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Anatomie eines nicht vollendeten Justizmordes

In ihrem spannenden Politkrimi spüren Günther Fuchs und Hans-Ulrich Lüdemann der Dreyfus-Affäre nach

Der 15. Oktober 1894 war ein schrecklicher Tag für den französischen Hauptmann Alfred Dreyfus – an diesem Tage wurde er verhaftet. Bislang hatte er im Leben viel Glück gehabt. Jetzt aber schien sein Schicksal besiegelt. Hintergrund waren zunächst unbestätigte Informationen, dass im Generalstab der französischen Armee ein Verräter den deutschen Militärattaché Maximilian von Schwartzkoppen mit geheimen Nachrichten versorgte. Fast automatisch fiel der Verdacht auf den Weiberhelden und Spieler Alfred Dreyfus, der außerdem ein Jude war.

Natürlich hätte es die Führung der Armee damals weit von sich gewiesen, dass sein Judentum nicht wenig zum Unheil des Offiziers beitrug. Der Antisemitismus jedoch spielte Ende des 19. Jahrhunderts und noch lange später eine bedeutende Rolle in der französischen Gesellschaft. Kurzum – ein Sündenbock war gefunden und am 15. Oktober 1894 wurde Dreyfus verhaftet. Die Anklage war schnell erhoben und der Volkszorn verlangte ein hartes Urteil gegen den jüdischen Hauptmann, der angeblich gegen etliche Silberlinge Verrat verübt hatte. Keine Zweifel quälen sie – Alfred Dreyfus war als deutscher Spion entlarvt. Nach einem Schauprozess wurde er zu lebenslanger Haft auf der Teufelsinsel in Französisch-Guayana verurteilt und am 5. Januar 1895 öffentliche degradiert. Und am 13. April 1895 musste Alfred Dreyfus seine Haft in der lebensfeindlichen Strafkolonie antreten. Er war am Boden zerstört, was ihn aber nicht hinderte, immer noch an einen Justizirrtum statt an eine Intrige seiner Vorgesetzten zu glauben.

Und nun betritt sein älterer Bruder Mathieu die Szene. Dank seines Engagements finden Dreyfusards wie Zola oder Clemenceau eine gemeinsame Plattform. Auch die Antidreyfusards organisieren sich. Besonders vor ihnen hat die reiche jüdische Schicht wie die unermesslich reichen Rothschilds Angst, so dass keiner von ihnen Geld oder wenigstens Worte für den übel bedrängten Glaubensbruder übrig hat. Ein spannendes Kuriosum bietet die so genannte Affäre Dreyfus außerdem – ausgerechnet der spätere Chef des Armee-Geheimdienstes lässt sich aufgrund unwiderlegbarer Beweise von der Unschuld des jüdischen Hauptmanns überzeugen. Dieser Umstand ist umso bedeutsamer, da Major Marie-Georges Picquart als überzeugter Antisemit bekannt war. Selbst als er persönlich heftig attackiert wird, hält er unbeirrt an seiner Überzeugung fest.

So gesehen, ist Marie-Georges Picquart nach Mathieu Dreyfus der tatsächliche Held in jenen Tagen. Nicht zu vergessen Tausende Intellektuelle, darunter der Schriftsteller Emile Zola, der den kämpferischen und weltweit beachteten Aufruf „J’accuse!“ verfasste: Ich klage an!

Und irgendwann wendete sich dann tatsächlich das Schicksal des Alfred Dreyfus. Verschiedene turbulente Ereignisse innerhalb und außerhalb von Gerichtsgebäuden führten dazu, dass er am Ende rehabilitiert wurde.

Am 13. Juli 1906 werden Alfred Dreyfus zum Major und Marie Georges Picquart zum Brigadegeneral befördert. Die Ehrenlegion ernennt Alfred Dreyfus am 20. Juli 1906 zum Ritter der Ehrenlegion. Am 11. Juli 1935 stirbt Major Dreyfus.

Er muss nicht mehr erleben, dass seine Enkelin Madeleine Levy während des Zweiten Weltkrieges als Jüdin nach Deutschland deportiert und im KZ Auschwitz umgebracht wird. Seine Ehefrau Lucie überlebte den Holocaust und starb kurz nach der Befreiung in Paris …

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