Wiesengrunde, wo meiner Heimat Haus steht … „Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausend Mal …“

Peter summte das Lied vom schönsten Wiesengrunde, sein Gesumme vermischte sich mit dem gleichmäßigen Geräusch, das die Räder des Waggons auf den Schienen verursachte, rhythmisch skandiert vom regelmäßigen Klopfen der Schienenstöße.

Peters Mutter hörte sein Summen, sie drückte ihn an sich.

Unerwartet bremste der Zug seine Geschwindigkeit ab, wurde langsamer und langsamer, hielt. Peter stand auf, blickte aus dem Fenster, versuchte zu erkennen, wo sie waren. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Halbdunkel, er erkannte einen Bahnsteig; Plauen, las er auf einem großen Emailleschild. Stimmen und dann laute Rufe drangen von draußen herein. Überall wurden die Fenster heruntergelassen. Schwestern des Roten Kreuzes kamen an den Zug, reichten Pappbecher mit heißem Tee und belegte Brote durch die Fenster. Alles vollzog sich ohne viel Worte und mit Schnelligkeit.

Weil die Bahnhöfe ein bevorzugtes Angriffsziel für englische und amerikanische Bomber waren, verließ der Zug nach kurzem Halt den Bahnhof.

Gleichmäßig ratternd rollte der Zug durch die Nacht, einem Ziel zu, das keiner kannte.

Das bayerische Jahr. Fragment einer Kindheit in Deutschland von Rudi Benzien: TextAuszug