Zwischen Alltag, Geheimnis und großer Geschichte Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
Von Freitag, dem 8. Mai, bis Freitag, dem 5. Mai, bietet EDITION digital erneut fünf preisgesenkte E-Books, die ganz unterschiedliche Lebenswelten und Spannungsfelder eröffnen. Von persönlichen Herausforderungen über verborgene Geschichten bis hin zu politischen und historischen Dimensionen spannt sich ein Bogen, der zum Entdecken, Nachdenken und Mitfühlen einlädt.
Reise nach Jerusalem. Ein Israel-Tagebuch von Lutz Dettmann
August 2015: Eine deutsche Familie steigt, zusammen mit ihrer in Deutschland lebenden israelischen Schwiegertochter, im verregneten Berlin in den Flieger nach Israel, um während eines zweiwöchigen Aufenthaltes ihre Familie und ihr Heimatland näher kennenzulernen. Eine intensive Urlaubsreise beginnt, während derer der Autor und seine Familie als Gäste im Zuhause der neuen, erweiterten Verwandtschaft hautnah die Gastfreundschaft und den Lebensalltag in diesem irgendwie bekannten und doch so fremden Land erfahren. Der Autor lässt den Leser durch sein Tagebuch an dieser herausfordernden Reise teilhaben und nimmt ihn mit auf einen Ausflug, der ihn von der sengenden Hitze der Negev-Wüste im Süden über die zeitlose Altstadt Jerusalems bis hin zur libanesischen Grenze im Norden und dem See Genezareth durch die Jahrtausende führt, um dann doch stets wieder in der harten und widersprüchlichen Gegenwart des Heiligen Landes anzukommen. Reisen bildet, heißt es oft. Doch damit einher geht auch das manchmal schmerzliche Enttarnen falscher Annahmen, Glaubenssätze und Halbwissen, welche der Reisende immer im Gepäck mit sich führt. Bei dem Versuch, die politische Realität dieses auf mehrfache Weise zerrissenen Landes zu verstehen, bröckelt das aus Medien und DDR-Unterricht geprägte Israelbild des Autors allmählich und gibt den Blick frei auf die verschiedenen, vielfältigen Zwischentöne, die den hochkomplexen multikulturellen Schmelztiegel Israel ausmachen. Entstanden ist dabei ein unterhaltsames und lehrreiches Tagebuch mit 226 Fotos für Leser, die sich nicht mit der allgemeinen Schilderung der Situation in Israel zufriedengeben wollen.
Im Schatten der Milchstraße. Die Milchstraße, Teil 2 von Siegfried Maaß
Vom Standesamt führt sie ihr Weg direkt zum Kleinen Franzosen, in dessen Fotoatelier. Als das junge Brautpaar dieses wieder verlässt, hat es einen echten Freund gewonnen, in dessen Haus es unerwartet seine Unterkunft findet. Susanne und Steffen sind glücklich.
Der Autor erzählt von der Liebe zweier Menschen unter den Bedingungen der noch jungen DDR. Ihr gemeinsamer Lebensweg wird von dem bestimmt, was sie Staatsmacht nennen. Die Familie der besten Freundin ist über Nacht abgehauen, der beste Freund meldet sich freiwillig zur Volksarmee, weil ihm dafür ein Studienplatz versprochen wird. Dann trifft ein Brief aus dem Westen ein und bald darauf erscheint der darin angekündigte Besuch, der Ärger mit der Staatsmacht bedeutet. Von nun an wird vieles anders.
Und hinter der Tür eine Kette von Erich-Günther Sasse
Der Pilot des Agrarflugzeuges glaubt seinen Augen nicht zu trauen, als er Ursel im Spitzenkleid über den Acker kommen sieht. Er ahnt nicht, was in ihr vorgeht. Endlich würde sich ihr Wunsch, einmal wie ein Vogel über die Erde zu fliegen, erfüllen. Doch ihre Illusion währt nur kurz: Ölflecke verderben ihr Kleid; und die Vogelperspektive zwingt sie, einiges deutlicher zu sehen, als ihr lieb ist. Auch in den anderen Erzählungen spürt E.-G. Sasse Ungewöhnliches und Alltägliches auf.
Da kommt nach vielen Jahren endlich wieder einmal der Zirkus nach Zorndorf. Aber die große Erwartung schlägt schnell in Enttäuschung um, als der armselige Wagen des Schaustellers über die Dorfstraße holpert. Einem zehnjährigen Peter erscheint jedoch alles wie ein Märchen ...
Neben heiteren, locker erzählten Geschichten, die sich durch genaue Beobachtung des dörflichen Alltags auszeichnen, finden wir auch besinnliche Erzählungen, durch die der Autor nachdenklich stimmt und neugierig macht, wie in der Geschichte von der alten Frau, die stets die Kette hinter der Tür sorgfältig einhakt, um sicher zu sein vor jedem Fremdling eines Tages jedoch lässt sich die Tür mühelos öffnen ...
Keine Zeit für Beifall von Gabriele Herzog
Studienzeit, das sind Jahre des Lernens, nicht nur für den Beruf, sondern für das ganz persönliche Leben, so sieht es Lissy Berger, und sie kann es kaum erwarten, aus dem wohlbehüteten Elternhaus wegzukommen zu ihrem Studium der Theaterwissenschaften. Und wer wie sie - dank den Beziehungen ihres Vaters - eine Studentenbude sein eigen nennen darf, der sieht die Welt voller Freuden und Möglichkeiten. Aber schon bald merkt sie, wie schwer es ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Wach, sensibel und engagiert, doch ungewohnt, Probleme und Konflikte selbst zu lösen, verstrickt sie sich immer mehr in Widersprüche. Es ist das Jahr 1968. Kontroverse Diskussionen erregen die Gemüter, staatliche Entscheidungen fordern Widerspruch heraus. Lissy fühlt sich all dem nicht gewachsen und muss doch immer wieder Stellung beziehen. Auch Mark verlangt von Lissy eine Entscheidung. Aber Lissy braucht Marks gewohnte Zuverlässigkeit so sehr wie die Liebe ihres Kommilitonen Peter.
In der Rubrik Fridays for Future steht diesmal ein Roman im Mittelpunkt, der in die Zeit des Kalten Krieges führt. Fremder im Paradies von Wolfgang Schreyer verbindet Spionage und politische Spannungen mit persönlichen Schicksalen und macht deutlich, wie stark globale Konflikte das Leben des Einzelnen prägen ein Thema, das auch heute nichts von seiner Aktualität verloren hat, wenn es um Vertrauen, Verantwortung und internationale Beziehungen geht.
Indischer Ozean, Dezember 1972: Ein englischer Froschmann landet in geheimer Mission auf der Paradiesinsel und gerät sogleich in das Magnetfeld rivalisierender Mächte. Auf dem Grund einer historischen Bucht soll er Taucher stellen, die mit überlegener Raffinesse den Sperrkreis um eine Marineversuchsstation durchbrechen. Zwischen Korallenklippen, in Riffhöhlen und in unendlicher, von rätselhaftem Licht durchglühter Tiefe führt er einen einsamen Kampf und scheint ihn zu verlieren. An Land empfängt ihn immer wieder eine fremde, verwirrende Welt.
Und auch hier, im fashionablen Halbmond-Club oder im Zentrum der Abwehrbürokratie, ist er ganz auf sich gestellt. Denn er ist kein perfekter Befehlsempfänger, sondern ein Glücksucher und Tagträumer, der auf dieser Insel sein Lebensziel zu erreichen hofft. Gelassen begegnet er Seeoffizieren, Schwammtauchern, Fernsehstars, Callgirls, Geheimdienstlern und Ärzten.
Doch ihn umgibt ein undurchsichtiges Trio: sein Helfer, ein Unterwasser-Archäologe und dessen bildschöne Begleiterin. Vom Luxushotel Stardust", das alle Wünsche erfüllt, gelangt er in sonnenzermürbte Dörfer, durch nachtschwarze Algenfelder, auf eine Millionärsjacht und in den erstaunlichen Gefechtsstand der Marinebasis Berenice, wo sich ihm die Wunder modernster Militärtechnik enthüllen.
Das abenteuerliche Geschehen beruht auf Tatsachen; dieser Roman ist bis ins Detail belegt. Und bei aller Farbigkeit ist dies ein nachdenklich machendes Buch. Es rührt an Probleme der Welt von Morgen und an Schwierigkeiten, die uns heute schon innerlich bedrängen. Wolfgang Schreyer geht ganz vom Menschlichen her an sein Thema heran. Seine Darstellung seelischer Vorgänge vermag ebenso zu fesseln wie das Feuerwerk äußerer Dramatik, das er vor unseren Augen entzündet und mit sicherer Hand abbrennen lässt.
Jeder dieser Titel erzählt seine eigene Geschichte leise oder spannend, persönlich oder politisch. Nutzen Sie die folgenden Leseproben, um in die unterschiedlichen Welten einzutauchen und Ihren Favoriten zu entdecken.
Reise nach Jerusalem. Ein Israel-Tagebuch von Lutz Dettmann
Eine
Reise, die mehr ist als ein Ortswechsel, eröffnet neue Perspektiven und Fragen.
Lesen Sie die Leseprobe und begleiten Sie den Beginn dieses besonderen Weges.
Als die Hebräer in vorbiblischen Zeiten von Ägypten aufbrachen, versprach der Herr ihnen, dass sie nach ihrer Flucht in ein Land kämen, wo Milch und Honig fließen würden.
Ich kann mir vorstellen, dass die alten Hebräer nicht enttäuscht waren, als sie ihr Ziel dann endlich erreichten. Galiläa, auch an den Ufern des Genezareth wird es Milch und Honig Milch gegeben haben. Auch heute ist dieses Land fruchtbar: Olivenhaine, Dattel- und Feigenbäume, Orangen, Bananen, Pinien. Die grünen Hänge des Mont Meron liegen hinter uns.
Als wir hinunter zum See Genezareth fahren, fallen mir die zahlreichen Plantagen auf. Allerdings sind große Teile Israels versteppt oder verwüstet. Über Jahrhunderte legten die Hebräer, Römer, Byzantiner, Araber, Osmanen und wie sie alle hießen, kräftig Hand an und hackten und sägten die Wälder des Gelobten Landes einfach weg. Das Holz wurde im Schiffbau verwendet, exportiert oder einfach verheizt. Auch die Hügel Galiläas waren einst komplett bewaldet. In den letzten Jahrzehnten wächst die Waldfläche allerdings wieder, denn der Jüdische Nationalfonds (KKL) hat seit der Gründung des Staates Israel das ehrgeizige Ziel, aus dem Land Israel wieder ein Land, in dem Milch und Honig fließen, zu erschaffen. So wird seit 50 Jahren das größte Waldgebiet des Nahen Ostens angelegt: Yatir, eine Waldfläche von 4000 Hektar mit etwa vier Millionen Bäumen, hauptsächlich Pinien, Zypressen, Eichen und Mandelbäumen. Diese Oase liegt am östlichen Rand der Wüste Negev und ist nur eines von vielen ehrgeizigen Wiederaufforstungsprojekten. Der KKL sammelt sogar in Deutschland. So entstand der Wald der deutschen Länder" in der Nähe von Beer Schewa. Hier wachsen 500 000 Bäume.
Die Straße nach Tiberias menschen-, autoleer. Natürlich, es ist noch Sabbat. Unser erstes Ziel: Tabgha, die Brotvermehrungskirche. Neben uns ziehen sich die Plantagen des Kibbuz Ginosar entlang: Feigenbäume, Dattelpalmen, mit Netzen gegen Räuber und anderes Ungeziefer geschützt. Ein Geröllweg teilt die Fläche, so sehe ich für einen Moment eine Wasserfläche aufblinken. Weit, weit hinten verschmelzen Berge mit dem blauen Himmel. Michael überholt einen deutschen Reisebus aus Weilheim in Oberbayern. Pilger, Touristen? Wohl Pilger, des bayerischen Kennzeichens wegen. Auf dem Parkplatz vor der Vermehrungskirche herrscht nun keine Sabbatruhe. Reisebusse, viele Autos, eine Gruppe Touristen kommt laut schwatzend aus dem Souvenirshop. Yonatan erkundet die Preise, wird von seinem Vater zurückgepfiffen. Da kommen auch die Oberbayern. Eine kurzberockte Frauenschar, ihre Männer mit blanken Knien in den Schlepptauen, entsteigt dem Bus. Also doch keine Pilger, aber Oberbayern, nicht zu überhören.
Im Schatten der Milchstraße. Die Milchstraße, Teil 2 von Siegfried Maaß
Zwischen
Weite und Nachdenklichkeit entfaltet sich eine Erzählung mit besonderer
Atmosphäre.
Tauchen Sie in die Leseprobe ein und lassen Sie sich in diese eindrucksvolle
Welt entführen.
Dass Susi meiner Mutter keine neugierigen Fragen stellte, schien mir völlig sicher. Dabei war sie ebenso wissensdurstig auf deren Leben in dem anderen deutschen Staat wie ich selbst. Manchen Abend hatten wir uns zu erklären versucht, wie sich meiner Mutters Alltag gestalten würde, wie sie mit diesem uns fremden Mann zurechtkäme, in dessen Haus sie einige Zeit nach ihrer Übersiedlung gezogen war und den sie inzwischen geheiratet hatte und seitdem ,Vogelsang hieß. Franziska jedoch hieß noch genau wie ich ,Martin. Sonst hätte ihr Vater Franz keine Alimente mehr zu zahlen brauchen. Doch aus dieser Verpflichtung hatte ihn meine Mutter nicht entlassen wollen.
Ich freue mich, wieder bei dir zu sein, Steff!
Und ich freue mich, dich zu sehen. Bist ein großes Mädchen geworden, Franzi! Ich wusste nicht, ob ich mein Erstaunen über ihre Frisur zeigen durfte oder sollte sie hatte eine damenhafte Dauerwelle, die sie ,dauernd schüttelte, nachdem diese, wie sie wohl meinte, bei einer unbedachten Kopfbewegung aus dem Geschick geraten war. Dabei perlten jedes Mal Regentropfen heraus und einmal wurde ich dadurch an die Quecksilberperle erinnert, die über den Fußboden rollte, nachdem ich als Kind das Fieberthermometer fallen ließ. Meine Mutter hatte geschrien, ich solle es ,um Gottes Willen ja nicht anrühren, denn es sei ein tödliches Gift ...
Ich bin schon in der dritten Klasse.
Gehst du gern? Macht dir die Schule Spaß?
Ja. Bloß Mathe nicht. Aber ich gehe später auch nicht zum Gymnasium. Albert sagt, das ist nichts für Mädchen. Ich soll lieber Verkäuferin werden oder Friseurin. Vielleicht auch Angestellte bei der Sparkasse. Das würde mir am besten gefallen.
Albert heißt er?
Mamas Mann, ja. Der meint es gut, sagt Mama, ist aber streng. Der stellt mich vor die Tür, wenn ich nicht aufesse oder den Finger in die Nase stecke. Ich darf auch beim Essen nicht sprechen. Das gehört sich nicht.
Und was sagt Mama dazu?
Sie sagt, ich soll machen, was Albert sagt. Weil er klug ist und weiß, was sich gehört. Weil man dann etwas erreicht. Warum kommt Albert nicht mit zu uns? Er will wohl mit uns nichts zu tun haben? Völlig unüberlegt hatte ich plötzlich ausgesprochen, was Susi und ich vermuteten.
Iwo! Das ist wegen der Polizei.
Wieso das? Ich lachte, froh, dass Franziska anscheinend den Hintergrund meiner Frage nicht erkannt hatte. Hat er vielleicht was angestellt?
Er sagt, hier bei euch kann er sich nicht sehen lassen. Das ist wegen früher... Sie blickte sich zu unserer Mutter um, die jedoch, einvernehmlich bei Susi eingehakt, sich nicht um uns zwei Lasttiere kümmerte.
Ich habe Fotos gesehen, weil ich geschnökert habe, als ich allein war. Da war er drauf, in ner schwarzen Uniform und mit Armbinde ... Mit diesem Zeichen drauf ... Du weißt schon ...
Das Hakenkreuz?
Franziska nickte. Aber nicht zu Mama sagen. Die kann es nicht leiden, dass ich schnökere.
Und hinter der Tür eine Kette von Erich-Günther Sasse
Ein
verborgenes Detail wird zum Ausgangspunkt einer Geschichte voller Spannung und
Bedeutung.
Werfen Sie einen Blick in die Leseprobe und folgen Sie den ersten Hinweisen.
Großmutter
Wenn sie hinter den Fensterscheiben, hinter den Wänden, den Türen, in ihrem Haus, ihrem Zimmer saß, ging sie das, was draußen geschah, nichts an. Nicht die vorüberfahrenden Autos, nicht die Menschen auf der Straße, obwohl sie die meisten kannte. Sie saß dort unbeweglich. Hinter dem Fenster sah sie die Straße, dahinter, über den Häusern auf der anderen Straßenseite, den dunklen Himmel, sie saß und sah hinaus, ohne zu ermüden. Ihre Hände lagen auf der schwarzen Schürze. Manchmal schloss sie die Augen, dann sah sie nichts von dem, das sie sowieso nichts anging.
Wo man Helden braucht, braucht man auch Mütter. Sie wollte nicht heldenhaft sein. Ihre Söhne wollte sie wiederhaben, nichts weiter. Sie lachte nie mehr.
Der Weinstock vor den Scheiben war uralt, seine Blätter grau, er trug kaum noch Früchte, und die paar, die daran wuchsen, waren so sauer, dass sie keiner naschen wollte. Nicht mal die Kinder. Aber sie hatte bestimmt, dass der Weinstock nicht abgehackt wurde. Die Frau hinter dem Fenster im Sessel hatte keinen Sohn mehr. Der Krieg war in ihr Leben unbarmherzig eingebrochen, er hatte die Söhne genommen. Zwei Söhne, die ihre Hoffnung waren und denen ihre Liebe gehörte. Auf dem Schreibtisch hinter ihr standen ihre Bilder, der eine, ältere, in Uniform, ein unsicheres Lächeln im Gesicht, der jüngere, der zuerst gefallen war, bei einem Ort, dessen Namen sie nicht aussprechen konnte sie hatte ihn auf der Karte gesucht, aber nicht gefunden , blickte ernst. Er war ihr sehr ähnlich gewesen.
Verloren die Söhne, aus und vorbei das Leben, sie wollte sterben, aber sie konnte es nicht. Und sie saß hinter den Fensterscheiben, sah nach draußen und sah doch nichts und wartete auf den Tod, der nicht kommen wollte.
In ihrem Haus war es kalt, deshalb legte sie sogar im Sommer abends meistens einen schwarzen, löchrigen Fuchspelz um die Schultern. Sie fühlte sich krank, aber es war keiner da, der sie hätte pflegen können. Deshalb blieb sie nicht im Bett liegen.
Die Augen der Alten waren stumpf, und sie lebten nur, wenn sie ihren Enkel anblickten, den einzigen Sohn ihres älteren Sohnes. Ihre Augen sahen ihn an, und dann sahen sie wieder weg, und dann ergriffen sie Besitz von ihm, und die Frau stöhnte, dich will ich wenigstens behalten, dich, und dann nahm sie seinen Kopf und streichelte ihn.
Der Junge wagte es nicht, in das Gesicht der Alten zu sehen, wenn sie ihn an sich drückte.
Meistens zeigte sie ihm die Bilder ihrer Söhne. Er hatte sie oft gesehen, aber er hatte nicht den Mut, es der Alten zu sagen. Seine Mutter war zu dem anderen Mann gezogen. Sie ließ sich von der Mutter ihres ersten Mannes, die sie sehr erregt davon hatte abhalten wollen, nicht hindern.
Ein paar Tage später sagte die Alte zu dem Jungen, die, deine Mutter, kann gehen zu dem, du bleibst bei mir, befahl sie, bettelte sie. Hier, sagte sie und zeigte ihm ein paar Blätter beschriebenes Papier, habe ich aufgeschrieben, was die zu mir gesagt hat, wenn du achtzehn wirst, darfst du es lesen. Du wirst mich verstehen, sagte sie und presste ihn an sich.
Der Junge blieb wenigstens am Tage bei ihr. Ein kleiner, kümmerlicher Ersatz für ihre beiden gut geratenen Söhne, die sie nicht vergessen konnte, an die sie Tag und Nacht dachte, sie hatte nichts anderes mehr zu denken. Sie schleppte sich durch ihr Haus und deckte den Abendbrottisch in der Küche. Manchmal deckte sie sogar den Tisch für die Söhne mit. Sie redete sehr lange mit ihnen. Spät löschte sie das Licht und ging ins Bett. Vorher nahm sie eine Schlaftablette, sonst würde sie nicht mehr schlafen können.
Die Mutter des Jungen arbeitete am Tage auf dem Acker des Mannes, in dessen Haus sie lebte. Sie ließ ihrem Sohn viel Freiheit. Er konnte zu seiner Großmutter gehen, wann er wollte. Nur am Abend musste er zurückkommen. Schlafen durfte er nicht bei der Alten. Seine Mutter verlangte nicht von ihrem Sohn, dass er zu dem Mann, bei dem sie lebte, Vater sagte, nicht einmal Onkel. Sie überließ es ihm, wie er ihn anredete. Es ist nicht gut für den Jungen, wenn er so viel bei der Alten sitzt, sagten die Leute, wusste seine Mutter, aber sie ließ ihn gehen, wenn er gehen wollte, jeden Tag. Das war der Alten zu wenig.
Das werden wir noch sehen, wer dich kriegt, sagte sie zu ihm drohend und schepperte mit einer Tasse, und er konnte sie nicht ansehen in diesem Augenblick, weil er sich fürchtete.
Eine alte Frau, aber sie war auch einmal jung gewesen und hatte nicht zum Fürchten ausgesehen. Sie lebte im Vorkriegsberlin, im Kaiserberlin. Im Auguste-Victoria-Krankenhaus habe ich gearbeitet, sagte sie oft zu dem Jungen, wenn sie ihm die Bilder zeigte. Die Kaiserin hatte mal das Krankenhaus, das ihren Namen trug, besucht. Die Schwestern wurden ihr vorgestellt. Auch die Frau, für die es eine der großen Stunden ihres Lebens war. Seit dieser Zeit war sie kaiserfreundlich, und als die Zeit vorbei war, trauerte sie ihr nach, auch weil es ihre Jugend war, die damit zu Ende ging.
Wenn die Alte nicht am Fenster saß, saß sie unter der Lampe mit dem braunen, runden, gehäkelten Schirm, sie strickte oder umhäkelte Taschentücher. Damit hatte sie Geld verdient. Sie häkelte für die, die es sich leisten konnten, in den Wintermonaten Taschentuchspitzen. Für die Aussteuer höherer Töchter. Sie hatte von dem Geld die Ausbildung ihrer Söhne bezahlt.
In ihrem Schrank lag ein Stapel Taschentücher mit feinster Spitze, sorgfältig eingewickelt. Es war nicht die Zeit, Taschentücher zu verkaufen. Das Licht der Lampe war gelb und weich. Die Standuhr in der Ecke tickte in die Stille.
Helles Licht konnte die Alte nicht mehr vertragen, dann brannten ihre Augen. Sie häkelte oder strickte und redete mit ihren toten Söhnen, sie rief die Bilder an, sie erzählte ihnen, was vor langer Zeit, als sie noch gelebt hatten, passiert war. Sie sprach mit ihnen, als seien sie da, als säßen sie unter ihren Bildern, auf dem roten Samtsofa, in dem Ledersessel, das Leder war ziemlich zerrissen.
Wärt ihr doch nur zu Hause geblieben, sagte sie zu den Bildern, ich hätte euch schon versteckt, ich hätte euch geschützt, was hattet ihr auch da draußen verloren.
Sie schaltete selten das Radio an, aber nach Stalins Tod hörte sie alle Nachrichten ab. Nun, sagte sie voller Hoffnung, müssen sie die Jungs rauslassen. Manchmal blieb der Junge noch bis nach dem Abendbrot bei ihr und aß mit ihr in der Küche. An diesen Tagen stellte sie nur zwei Teller und Tassen auf den Tisch. Sie schmierte ihm das Brot, und sie goss ihm den Tee ein. Das könnte jeden Tag so sein, sagte sie.
Und die Leute sagten, es ist nicht gut, dass der Junge so viel bei der Alten hockt.
Er war noch bei ihr, als es gellend durch das Haus schrie, als ob einer verwundet sei, als ob einer sterbe.
Du bleibst hier sitzen, sagte sie zu dem Jungen und schlurfte dorthin, von wo es geschrien hatte. Das war von oben gekommen, aus dem kleinen Zimmer unter dem Dach. Darin wohnten die Frau und das kleine Mädchen, sie waren aus Ostpreußen gekommen, und die Alte hatte widerstrebend das Zimmer ausräumen müssen. Sie war durch den Schrei aufgeschreckt worden. Ihre Füße schlurften die Treppe hoch. Sie riss oben die Tür auf. Die Frau hing am Fensterkreuz. Das kleine Mädchen versuchte mit aller Kraft, sie herunterzureißen und stieß diese grauenvollen Schreie aus, die der Junge in der Küche unten hörte und die ihm Furcht einflößten.
Die Alte nahm das Messer, das neben dem geschnittenen Brot lag, für das kleine Mädchen geschnitten, das letzte Brot, die Frau wusste nicht, wie es weitergehen sollte, und schnitt den Strick durch. Die Frau lebte noch. Die Alte schleppte sie zum Sofa, bettete sie dort so gut es ging, die Frau war ziemlich schwer, und sie war schwach. Sie brachte die Frau ins Leben zurück, indem sie ihr mit der flachen Hand ins Gesicht schlug, bis diese die Augen öffnete. Die Alte stöhnte dazu, das machst du nicht noch mal, du. Solange, bis die Frau sie verwundert ansah, erstaunt und verlegen und leise sagte, nein, das mache ich nicht noch mal.
Da stand die Alte auf, strich ihre Kleider glatt und streichelte das kleine Mädchen, das sich ängstlich gegen das Sofa drückte, streichelte es, zog es an sich und stieß es wieder zurück und schlurfte dann weg und hielt den Nacken gebeugt und die Schultern hochgezogen.
Als sie in die Küche kam, sagte sie zu dem Jungen, es war weiter nichts, die Frau hatte sich in den Finger geschnitten.
Dann wusch sie sich unter der Wasserleitung die Hände mit Seife und sagte, gehen wir in die Stube.
Sie atmete noch schwer, als sie sich unter die Lampe setzte und anfing zu häkeln, das Licht fiel gelb und weich auf ihr Gesicht. Neben ihr, auf dem kleinen Tischchen, stand eine Tasse Pfefferminztee ohne Zucker, daraus nahm sie einen Schluck. Die Uhr tickte und der Junge sagte, so, nun muss ich aber gehen, sie wird warten.
Die Alte antwortete nicht, ihre Finger zitterten, das Häkelgarn war verknotet.
Die Wohnung war alt und langweilig. Als sie eingerichtet wurde, waren die Möbel neu und modern. Damals, in der Kaiserzeit, damals, als sie noch jung war, damals, als sie ihren Mann im Auguste-Victoria-Krankenhaus in Berlin kennenlernte. Er lag auf der Privatstation, er konnte es sich leisten, dort zu liegen, aber helfen konnte ihm das auch nicht.
Sie war Schwester, er war Patient. Ein junger Mann, Anfang zwanzig, fünf Jahre jünger als sie, die Ärzte sagten, dass er nicht mehr lange zu leben habe. Ein schwerkranker junger Mann, der an einer unheilbaren Krankheit litt. Sie war mit Leib und Seele Schwester. Sie kümmerte sich viel um den jungen Mann, der ihr leid tat. Er bat sie, seine Pflegerin zu werden, nur für ihn da zu sein. Der junge Mann war sehr reich.
Keiner sollte ihr vorwerfen, ihr, die aus ärmlichen Verhältnissen kam, ihre Eltern hatten ihr mit viel Mühe die Ausbildung als Krankenschwester ermöglichen können, sie habe nur das Geld des jungen Mannes gesehen.
Ja, es war so. Eine Zweckehe von beiden Seiten. Der Mann hatte die Pflegerin, die er brauchte, und sie war auf einen Schlag eine reiche Frau mit der Aussicht, ein noch viel größeres Vermögen zu erben.
Sie pflegte den jungen Mann hingebungsvoll. Erst im Krankenhaus, dann in seinem Dorf, weitab von Berlin, in seinem Haus, das er extra für die Hochzeit bauen ließ.
Nicht vorauszusehen war, dass der kranke Mann und sie noch zwei Söhne bekommen würden. Ihre Söhne, die sie erst nicht hatte haben wollen, die sie dann, als sie auf der Welt waren, fanatisch liebte. Sie war sehr stolz auf sie, die Söhne waren das Einzige, was sie hatte. Der kranke Mann und sie reisten viel, häufig waren sie während der Wintermonate in Italien oder in Südfrankreich. Während dieser Zeit versorgte eine Kinderschwester die beiden Söhne. Je älter sie wurden, desto weniger Ruhe hatte sie im Ausland, desto kürzer wurden die Reisen. Sie wollte in der Nähe ihrer Söhne sein.
Nicht vorauszusehen war, dass es in diesem blühenden Deutschland so etwas wie eine Inflation geben könnte, die das Geld wegfraß. Es blieb nicht viel davon übrig. Das war fast ein Schock für die Frau. Der Mann starb bald danach. Sie hatte es von Anfang an gewusst, dass er sterben würde, die Ärzte hatten ihr reinen Wein eingeschenkt im Auguste-Victoria-Krankenhaus in Berlin, damals hatten sie sie gewarnt vor einer Heirat.
Die Söhne waren gesund, das war für sie das Wichtigste. Der jüngere kränkelte als Kind allerdings häufig.
Sie schlug sich für ihre Söhne mit Gelegenheitsarbeiten und mit Handarbeiten so recht und schlecht durchs Leben. Die ehemaligen Freunde ihres Mannes, Molkereibesitzer, der Besitzer eines Sägewerkes, ein Lehrer und ein Arzt, reiche Leute, ein paar große Bauern dabei, ließen bei ihr die Handarbeiten für die Aussteuer ihrer Töchter anfertigen. Sie erfreute sich des Rufs, zuverlässig zu sein und ordentlich zu arbeiten. Sie häkelte oder klöppelte oft die Nächte durch. Sie lebte anspruchslos. Wenn einer im Dorf krank lag und gepflegt werden musste, half sie. Sie quälte sich. Das mussten selbst ihre Feinde anerkennen. Selbst vor Prozessen scheute sie nicht zurück. Sie kämpfte um das bisschen Land, und um jeden Pachtpfennig lief sie den Leuten die Häuser ein. Sie hatte deswegen viele Feinde. Sie wurde von allen als habgierig angesehen. Obwohl sie keine Ahnung von Landwirtschaft hatte, baute sie sogar mal ein paar Morgen Reseda an. Das sollte Geld einbringen, wurde aber nicht so richtig was. Wie sie für ihre Söhne gekämpft hatte, kämpfte sie um ihren Enkel. Als die Söhne ausgelernt hatten, konnte sie sich endlich Ruhe gönnen. Sie war alt. Aber da kam der Krieg. Der eine Sohn fiel, der andere blieb vermisst.
Sie lebte. Und sie fragte sich, weshalb sie lebte. Ihr Enkel lebte auch. Sie wollte ihn haben, ganz für sich allein. Er sollte bei ihr leben.
Deshalb lief sie im Winter der Schnee hatte die Straße meterhoch verweht, nicht mal die Kleinbahn fuhr, sie war unterwegs steckengeblieben in die Kreisstadt, vierzehn Kilometer, eingepackt in ihren alten, durchlöcherten, schwarz gefärbten Silberfuchspelz. Sie lief von einer Behörde zur anderen. Den Enkel will ich haben, verstehen Sie.
Ja, aber die Mutter hat sich doch nichts zuschulden kommen lassen. Hat sie doch, sagte die Alte, sie hat meinen Sohn vergessen. Sie lebt bei dem anderen Kerl. Das ist doch kein Grund.
Für die Alte war es Grund genug. Und dann haben Sie ja noch nicht mal eine Nachricht, dass Ihr Sohn nicht mehr lebt. Sie müssen ihn erst für tot erklären lassen, eine solche Möglichkeit gibt es, und dann hat alles seine Richtigkeit.
Das war wie ein Schlag in das runzlige Gesicht, in die tränenden Augen.
Sie zerschnitt das Band zu ihrem Sohn, der immerhin noch leben könnte und stellte den Antrag, ihn für tot zu erklären und den anderen Antrag, ihr das Erziehungsrecht für den Enkel zu übertragen. Wir werden die Sache prüfen, sagten sie beim Kreis sachlich. Und ihr war, als sie durch den Schnee zurückstapfte, als habe sie, sie selbst, ihren Sohn, von dem sie genau wusste, dass er nicht mehr lebte, nicht mehr leben konnte, sonst hätte er sich gemeldet, ermordet. Sie stapfte durch den Schnee, und kalter Wind wehte, und die Kälte biss ihr ins Gesicht und in die Augen. Eine kleine, verhutzelte Frau, die in einen schwarz gefärbten Fuchspelz gewickelt war. Bei dem Wetter kam kein Fahrzeug vorbei, das sie hätte mitnehmen können. Sie hätte sich wohl auch nicht mitnehmen lassen.
Und dann wartete sie auf eine Antwort vom Kreis. Es dauerte ziemlich lange. Die prüften dort sehr genau und gründlich. Die Todeserklärung für ihren Sohn bekam sie, nicht das Recht, ihren Enkel zu erziehen. Seine Mutter hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Dass sie mit dem anderen Mann zusammenlebte, war keine Schuld, es war natürlich, sie war eine junge Frau.
Aber die Alte gab nicht auf, so schnell nicht. Wo die Behörden versagten, musste sie noch lange nicht versagen. Sie hatte ihre Mittel. Das waren Schokolade und sogar eine elektrische Eisenbahn. Bevor sie sie kaufen konnte, hungerte sie ein paar Wochen, aber das erfuhr keiner. Die Geschenke zogen. Das Kind ist zu suchen, das Geschenken widerstehen kann. Und dem Versprechen, du kannst noch viel mehr haben, wenn du ganz zu mir ziehst.
Es waren zwei Frauen da. Seine Mutter und seine Großmutter. Und die Mutter hatte nicht viel Zeit, sich um den Jungen zu kümmern. Die Großmutter war immer da. Wenn er Fragen hatte und Probleme, gab sie Antwort. Sie saß und häkelte und hörte ihm zu, und sie schenkte ihm, was er haben wollte. Er sagte nicht, ich hätte gerne, sondern ich will.
Keine Zeit für Beifall von Gabriele Herzog
Zwischen
Alltag und innerem Anspruch entfaltet sich eine Geschichte über das, was oft
ungesehen bleibt.
Lesen Sie die Leseprobe und entdecken Sie die stillen Momente hinter dem
Sichtbaren.
"Das bißchen Money, Mensch, das juckt doch kein Ministerium. Okay, Lissy hat es geschafft. Glückwunsch. Aber wie steht's mit den größeren Dingen? An der Hochschule? In dieser Stadt? In diesem Land? Sich einmischen! Verändern? Wie denn? Den Leipzigern reißen sie ihre wertvollste Kirche unter dem Arsch weg und ..."
"Hör auf mit dieser Kirche", schrie ich. "Es ist doch nichts entschieden. Der Architekturwettbewerb, wie der Karl-Marx- Platz mal aussehen soll, ist gerade erst abgeschlossen. Stand in der Zeitung! Mußte nur mal lesen."
Stefan sagte trocken: "Sie werden sie trotzdem in die Luft jagen."
Aber ich wollte und konnte das nicht glauben. Die Paulinerkirche war das von den Bomben des zweiten Weltkrieges einzig verschont gebliebene Gebäude aus den Anfangszeiten der Leipziger Universität. Niemand konnte mit gutem Gewissen an den Aufbau einer neuen modernen Bildungsstätte gehen und gleichzeitig deren historische Wurzeln ausreißen!
Ratlos griff ich nach dem Becher voll Milch, der vor mir stand, trank und schüttelte mich. Ein entsetzliches Gesöff. Ich fragte nach einer Kneipe. Peter zuckte zusammen und sagte: "Du, entschuldige, ich wollte dich nicht ärgern. Und wenn du beleidigt bist, dann sollte ich gehen."
"Ich will nur was zu trinken kaufen", erwiderte ich.
Valerie lächelte, ließ sich durch Stefans düster werdendes Gesicht wenig beeindrucken, schwebte in die Küche und kam mit einer Flasche Rotwein wieder. Sie hantierte mit dem Korkenzieher, holte drei Weingläser und sagte zu Stefan, der keine Anstalten machte, ihr behilflich zu sein: "Sonst reicht die Milch nicht für dich."
Peter, Valerie und ich stießen unsere Gläser aneinander. Stefan guckte in die Luft, als ob er einer obszönen Handlung beiwohnen müßte. "Stefan, es ist keine Pisse", sagte Peter. Valerie und ich lachten laut und lange. Und Stefan, der einen solchen Satz einer Frau niemals verziehen hätte, suchte sich mit einem sehr gequälten Lächeln trotz allem mit Peter zu verbünden, um unser Gegacker besser ertragen zu können. Aber der ließ sich darauf nicht ein. Valerie, völlig außer Atem, sah Peter mit strahlenden Augen an und sagte: "Du bist wunderbar."
"Na fein", konstatierte Stefan und konnte seine Eifersucht kaum verbergen.
"Wirkliche Veränderungen", nahm Peter das Gespräch wieder auf, "gleich wo, zum Beispiel auch an unserer Hochschule, setzen zunächst personelle Veränderungen voraus. Ganz logisch. Aber wie soll das geschehen? Die Herrschaften wollen ihre Posten behalten. Das ist überall so. Wer einmal oben ist, will es auch bleiben!"
"Ich glaube nicht, daß man bei uns alle Dozenten rausschmeißen muß", wandte ich ein.
"Okay, alle wäre wirklich übertrieben", erklärte Peter. "Aber guck dir Doktor Schröder an. Seine Spezialstrecke hat er ganz passabel drauf, aber natürlich ist er nicht in der Lage, ein qualitätsvolles Hegelseminar durchzuführen. Moment, ich bin noch nicht fertig. Jetzt kommt's: Nun nimmt dem Schröder das keiner übel. Ich finde es nur beschissen, daß er nicht dafür jemand von der Uni besorgt. Nein, Hegel ham' wir nicht. Und warum? Käme ein Dozent von der Uni, fiele es Schröder schwer, die Fama aufrechtzuerhalten, kein anderer als er wäre wirklich kompetent in ästhetischen Fragen. Unseren Ästhetikunterricht wirst du also weder verbessern noch bereichern können, weil Schröder zum einen glaubt, er wüßte schon alles, und sich zum anderen keinen Konkurrenten engagieren würde."
Peters Arroganz regte mich auf. "Und weil du das alles so ganz genau weißt, läßt du die Dinge laufen, wie sie laufen?"
Fremder im Paradies von Wolfgang Schreyer
Spannung,
Misstrauen und politische Verstrickungen prägen diese Geschichte aus der Zeit
des Kalten Krieges.
Entdecken Sie in der Leseprobe den Auftakt eines packenden Spionageromans.
"Sir", sagte er in das Schweigen hinein, "mir war nicht ausdrücklich befohlen worden, Miss Conway festzunehmen. Ihr Befehl gestern am Telefon lautete: 'Falls einer von Ihnen sie sieht, soll er sie herbringen.' Das ist, wie ich glaube, nicht dasselbe wie ein Haftbefehl."
"Die eigentliche Fahndung", warf Coplon ein, "läuft erst seit Mitternacht, Commander."
"Sie habe ich nicht gefragt", sagte Scott.
"In Bendaja versprach mir Miss Conway", sagte Wolfe, "freiwillig mitzukommen. Ich war von ihrer Aufrichtigkeit überzeugt, da sie mehr und mehr mit mir zusammengearbeitet und mir zuletzt Victors Kamera ausgehändigt hatte. Ich ließ sie vorausfahren. Wegen der Truppenansammlungen auf der Militärstraße schlug sie vor, durch die Campbell Hills zu fahren, doch das machte mich nicht stutzig. Weder versuchte sie zu entkommen, noch rechnete ich damit. Für mich war sie zu diesem Zeitpunkt ja noch eine amerikanische Korrespondentin, die sich auf der Insel besser auskannte als ich." Er stockte und fing einen Blick Coplons auf, den er nicht zu deuten vermochte. Täuschte er sich, oder nickte Tom ihm zu?
"Erst im Hotel verlor ich sie aus den Augen. Es herrschte viel Betrieb in der riesigen Kellergarage. Miss Conway war einfach verschwunden, doch da wir uns meist formlos trennten und später wieder im Zimmer anriefen, gab ich nichts darauf. Ich hoffte, sie sei ins Marineamt gegangen."
"Sie hofften", sagte Scott. Seine Miene verriet, dass er nicht zuhörte, dass die ganze Erklärung ihn langweilte und nicht daran hindern würde, mit Wolfe abzurechnen. Er war zermürbt, doch noch kampffähig ein verwundeter Löwe, der keine Regel mehr kennt, sondern zuschlägt. Er winkte die beiden nach nebenan und ließ ein Tonband auflegen. "Gleich werden Sie nicht mehr hoffen, Leutnant."
Aus dem Gerät drang Wolfes eigene Stimme, sie klang hell, seltsam gelöst und enthemmt. Er wusste sofort, dies war die Bandaufnahme des Psychiaters. "Hier bleiben möchte ich, doch ohne Unterwassermedizin, Testabteilung und Co.", hörte er sich zu seinem Entsetzen sagen. "Wie ich diesen Kram hasse. Das Versteckspiel, die Heimlichtuerei, das dauernde Misstrauen. Die arroganten Burschen von der Jacht. Der Commander mit seinem 'Horizont', Tom mit dem Horchgerät, Sie mit Ihrem Tonband... Ich bin Taucher, Sir." "An wen denken Sie jetzt?" "Anja. Ob er sie verdächtigt? Sie trennt sich doch von Victor. Scott dreht heute durch. Verspricht mir einen Posten und droht mit dem Eismeer. Lässt nicht nach der Kamera tauchen. Will bloß noch den 'Fremden' fangen. Weshalb hat er das Kreuz ausradiert? Anderthalb Kabellängen vor No Name Reef..."
Scott hielt das Band an. "Hier bleiben möchten Sie, doch ohne uns", stellte er fest und heftete seinen Blick auf Wolfe blaue englische Granitaugen, in denen ein furchteinflößendes Glitzern saß. Er war nun wieder der Mann an der Spitze, der große Vorgesetzte, der jeden Widerstand bricht. Der Kapitän, der befiehlt, die Schotten zu schließen, obgleich die Heizer dahinter ersaufen; den nichts von seinem Vorhaben abbringen kann. Und offenbar hatte er vor, Wolfe zu vernichten, denn er fuhr laut und schonungslos fort, ohne daran zu denken, den Sergeanten hinauszuschicken: "Haben Sie beim No Name Reef nach der zweiten Kamera gesucht und dabei vielleicht etwas anderes gefunden? Nicht wahr, Sie hatten die erste und wollten die zweite auch noch bringen? Das war doch gestern Ihr Ehrgeiz! Heraus mit der Sprache!! Sind Sie gestern beim No Name Reef getaucht, sind Sie das?" Er keuchte schwer und bebte am ganzen Leib, hörte jedoch nicht auf, Wolfe anzustarren.
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In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem Petermännchen. Der Schlossgeist von Schwerin von Klaus Walter, ein neues, schön illustriertes Buch über den Schweriner Schlossgeist.