Zwischen Spott, Heimatsehnsucht, Gewalt, Kuba und Flucht Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
(Pinnow, 06.11.2026) Vom 6. bis 13. November 2026 stellen wir fünf E‑Books vor, die mit ganz unterschiedlichen Stimmen sehen, aufrühren und nachklingen: scharfzüngige Satire, das Ringen um einen Neuanfang im Dorf, ein Kriminalfall mit Erinnerungslücken, eine Reportage von der kubanischen Insel und eine dramatische Flucht im Novemberwald. Gemeinsam zeigen diese Texte, wie kleine Entscheidungen und große historische Umstände Lebenswege formen und welche Spuren Sprache dabei freilegt. Lesen heißt hier, sich einfinden in wechselnde Perspektiven und immer wieder fragen: Was bleibt, wenn die Szene verklungen ist?
Vom Freitag, dem 6. November, bis Freitag, dem 13. November 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.
Die nackende Ursula / Kopfstand der Farben von Klaus Möckel
Gibt es sie noch, die Gespenster, die Klaus Möckel vor Jahren in seinen satirischen Gedichten und Sprüchen aufleben ließ, die Vampire, die vom Bildschirm flattern, die Hexen, die dir den Besenstiel ins Kreuz rammen, die Poltergeister auf den Fußballplätzen, die gute Fee Frau Pille? Aber ja, daran kann überhaupt kein Zweifel sein, und wer wollte widersprechen, wenn in dem Büchlein zum Beispiel der Teufel sagt: "Das wird zum Problem für die Hölle. Die Sünder auf Erden werden nicht weniger, aber die Kohlen werden knapp."
Die Zeiten ändern sich, die bösen oder freundlichen Geister bleiben, auch wenn einige Spezies inzwischen verschwunden und dafür vielleicht andere an ihre Stelle getreten sind. Auf jeden Fall aber darf man nach wie vor erschauern, wenn man ihnen begegnet.
Genauso darf man über die Einsichten erstaunt sein, die sich ergeben, wenn man die Dinge auf den Kopf stellt, wie es der Autor in seinem zweiten Teil tut. Was würde passieren, wenn der Hering den Hai vermöbelt, die Maus die Katze frisst, zwei Kinder sich scheiden lassen, die Frau dem Mann ein Baby macht oder jemand mit einem großen Hebel die Erde aus dem Gleichgewicht brächte? Fragen, auf die Möckel Narrenweisheiten zur Antwort bereithält und Ratschläge wie: "Treib auch im Herbst ein wenig Sünde" oder "Mit 'nem bisschen guten Willen geht's schon".
Wolkenberge tragen nicht von Dorothea Iser
Was würde ich tun, wenn nur ein Tag mein ganzes Leben wäre? Ich würde auf Wiesen laufen, mich in nasses Gras werfen, nicht rühren, nur horchen und Erde atmen. Wenn die Sonne die Feuchtigkeit aufsaugt, drehe ich mich um, lasse mich trocknen, sehe in Wolken, schlage Schaum aus ihnen, stecke das Dorf hinein. Wolkenberge, aus denen das Dorf aufsteigt wie aus Nebel: die zwei Straßen wie Adern von einem Blatt, bebaut mit Ein- und Zweifamilienhäusern, bewachsen mit Blumen und Bäumen, umgeben von Koppeln und Wäldern, das Forsthaus mit steilem Giebel, der Stierberg mit seinem Aussichtsturm
Mein Dorf, ich nenne es Wolkenberg. Simone Dieskau, aus dem Jugendwerkhof entlassen, will in einem Dorf neu beginnen, alles anders machen und besser. Sie steht vor Problemen, die sie allein nicht bewältigen kann. Da trifft sie Jan Brinke, der ihr helfen könnte, sich in dem neuen Leben zurechtzufinden, der aber selbst Schwächen hat, gegen die er ankämpfen muss. Jan, der seinen Dienst in der Nationalen Volksarmee ableistet, will beweisen, dass man Ziele, die man sich stellt, auch erreicht.
Vor seinem Mädchen, das er für drei Jahre allein im Dorf weiß, will er bestehen.
Simone, belastet durch ihre bisherige Entwicklung, sucht ihren Anspruch auf Liebe zu verwirklichen.
Wer bin ich denn schon? Männer trauen sie mir zu, aber Kinder? Ich wäre jetzt gern bei Jan. Bei ihm fällt das alles von mir ab, da fühle ich mich frei. Das ist ein gutes Gefühl, das ist wie nackt schlafen.
Gibt es für Mone und Jan eine Chance? Sie sind mit einer frühen Trennung belastet und sollen doch schon Positionen für ein gemeinsames Leben mit einem Kind finden.
Hass von Klaus Möckel
Auf Roswitha Henneberg, Abteilungsleiterin in einem Großlager, wird ein Anschlag verübt: Sie erleidet einen Sturz mit dem Motorroller, weil heimtückisch eine Schnur über die Straße gespannt wurde. Als sie im Krankenhaus schwer verletzt zu sich kommt, erinnert sie sich nur an wenige Details. Doch sie hat ein hassverzerrtes Gesicht vor Augen, das sich über sie beugt und das sie keiner bestimmten Person zuordnen kann.
Leutnant Kielstein nimmt sich des Falles an, kann aber nicht ahnen, dass ihn die Verunglückte absichtlich auf eine falsche Fährte lenkt, weil sie sich zunächst selbst ein Bild von dem Täter machen will. Ein Einbruch bei der Henneberg und eine mysteriöse Gestalt im Regenmantel verwirren die Fäden noch.
HASS ist ein Roman der Selbstfindung und Abrechnung mit erstarrten Denk- wie Verhaltensweisen. Als die Verunglückte endlich begreift, wer es auf sie abgesehen hat, ist es für sie bereits zu spät.
Republik der Leidenschaft. Mit 97 Fotos des Autors von Herbert Otto
Herbert Otto hat Fidel Castro und einige der Helden der ersten Stunde kennengelernt, als er die Republik der Leidenschaft, den ersten sozialistischen Staat Amerikas, besuchte. Ein Vierteljahr lang ist er im regierungseigenen Cadillac, im Jeep, im Hubschrauber, auf Mauleseln und dem Pferd kreuz und quer durch Kuba gereist. Er war auf Baracoa, wo Columbus gelandet ist; er hat im Fort Moncada gestanden, wo am 26. Juli 1953 die ersten Kämpfe der Revolution begannen; er war in den Bergen der Escambray, und er hat in Playa Giron mit den Arbeitern gesprochen, die dort Wohnungen und Sanatorien bauten und später, im April 1961, als erste die Angriffe der amerikanischen Invasoren abwehrten.
Die Nacht der Schnee-Eule von Jan Flieger
Der Friday for Future‑Titel der Woche ist Die Nacht der Schnee‑Eule von Jan Flieger. Die Episode über zwei entflohene Kriegsgefangene auf dem Weg zu den Partisanen macht deutlich, wie verantwortungsvolle Entscheidungen unter existenziellen Bedingungen das Schicksal ganzer Gruppen prägen ein literarischer Appell, die Folgen unseres Handelns für kommende Generationen ernst zu nehmen, wie es auch die Anliegen von Friday for Future verlangen.
November 1944 in der Slowakei. Zwei sowjetische Kriegsgefangene, denen die Flucht aus dem Werk gelungen ist, wollen zu den Partisanen, die gegen die Faschisten kämpfen. Schwer ist der Weg für Tschangow und Tischin. Aber sie müssen zu den Partisanen. Und vielleicht treffen sie dort auch auf die sowjetische Ärztin Vera, Tschangows Frau
Und dann stoßen Tschangow und Tischin auf Männer in sowjetischen Uniformen, insgesamt zwölf Leute. Endlich Partisanen! Aber sind es auch wirklich sowjetische Soldaten?
Das spannende Buch erschien erstmals 1986 als Heft 298 der Erzählerreihe des Militärverlages der DDR.
Die folgenden Leseproben öffnen kurze Türen in die Tonwelt der fünf Bücher: mal pfeift die Satire übers Alltagslächerliche, mal atmet ein Dorfneubeginn leise Hoffnung, mal verstrickt ein Krimi in Erinnerung und Täuschung, mal berichtet ein Reisender von Begegnungen im tropischen Alltag Kubas, und einmal wird Flucht zur Entscheidung über Leben und Vertrauen. Jede Passage setzt einen eigenen Ton und erlaubt unmittelbaren Zugang zu den Szenen, die den Kern der Erzählung tragen.
Die nackende Ursula / Kopfstand der Farben von Klaus Möckel
Möckels Band startet mit scharfem Blick auf Alltagspannen: seine Satiren stellen die Welt auf den Kopf und suchen in Narrenweisheiten die Wahrheiten, die uns gern entgehen.
Ballade vom Geist in der Flasche
Ehrlich
das hätte er nicht gedacht
als man ihn damals
vor tausend Jahren
wieder zurück
in die Flasche gebracht
als man ihn listig
wieder gefangen
und sozusagen
ans Kettchen gehangen
das er noch solche
Karriere macht
Ehrlich
das hätte er nicht geglaubt
als man ihm damals
vor tausend Jahren
mit einer Finte
die Freiheit geraubt
als man ihn wieder
eingesperrt
und ihn zurück
hinter Glas gezerrt
dass er noch einmal
sein Geisterhaupt
so voller Stolz
erheben würde
dass ihm gelänge
sich derart zu mehren
dass ihn die Leute
so verehren
würden
ihm so zu
Füßen lägen
dass ihm gelänge
jede Hürde
das heißt jeden Korken
hinwegzufegen
Denn überall
ob zu Haus in der Stille
beim Tête-á-tête
zwischen Dirk und Sybille
ob in der Kneipe
beim Kumpel Beyer
Jahrestag
Wochentag
Frauentagsfeier
selbst bei dem
Autobesitzer Penasche
macht er sich mausig
der Geist in der Flasche
In Westen und Osten
Süden und Norden
wirklich er ist
eine Macht geworden
Freilich
es galt
die Methoden zu ändern
nichts mehr mit
jäh aus der Flasche fahren
eitel sich plustern
urplötzlich wachsen
Schluss mit den Faxen
dem leeren Getön
und Pennälergebaren
damit kommt heut
kein Gespenst mehr an
Wer etwas will
pirscht sich vorsichtig ran
schmeichelt sich ein
streichelt gar fein
Duft in die Nase
und Kitzel der Kehle
aber mit Seele
denn mit Gefühl
kommt jeder ans Ziel
Nichts überstürzen
der Abend ist lang
Schon schallt am Tische
froher Gesang
schon stößt Herr Seibt
mit der Zunge an
einer der wenig
vertragen kann
Bei Meister König
merkt man noch wenig
doch Fräulein Ann
mit den Kulleraugen
Grübchen am Kinn
und Schüttelschnitt
singt kräftig mit
Lieder die nicht
für Kinder taugen
legt tüchtig los
setzt sich bei
Ingenieur Balk
auf den Schoß
lässt sich von ihm
an den Busen fassen
während daneben
noch immer gelassen
Meister König
den dreizehnten kippt
bis es ihn plötzlich
vom Stuhle wippt
Das
ist der Geist
das ist sein Werk
nun schon ein Riese
anfangs ein Zwerg
scheinbar ein Freund
macht die Klügsten
die Kühnsten
er sich zu Diensten
wickelt sie ein
macht sie ganz klein
macht sie ganz dumm
doch alles andre
als sanft und stumm
lässt sie sich schaffen
macht sie zum Affen
wirbelt sie in der
Stube herum
macht sie zum Kind
armselig bloß
manche für eine Nacht
manche für einen Tag
manche bekommen ihn
nicht wieder los
Das
ist der Geist
mächtig und groß
freundlich mitunter
doch hinterhältig
listig verführerisch
tausendfältig
regt er sich
geht auf sein Opfer los
pulvert es auf
macht es vergnügt
bis es zerschmettert
am Boden liegt
Hörst du das
höhnisch glucksende Lachen
kein Funken Mitleid
kein Funken Reue
sieht er dich dann
aus dem Rausch erwachen
rüstet bereits er
wieder aufs Neue
Nicht zu verdrängen
nicht zu besiegen
nie mehr zurück
in die Flasche zu kriegen
Da ist kein Zauberspruch
der ihn bannt
Er
ist das stärkste
Gespenst im Land.
*
Auch
heute noch braucht mancher Geist die Flasche,
um so richtig groß zu sein.
Ratschläge von Möckel
Schneid
ab ein Stück vom Regenbogen
und nagle fest es übers Bett
Steck dir zwei grüne Meereswogen
mit weißen Kronen ans Jackett
Nimm
dir das erste Blatt der Linde
und frier es für den Winter ein
Treib auch im Herbst ein wenig Sünde
es wird vielleicht erfrischend sein
Auf
Trommel und Trara verzichte
gib acht
dass du mal unterliegst
Kauf dir kein Auto
kauf Gedichte
von Möckel
FALLS DU WELCHE
KRIEGST!
Wolkenberge tragen nicht von Dorothea Iser
Iser schiebt uns mitten in eine Landschafts-und Innenschau: ein Tag, der wie ein ganzes Leben wirkt, und eine Frau, die den Mut zum Neubeginn findet.
Zipfelchen schrie lauter. Das Wasser kochte vor sich hin. Bestimmt, Jan, wir schaffen das eine Jahr auch noch, denke ich. - Fencheltee ohne Zucker oder mit? - «Was macht son lumpiges Jahr aus?»
Da saß ich und redete mit mir und heulte ein bisschen, bis sich Zipfelchens Stimme überschlug. Sie ließ mir keine Zeit zum Nachdenken.
Die Nächte waren kurz zwischen zehn und fünf Uhr früh. Manchmal fielen mir die Augen zu, wenn ich Zipfelchen noch im Arm hielt. Mein Kopf war schwer. Schatten verzerrten sich, schwammen über Tisch und Wände. Ich wollte nicht einschlafen. Zipfelchen könnte mir aus den Armen rutschen.
Betty kam jeden Tag. Sie heizte, half Flasche kochen und waschen. Mir fiel das alles noch schwer. Aber das gab ich nicht zu, wusste nicht mal, warum.
Wenn ich durchs Dorf ging, fühlte ich mich stark und froh vor Glück, weil die Leute mir nachsahen: Die hat sich aber rausgemacht, vor einem Jahr noch, und die Kleine so gepflegt. Und wenn das Glück müde wurde und in Zipfelchens Kissen zurückkroch, dann hörte ich andere Stimmen, die sagten: Kein Wunder, das ist Betty, klar, erst mal abwarten, ja, die Großmütter. Das machte mich verrückt! Immer noch, Betty und Betty! Na, ich bin doch die Mutter. Es wird auch ohne sie gehen. Wenn ich so dachte, regte mich alles an ihr auf. Ich beobachtete sie. Na, sie tat wirklich, als wären wir beide ihre Kinder. Haben wir das nötig? Ich nehme ihr jede Arbeit aus der Hand, versuche es auch schon mit dem Heizen.
Betty sagt: «Viel zu kalt!»
«Aber für uns reichts», sage ich. «Wenn ich Bettina rausnehme, schalte ich die Heizsonne an.»
Da sitzt Betty vor mir, und ich erzähle und erzähle, dass man heute die Kinder nicht mehr bündelt, sondern ihnen gleich Strampler anzieht, früher mal, das ja, aber heute, sollen sich doch bewegen können.
Betty ist ganz ruhig, sieht mich nur an.
Ich weiß schon, was sie denkt. Mone, mach mir nichts vor! Da fühle ich mich erst recht wie ein kleines Mädchen und rede noch mehr. Soll sie mich anschreien, mir vorhalten, wie undankbar ich bin, wie egoistisch, was sie für mich getan hat. Dann würde ich sagen: «Geh!» Jan könnte ich schreiben, so eine ist Betty, die mir ihre Hilfe vorrechnet, und ich könnte mich bedauern lassen, so eine Schwiegermutter.
Alles wäre einfach, wenn, ja, wenn Betty anders wäre, denn sie schreit nicht, niemals. Sie sieht müde aus, wenn sie sich ärgert, und lässt den Kaffee in der Tasse kalt werden. Ich kann mit ihr reden, aber ihre Gedanken sind woanders, sind irgendwo abgelenkt worden. Da sage ich: «Morgen muss ich zur Mütterberatung.»
Sie nickt mir zu.
«Ich ziehe Bettina die neue Garnitur an, die von dir. Habe schon alles zurechtgelegt: Wiegekarte, Impfausweis. Bettinas großer Tag, erste Busfahrt in die Stadt. Tina oder Betty, was meinst du, wie werden wir sie rufen?» Das frage ich, weil sie mir leid tut, ein bisschen wenigstens, und denke, na, da freut sie sich, Bettina nach Betty.
Aber sie fragt: «Ist nicht bald Mütterberatung?»
«Morgen, Betty», sage ich.
«Leg dir alles hin: die Papiere, Impfausweis, Mutter- und Stillkarte, Wiegekarte.»
«Ja, Betty.»
«Hast du was?», fragt sie da.
«Warum?»
«Na, du sagst gar nichts.»
Als ich immer noch nichts sage, redet sie trotzdem weiter, als wäre sie allein. Sie wartet wohl, dass ich sie bitte, komm mit zur Beratung. Das ist nicht drin.
Wir sehen ihr nach, wie sie grußlos an den Leuten vorbeigeht. Zipfelchen drücke ich fest an mich, nicht nur wegen Betty, auch wegen dieser Beratung, wieder Schwestern, wieder Fragen und Weinen, Wiegen und Messen, Spritzen vielleicht.
Es muss sein, zeig es ihnen, Zipfelchen!
Als ich dann mit Bettina im Wartezimmer sitze, bin ich froh, dass ich ohne Betty gefahren bin. Omas und Tanten gibt es hier genug, nur Väter sind selten. Das ist gut, so vermisse ich Jan nicht zu sehr.
Alle Kinder sehe ich mir an, lächele den Müttern zu, hebe mal eine Klapper auf. Dabei fühle ich genau, wie sie lange Hälse nach meinem Zipfelchen machen. Sie ist doch das niedlichste Kind. Die schwarze Stirnlocke ringelt sich unter der Mütze vor, und als eine Frau sich über sie beugt, lacht sie und schmollt, so ein Spiel, dass man gar nicht wegsehen mag. Ob das anderen Müttern auch so geht?
Da werde ich aufgerufen und erschrecke, weil ich Bettina noch nicht mal ausgezogen habe. Die Schwestern sind ärgerlich. Ich beeile mich, aber Bettina schreit, und ich komme nicht klar mit den vielen Sachen und den wirren Fragen.
Als Bettina endlich auf dem Wickeltisch liegt, stehe ich der Ärztin im Wege und weiß nicht, wohin.
«Stillen Sie noch? Wie viel trinkt sie? Das Kind ist wund, besser pflegen, hinter den Ohren entzündet, ja, da müssen Sie besser aufpassen!»
Das Gesicht brennt mir. Sie schieben mich weiter. Was werden sie noch alles finden?
Bettina liegt auf der Waage, rudert mit Armen und Beinen. Einen Löffel habe ich auch vergessen. Wie ein Schulkind ohne Hausaufgaben stehe ich da, und neue Fragen kommen, nach der Wohnung, ob Krippe und so was. Zum Schluss sagt eine Frau: «Wir werden uns das einmal ansehen.»
Warum denn nur? Ich frage nichts, weil mir vor Schreck nichts einfällt. Wie leer bin ich. Schluss, aus!
Ich will aufwachen wie aus einem Traum, ein Albtraum ist das. Aber ich wache nicht auf. Ich merke, dass ich mit Bettina durchs Wartezimmer gehe, gar nicht freundlich sind die Gesichter, sie wenden sich ab, verächtlich oder höhnisch.
Natürlich, man muss sie überprüfen, so eine mit einem Kind, das kann nicht gut gehen.
Hass von Klaus Möckel
Der Krimi beginnt mit einem Unfall und führt in dichte Verwirrung: Lücken in der Erinnerung werden zur Fährte und zur Frage, wer hier Wahrheit und wer Täuschung betreibt.
"Sie sind der Besitzer des Grundstücks, wohnen hier?"
"Erst seit kurzem, seit mein Vater gestorben ist, und hoffentlich nicht mehr so lange, bis mir das Dach auf den Kopf fällt."
"Sie haben gewiss von dem Diebstahl bei Frau Henneberg gehört. Nach unseren Ermittlungen ist am Freitag voriger Woche, nachmittags oder am frühen Abend, eine unbekannte Person bei Ihrer Nachbarin eingedrungen. Möglicherweise ist Ihnen etwas aufgefallen, das für uns von Interesse sein könnte."
"Am Freitag?", erwiderte der Mann. "Nicht, dass ich wüsste. Nein, wirklich nicht. Ich bin meist erst spät im Haus, ich arbeite bei einem Steinmetz. Bis siebzehn Uhr. Und vorm Wochenende hab' ich noch Überstunden gemacht. Da könnte eher Fee was bemerkt haben, die war den ganzen Tag hier."
"Der Hund wird uns leider nichts verraten". Felsch geht auf den Ton ein. "Und wie sieht's am Abend vorher aus, da war der Täter eventuell auch schon im Garten nebenan."
"Am Donnerstag hatte ich Besuch von Freunden, hab' überhaupt nicht auf so was geachtet. Das heißt... stimmt ja, einmal war doch was los. Der Hund hat angeschlagen, und Peter, ein Kumpel, behauptete, bei Nachbars sei Krawall. Peter kam aus dem Garten. Ein Mädchen, so ein junges Ding, sei am Zaun entlang nach hinten gerannt, und im Haus habe jemand laut gerufen. Wir waren grad beim Skat, haben nicht weiter auf sein Gerede geachtet. Aber jetzt, wo Sie danach fragen, fällt mir's wieder ein."
"Ein Mädchen, sind Sie sicher?"
"Hat er gesagt. Ich hab' mich auch gewundert."
"Um welche Zeit war das?"
"Was weiß ich. Es war schon lange dunkel. Vielleicht gegen neun."
"Und es war bestimmt am vergangenen Donnerstag?"
"Ja, natürlich."
Felsch zückt sein Notizbuch, anscheinend war der Ausflug hierher nicht umsonst. "Wer ist dieser Peter?", fragt er. "Wie heißt er mit Nachnamen, und wo wohnt er?"
"Peter Hübner, Daggendorf, Lindenweg drei."
"Und Sie selbst haben keine Ahnung, wer dieses Mädchen gewesen sein könnte?"
Republik der Leidenschaft. Mit 97 Fotos des Autors von Herbert Otto
Ottos Reportage nimmt uns mit über die Insel: Fahrten im Cadillac, Besuche an historischen Orten und Begegnungen mit Arbeitern geben der Szene Hitze, Bewegung und politischen Atem.
Von Guantánamo bis zum amerikanischen Militärstützpunkt sind es etwa dreißig Kilometer. Unterwegs halten wir an einem Zuckerrohrfeld. Wir müssen uns umziehen, sagen meine Begleiter. Wir wollen die Yanquis nicht provozieren.
Hemd, Hose und Halbschuhe unter dem Arm, verschwinden sie im Zuckerrohr, legen die Milizuniform ab und kehren als kubanische Milizionäre in Zivil zurück.
Kubanische Erde, Wiesen, Wege, Baumwolle und plötzlich ein hoher Stacheldrahtzaun, ein verriegeltes Tor, amerikanische Militärposten dahinter und am Mast das Sternenbanner.
Über dem Tor steht:
United States Naval Base
Guantánamo, Cuba
Es ist das letzte Zipfelchen ihrer einstigen unumschränkten Herrschaft über Kuba. Nichts mehr auf dieser Insel gehört ihnen. Sie können das Land nicht mehr ausplündern, können seine Minister nicht mehr kaufen und das Militär nicht mehr schulen. Nur diese hundert Quadratkilometer kubanischen Territoriums kontrollieren sie noch, ebenso gewaltsam, wie sie das Gelände einst an sich gebracht haben.
Am Stacheldrahtzaun haben sie Schilder angebracht, auf denen in Englisch und Spanisch zu lesen steht: Reservation der Regierung der Vereinigten Staaten Betreten verboten!
Reservation: eingeräumtes Gebiet. Sie haben es sich selbst eingeräumt, gewaltsam.
Unter dem Druck amerikanischer Truppen, die im Lande geblieben waren, nachdem die Spanier hatten abziehen müssen, sah sich 1901 die verfassunggebende Versammlung zu Havanna gezwungen, das sogenannte Platt-Amendment" in die kubanische Verfassung einzubeziehen. Dieser Verbesserungsantrag, der kurz zuvor vom amerikanischen Kongress zum Gesetz erhoben worden war, regelte die Beziehungen zwischen den USA und Kuba, zwischen dem Mutterland und der Halbkolonie. Die Vereinigten Staaten waren danach berechtigt, jederzeit militärisch auf Kuba einzugreifen, um die kubanische Unabhängigkeit zu wahren, sowie Leben, Besitz und persönliche Freiheit zu schützen.
In Artikel VII des Verbesserungsantrags heißt es: Um die Vereinigten Staaten in die Lage zu versetzen, die kubanische Unabhängigkeit zu erhalten wird die kubanische Regierung das für die Einrichtung von Kohlen- und Schiffsstationen erforderliche Land an die Vereinigten Staaten verkaufen oder verpachten. Um welche Punkte es sich dabei handeln soll, ist mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten abzustimmen.
Sie wollten hier Land haben, hier in der Bucht von Guantánamo.
Unter dem Druck der im Lande anwesenden amerikanischen Truppen musste im Juli 1901 eine Versammlung von Kubanern den Yankees gestatten mit 17 gegen 11 Stimmen übrigens dass sie auf Kuba eine Kohlen- und Schiffsstation einrichteten. Die USA boten ein Taschengeld an: eine Miete von 2000 Dollar jährlich! Der Vertrag war unbefristet.
Im Jahre 1934 aber setzte die USA-Regierung, unter der Parole einer Guten Nachbarschaft, das Platt-Amendment außer Kraft, allerdings nicht, ohne den Abschluss eines neuen Vertrages zu verlangen, in dem ihr Recht auf Guantánamo unangetastet blieb. Schwere Schiffseinheiten der amerikanischen Atlantikflotte ankerten in jenen Tagen im und vor dem Hafen von Havanna. Sie lagen dort bis zur Stunde der Unterzeichnung des neuen Vertrages. Dann zogen sie ab.
So halten die Yankees den Stützpunkt von Guantánamo bis heute, gewaltsam, wie sie ihn an sich brachten. Was eine Kohlen- und Schiffsstation hieß, wurde inzwischen, nachdem 75 Millionen Dollar investiert sind, einer der modernsten Militär- und Luftstützpunkte der westlichen Welt. Etwa zwei- bis dreitausend amerikanische Soldaten sind hier stationiert. Zur Zeit der bewaffneten Intervention gegen das freie Kuba im April 1961 werden es wohl mehr gewesen sein.
Der Posten ist ins Wachhaus geeilt, denn wir haben uns dem Tor bis auf wenige Meter genähert. Ich habe meine Fotoapparate bei mir (darunter sogar ein sowjetisches Modell!) und fotografiere die Umgebung. Man sieht den Posten im Wachhaus telefonieren, und knapp drei Minuten später treffen zwei Militärfahrzeuge ein. Nach einer Weile fahren sie jedoch wieder ab, denn offensichtlich ist die Sicherheit der Vereinigten Staaten hier nicht bedroht.
Dreißig Meter vor dem Tor baut die kubanische Nationalbank eine Zweigstelle. Hier werden die kubanischen Arbeiter es sind noch etwa zweitausend, die im USA-Stützpunkt tätig sind die Dollars in Pesos umtauschen können. Weiter gibt es hier nichts zu sehen. Also fahren wir nach Caimanera. Wir befinden uns an der Ostseite der Bucht von Guantánamo, unweit des Hafenstädtchens Boquerón, und Caimanera liegt genau gegenüber an der Westseite der Bucht, nur drei Kilometer Luftlinie von hier entfernt. Um aber dorthin zu gelangen, müssen wir in einem weiten Bogen den Nordteil der Bucht umfahren; das sind an die sechzig Kilometer. (Der amerikanische Stützpunkt liegt im Südteil.)
Caimanera scheint eine Hafenstadt wie unzählige andere auf Kuba zu sein: laut und lebendig, der Zentralpark, die Händler, Musik in den Straßen, neue, von der Revolution erbaute Wohnviertel, eine Fischereigenossenschaft, die große, stabile Boote bekommen hat und in einem eigenen Laden ihre Produkte verkauft.
Und doch: Caimanera ist anders. Von hier verkehren regelmäßig Passagierboote zum amerikanischen Stützpunkt. Morgens fahren Hunderte, die in der Stadt oder in der Umgebung wohnen, zur Arbeit in die Werkstätten, Büros oder Restaurants der Amerikaner. Am Nachmittag kehren sie zurück, strömen von der Anlegestelle zu den Omnibussen.
Da ist einer aus dem Strom der Menschen. Er sagt, dass er eigentlich diesen Omnibus benutzen wollte. Na, gut. Der nächste tut es auch. Der Mann arbeitet drüben als Elektriker, seit fünf Jahren.
Und hören Sie dort auf, wenn Sie hier Arbeit finden?
Selbstverständlich, sagt er. Aber vorläufig haben wir noch Arbeitslose. Wir hatten sechshunderttausend, und jetzt, nach zwei Jahren Revolution, sind es noch zweihunderttausend. Wenn wir erst alle Arbeit haben, und das wird wahrscheinlich bald sein, geht keiner mehr zu den Yanquis. Ich jedenfalls nicht.
Und wie ist Ihr Verdienst?
Ich verdiene genauso viel, wie ein Elektriker hier verdient. Aber in anderen Berufen werden viele unterbezahlt. Die Yanquis sind clever. Sie beobachten genau, welche Arbeitskräfte abwandern und hier Arbeit finden. Da erhöhen sie dann rasch die Löhne ein bisschen. Natürlich machen sie mit uns, was sie wollen. Gewerkschaften haben wir keine. Die dulden sie nicht. Wer ihnen verdächtig erscheint, den entlassen sie. Von heute auf morgen geht das.
Sind Sie Angehöriger der Volksmiliz?
Ich gehöre der Miliz nicht an, sagt der Mann. Vorübergehend. Kürzlich hat Fidel hier gesprochen und gesagt, wir werden die Yanquis nicht provozieren. Durch gar nichts. Wir verzichten nicht auf unser Land, das sie sich gewaltsam angeeignet haben. Wir werden es wiederbekommen, aber nicht durch Gewalt.
Aber wie?, frage ich.
Na, es gibt ein internationales Recht, sagt der Mann. Kuba gehört uns und nicht den Yanqitis. Kubanischer Boden ist nicht zu verkaufen und nicht zu verpachten, hat Fidel gesagt. Deshalb nehmen wir auch diese zweitausend Dollar nicht an, diese Jahresmiete.
Was tun Sie mit den Dollars, die Sie dort verdienen?
Ich tausche sie hier um, wie fast alle.
Dollar und Peso stehen gleich?
Ja, seit eh und je.
Aber im Stützpunkt gibt es einen anderen Kurs.
Ja. Dort bietet man drei Pesos fünfundzwanzig für einen Dollar und verkauft einen Dollar für vier Pesos.
Und wie haben sich die Yanquis da drüben eingerichtet?
Als wollten sie noch sehr lange da bleiben, sagt der Mann, Sie haben märchenhafte Häuser gebaut, Nachtklubs, sechs Filmtheater und eine Fernsehstation.
Wir stehen längst an der Theke einer Cafeteria. Der Mann denkt nicht mehr an seinen Bus. Ein anderer ist noch hinzugekommen, ein Schweißer, der vor zwei Tagen von den Yankees entlassen wurde, weil er in Guantánamo eine Funktion im Verband der Jungen Rebellen bekleidet. Die Männer führen mich ins Bordellviertel von Caimanera.
Eine verwinkelte Straße mit ein paar Nebengassen; jedes Haus ein Nachtlokal. Kein Mensch ist zu sehen. Aber das liegt nicht daran, dass es fünf Uhr nachmittags ist. Auch nachts herrscht hier Stille und Dunkelheit. Die Leuchtröhren über den Bars sind abmontiert, die Schilder mit den Namen und Öffnungszeiten überpinselt. Auch hier tummelten sich die Yankees. Nun dürfen sie schon lange nicht mehr hierher. Das Bordellviertel ist geschlossen und wird umgebaut.
Die Häuser werden alle Schulen, sagen meine Begleiter.
Mauersteine sind schon angefahren worden, Zement. Frühere Militärstützpunkte, wo jetzt Kinder unterrichtet werden, habe ich überall im Lande angetroffen. Nachtlokale, die zu Schulen umgebaut werden, findet man nur in Caimanera.
Die Nacht der Schnee-Eule von Jan Flieger
Die Fluchtprobe lässt die Novemberkälte spüren: zwei Entkommene, Misstrauen und der auflodernde Moment, in dem vermeintliche Verbündete über Leben und Tod entscheiden.
Plötzlich sah Vasek die beiden Männer, die über eine tief verschneite Waldwiese liefen. Sie trugen Zivil.
Partisanen, keuchte Kottenhahn erregt. Es ist besser, wenn wir nachts laufen Und am Tage schlafen.
Vasek hoffte, dass es Partisanen waren. Wenn sie uns gesehen haben, dachte er, werden sie eine Abteilung alarmieren, die uns an irgendeiner Stelle des Weges stellen wird.
So plötzlich, wie die Männer aufgetaucht waren, die man nur als kleine dunkle Punkte wahrnehmen konnte, waren sie wieder verschwunden. Es sah aus, als hätte sie das Krummholz des anderen Bergkamms verschluckt.
Vasek spürte einen Stoß im Rücken und blickte in die kalten blauen Augen Kottenhahns. Wir werden nur noch nachts marschieren und am Tag in den Bunkern schlafen. Teile den Weg so ein.
Das wird nicht gehen, antwortete Vasek erschrocken,
Es wird, knurrte Kottenhahn, und Vasek blickte in den Lauf einer Maschinenpistole. Wenn er mich erschießt, dachte Vasek, kann ich die Partisanen nicht warnen, die in dem Erdbunker sind, in dem die Ärztin arbeitet. Ich muss diese Männer töten, ehe sie mich töten.
Denke nicht, dass du uns entkommst, oder dass du sie warnen kannst, hörte er Kottenhahn sagen, der die Worte zwischen den Zähnen hervorstieß wie Geschosse.
Und vergiss nicht: Wenn wir nicht zurückkommen, trifft es dein Kind und deine Frau. Ein KZ überleben sie nicht in ihrem Zustand.
Ja, sagte Vasek leise. Er blickte in die kalten Augen Kottenhahns, wusste, dass er diese Männer nie zu der Ärztin führen würde. Und die letzte Möglichkeit, die ihm bleiben würde, wenn er sie nicht selbst töten konnte, musste sein Schrei sein, der, wenn ihn kein Sturm verschluckte, weit, unendlich weit zu hören sein würde.
Und wieder dachte Vasek an die zwei Männer, deren Spuren die Flocken, die langsam dichter und dichter fielen, bedecken und auslöschen würden.
Vasek lief wie in Trance weiter. Als die Gruppe den schützenden Bunker erreicht hatte, er war sehr klein, und sie mussten eng aneinandergepresst liegen, er neben Kottenhahn, glitt sein Leben an ihm vorbei auf eine Weise, wie es Ertrinkenden geschehen sollte. Aber wer wusste das? Keiner war je zurückgekehrt.
Viel Vergnügen beim Stöbern in diesen fünf Büchern lassen Sie sich überraschen von ihrer Vielfalt. Herzliche Grüße aus der Redaktion, bis nächsten Freitag.
Ansprechpartner
Gisela
Pekrul
Verlagsleiterin
Tel: +49 (3860) 505788
E-Mail: editiondigital@arcor.de
Über "EDITION digital Pekrul & Sohn GbR"
EDITION digital war vor 31 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Der Verlag gibt Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher als barrierefreie E-Book heraus, einige auch als Hörbuch. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher von DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.800 Titel. Die Printsparte des Verlages war Ende 2025 von Ralf Jordan vom Geschichtlichen Büchertisch als Imprint übernommen worden.