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Von Orbit bis Werkhalle – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

 

(Pinnow, 21.08.2026) – Diese Woche entführen unsere Sonderangebote auf fünf sehr unterschiedliche Reisen: Carlos Rasch lässt uns den Alltag von Raumfahrern und ihre irdischen Probleme miterleben, Wolfgang Schreyer verlagert Spannung an die Küste, Hans Bentzien öffnet Einblicke in Begegnungen mit politischen Verantwortungsträgern, Wolfgang Held führt durch Erinnerungen eines Filmemachers, und Hasso Grabners „Die Zelle“ zeigt, wie sich Widerstand im Alltag einer Fabrik formt. Gemeinsamer Nenner dieser Titel sind Entscheidungen unter Druck – kleine Handlungen, die große Folgen haben, ob zwischen Sternen, Paragraphen, Protokollen, Tagebuchseiten oder an der Fräsmaschine.

 

Vom Freitag, dem 21. August, bis Freitag, dem 28. August 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.

 

Raumlotsen von Carlos Rasch

 

Carlos Rasch zeichnet in episodenhaften Abenteuergeschichten eine nicht zu ferne Zukunft: den Raumfahreralltag im Sonnensystem, Bedrohungen aus der Tiefe des Alls, die Dinge, welche unsere Nachkommen bewegen könnten.

 

Während die Science Fiction die Leser meist von der Erde weg in den Kosmos entführt, geht dieser Buchband in sechs Geschichten über RAUMLOTSEN den umgekehrten Weg: Sie erzählen mit »Und ringsum nur die Sterne« von der Erkundung des Trümmergürtels zwischen Mars und Jupiter, in »Vandalus« von treuer Kameradschaft bei einer Mission am Rande des Sonnensystems, und in »Diamanten von Pupurgrazia« über die Beschaffung seltener Rohstoffe mit Hilfe von Mutanten. In den drei Geschichten »Verlobung im Orbit«, »Raumschlepper HERKULES« und »Absturz beim Prüfungsflug« treten die menschlichen Probleme erdnaher Raumfahrt in den Vordergrund.

 

Die Hauptakteure sind ein Dreigestirn: Der legendäre Altraumfahrer Ben, die Raumfahrtpsychologin Cora und der Kadett der Raumflotte Jan!

 

Im Verlaufe des abenteuerlichen Geschehens in „Orbitale Balance“ bekommt es der Jungastronaut Jan mit einem geheimnisvollen Mann namens Puppmann zu tun. Verwilderte Roboter, die ihn für ein Gerät halten, das zu reparieren ist, machen ihm in »Hotel für Fabrikate« zu schaffen. Ferner setzen ihm Raumpiraten zu. Astronauten machen auch Urlaub, natürlich auf Erden. Doch selbst dort bleiben sie nicht von Abenteuern verschont. Als Cora sich auf einer Meeresfarm in der Karibik bräunt, muss sie aus heiterem Himmel eine Invasion von Kraken abwehren.

 

In »Aktion Meteoritenstopp« ist der Raketenfriedhof Umfeld für die beiden Handlungsorte Raumfahrtmuseum und dem Raumschiff der Piraten »Stern von Magreb« als Plätze der Versöhnung eines uralten über 2000 Jahre anhaltenden Völkerstreites. Das geschieht während eines unplanmäßigen Meteorfalls, bei dem zum Erstaunen der Menschheit der legendäre und hochverehrte Altraumfahrer Ben die Fronten wechselt, um Raumpiraten beizustehen, die Gold aus Mondbergwerken zur Erde schmuggeln. Was steckt hinter dieser Fahnenflucht gerade bei Bens letztem Einsatz im Auftrag der Raumflotte vor Ausmusterung ins Rentenalter?

 

In „Daheim auf Erden“ erleben die drei Raumlotsen weitere Abenteuer auf der Erde, im Orbit, auf Merkur und Mond - und sogar in einer fernen Zukunft, in der es die Menschheit nicht mehr gibt.

 

Den Abschluss der Raumlotsen-Saga bildet ein Episodenroman, dessen Handlung auf der Siedlungswelt JUWELA spielt. In der Gesellschaft aus Nachkommen von Erdbewohnern, die in drei verschiedene Gruppen geteilt ist – die einfachen Siedler, über etwas moderne Technologie verfügende Orbitaner und die meist in Tiefschlaf liegenden Raumfahrer von der von Menschen verlassenen Erde – verschärfen sich nach zweihundert Jahren die Gegensätze bis zur offenen Auseinandersetzung.

 

Kriminalkommissar Wendt ermittelt von Wolfgang Schreyer

 

In einem Dorf an der Ostsee wird innerhalb kurzer Zeit in Datschen wohlhabender Leute eingebrochen; kostbare Antiquitäten und technische Ausstattungen werden entwendet.

 

Die Kriminalpolizei ahnt: Hier sind Kenner am Werk.

 

Doch gemessen an Hauptmann Wendts früherer Tätigkeit scheint diese Einbruchsserie banal. Bis ein Mensch zu Tode kommt. Und - bis Wendt sich in die schöne und selbstbewusste Jenny verliebt.

 

Für Hauptmann Wendt entsteht eine ungewöhnliche Situation: Seine Arbeit und seine Liebe beginnen einander zu zerstören.

 

Nebel: Kriminalkommissar Wendts 2. Fall: „Wer mit Sprengstoff hantiert, der fliegt leicht selber in die Luft", hatte der Schriftsteller Richard Nebel kurz vor seinem plötzlichen Tod zu dem Kriminalisten Wendt gesagt. Hatte er da vielleicht auch an den Stoff für seinen geplanten Politthriller gedacht? Dann hätte ihm das Wissen um die Gefahr allerdings wenig genützt. Christian Wendt jedenfalls hat Zweifel an einem Unfalltod Nebels und mit einem Mal den Verdacht, dass in dem Land, dem er mit Leib und Seele dient, das staatlich organisierte Verbrechen längst eine feste Größe ist.

 

Christian Wendt, mit Leib und Seele Polizist, schließt ein Verbrechen nicht aus und gerät bei dem Versuch, zwei Herren zu dienen - der Wahrheit und seinem »Staat« -, in ein Netz von Erpressung und Betrug, Lüge und Mord, von Bestechung und Angst und schließlich in die Fänge jener Organisation, der womöglich auch Nebel zu nahe gekommen ist.

 

Schließlich: Ein verfilzter Fall für Kriminalkommissar Wendt: Mehr als zwanzig Jahre nach dem Abitur muss er gegen seine früheren Schulfreunde ermitteln. Der gewaltsame Tod des ehemaligen Zeichenlehrers hat aus dem Quartett von damals ein Trio gemacht, und jedes der Mitglieder ist auf seine Art in den Mordfall verwickelt. Kommissar Wendt wittert ein Wirtschaftsdelikt im ganz großen Stil ...

 

Meine Sekretäre und ich von Hans Bentzien

 

Hans Bentzien ist auf verschiedene Weise mit den führenden Sekretären der SED auf seinem Lebensweg zusammengetroffen, von einer rührenden Begegnung mit Wilhelm Pieck bis in die jüngste Gegenwart. Sein Schicksal wird von allen Sekretären direkt oder indirekt berührt, sogar bestimmt; und er war selbst Sekretär in voller Funktion.

 

Der Autor kennt sich also aus und ist befugt, seine Geschichte mit der des Landes zu verknüpfen. Bekanntes wird sachkundig erörtert, Unbekanntes hervorgebracht. Ein Menschenschicksal, Zeitgeschichte, Geschichte und Geschichten.

 

Vorangestellt sind Geheimdokumente über die Vorgänge um den Film „Geschlossene Gesellschaft", in die der Autor verstrickt war.

 

Ich erinnere mich. Aufzeichnungen, Reisen und Tagebücher von Wolfgang Held

 

WOLFGANG HELD, der Autor des international erfolgreichen Films und des danach entstandenen Romans „Einer trage des anderen Last" erzählt aus seinem Leben, über Freunde und Kollegen, von seinen Reisen, und er zitiert Passagen aus seinen Tagebüchern.

 

„Ich erinnere mich" ist Wolfgang Helds beeindruckende Schilderung seines reichen literarischen Schaffens ebenso wie das überzeugende Bekenntnis seines politischen Lebens. Wolfgang Held zählte zu den wichtigsten Szenaristen der DEFA und des DDR-Fernsehens. Seine Romane, Kinderbücher und Abenteuergeschichten erfreuen sich nach wie vor eines ungebrochenen Leserinteresses. „Ich erinnere mich" ist ein Buch zur Zeitgeschichte und ein anregendes Lesebuch zugleich.

 

Die Zelle von Hasso Grabner

 

Der Friday for Future-Titel der Woche ist „Die Zelle“ von Hasso Grabner. Die Geschichte einer Betriebszelle, die unter härtesten Bedingungen Solidarität practiziert und durch bewusstes, kollektives Handeln gegen Kriegsproduktion interveniert, bietet eine direkte thematische Brücke zur Forderung von Friday for Future: dass Verantwortung, Alltagsentscheidungen und gemeinsames Engagement die Zukunft mitgestalten können.

 

Antifaschistischer Kampf - über neun Jahre hinweg bedeutet das für die Kommunisten der Fräsmaschinenfabrik „Meier & Sonntag“, alle anzuhalten zu nur ausgezeichneter Arbeit, Fräsmaschinen höchster Güte herzustellen für den Auftraggeber Awtosawod Gorki aus der Sowjetunion (er bewahrte 1932 den kapitalistischen Betrieb davor, seine Arbeiter auf die Straße setzen zu müssen). Qualitätsarbeit - das heißt für sie, Stärkung des ersten sozialistischen Staates der Welt, arbeiten für die Verwirklichung eigener Träume. Nach dem 22. Juni 1941, dem heimtückischen Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, ändern sich über Nacht Aufgabe und Taktik. Den Auftrag von Messerschmitt, dessen Bomber die verderbenbringende Last gegen das Land ihrer Sehnsucht fliegen, gilt es geschickt und wirkungsvoll zu sabotieren. Auch in dieser Situation bewährt sich die Betriebszelle der Partei.

 

Die folgenden Leseproben öffnen jeweils eine Tür zu einem Schlüsselmoment: sei es ein Adrenalinschub im Orbit, die Verwicklung eines Kommissars, eine intime Begegnung, ein erinnerter Reisesplitter oder der für einen Widerstand so typische Augenblick des Abwägens.

 

Raumlotsen von Carlos Rasch

 

Carlos Rasch legt den Fokus auf die Leute hinter den Raumanzügen: Die Leseprobe führt in eine Szene, in der Raumfahrerinnen Urlaub auf der Erde machen und doch von unerwarteten Gefahren eingeholt werden.

 

Monate danach fanden Timako, Solano, Beo und Hyad in der Botschaft von Epsilon Eridani etwas, was ein Schlüssel zur Entzifferung sein könnte. Sie hatten die Zeichen auf Dutzende von Arten verglichen: Mathematische, physikalische, chemische und auch andere Denkansätze dazu ausprobiert. Sie zerlegten die Signale in jede nur erdenklich Ordnung auf der Suche nach der einfachsten Reihung. Dann endlich zeigte sich ein Anhaltspunkt. Dabei halfen Teile des Bordcomputers, den sie nach noch funktionsfähigen Elementen geprüft hatten, sodass daraus ein Hilfscomputer entstand.

 

Auch zwei der vier Aggregate des Triebwerkes waren provisorisch am Bug montiert worden, unterstützt von jenen Robotern, die den Crash überstanden hatten. Die beiden V-Schenkel erhielten gleichmäßig Schub. Der Rückflug in Richtung innere Regionen des Sonnensystems hatte begonnen. Dennoch würde das Wrack länger als normalerweise unterwegs sein. Aber es würde wenigstens in die Nähe des Trümmergürtels zwischen Mars und Jupiter gelangen.

 

Sie trafen sich erneut zu einer Beratung. »Das letzte Jahr bricht an für uns. Wie wollen wir es verbringen? Mit welchen Aufgaben?«, fragte Solano feierlich.

 

»Keine. Eine letzte Entscheidung ist zu fällen«, antwortete Beo.

 

»Was für eine?«, drängte Timako.

 

»Arbeiten wir alle weiter, so lange als möglich? Oder beschließen wir: Einer muss durchkommen?«, erklärte Hyad.

 

»Es war ausgemacht, dass für uns der Krug gemeinsam zur Neige geht. Gemeinsam erreichen wir mehr bei der Entzifferung der Texte vom Epsilon Eridani als nur einer, der sowieso nie lebend gefunden wird«, begehrte Timako auf. »Zepar hat uns mit seinem Freitod verdeutlicht, dass allein schon der Gedanke eines Vorteils für einen von uns verwerflich ist.«

 

»Je länger ich grübele, um so klarer wird mir: Einer, der jahrelang im Wrack lebt, hat mehr Chancen, in die Reichweite eines Raumschiffes von der Erde zu gelangen, als vier«, argumentierte Beo. »Vielleicht gelingt es dem einen, ein Funkwarnfeuer zu manipulieren, die Bahndaten unseres Wracks weiterzuleiten. Nur so kann die Raumflotte von den Eridani-Zeichen erfahren.«

 

»Wen schlägst du vor?«, fragte Timako stockend.

 

»Es muss der gesündeste von uns sein«, sagte Hyad.

 

»Wer ist das? Sieh uns alle an, wie hohlwangig und mit was für dunklen Augenringen wir uns gegenübersitzen«, stellte Zepar fest.

 

»Dann der Jüngste, logischerweise«, murrte Hyad.

 

»Richtig«, bestätigte Beo. »Das ist Solano.«

 

Solano zuckte zusammen. »Nein!«, rief er. »Kein Mensch ist wertvoller als ein anderer! Ich will euch nicht verlassen, und ihr dürft mich nicht verlassen. Schwört es, schwört!«

 

»Drehe nicht durch!«, herrschte Hyad ihn grob an. »Fühlst du dich nun für Imolas Vermächtnis verantwortlich oder nicht?«

 

Kriminalkommissar Wendt ermittelt von Wolfgang Schreyer

 

Wolfgang Schreyer zieht den Leser an die Ostseeküste: Die Probe beginnt mit einer scheinbar banalen Einbruchsserie, die sich zu einem tödlichen Fall und zu einer Zerrissenen Entscheidung für Kommissar Wendt verdichtet.

 

Es tut elend weh, kein Blut in den Händen, die immer schwerer werden. Versuche, die Finger zu bewegen! Gut, dass es hell wird. Fast alle anderen sind in Jeans, du bist die Ausnahme, das reizt den Kerl. Schon wieder sein Knüppel glatt poliert im Nacken, am Rückgrat abwärts, vor die Brust getippt und nun höhnisch unters Kinn. Das zeigt deutlicher als Worte, du musst parieren, er genießt es, dir turmhoch überlegen zu sein. Ihn freut das erbärmliche Stück Macht, weil er selber sonst kuschen muss.

 

Und die Pöbelei der Übrigen, wenn der Trupp sich nähert: »Pisser, Penner, Assis ...« - »Stehen, bis sie weich sind.« -»Wer abrutscht, darf noch mal.« - »Meine steht gut im Schuh.« - »Die Fotze da ist auch hübsch zäh.« (Es klingt, als schließe man Wetten ab.) »Haben uns aufhängen wollen, ehj.« - »Dem stehen wohl die Zähne zu eng?« - »Wenn der Fisimatenten macht, schlag ihm die Scheiße aus dem Leib.« - »Der Arsch von der Firma macht wieder Terror.« - »Madam, woher das Pflaster? Was gehst du mit der Figur auch auf die Straße? Das kannst du bei uns leichter haben.« - »Wer nicht spurt, kriegt 'ne Abreibung.« - »Die machen wir fertig, gleich wird man sie sprinten sehen« - »Das mussten die jedes Wochenende kriegen.« - »Und zwar einzeln, individuell.« - »Bis denen das Wasser im Arsch kocht.«

 

Landsknechte, denkt Jenny. Die Zeiten der Ketzerjagd. Unglaublich, dass diese Typen zur Schule gegangen sind. Das also hat der Sozialismus auch hervorgebracht. Plötzlich nichts mehr. Sie sind weggeschlurft; weiter. Ihr Ton ist ätzend, empörend das ganze Betragen, die Behandlung hier, selbst wenn man ihnen zugutehält, dass sie seit Tagen Bereitschaft haben und nach ihren Reden kaum aus der Uniform gekommen sind. So darf ein Mann nicht verludern, auch wenn er glaubt, im Bürgerkrieg zu sein. So benimmt sich kein Polizist, einerlei, was man ihm erzählt haben mag über die Opposition. Es sei denn, seine Oberen peilen die chinesische Lösung an und geben ihm grünes Licht, den Freibrief für Niederträchtigkeit im Vorfeld des Himmlischen Friedens.

 

Das Zerren im Unterleib nimmt zu, der Druck auf die Blase wächst. Als der Bewacher hinter ihr vorbeistreift, sagt sie: »Ich halt's nicht mehr aus ...«

 

»Beleg mich nicht von der Seite.«

 

»Ich muss mal.« Es klingt wie im Kindergarten.

 

»Schon wieder? Hochziehen und ausspucken!«

 

»Verzeihung, aber es ist unerträglich.«

 

»Pissnelken seid ihr. Schwitz es durch die Rippen.«

 

»Bitte, es geht nicht mehr.« Nur Betteln kann ihn erweichen.

 

Endlich sagt er: »Na ja. ich bin kein Unmensch. Los, hock dich hin, mach Pipi.«

 

Sie kauert nieder, fühlt erst Erleichterung, dann Scham. Es macht sie so wahnsinnig klein, ihr Kopf auf der Höhe seines Schritts, gebieterisch steht er vor ihr, dürfte zehn Jahre jünger sein.

 

»So human sind wir«, sagt er. »Verdient hast du's nicht, du Schnepfe. Ihr wolltet uns fertigmachen, ja? Nun aber Schluss. Hose hoch, in Fliegerstellung! Nutz meine gute Laune nicht aus zum Schummeln. Einen Meter weg von der Wand und Botten auseinander ...« Die alte Litanei. Mit dem Stock korrigiert er ihre Haltung.

 

Jenny bebt vor Kälte, vor Wut, vor Angst, es nicht länger durchzustehen. Die Hände kribbeln, die Arme schlafen ihr ein, es zuckt in der Wade, ein Krampf kündigt sich an. Sie verringert den Abstand der Füße, rückt der Wand heimlich näher, legt die Handflächen auf, um den Muskelschmerz zu mindern. Sie muss es schaffen, wer schlappmacht, den prügeln sie hoch.

 

Das hat sie seit Mitternacht gelernt: Widerstand ist Warten, Schlottern, Quälerei in wechselnden Gängen und Höfen, ist Hundegebell, Hunger und Durst; nicht mal das Nötigste geben sie dir. Sich engagieren heißt hierzulande, kaum zu ahnen, wo du bist und was sich rings um dich tut. In Lastwagen durch die Stadt zu rumpeln, auf der Suche nach Zellen, nach Haftmöglichkeit und Vernehmungskapazität in überquellenden Revieren. Opponieren heißt, dich auf Kommando zu entkleiden, unter Aufsicht zur Toilette zu gehen, wenn überhaupt, und es bei offener Tür zu tun. Aufrechter Gang, das sind Spaliere prügelnder Bullen, Spießrutenlauf an jeder neuen Station, hechelnde Köter und die Furcht vor ihren Bissen. Menschliche Würde, das ist der Laufschritt treppauf, treppab, getrieben durch Knüppel, falls du zu langsam bist, Tritte in die Waden ... Viehauftrieb, gehetzt von Rufen wie »kommste-kommste«, »Mensch-Mensch-Mensch« und »Tempo, du Gurke, oder ich mach' dir Beine! So was Lahmes wie du braucht wohl nen Tritt in den Arsch!«.

 

Meine Sekretäre und ich von Hans Bentzien

 

Hans Bentzien öffnet ein privates Zimmer der Zeitgeschichte: Seine Passage zeigt eine persönliche Begegnung mit Wilhelm Pieck und macht deutlich, wie intime Situationen staatliche Pflichten berühren können.

 

Seit 1963 saß ich in den Ministerratssitzungen und in der Kommission zur Ausarbeitung des neuen Schulgesetzes neben seiner Nachfolgerin. Margot Honecker, aus einer hallischen antifaschistischen Familie stammend, arbeitete vor allem in FDJ-Funktionen des Kreises und Landes, 1949 wurde sie Vorsitzende des Pionierverbandes und überreichte als jüngstes Mitglied der Volkskammer Wilhelm Pieck einen Blumenstrauß mit dem Gelöbnis der Jugend. Es ist also anzunehmen, dass Erich Honecker sie bereits im Blickfeld hatte, bevor er sie nach der Scheidung von der biederen, ausstrahlungsarmen Edith Baumann heiratete. Sie besaß den Charme einer jungen Frau, hinter dem sie eine gehörige politische Routine versteckte. Eine angestrebte pädagogische Ausbildung an der Humboldt-Universität brach sie ab, der einjährige Schulbesuch an der Komsomolhochschule in Moskau sollte genügen, um sie im Kulturministerium einzusetzen, aber daran scheiterte sie intellektuell, wie sie überhaupt oberflächlich-burschikos unerwartete Probleme behandelte oder abwies.

 

Nunmehr arbeitete das Ministerium für Volksbildung mit ihrem Amtsantritt an dem neuen Bildungssystem. Die damit verbundenen, die ganze Gesellschaft umfassenden Probleme bearbeitete eine Regierungskommission, die Alexander Abusch leitete. Ein gewisser Vorteil, den die Volksbildung aus ihrem Ministeramt zog, bestand in Gehaltserhöhungen für Lehrer und Erzieher. Sie kannte die internen Fäden und nutzte die Bekanntschaften mit vielen Politikern, die sie vor den Karren der Volksbildung spannte, teils zu deren Vorteil, aber auch zum Nachteil. Zuerst war sie noch darauf bedacht, dass kein äußerer Zusammenhang zwischen ihrer Funktion und ihrem Einfluss als Frau des ersten Mannes der Partei bestand, doch später änderte sich das.

 

Unerbittlich in ihrem eingeschränkten Schwarz-Weiß-Denken, forderte sie bereits 1975 auf einer Pionierleiterkonferenz, die Jugend den Kommunismus zu lehren. Daraus folgerte sie, wehrpolitische Unterweisungen im Unterricht zu erteilen. Während die meisten Eltern die höheren Ansprüche des polytechnischen Bildungssystems unterstützten, kritisierten sie die Schulen, als dieser Schritt eingeführt wurde. Gerade dieser Punkt war Grund für eine oppositionelle Haltung pazifistisch denkender Staatsbürger und blieb bis zum Schluss ein Zankapfel. Sie musste auf diesem Gebiet einen Rückzug anordnen.

 

Ihre Ehe mit Honecker verlief offensichtlich nicht durchweg glücklich. In den sechziger Jahren wandte sie sich einem bekannten Schauspieler zu, beide hatten ein Kind miteinander, und nur eine Aussprache im Politbüro, wo auf die Einhaltung der Parteidisziplin und -moral bestanden wurde, hinderte sie, sich scheiden zu lassen. Solche Dinge, wie auch die Verhältnisse Erich Honeckers, gehörten in der DDR nicht in die Öffentlichkeit. Niemand sollte etwas davon erfahren, und wer damit bekannt wurde, behielt es für sich. Es mag aber durchaus damit zusammenhängen, dass sie durch die unglücklich verlaufene Ehe und die zunehmende Unnahbarkeit ihres Mannes die Bestätigung in der strengen, oftmals unfraulichen Durchsetzung ihrer Erkenntnisse fand. Als sie der Witz erreichte, die riesige Baugrube des Palastes der Republik sei angelegt worden, weil vermutet würde, jemand hätte dort unten ihr Diplom versteckt, soll sie blass geworden sein.

 

Zum Schluss gehörte sie immer noch zur Hardliner-Fraktion, war gefürchtet, aber nicht beliebt. Eigentlich hätte das ähnliche Schicksal einer ihrer Vorgängerinnen, der Frau des Staatssicherheitsministers Zaisser, die auch das Ministerium für Volksbildung drangsalierte, Warnung sein sollen, Frauen von Politikern in führende Stellungen zu bringen, ihnen Orden oder Ehrenpromotionen anzutragen.

 

Als meine Frau Gisela einmal aufgefordert wurde, ein wichtiges Amt zu übernehmen, lehnte sie mit Hinweis auf ihren Beruf und unsere Kinder ab. Einer müsse doch die Familie zusammenhalten, meinte sie.

 

Am Ende der DDR hielt Margot Honecker zu ihrem Mann, teilte mit ihm die verschiedenen Fluchtquartiere, war aber - wie er - nicht in der Lage, ein Schuldeingeständnis zu äußern. Sie ging einfach in Rente. Bei ihm wie bei ihr war das eigentlich tragische Element, dass sie auf politische Veränderungen nicht vorbereitet waren.

 

Im Spätsommer 1965 fuhr eine Partei- und Regierungsdelegation nach Moskau, um ein Wirtschaftsabkommen, das eine noch engere Verflechtung der Volkswirtschaft beider Länder vorsah, zu unterzeichnen. Doch es kam nur eine Vereinbarung über technisch-wissenschaftliche Zusammenarbeit zustande. Zum ersten Mal war es geschehen, dass Breshnew, der Generalsekretär der KPdSU, seinen Partner aus der DDR nicht empfing. Ulbricht musste sich mit Podgorny, dem formalen Staatsoberhaupt, abfinden. Das bedeutete, die bisherige Linie musste geändert werden. Das wurde auch klar, als Anfang November Breshnew, der Vertreter des Militärkomplexes in der UdSSR, nach Berlin kam, um im Politbüro seine Linie und seine Forderungen darzulegen. Bereits im August hatte Ulbricht informiert, dass die Aufklärung einen bevorstehenden Rollback-Versuch der Mauer gemeldet hätte. Eine große Koalition von CDU und SPD sei dafür in Bonn in Vorbereitung (sie kam dann ein Jahr später zustande). Es sei also, führte Breshnew aus, nicht Dezentralisierung und ökonomischer Wildwuchs auf unterer und mittlerer Ebene notwendig, sondern stärkere Zentralisierung und Zusammenarbeit auf höchster Ebene unter Ausnutzung der wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten der DDR, auch in der Raumfahrtindustrie, das hieß Aufrüstung der Raketensysteme und ihrer Träger. Die DDR wurde zur Rüstungskasse gebeten und musste mitmachen, war sie doch fast vollständig auf die Einfuhr von wichtigen Rohstoffen aus der Sowjetunion abhängig.

 

Mit dieser Auskunft zog Breshnew wieder gen Moskau, und der sorgfältig gebaute Fünfjahrplan, der am 1. Januar 1966 beginnen sollte, war nur Makulatur. Zwar erhielten Günter Mittag, Sekretär des ZK, und Apel sofort den Auftrag, einen neuen Plan bis zum 11. Plenum am Jahresende vorzulegen, aber das war utopisch. Der Vorsitzende der Plankommission, Apel, erschoss sich in seinem Dienstzimmer, er sah keinen Ausweg mehr. In dieser Situation, die bereits seit September deutlich wurde, nahm Ulbricht einige Vorkommnisse zum Anlass, die Jugendpolitik zu ändern. In Westberlin hatten die Fans der Rolling Stones die Waldbühne demoliert, in Dresden und anderswo die Filmfans des Streifens »Die glorreichen Sieben« eine Freilichtbühne. Dazu kamen einige Schlägereien und ähnliche Vorkommnisse bei Tanzveranstaltungen.

 

Nun waren die »Gammler« im Visier. Schon immer befürchteten die Oberen, dass von den Beatles und ihren Anhängern eine ideologische Gefahr ausging. Das unfromme Gehabe, die lässige Kleidung, die ungewohnten Töne brachen mit allen Gewohnheiten. Dieser Zug aus dem Westen ergriff mehr oder weniger die Jugend. Waren es anfangs dicke Gummisohlen und Ringelsocken, kamen später die Jeans hinzu, und das yeah, yeah, yeah ärgerte Ulbricht so stark, dass er es krähend mit seiner Fistelstimme nachäffte, um zu zeigen, wie unausstehlich es sei. Als letzter Schrei der Mode waren gerade lange Haare für die Jungen angesagt, passten die denn unter den Stahlhelm? Dieses Zeichen des Protestes, der Entziehung von den braven Modevorschriften des Staatlichen Modeinstituts galt als Beweis für die Auflehnung gegen die Norm, und es wurde demonstriert, dass der Staat solches nicht wünschte. Organisierte junge Männer mit entsprechender Ausbildung griffen die Langhaarigen auf Straßen und Plätzen in verschiedenen Städten und schleppten sie in die Friseurläden.

 

Im Bezirk Leipzig setzte der 1. Bezirkssekretär der SED, Fröhlich, unter Bruch des Hausfriedens »wütende FDJ« gegen die auf Westempfang installierten Antennen ein, musste aber diese Aktion einstellen, als die ersten Anzeigen bei der Justiz eingingen. Paul Fröhlich war Choleriker und Menschenfeind von Grund auf. Der gelernte Feldkoch hatte auch die Manieren eines Landsknechts, bar jeder Hemmung schrie er verbittert auf Leute ein. Selbst der Oberbürgermeister von Leipzig, Walter Kresse, ein Mann von Charakter, entkam nicht seinen Angriffen, als bekannt wurde, dass ein neues Weinlokal den Namen »Falstaff« erhalten hatte. Auch der Generalintendant des linientreuen Leipziger Theaters, Karl Kayser, Mitglied des ZK der SED, entging wegen eines missliebigen Stückes auf dem Spielplan nicht der öffentlichen Schelte.

 

Nunmehr wollte Fröhlich mit mir noch eine Rechnung aus dem Vorjahr begleichen. Damals wurde mir von seinem Verantwortlichen in der Kulturverwaltung zur Kenntnis gebracht, dass die Universitätskirche gesprengt werden sollte. Da ich der oberste Denkmalpfleger war, musste sofort gehandelt werden. Ich wies an, er solle sofort an Ort und Stelle gehen und einen Bericht per Fernschreiben durchgeben. Die Vermutung verstärkte sich, Arbeiten eines Sprengkommandos waren nicht zu übersehen. Es war zwar schon Freitagabend, aber ich rief den Innenminister an, der Diensthabende war sein Stellvertreter, General Dickel. Er versprach, sofort einzugreifen, nachdem er festgestellt hatte, dass militärische und polizeiliche Einheiten nicht beteiligt waren. Die Firma für die Sprengung kam vom Bergbau, denn andere verfügten nicht über Sprengmittel. Dickel setzte eine Bereitschaft der Volkspolizei ein, die Kirche wurde geräumt. In der nächsten Politbürositzung am Dienstag wurde als erster Tagesordnungspunkt das Verhalten der Genossen Dickel und Bentzien diskutiert. Ulbricht war bei solchen Anlässen und Konflikten nicht immer anwesend, dafür aber Fröhlich, sein junger Mann in Leipzig, aus seiner Geburtsstadt: Am Karl-Marx-Platz dürfe keine Kirche stehen. Bei der Neubebauung sei sie nicht vorgesehen, also müsse sie weg. Das alles geschah ohne Zustimmung des Stadtparlaments, ohne irgendwelche Öffentlichkeit.

 

Den Vorsitz in der Politbürositzung führte Honecker. Als Fröhlich das Wort nahm, schrie er auf mich ein, bis ich in eine Lücke der Wortkaskaden hinein sagte: »Wer eine Silbermann-Orgel in die Luft sprengen will, ist ein Verbrecher, genauso wie die Flieger, die Leipzig und Dresden im Krieg zerstört haben, aber damals war Krieg.« Dann wurde ich aufgefordert zu sprechen. Ich legte dar, dass die alte Kirche schon viele Zweckentfremdungen und Angriffe gesehen hätte, sie war Pferdestall unter napoleonischer Besatzung und im zweiten Weltkrieg hätten Leipziger Bürger die Brandbomben erstickt oder vom Dach hinuntergeworfen. Vernichtung wäre das Schicksal vieler Bauten gewesen. Die Universitätskirche aber hatte in der Frühaufklärung, in den Diskursi gegen die Dunkelmänner, die zentrale Rolle gespielt, hier lägen sie begraben, die Kirche sei so etwas wie das Friedrichsfelde der deutschen Frühaufklärung. Da sie staatliche und Universitätskirche sei, wäre ich dafür, dass sie als Aula in die neue Universitätskonzeption einbezogen würde, damit die jungen Doktoren ihren Hut auf den Gräbern der Lehrer Goethes empfingen und wüssten, auf welcher Art Fundament sie stünden.

 

In der Debatte unterstützte niemand den Barbarenakt, Honecker schloss die Sitzung: »Bentzien und Dickel haben sich richtig verhalten.« Heute ist ein Brief bekannt, den Fröhlich an Honecker geschrieben hat, in dem er meine Haltung, die Kirche zu schonen, angreift, und der auf Informationen des Verantwortlichen für Kultur beruht. Dieser trug die Last auf zwei Schultern. Am Tag danach wurde ich zu Honecker gerufen, er fragte, warum ich so an den alten Denkmälern hinge. Natürlich sei das Verhalten Fröhlichs reine Willkür gewesen, aber er wolle wissen, was man mit den vielen Kirchen machen solle und wie viel die Restaurierung der Universitätskirche vor einiger Zeit gekostet habe. Ich antwortete wahrheitsgemäß, etwas über drei Millionen. Dafür konnte man damals sehr viel unternehmen, das war auch für ihn günstig. Aber die andere Frage? Ich vertrat, wie auch heute, die Meinung, dass diese in der Regel architektonisch wertvollen Gebäude wie immer öffentlichen Zwecken dienen sollten, wenn eine Gemeinde nicht mehr vorhanden ist. Die Welle von Kirchenaustritten, die heute wie damals vor sich geht, hat nichts mit dem Atheismus, sondern mit der mangelnden Akzeptanz einer, wie es scheint, hoffnungslos verknöcherten Institution zu tun. Konzerte, Versammlungen festlicher Art, Stadtparlamente und Bezirkstage, das alles könne sich dort versammeln, oder auch wie im Leipziger Fall, die Studenten.

 

Ich erinnere mich. Aufzeichnungen, Reisen und Tagebücher von Wolfgang Held

 

Wolfgang Held lässt uns in Tagebuchaufzeichnungen reisen: Die ausgewählte Stelle verbindet Filmarbeit, Freundschaft und politisches Engagement und macht neugierig auf die Spuren, die das Leben hinterlässt.

 

Verstecke, zumal in unserer Mansardenwohnung, reizten mich gewaltig. Wenn mein Bruder ein paar Süßigkeiten aus seinem Osternest, vom Geburtstags- oder Weihnachtsteller vor mir in Sicherheit zu bringen versuchte, hatte ich sein Geheimnis spätestens nach zwei, drei ungestörten Suchstunden entdeckt und noch einmal brüderlich geteilt. Beim Stöbern nach dem Schlüssel zur Speisekammer – beliebteste heimliche Nascherei für meinen Bruder und mich: Haferflocken, Kakao und Zucker! – entdeckte ich ganz hinten im Wäscheschrank meiner Eltern zwischen den Winterunterhosen meines Vaters einen Briefumschlag. Unverschlossen. Inhalt: Eine graue Mitgliedskarte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands! Eintritt 1928! Nun wurde mir schnell verständlich, weshalb er kein einziges freundliches Wort für unseren Führer über die Lippen brachte, kein Lob dafür, dass es im ganzen Reich keine Arbeitslosen gab, dafür mit „Kraft durch Freude“ Ferienheime, Urlauberschiffe und Sport, die Autobahnen durch ganz Deutschland, die Gerechtigkeit am Eintopfsonntag, wenn alle Volksgenossen, ob reicher Unternehmer, Wissenschaftler, berühmter Künstler, einfacher Angestellter oder Arbeiter, eben die ganze Volksgemeinschaft sich vereint zum Mittagessen mit einer Suppe begnügten. Einer für alle, alle für einen, das lockte ihm nur schiefe Lippen ins Gesicht.

 

Und er reagierte lange Zeit nicht, wenn ich zu Hause von unserem Klassenlehrer schwärmte, bei dessen Unterricht wir uns sogar auf die Mathestunden freuten. Er war Politischer Leiter in der nsdap. Oft trug er auch in der Schule seine gelbe Uniform mit dem goldenen Hakenkreuz. Wenn mein Vater mich außer Hörweite wähnte, nannte er ihn wegen der Kluft spöttisch Goldfasan. Das machte mich wütend, zumal mein Vater Soldat wurde, also für Führer, Volk und Vaterland sein Leben einsetzte. Jedenfalls hieß das so damals.

 

In jener Zeit entstand meine erste, zum Literarischen neigende Schreibe, und ich lernte so zeitig, wie eng im Schöpferischen Süßes und Bitteres zusammenliegen. Obwohl zuweilen mit der Rechtschreibung im Kriegszustand, gehörte Deutsch schon bald zu meinen Lieblingsfächern. Damit wurde ich schnell und bis zum letzten Schuljahr zum Lehrerschreck: Kein Hausaufsatz unter zwölf Heftseiten! Nicht selten erledigte ich diese Aufgabe auch noch mit Vergnügen für meinen Banknachbar, der dafür meine Schularbeiten in dem von mir weniger geliebten Fach Mathematik übernahm. Weitsichtig flocht er dabei immer zwei, drei Fehler mit ein, um den Lehrer hinsichtlich meiner Leistungen im Unterricht nicht misstrauisch werden zu lassen.

 

Aber zum Fakt. Deutschaufgabe für Zuhause: Aufschreiben von Wörtern mit x, cks, chs und gs. Ich nuckelte am Küchentisch eine Weile am Federhalter und fand die Sache gleichermaßen so langweilig wie schwachköpfig. Wörter gehören nicht in eine Liste, sondern in Geschichten, dachte ich. Sofort begann der Spaß am Schreiben und Fabulieren. Da nahm der Förster Max seine Axt, ging in den Wald, vorbei am Bau des Dachses, aus dem ein Fuchs flugs wie ein Echse im dichten Gewächs der Flachspflanzen verschwand, ohne den Klecks einer Spur zu hinterlassen. Das war für Max kein Jux ... und so weiter, und so weiter. Drei Heftseiten!

 

Am nächsten Tag im Unterricht schnalzte ich mir beim Wortmelden fast den Finger wund. Erfolgreich. Ich durfte meine Hausarbeit vorlesen. Sieben Klassenkameraden spendeten spontan Beifall, sogar Schleimi, unser Einsenkönig und Angeber. Nur Moro, der Deutschlehrer, blieb merkwürdig kühl. Er winkte mich nach vorn, würdigte mein Heft mit keinem Blick, sondern kniff mich linkshändig mit Daumen und Zeigefinger sehr fest in die rechte Wange. Sein Lieblingsgriff, erfunden scheinbar in einem mittelalterlichen Folterkeller. So schmerzhaft von ihm gepackt, zerrte er hinter seinem Tisch meinen Kopf herab bis zur Höhe der Platte, holte dann weit aus und landete eine wuchtige Ohrfeige. Sie glühte noch in der zweiten Pause auf meiner Wange. Bevor er mich wieder zurück auf meinen Platz schickte, gab er mir für die Stunde und mein ganzes Leben mit auf dem Weg: Wenn dir eine Aufgabe gestellt wird, ist nicht denken, sondern Gehorsam verlangt, sonst setzt es Strafe! Ich habe mir das gemerkt – freilich nur sehr, sehr selten danach gehandelt! Trotz der dann tatsächlich vorausgesagten Folgen.

 

Zurück zu meinem Vater. Dass er im Krieg nur als Sanitäter diente, also nicht mit Kanone, Maschinengewehr oder Panzerfaust Feinde des Reiches umbrachte, behielt ich in der Schule und beim Dienst als Pimpf im Jungvolk, Fähnlein 4, verschämt ganz für mich. Dafür wussten ganz schnell alle Freunde und Kameraden in Schule und Jungzug von mir, dass mein Väter zum Gefreiten befördert wurde und ein Kriegsverdienstkreuz bekommen hatte. Ich behielt auch meinen Stolz auf ihn, wenn er im Urlaub stets eine aus meiner Sicht höchst merkwürdige, unglaubliche Schau abzog. Angeblich funktionierte dann jeden Abend unser kleines 35-Mark-Radio, die sogenannte Goebbelsharfe, nicht mehr. Ein lichtempfindlicher Teil, so erklärte mein Väter, werde durch das lange Einschalten müde und müsse innen an den Kontakten gereinigt werden. Ohne den kleinsten Lichtstrahl! Die Reparatur gelänge also nur in absoluter Dunkelheit. Deshalb kroch er unter eine dicke, dichte Wolldecke und hantierte dort an dem Apparat manchmal länger als eine halbe Stunde. Danach klappte es wieder mit dem Empfang der deutschen Reichssender auf Mittelwelle. Auch in den Wochen und Monaten ohne meinen Vater. Die Mutter reparierte nie. Viel später, im Frühjahr 1945, verriet sie den Grund dafür: Kein Interesse an den deutschen Sendungen von Radio London und Radio Moskau! Allein schon, weil man für das Abhören dieser sogenannten Feindsender ins Gefängnis oder sogar in ein Konzentrationslager gebracht werden konnte. Deshalb auch meines Vaters Angst, ich oder mein kleiner Bruder könnten geschwätzig in der Schule oder sonst irgendwo mal davon erzählen. Die Geheime Staatspolizei (GESTAPO) hatte überall Denunzianten.

 

Wegen der Konzentrationslager kam es dann auch zur ersten und einzigen Ohrfeige, die mir mein Vater versetzte. Der Schmerz traf bis ins Herz. Die Seelenwunde sollte erst im April 1945 heilen. Der Schlag passierte, wenn ich mich recht erinnere, in einem sogenannten Fronturlaub meines Vaters im Mai 1940. Die Zeit ist mir im Gedächtnis geblieben, weil meine Eltern während dieser zwei Wochen ihren Hochzeitstag und meines Vaters Geburtstag feierten. Schönes Maiwetter. Vierzehn Tage jeden Mittag Fleisch und nachmittags Kuchen. Trotz Lebensmittelkarten und manchmal Essen in Gaststätten. Drei Tage vor dem Ende des Urlaubs, beim Mittagessen, geschah es dann aus heiterster Stimmung heraus.

 

Mutter fragte mich wie mindestens ein Dutzend Mal wöchentlich, wie es denn in der Schule gewesen sei. Rechnen, Musik, Deutsch – abgehakt mit zwei, drei Sätzen. Aber an diesem Tag hatte auch wieder „Napoli“ auf dem Stundenplan gestanden. Nationalpolitischer Unterricht.

 

Mein Lieblingslehrer hatte, wie immer sehr bildhaft und überzeugend, über die Konzentrationslager gesprochen. Zum Beispiel auch über das KZ Buchenwald auf dem Ettersberg nahe bei Weimar. Wie er uns erklärte, ein Ort, wo Feinde der Volksgemeinschaft hinter Stacheldraht eingesperrt werden. Menschen, die mit Worten und Handlungen dafür seien, dass Deutschland an allen Fronten den Krieg verliert, dass unser Führer Adolf Hitler getötet wird, wieder Arbeitslosigkeit herrscht, Juden und Kommunisten regieren, Bettler vor Kaufhäusern hocken, Faulenzer und Landstreicher die Gegend unsicher machen, Mörder, Räuber, Sittlichkeitsverbrecher und Säufer wie früher nach ein paar Jahren Zuchthaus wieder im Volk Schaden anrichten können. Menschlichen Abschaum nannte er diese Leute.

 

Ich merkte anfangs nicht, wie das Gesicht meines Vater während meiner Worte zu glühen begann. Noch mitten in meinen letzten Worten sprang er auf, stieß seinen Teller weg, holte aus und versetzte mir rechts und links Ohrfeigen, dass mir für Augenblicke dunkel vor den Augen wurde. Vor Schreck empfand ich nicht einmal Schmerz. Auch mein Vater erstarrte kurz, schaute mich an wie einen Fremden und verließ wortlos den Raum.

 

Meine Mutter presste die Lippen zusammen. Sie hielt meinen Blick aus. Es dauerte eine Weile, bis ich eine leise Antwort auf meine stumme Frage bekam. Dein geliebter Onkel Rudi – ein Volksfeind? Abschaum?

 

Die Zelle von Hasso Grabner

 

Hasso Grabners Auszug versetzt mitten in die Werkhalle: Die Leseprobe zeigt, wie routinierte Produktionsarbeit zur Bühne für geheime Entscheidungen und solidarische Sabotageakte gegen Kriegsproduktion wird.

 

Zu Feierabend ist Nettstädter wesentlich schneller fertig mit Waschen. Das fällt schon nicht mehr auf, obwohl Willy jeden Abend Lust verspürt, dem Strolch das Hemd vom Leib zu reißen. Es fällt aber auf, dass Nettstädter, der gute fünf Minuten vor Willy den Waschraum verlassen hat, auf dem Fabrikhof an seinem Schuhriemen nestelt und just in dem Augenblick fertig ist, als Willy an ihm vorbeigeht. Unter den vielen Männern, die dem Tor zustreben, erscheint es ganz normal, wenn Nettstädter direkt neben Willy läuft. Ganz unnormal aber ist es, dass der Mann ein Gespräch mit ihm anfängt. Gewiss, es wird Frühling, aber das wird es auch, ohne dass der Gestapoagent Nettstädter darauf aufmerksam macht. Bei Willy gehen alle Sinne auf Alarmstation. Halb mechanisch sagt er etwas von: Es wird auch Zeit, Frühling können wir gebrauchen, dann wird auch alles wieder besser. Das tut er wie einer, der sich bemüht, eine Funkverbindung nicht wieder abreißen zu lassen, von der viel für ihn abhängt. Nettstädter bereitet das sichtlich Vergnügen. Er wird beinahe lebhaft. Sie gehen zusammen durchs Tor. Auf dem Bürgersteig macht der Spitzel den entscheidenden Fehler: Er zieht seine Mütze mit Schwung vor Willy, nickt heftig und schwenkt dann nach rechts ab.

 

Ganze Mützenfabriken voll Mützen hat Willy in seinem Leben schon auf Arbeiterköpfen gesehen, dass aber ein Arbeiter beim Abschied seine Mütze zieht wie ein feiner Herr seinen Hut, ist ihm noch nie begegnet. Er weiß sofort: Der Lump hat mich soeben irgendeinem dritten signalisiert. Verfluchter Judas, murmelt er und denkt angespannt nach, wie dieses Gaunerspiel durchkreuzt werden kann.

 

Willy ist Nichtraucher, aber am Tabakladen bleibt er stehen und vertieft sich in die Auslagen. Das blank geputzte grüne Reklameschild „Eckstein dick und rund“ spiegelt die gegenüberliegende Straßenseite. Ein Mann im Lodenmantel mit einem kleinen Hütchen auf dem Kopf geht im Strom der Eilenden gemächlich dahin. Ein harmloser Spaziergänger in der rauchgeschwängerten Luft des großen Industrieviertels. Jetzt bleibt er sogar stehen, sucht umständlich in seinen Taschen, als befürchte er, etwas vergessen zu haben. Das ist ein Trick, der Willy gefällt. Er geht in den Laden, verlangt vier „Lloyd“, bemerkt erstaunt, seine Rauchwarenabschnitte nicht bei sich zu haben, verlässt den Laden wieder, sucht vor der Ladentür hastig seine Brieftasche durch, schüttelt den Kopf und geht in den Betrieb zurück. Der Pförtner lässt das alte Gefolgschaftsmitglied anstandslos passieren, Willy geht in die Garderobe und findet dort noch den letzten Mann, den alten Döring, vor. Es gibt keine Wahl. Er bittet den Kollegen, zu Karl Stenzel zu gehen und ihm zu sagen, er könne heute nicht zum Skaten kommen. Döring ist verwundert. Soweit er weiß, wohnt Schnabel in Stenzels Nähe, während seine Wohnung beinahe entgegengesetzt liegt. Aber gerade dieser Umstand sagt ihm, dass der Kollege Schnabel einen wichtigen Grund haben muss. Willy will noch etwas erklären, keine Zeit und so, aber Döring winkt ab. „Interessiert mich nicht, unter Kollegen kann man sich schon mal einen Gefallen tun.“ Willy ist dem alten, ewig parteilosen Arbeiter dankbar. Dann juckt ihn der Kobold. Er bittet Döring um einen Rauchwarenabschnitt für vier „Lloyd“. Jetzt kennt Dörings Erstaunen keine Grenzen. Schnabel ein Schnorrer? Aber Willy sagt: „Aus gutem Grund ist Juno rund.“ Na schön, denkt Döring, es wird schon etwas auf sich haben, gibt ihm das kostbare Papierschnitzelchen und will gehen. „Halt“, sagt Willy, „noch eine Bitte, warte hier fünf Minuten.“ Döring denkt, es muss wohl irgendetwas Tolles los sein, aber ich hänge nicht drin, und auf fünf Minuten kommt es nun auch nicht an. Vor dem Betrieb sieht Willy den Spaziergänger, er hat noch keine fünfzig Meter geschafft. Willy betritt den Zigarettenladen, kauft sich vier „Lloyd“, zündet sich gleich eine an und verlässt paffend das Geschäft. Jetzt ist er ein Spaziergänger. Er durchwandert Straße um Straße, dreht ein paar Runden im Volkspark und schleppt seinen Schatten bis zu seiner Wohnung mit. Wenn es nicht so böser Ernst wäre, könnte man an der Sache seinen Spaß haben, denkt er.

 

Else sagt: „Das ist wie in der Bibel, wo geschrieben steht: ‚Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s, den greift‘.“ Dann denken sie gemeinsam gründlich über den Fall nach. Warum hat Judas Nettstädter „ihnen ein Zeichen gegeben“? Warum ausgerechnet heute? Wenn mit Vorbedacht heute, woher weiß der Agent von der geplanten Sitzung? Ein Verräter ist ausgeschlossen, gäbe es einen solchen, wozu dann der Aufwand? Haben noch andere Genossen einen Schatten? Das ist unwahrscheinlich, Nettstädter konnte nur vor einem die Mütze ziehen. Soweit ist also klar: Irgendetwas hat den Verdacht des Spitzels erregt, dass Willy für heute Abend irgendeine Sache vorbereitet.

 

„Selma!“, sagt Willy. „Der Strolch beobachtet, mit wem ich spreche, und mit ihr musste ich ein paarmal darüber sprechen.“

 

Im gleichen Augenblick fällt ihm auch Kirsten ein. Mit dem Meister hat er in der letzten Zeit am meisten gesprochen. Der Einwand „dienstlich“ deckt das nicht ab; als Meister hat Kirsten mit dem Dreher Schnabel nicht mehr zu verhandeln als mit allen anderen Kollegen der Mechanischen. Also wird es aufgefallen sein, wie häufig sie miteinander gesprochen haben. Omas Funktion als Kurier der Zelle muss sofort aufgehoben werden, das geht auch. Aber was wird mit Kirsten? Kirsten muss auf der Stelle voll in die konspirative Arbeit einbezogen werden. Kirsten ein bewusster Illegaler? Das ist fast nicht denkbar.

 

„Ist er eine Schlüsselfigur oder nicht?“ Die Frage fällt Else schwer. Sie hätte lieber gesagt: Ich habe Angst, ganz große Angst. Das Ganze treibt unabwendbar der Katastrophe zu. Sie schluckt es hinunter. Wahrscheinlich sagte sie damit nichts Neues. Angst würde Willy nur unsicher machen, Beobachtungsgabe und Scharfsinn schmälern. Jetzt ist er ein Luchs. Zehn Nettstädters machen ihn nicht fertig, solange mit dem Verstand gefochten wird. Also muss sie ihm auch mit dem Verstand beistehen, die Angst ganz tief innen verbergen.

 

„Klar“, antwortet Willy, „Organisation ist immer eine mächtige Waffe gewesen. Die Arbeiterbewegung hat immer gewusst: Organisation ist der Transmissionsriemen von der revolutionären Absicht zur revolutionären Tat. Dabei haben die Orgleiter stets ein bisschen im Schatten gestanden. Pol., Agitprop, das waren ideologische, beinahe vornehme Funktionen. Kirsten ist unser Orgleiter, wenn er auch kaum etwas davon weiß, er organisiert die Sabotage, das heißt unsere Arbeit.“

 

„Also wird er es wissen müssen. Das Leben korrigiert eben manche Vorstellungen. Wir sprechen ja auch über Dinge, von denen ich gar nichts wissen dürfte.“

 

„Doch, du musst es wissen. Die Lage macht dich zu einem Mitglied der Zelle M & S. Die Genossin Else Schnabel muss heute einen Parteiauftrag übernehmen. Der Schatten steht bestimmt noch unten. Wir müssen ihm beweisen, dass die Nettstädterschen Informationen auf Hirngespinsten beruhen. Zugleich müssen wir aber auch wissen, dass wir es ihm bewiesen haben. Ich gehe ins Kino. Es ist zu dunkel, um genau zu erkennen, ob mir einer folgt. Aber einem dritten, der hinter uns beiden hersteigt, entgeht das nicht. Der Schatten sieht den dritten nicht, denn er muss seine Aufmerksamkeit nach vorn lenken. Den dritten musst du spielen. Und um die Sache ganz sicher zu machen, sollten meine Vermutungen stimmen, steht er noch da, wenn das Kino aus ist. Ich gehe nach Hause, er folgt mir und du uns. Wenn du sicher bist, dass er hinter mir her ist, fährst du ein Stück mit der Straßenbahn und bist schon hier, wenn ich komme. Der böse Schnabel hat seine Ehehälfte nicht mit ins Kino genommen. Punkt!“

 

„Ein bisschen frische Luft tut mir ganz gut“, antwortet Else.

 

Herzlichen Dank fürs Lesen — bleiben Sie gesund und neugierig. Wir freuen uns, Sie auch nächste Woche wieder mit einer neuen Auswahl an E-Books zu begleiten.

 

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Gisela Pekrul
Verlagsleiterin
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Über "EDITION digital Pekrul & Sohn GbR"

 

EDITION digital war vor 31 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Der Verlag gibt Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher als barrierefreie E-Book heraus, einige auch als Hörbuch. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher von DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.800 Titel. Die Printsparte des Verlages war Ende 2025 von Ralf Jordan vom Geschichtlichen Büchertisch als Imprint übernommen worden.

 

DDR-Autoren: Newsletter 21.08.2026 - Von Orbit bis Werkhalle