Entdecke neue Lesewelten Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
Du bist auf der Suche nach frischem Lesestoff? Dann lohnt sich jetzt ein Blick auf diese fünf preisgesenkten E-Books, die dich in ganz unterschiedliche Welten entführen. Vom 17. bis 24. April hast du die Gelegenheit, spannende Geschichten zu entdecken mal geheimnisvoll, mal abenteuerlich, mal tiefgründig.
Ob du dich in rätselhafte Schicksale vertiefen, fremde Orte erkunden oder einfach nur gut unterhalten lassen möchtest diese Auswahl bietet dir genau die richtige Mischung für entspannte Lesestunden.
Geheimnisse, die im Verborgenen liegen
Manche Geschichten beginnen leise und entwickeln eine Sogwirkung, der man
sich kaum entziehen kann. Den Auftakt macht ein Roman voller Spannung und
unterschwelliger Bedrohung: Die stumme Braut
von Renate
Krüger.
Die Erzählung führt den Leser unmittelbar ins spätmittelalterliche Mecklenburg am Vorabend der Reformation mit seinen farbigen Anschauungen, differenzierten Lebensformen und folgenreichen Konflikten. Die Fabel kreist um den Sternberger Judenpogrom, der im Jahr der Entdeckung Amerikas stattfand, dem 27 Menschen zum Opfer fielen und der schließlich dazu führte, dass Mecklenburg judenfrei gemacht wurde. Der Leser erhält Einblicke in das Schicksal historischer und erfundener Personen. Da ist die niederländische Begine Dorothea van der Gheenst, die vom mittelalterlichen Mantelrecht der Frau Gebrauch macht und damit der schönen Chane das Leben rettet. Da ist der Sternberger Priester Peter Däne, der aus reiner Habgier den in Sternberg lebenden Juden geweihte Hostien überlässt und dafür, wie die jüdischen Mitangeklagten, vom herzoglichen Gericht zum Tode verurteilt und auf dem Scheiterhaufen vor den Stadttoren verbrannt wird, Opfer des sozialen und geistigen Umbruchs. Da kämpft der Emporkömmling Jürgen Kruse gegen den seherisch begabten Maler Henning Schnytker. Da ist vor allem die Jüdin Chane, an deren Hochzeitstag das Verhängnis seinen Lauf nahm und sie so stark traf, dass sie Erinnerung und Sprache verlor.
In die Handlung führt eine Pilgerfahrt nach Santiago del Compostela ein. Andere Handlungsorte sind Wismar, vor allem die Georgenkirche, sowie Rostock, Sternberg und das Antoniterhospital Tempzin, in dem die vom tödlichen Antoniusfeuer Befallenen letzte Zuflucht finden. Die vor allem von Frauen getragene Handlung ist eingebettet in zeitgenössische Frömmigkeitsformen, Magie, soziale Konflikte, Politik und Zukunftsvisionen.
Die Erzählung ist geeignet, den Lesern wesentliche Bereiche des mecklenburgischen mittelalterlichen Erbes neu zu erschließen und auf Anfangspunkte weitreichender Konflikte hinzuweisen. Somit erhält sie auch einen aktuellen Bezug.
Wenn ein Vermisstenfall zur Reise ins Ungewisse wird
Von stillen Geheimnissen geht es nun hinaus in die Wildnis dorthin, wo jede
Spur im Dschungel verloren gehen kann und nichts so ist, wie es scheint: Vermisst
am Rio Tèfe von Alexander Kröger.
In der Provinzstadt Carauari laufen in der Vermisstenzentrale Anzeigen ein; Dolores Sendela fallen gleichgelagerte Fälle auf. Mehr als Routineaufklärung wird jedoch nicht veranlasst. Als sich Dolores Freund auf eine waghalsige Aktion einlässt, kommen ihr die Vorgänge wieder in den Sinn, ihre Mahnungen finden, da hoher Verdienst lockt, jedoch kein Gehör. Der Freund kehrt verwundet zurück, berichtet von einem grausigen Massaker - ein Monster hätte zugeschlagen ...
Kröger verquickt in einer äußerst spannenden, fantastischen Geschichte menschliche Größe mit Sichten auf gegenwärtige gesellschaftliche Probleme auf unserem Planeten.
Zwischenmenschliche Verstrickungen mit Tiefgang
Nach der Reise ins Abenteuer kehren wir zurück in die Welt der Menschen mit
all ihren Eigenheiten, Beziehungen und überraschenden Wendungen: Herr
Fischer und seine Frauen von Hannes Hüttner.
Eine unerwartete Karriere wird erzählt:
Thomas Fischer, Tierarzt, kommt aus den Tropen zurück, von einem harten und entbehrungsreichen Leben. Er ist ein Mann, der die Welt verbessern wollte und dies auch immer noch will. In Deutschland erhofft er sich einen seinen Fähigkeiten angemessenen Arbeitsplatz. Die Welt kennt ihn Deutschland kennt ihn nicht.
Enttäuscht von mühevoller Jobsuche nimmt er schließlich eine langweilige Arbeit in einem biochemischen Labor an.
Nun hat er Zeit, seinen Erfindungen nachzugehen, sie zu vervollkommnen, genetisch zu experimentieren. Er könnte die Menschheit verändern er müsste es außerhalb aller ethischen Grenzen realisieren...
Ein aktuelles Thema ein spannender Roman.
Das Buch erschien erstmals 2001 beim Verlag Neues Leben GmbH, Berlin
Fantasie, Schicksal und eine besondere Verbindung
Nun öffnet sich die Tür zu einer anderen Welt voller Magie, Geheimnisse und
einer Geschichte, die weit über das Gewöhnliche hinausgeht: Nadja
Kirchner und der Sohn der Zanura von Johan Nerholz.
Nadja Kirchner ist eigentlich, nachdem sie einen Tag in Berlin unterwegs war, auf dem Weg nach Hause. Aber sie wird im Zentrum der Stadt Zeugin eines Autounfalls, bei dem ein kleines Kind verletzt wird. Dabei hindert sie einen Jugendlichen daran, das bewusstlose Kind zu fotografieren und hilft dem kleinen Jungen heimlich mit ihren magischen Heilfähigkeiten. Auf dem Weg nach Hause wird sie von dem Jugendlichen und zwei seiner Kumpane verfolgt und auf einem verlassenen Hinterhof angegriffen. Mühelos gelingt es ihr, die drei Angreifer in die Flucht zu schlagen. Als sie meint, es sei vorbei, und den Hof wieder verlassen will, wird sie noch einmal von etwas angegriffen, das sie nicht identifizieren kann.
Die jugendliche Nadja kann auch diesen Angriff abwehren, weiß aber sofort, dass es sich hier um kein natürliches Lebewesen handeln kann. Sie geht davon aus, dass dieser Angriff nur erfolgte, weil das Wesen gestört wurde, und verlässt den Hof. Einige Zeit später erfährt die inzwischen siebzehnjährige Schülerin, dass es sich um einen verirrten, jungen Zanura handelt und dass eine alte Unsterbliche auf der Suche nach ihm ist, um das Junge zu töten. Das darf ihr nicht gelingen, denn sonst sind wieder einmal die Welten der Raben, Geister und anderer Wesen in Gefahr, denn die versteckt lebenden Zanuren würden sich an jedem rächen, der ihnen über den Weg läuft. Mit ihnen ist nicht zu spaßen. Die Raben nehmen das Junge deshalb in Gewahrsam und verstecken es in der Senke.
Aber auch Nadja Kirchners Leben ist in unmittelbarer Gefahr, denn die alte Sumpfbewohnerin Iorla ist Nadja auf den Fersen, weil sie nicht daran glaubt, dass die Raben nicht wissen, wo sich der Zanura aufhält. Schließlich ist Nadja die Bannherrin der Senke, in der die Raben leben. Iorla sucht viele magische und nichtmagische Wesen auf und sammelt jede Information über Nadja, die sie bekommen kann. Allen in der Senke ist klar, dass der junge Zanura schnell wieder zu seinen Artgenossen zurück muss und sie setzen alles daran. Wird das gelingen und verschont die alte Iorla Nadja?
Ein Ort, der mehr verbirgt, als man ahnt
In der Rubrik Fridays for Future führt uns die Reise in die Zeit des
Faschismus, wo Menschlichkeit und Hilfe für Verfolgte oft nur unter
Lebensgefahr möglich ist: Das Versteck im Wald
von Siegfried
Maaß.
Es wird Regen geben. Zeit, dem Großvater Tobias zuzuhören. Dieser erzählt eine aufregende Geschichte aus seiner Kindheit: Er wollte nie ein Held sein, nur größer und stärker. Dann hätte er in der Turnriege nicht immer am Schluss stehen müssen und sich auch gegen Rake und dessen Bande zur Wehr setzen können.
Doch eines Tages im späten Herbst trifft Tobias auf Jan, den jungen Polen, und er muss allen Mut zusammennehmen. Jan befindet sich in großer Gefahr.
Nicht alles, was verborgen bleibt, ist auch vergessen. Begleite in einem Auszug aus Die stumme Braut von Renate Krüger eine Geschichte, in der Schweigen mehr sagt als Worte und jede Seite neue Fragen aufwirft:
Mit dem Vierschornsteinhaus für Bartholomäus Lembcke in Rostock war es nichts geworden, denn Herzog Magnus war zu der Meinung gekommen, Lembcke hätte sich nicht genug für die fürstliche Sache eingesetzt, sondern sei vor allem seinen eigenen Interessen gefolgt. Eine jüdische Büchersammlung, Professor der hebräischen Sprache - welch ausgefallene Ideen! Dafür konnte er keine besonderen herzoglichen Privilegien erwarten oder gar fordern.
Als in Sternberg Fragen laut wurden, ob die Juden denn wirklich ein so hartes Schicksal verdient hätten, ließ der Herzog das Haus, in dem Lembcke die Bücher und die weniger wertvollen Kultgegenstände zusammengetragen hatte, kurzerhand in Brand setzen, und die Redereien verstummten.
Lembcke kehrte in sein Studierstübchen an der Rostocker Jakobikirche zurück, fand dort aber keine Ruhe und Muße zum Studium mehr. Das Verhalten des Herzogs hatte ihn enttäuscht. Die Professoren ließen keine Möglichkeit vorübergehen, ihn als dahergelaufenen Herzogsgünstling an den Pranger zu stellen, ihn zu demütigen und zu verleumden. Als sie erfuhren, dass der Herzog für Lembcke nichts mehr übrig hatte, wurde es noch schlimmer. Die Studenten mieden den Doktor. Trotz bescheidenster Lebensführung fand er sein Auskommen nicht mehr.
Als er einem der Fraterherren, der auch an der Universität unterrichtete, seine Schwierigkeiten schilderte, empfahl der ihm, Rostock und die Universität aufzugeben und sich in der Stadt Wismar niederzulassen. Er habe gehört, dass der dortige Rat einen Schreiber suche. Es gäbe in Wismar genug Kaufleute und Schiffseigner, die für Schreiber- und Juristendienste etwas springen ließen. Mit großer Wissenschaft habe das freilich wenig zu tun, aber der Broterwerb sei nun einmal wichtiger. Der Doktor solle in Wismar die Verwandte des Fraterherrn, die Begine Dorothea van der Gheenst, aufsuchen, die werde ihm schon weiterhelfen.
Es fiel Bartholomäus Lembcke ganz und gar nicht leicht, Abschied von seinen wissenschaftlichen Träumen zu nehmen, aber er war nüchtern und weltklug genug, um sich nicht an Träume zu verlieren. Was er von seinen Habseligkeiten selbst tragen konnte, nahm er mit auf den Fußweg nach Wismar. Bücher und Schriften ließ er in der Obhut des Fraterherrn, der sie beim nächsten Besuch seiner Verwandten mitbringen wollte.
Es zeigte sich schon bald, dass Bartholomäus Lembcke mit seiner Umsiedlung nach Wismar die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er konnte die Arbeit, die man ihm anbot, kaum schaffen, und mit den Wismarer Kaufleuten und Schiffseignern ließ sich viel besser auskommen als mit den Rostocker Professoren. Sie waren nüchtern und konnten rechnen. Wenn man gut plante, arbeitete und rechnete, zeigte sich das Ergebnis als handfeste Summe aus großen und kleinen Münzen, und Lembckes Anteil konnte genau bestimmt werden und war nicht nur von Wohlwollen oder Missgunst seiner Auftraggeber abhängig.
Er kam schnell zu einem kleinen Überschuss und dann zu wachsenden Ersparnissen. Allmählich wuchs die Aussicht, dass Lembcke das kleine Haus, das ihm der Wismarer Rat zugewiesen hatte, zu seinem Eigentum machen könnte. Und seine Gedanken wagten sich noch weiter in die Zukunft: er wollte heiraten und einen eigenen Hausstand begründen. Und er wollte auf den Tag hinarbeiten, an dem er selbst einen Ratsherrenstuhl einnehmen würde.
Der größte Gewinn erwuchs ihm daraus, dass er dem Wismarer Rat unentbehrlich wurde, weil er sich mit den jüdischen Gepflogenheiten auskannte. Man hatte sich nämlich der herzoglichen Anordnung, alle Juden aus der Stadt auszuweisen, gebeugt, nicht so sehr im Gehorsam gegen den Landesherrn, sondern mehr in Hinsicht der vielen Vorteile, die man selbst davon hatte.
Man achtete streng darauf, dass alles nach Recht und Gesetz ablief. Taufe oder Ausweisung - das war doch sehr großzügig! Und wie eindringlich hatte man auf die angesehenen und reichen Juden eingeredet, sich doch nicht durch Verstocktheit und Starrsinn ins eigene Unglück zu stürzen und sich taufen zu lassen! Aber sie hatten es nicht anders gewollt und die Ausweisung gewählt.
Sie durften mitnehmen, was sie von der Stelle bewegen konnten, und schleppten mehr, als sie zu tragen vermochten. Noch lange sprachen die Leute vom weggeworfenen Judenschatz, der hier und da den Weg säumte, den sie gegangen waren. Was sie zurückließen, wurde genauestens inspiziert, verzeichnet, geschätzt, berechnet und an treue Hände zur Verwaltung übergeben.
Diesen Bereich konnte man sich ohne Doktor Bartholomäus Lembcke gar nicht mehr vorstellen. Hier kam Vermögen zusammen, hier häufte sich Reichtum an, hier floss Geld. Auf jüdisches Gerät und jüdische Bücher legte kaum jemand Wert, und Lembcke fühlte sich nicht im Unrecht, wenn er solche Dinge auf die Seite legte und auf dem Dachboden seines Hauses unterbrachte. So hatte er doch wieder eine eigene Schriftensammlung. Irgendwann würde er Zeit finden, seine hebräischen Studien fortzusetzen.
Ein rätselhafter Vermisstenfall führt tief hinein in eine unberechenbare Welt. Was als Suche beginnt, entwickelt sich schnell in dem Auszug aus Vermisst am Rio Tèfe von Alexander Kröger zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang:
Aus den Funden am zweiten Ort der Gräuel schloss die Gruppe um José Valairo, insbesondere durch die Begutachtung der Ärztin, dass mindestens zehn Personen ihr Leben gelassen hatten. Allerdings gab es untrügliche Anzeichen: Der Platz war bereits von irgendwelchen Leuten aufgefunden und geplündert worden; denn es fand sich kaum etwas von Belang: In den Kleiderresten kein Geld, keine Papiere; es lagen keine wertvollen Werkzeuge umher, zum Beispiel Motorsägen, und selbst, das war das sicherste Zeichen, aus dem Fahrerhaus des Bulldozers hatte man Armaturen ausgebaut - unmittelbar neben den sterblichen Überresten vermutlich des Fahrers. Es mussten danach ziemlich abgebrühte Burschen am Werke gewesen sein. Ines Kamen konnte nur nach den zahlreichen Knochenfunden schätzen, wie viele Holzarbeiter auf dieser Lichtung ihr Leben gelassen hatten, schließlich hat jedes Skelett nur eine bestimmte Anzahl von Einzelteilen. Allerdings ließ die Vollständigkeit sehr zu wünschen übrig. Die Teilnehmer der Expedition gingen davon aus, dass die ermittelte Zahl der Toten wahrscheinlich ein Minimum darstellte.
Inspektor Valairo verständigte die Zentrale über den erneuten grausigen Fund, und er bat dringend um Unterstützung dahingehend, dass man nichts unversucht lassen solle, herauszufinden, wer für die Plünderung des Schlachtfeldes in Frage käme; denn es müsse sich wohl um eine Gruppe handeln. Davon auszugehen sei, dass mindestens fünf oder sechs Motorsägen erbeutet worden waren, die legal nur auf Bezugsschein zu erhalten sind. Außerdem wäre zu vermuten, dass jene mit einem Wasserfahrzeug unterwegs gewesen waren; das könnte schon aufgefallen sein. Und, für den Ansatz ganz wichtig, Valairo konnte Rahmen- und Motornummer des Bulldozers durchgeben. Ein polizeiliches Kennzeichen hatte die Maschine natürlich nicht. Schließlich bat er darum, alles, was bei Ermittlungen in irgendeiner Weise merkwürdig erscheinen, den alltäglichen Rahmen sprengen mochte, sorgfältig aufzunehmen, und sei es das Kleinste. Der Inspektor empfahl außerdem, zur näheren Untersuchung der beiden Tatorte, eine gesonderte Gruppe der IBAMA einzusetzen. Man könne mit einem Schwimmer-Hubschrauber gewiss auf dem Fluss landen, die Strömung sei minimal.
Am Flussufer fand sich abermals die Stätte - die ehemalige Verladung auch hier -, die sich als Lagerplatz gut eignete. Die Lichtung selbst hätte dafür zwar auch Voraussetzungen geboten, aber natürlich verspürte niemand Lust, am Ort des Massakers und angesichts des Grabes für die grausigen Reste zu biwakieren.
In gewisser Weise hatte sich das Unternehmen totgelaufen. Der wahnwitzige Mörder war mit seiner Strahlenkanone offenbar vom jetzt vorgefundenen Holzeinschlag zu jenem zweiten dort flussabwärts gewandert und zurückgekommen. Man mutmaßte, dass die Maschine vielleicht auf dem Fluss transportiert, hier aus- und eingesetzt und so dann, nach Verrichtung des bestialischen Werkes, wieder eingeschifft wurde. Wenn dem so war, wo sollte da für die weitere Untersuchung angesetzt werden?
Für die Behörde aber wäre die Expedition nicht gänzlich erfolglos gewesen; denn immerhin schien es möglich, gleich zwei große Waldfrevler dingfest machen zu können und zu bestrafen, ein, wie Valairo betonte, äußerst zufriedenstellendes Ergebnis. Nur, die Massaker ... Wo würde der Irre das nächste Mal zuschlagen? Und wie viel Blut sollte noch fließen?
Beziehungen sind selten einfach und manchmal voller überraschender Wendungen. Diese Leseprobe aus Herr Fischer und seine Frauen von Hannes Hüttner eröffnet ein vielschichtiges Porträt menschlicher Verstrickungen:
"So einfach ist das nicht, mein Bester!", versetzte sie. "Was glaubst du, was mein Steuerbüro sagt, wenn es eine Quittung über eine Million für dich findet? Soll ich als Gegenleistung eine fingierte Rechnung schreiben? Kopfbogen Firma Stolzenfels, eine Lieferung Schweigen, gute Qualität, hält lebenslang? Wir müssen uns schon gemeinsam etwas einfallen lassen. Ich bin kein Karussellbesitzer, bei mir gibt es kein Schwarzgeld!"
"Ist ja gut!", sagte er beschwichtigend. "Meinetwegen komm heute Nachmittag um drei!"
Sie fuhr ins Labor und holte aus dem Tresor eine Ampulle des Injektionsmittels. K.o.-Tropfen musste sie selbst zusammenschütten. Das war kein Problem.
Mit einer Flasche Sekt unterm Arm klingelte sie bei ihm. Er öffnete mit dem Ellenbogen, seine Finger waren farbverschmiert. Auf der Staffelei lehnte ein Bild, das in der Hauptsache schwarzblau und giftig grün war.
"He", fragte sie, "bist du jetzt Marinemaler? Das ist doch schwere See bei Windstärke zwölf aus nächster Nähe?"
"Es wird Verzweiflung heißen!", verriet er ihr. "Kein Mensch will im Moment etwas Gegenständliches haben!"
"Kannst du dir denn Verzweiflung vorstellen?", spöttelte sie. "Wo du gerade eine Million bekommen sollst?"
"Erst haben", sagte er. "Ich höre!"
"Du solltest etwas auf den Tisch stellen! Hier, ich hab eine Flasche mitgebracht!"
"Ich erlaube mir, meine eigene Marke zu trinken", erwiderte er. "Vielleicht haben wir einen verschiedenen Geschmack?"
"Auch gut!"
Rechnete er damit, dass sie den Sekt präpariert hatte? Aber er war einfach Herzhafteres gewöhnt, brachte eine Flasche Wermut und goss Gin dazu.
Er wollte ihr zuprosten: "Auf unser Geschäft...!"
Sie behielt ihr Glas in der Hand und sagte: "Holst du mir noch etwas Zitrone? Das gehört dazu!"
Sie hatte die Ko.-Tropfen in das winzigste Glas getan, das sie im Labor gefunden hatte, holte es jetzt aus der Handtasche und goss den Inhalt in seinen Martini. Er hatte noch nicht den Kühlschrank wieder zugemacht, als sie längst alles wieder weggesteckt hatte. Sie gähnte, als er eintrat und er fragte: "Viel zu tun?"
"Ich komme überhaupt nicht mehr zum Ausschlafen!", sagte sie und prostete ihm zu.
Er trank, lächelte und sagte: "So - und jetzt zum..."
Doch da blickte er sie plötzlich erstaunt an und fiel mit dem Kopf vornüber, stürzte aus dem Sessel auf den Teppich und lag am Boden. Sie hob ein Lid, um zu prüfen, ob er noch bei Bewusstsein war. Aber er reagierte nicht mehr.
"Du hast es gut, mein Junge!", tröstete ihn Ilsebill sarkastisch und injizierte ihm ein Schlafmittel. "Zunächst kannst du dich ausschlafen und träumen, von einer Million beispielsweise, du Armleuchter!"
Sie ließ die Nadel in der Vene, kramte die Laborampulle mit dem Verjüngungsmittel aus der Tasche, zog den größten Teil davon auf, steckte die Spritze auf die Nadel und drückte den Stempel durch.
Zwischen Realität und Fantasie entfaltet sich eine Geschichte voller Geheimnisse und besonderer Verbindungen. Lass dich in der Leseprobe aus Nadja Kirchner und der Sohn der Zanura von Johan Nerholz in eine Welt entführen, in der mehr möglich ist, als es scheint:
Aufgabe für Bernadette
Nadja hatte am nächsten Tag nach ihrem Unterricht auch wieder ihre Unterweisungen von Jara erhalten und war gerade auf dem Weg zum Beschleunigungsgang. Sie wollte schnellstens nach Hause und war wieder einmal todmüde. Das kam in letzter Zeit immer häufiger vor. Neben ihren Unterweisungen musste sie dieses Mal Jara bei einer komplizierten Behandlung assistieren. Ein junger Rabe hatte bei einer Ausbildungsstunde von Taukius innere Verletzungen davongetragen. Dieses Mal erlebte Nadja das erste Mal, wie anstrengend das Heilen für Jara wirklich werden konnte. Jara war nach den Konzentrationstechniken, die sie bei dem verletzten Raben anwendete, so erschöpft, dass Nadja Beila holen ließ, die sich erst einmal um Jara kümmerte, während Nadja den jungen Raben, der von ihr in einen Tiefschlaf versetzt wurde, in eines der hohen Krankennester bringen ließ. Die Technik, die man für den Tiefschlaf benötigte, hatte ihr Beila erst vor kurzem beigebracht: Eine Kombination von Abkühlung und Erwärmung, während man den Patienten berührte. Diese Technik war anstrengend und der Grund dafür, weswegen auch sie jetzt müde und erschöpft war. Die Bannherrin hatte nur noch Sehnsucht nach ihrem Bett. Aber sie wusste, dass es damit an diesem Tag noch nichts werden würde. Sie hatte noch einiges für die Schule zu erledigen. Es war schon spät und in einer Stunde würde es dunkel sein. Doch dann lief ihr in der Senke jemand über den Weg, den sie hier nie vermutet hätte.
Was machst du denn hier? Fragend sah sie Bernadette an, die unvermittelt vor ihr stand, und war sofort wieder wach. Bernadette war wie Iri eine Wasserhexe und sogar entfernt mit dieser verwandt. Als Nadja vor über einem Jahr die Insel der Koniketen besucht hatte, lernte sie Bernadette an der Küste unweit dieser Insel kennen. Diese Wasserhexe war ebenfalls für das Gelingen der Aktion auf der Insel mit verantwortlich gewesen. Bernadette sah Nadja fröhlich an.
Sei gegrüßt. Iri hat mich gebeten, eine Weile hierher zu kommen, um mit ihr in ihrer Höhle zu leben! Nadjas Erstaunen wurde noch größer. Sie hatte noch nie erlebt, dass Iri Besuch bekam. Ganz im Gegenteil. Die Höhle hütete sie wie den heiligen Gral und lediglich Kajik hatte Zutritt. Selbst wenn Iri zeitweilig die Senke verließ, war Iris Höhle für alle anderen in der Senke tabu und Kajik hatte während Iris immer wieder vorkommenden Abwesenheit eine Wächterrolle für ihre gemeinsame Behausung übernommen, die er sehr ernst nahm. Besuch war bei Iri einfach nicht vorgesehen.
Schön, sagte Nadja. Bei der Gelegenheit kann ich mich wenigstens bei dir noch einmal für deine Hilfe vor einem Jahr bedanken. Es ging damals ja alles so schnell, als wir uns vor den Koniketen in Sicherheit bringen mussten. Ich wusste zuerst nicht einmal, was aus dir wurde. Aber mir wurde dann gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Du würdest es schon so einrichten, dass die Koniketen dir nichts anhaben! Bernadette hörte zu und lächelte hintergründig.
Das stimmt. Korfylos und ich verschwanden zur selben Zeit in verschiedene Richtungen, ohne Spuren zu hinterlassen. Auch der Kuriergeier hinterließ keine Spuren und Raben tun das sowieso nicht. So konnten die Koniketen keinen von uns verfolgen. Haben dir die Raben das nicht erzählt? Nadja schüttelte erstaunt den Kopf. Iri runzelte die Stirn. Aber ich bin nicht hier, weil ich heimatlos geworden bin, sondern wegen des Zanurakindes.
Dieses kleine Scheusaal?
Genau! Zu diesem kleinen Scheusal gehe ich jetzt gerade.
Na dann, viel Spaß!
Den werde ich haben. Komm doch einfach mit! Dann können wir uns noch ein wenig unterhalten. Nadja zögerte. Sie hatte es seit der Begegnung mit dem Kind der Zanura in der Senke vor einigen Tagen vermieden, noch einmal dorthin zu gehen, denn es hatte sich ja gezeigt, dass das Junge ihr gar nicht wohl gesonnen war. Sie wollte nicht, dass dieses katzenartige Wesen ihretwegen mehr Stress hatte, als unbedingt notwendig war. Es musste ja schon mit der Gefangenschaft fertig werden. Bernadette schien zu ahnen, was in ihr vorging. Komm einfach mit. Du wirst schon sehen, sagte sie und lächelte hintergründig. Also begleitete Nadja die Wasserhexe vom Meer das kurze Stück zum Banngehege des kleinen Wesens.
Lebst du wirklich bei Iri in der Höhle? Bernadette nickte und grinste über das ungläubige Gesicht von Nadja. Auch sie schien zu wissen, dass Iri eigen war, wenn es um ihre Behausung ging. Dann waren sie auch schon am Gehegebann des Zanurajungen angelangt. Zu Nadjas Überraschung lief Bernadette einfach durch den Bann hindurch und stand jetzt ungeschützt vor dem Kleinen. Nadja erstarrte, doch es passierte nichts. Das Zanurakind hatte Bernadette noch nicht einmal bemerkt. Als es dann aber die Wasserhexe sah, kam es freudig auf sie zugesprungen und war Bernadette gegenüber lieb und anschmiegsam. Es sah so aus, als hätte es die Ankunft der Wasserhexe schon sehnsüchtig erwartet.
Bernadette kraulte dem Kleinen Kopf und Rücken und der gab leise und wohlig klingende Schnurrlaute von sich, die wie die einer normalen Hauskatze klangen, wenn auch um einiges lauter. Zärtlich nahm der kleine Zanura die Hand von Bernadette in ihren zahnbewehrten Rachen. Aber dann hatte das Junge Nadja gesehen.
Fauchend duckte es sich und dann sprang es los. Aber nun passierte etwas Unglaubliches. Bernadette sprach es laut und energisch an und das Junge kehrte sofort zu der Wasserhexe zurück. Nun streichelte sie wieder das Kleine und lobte es ausgiebig, weil es sich wieder beruhigt hatte. Anschließend stand Bernadette auf und ging einen Augenblick beiseite. Als sie wieder bei dem Jungen war, trug sie einige übereinandergestapelte kleinere Holzkästen. Nadja konnte nun beobachten, wie Bernadette diese Kästen nach und nach öffnete. Es huschten Ratten heraus, die von dem jungen, katzenartigen Wesen sofort gejagt, gefangen und vertilgt wurden. Keine Futteraggression kam dabei gegenüber Bernadette auf, die immer noch die ganze Zeit im Gehege war. Nadja wusste nicht, ob sie fasziniert oder fassungslos sein sollte.
Wo bekommt ihr überhaupt die Ratten her?, wollte Nadja wissen
Das erledige ich. Die müssen gefangen werden, aber auf den Äckern treiben sich mehr als genug von denen herum. Das einzige Problem ist, dass jede gefangene Ratte von Jara untersucht werden muss. Die Menschen legen Rattengift und vergiftete Ratten dürfen natürlich nicht verfüttert werden! Mit diesen Worten hatte Bernadette den nächsten Kasten geöffnet. Nadja hielt sich ein wenig zurück. Ratten waren nicht die Tiere, die sie favorisierte. Ihre Großeltern waren froh, wenn sie keine auf dem Gehöft sahen. Hin und wieder kam es zwar vor, dass sich die eine oder andere Ratte bei ihnen in die Scheune oder in die Ställe verirrte, aber dieser Zustand wurde immer sehr schnell beendet. Meistens sorgte der Kater Odysseus dafür. Auch Barry war nicht begeistert, wenn er eine witterte oder sah und kümmerte sich zügig darum.
Woher kannst du das so gut? Bewundernd beobachtete sie weiterhin, wie problemlos Bernadette mit dem Kleinen zurechtkam. Die zuckte mit den Schultern. Das Zanurakind schien inzwischen satt zu sein, denn die letzte im Gehege umherlaufende Ratte wurde von dem Kleinen gejagt und dann spielte es mit ihr. Die Ratte quiekte dabei ängstlich. Das kannte Nadja von ihrem Hofkater Odysseus auch, nur dass der das mit den Mäusen machte, die er auf dem Anwesen der Kirchners fing. Nadja fand das immer grausam. Aber sie wusste auch, dass das eben die Natur der Katzen war.
Ich bin in unseren Kreisen dafür bekannt. Früher habe ich immer wieder außergewöhnliche Wesen in meinem Heim gehalten und gezähmt. Iri weiß das und hat mich gefragt, ob ich es nicht einmal mit dem kleinen Zanura versuchen möchte. Da habe ich sofort zugesagt und bin hergekommen.
Und du kannst, wie ich sehe, tatsächlich damit umgehen! Das Auftreten des jungen Wesens vor ein paar Tagen hatte Nadja noch sehr gut vor Augen, als sie das sagte. Bernadette nickte.
Ich habe mal als junges Mädchen eine Zanura aufgezogen. Sie hatte ihre Mutter verloren und hätte ohne Hilfe nicht überlebt. Später brachte ich sie zu ihrem Stamm zurück. Das war damals noch ohne weiteres möglich, weil sie sich noch nicht vor Iorla versteckten. Diese Wesen schenken schnell denen das Vertrauen, die sie richtig zu behandeln wissen, sagte Bernadette. Dabei beobachtete sie den kleinen Zanura liebevoll.
Wie macht man das? Nadja wurde neugierig.
Ich musste das Kleine einfach nur direkt und angstfrei anschauen, mich erwärmen und dabei den Gaseuszauber anwenden! Wenn man das einmal mit ihnen gemacht hat, greifen sie nicht mehr an. Dann muss man nur noch ihr Vertrauen gewinnen und das ging bei ihm hier ganz schnell. Wahrscheinlich ist das Junge froh, dass es Gesellschaft hat. Ungläubig hörte Nadja diese Worte, wollte ihnen aber keinen Glauben schenken.
Du beherrschst den Gaseuszauber? Bernadette nickte
Willst du ihn lernen? Neugierig betrachtete sie die Bannherrin der Senke.
Ich dachte immer, dass ihn nur ganz wenige Raben beherrschen, antwortete sie der Wasserhexe.
Das ist auch so, sagte Bernadette nun. Aber ich beherrsche ihn auch und in Kombination mit den anderen von mir erwähnten Dingen ist das die Methode, um den kleinen Zanura zu bändigen!
Wie lange muss man denn täglich trainieren, um das zu können? Nadja stellte diese Frage zwar, wusste aber, dass sie eigentlich gar keine Zeit dafür hatte.
Täglich eine halbe Stunde! Alles andere wäre unrealistisch. Nadja dachte einen Moment nach. Der Gaseuszauber wäre für ihre Verteidigung sehr nützlich. Sie dachte an die Dämonenhunde, denen Rontur einmal diesen Zauber auf den Hals gehetzt hatte und welche Wirkung der bei ihnen entfacht hatte. Aber sie wäre nie auf die Idee gekommen, dass auch sie diesen Zauber erlernen könnte und wurde neugierig.
Ein abgelegener Ort, ein verborgenes Geheimnis und eine Geschichte, die langsam ihre ganze Tiefe offenbart. Wage einen ersten Blick hinter die Kulissen von Das Versteck im Wald von Siegfried Maaß.
Ich hatte es tatsächlich geschafft, unbemerkt aus dem Wald herauszukommen.
Wie eine Tänzerin war ich auf den Fußspitzen geschwebt, um möglichst jeden Laut zu vermeiden. Trotzdem knackte manchmal ein Ast oder raschelte Laub. Dann blieb ich jedes Mal stehen und lauschte. Meine Ohren sind ja groß, wie du weißt. Nicht einmal zu atmen wagte ich. Auch ein Eichelhäher, der mich Eindringling laut verschrie, ließ kurzzeitig meinen Atem stocken. Erst, nachdem ich mir sicher war, dass sich wirklich niemand in meiner Nähe befand, setzte ich meinen Schwebetanz fort. Als ich mir dann später vorzustellen versuchte, wie meine merkwürdige Art der Fortbewegung ausgesehen haben muss, konnte ich endlich befreit auflachen. Damals nahm ich mir vor, mich irgendwann einmal in dieser Bewegung und Körperhaltung im großen Spiegel des Kleiderschranks zu betrachten. Doch schon bald hatte ich diesen Gedanken wieder verdrängt und mich erneut auf den Ernst des Geschehens besonnen.
Offenbar waren Rake und seine Meute mit Einbruch der Dämmerung in die Stadt zurückgekehrt. Sehr gut konnte ich mir ihre Wut und Enttäuschung vorstellen. Ausgerechnet von mir, dem Wurzelzwerg, mussten sie sich an der Nase herumführen lassen! Ich wagte gar nicht an den nächsten Morgen in der Schule zu denken. Was würden sie sich noch einfallen lassen, um sich an mir zu rächen?
Zu meiner großen Überraschung hatte sich meine Mutter kaum Sorgen um mich gemacht. Sie hatte tatsächlich angenommen, dass ich wegen der Wagendeichsel beim Hausmeister unserer Schule gewesen wäre. Vielleicht hatte die Reparatur mehr Mühe bereitet, als zuvor angenommen? Doch als sie dann bemerkte, wie verschmutzt ich war, wollte sie selbstverständlich genau wissen, wo ich mich so lange herumgetrieben hätte, wie sie es nannte. Auf diese Frage hatte ich mich natürlich vorbereitet. Ich wäre im Wald gewesen, um Holz zu sammeln, antwortete ich darum schlagfertig. Einfach so, wie früher, ohne den Leiterwagen. Für längere Erklärungen hatte ich keine Zeit. Meine Mutter hatte mir, ohne es zu ahnen, zu einer wichtigen Erkenntnis verholfen: Ich musste tatsächlich wegen der Wagendeichsel zum Hausmeister. Mit dem Wagen konnte ich Jan aus dem Wald holen ... So wie ein Schmuggler heimlich seine Ware transportiert, dachte ich. Darüber hatte ich vor kurzer Zeit eine spannende Geschichte in einem alten Schulbuch gelesen. Ich hatte es zufällig auf dem Boden entdeckt.
Jan aus dem Wald holen?
Dieser Gedanke überraschte mich selbst.
Was hatte ich denn mit dem fremden Jungen aus Polen zu tun? Er war doch ein Feind! Wieso kam es mir überhaupt in den Sinn, ihn in Sicherheit bringen zu wollen? Mein Vater verbrachte wichtige Zeit seines Lebens im U-Boot, um gegen den Feind zu kämpfen. Um uns in der Heimat vor dem Gegner zu beschützen. Das sind Worte meiner Mutter. Und ich? Was hatte ich mir da ausgedacht? Sollte ich meinem eigenen Vater in den Rücken fallen?
Mir schwirrt der Kopf!, behauptete meine Mutter manchmal, wenn sie sich nach einem anstrengenden Arbeitstag abends auf das Küchensofa setzte. Ich glaube, in diesem Augenblick begriff ich zum ersten Mal, was sie damit meinte. So wie ihr an einem solchen Abend war auch mir jetzt zumute.
Weißt du, wie es in einer Sauna zugeht? Erst sitzt du auf der Bank und schwitzt, bis du glaubst, du würdest gleich kochen. Danach springst du in kaltes Wasser und denkst, du befindest dich kurz vor einem Kälteschock. Warum ich dir das erzähle? Damit du dir vorstellen kannst, wie ich mich fühlte. Drinnen, meine ich. Die Sauna spürst du mehr außen, auf der Haut. Aber bei mir fand dieses Heiße und das Eiskalte danach tief drinnen statt. Und wie sonst meiner Mutter schwirrte mir jetzt der Kopf.
Was sollte ich tun?
Jan dort oben hocken lassen, damit er sich selbst hilft? Wie weit würde er aber ohne Hilfe kommen?
Oder zur Polizei oder SA gehen und sagen, was ich wusste? Dann würde man mich öffentlich loben, vielleicht sogar in der Zeitung als einen guten Deutschen herausstellen, einen, der weiß, worauf es ankommt. Rakes Gesicht wollte ich dann sehen! Nie wieder würden er und die Meute es wagen, mich als ihren Spielball zu benutzen, mich nie mehr als Wurzelzwerg ins Mauseloch stecken! In meinen Vorstellungen kostete ich diesen glücklichen Umstand schon begierig aus.
Doch dann drängte sich mir plötzlich der Anblick des polnischen Jungen in seinem leichten Zeug auf. Mir kam es vor, als würde ich in seine Augen blicken. Darin erkannte ich große Traurigkeit ebenso wie seine Angst. Glaub mir, in diesem Moment fror ich genauso, als wäre ich aus der heißen Sauna hinaus in Schnee gesprungen.
Von einer Sekunde auf die andere hatte ich mich entschlossen, Jan zu helfen. Oder was hast du von mir erwartet? Dass ich ihn tatsächlich an die SA verraten hätte?
Viel Freude beim Stöbern, Entdecken und Lesen!
In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem ...auch ohne Gold und Lorbeerkranz, ein Kinderbuch von Wolfgang Held.