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Tiberius. Erinnerungen eines vernünftigen Menschen von Volker Ebersbach
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Preis E-Book:
8.99 €
Veröffentl.:
22.03.2022
ISBN:
978-3-96521-642-6 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 386 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Klassik, Belletristik/Erotik/Schwul, Belletristik/Schwul, Belletristik/Geschichte, Belletristik/Literarisch, Belletristik/Action und Abenteuer, Belletristik/Liebesroman/Erotika, Belletristik/Liebesroman/Lesbisch
Klassische Belletristik, Erotische Literatur, Historischer Roman, Meeresgeschichten, Historische Liebesromane, Belletristik in Übersetzung
Ovid, Kaiser Augustus, Verbannung, antikes Rom, Tiberius, Machtkampf, Mord, Intrigen, Liebe, Sexualität, Homosexualität, Päderastie, Prostitution, Kuppelei, Antike, Rom, Griechenland, Müßiggang, Verschwendungssucht, Eifersucht, Römische Geschichte, Selbstmord, Agrippina, Britannicus, Caligula, Gajus Caesar, römischer Kaiser, Claudius, Titus Flavius, Livia Augusta
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2 Weil ich nicht zu einem künftigen Herrscher bestimmt war, sondern zu seinem treusten Handlanger, bin ich mit besonderer Strenge erzogen worden. Meine Laufbahn blieb, von seltenen Ausnahmen abgesehen, Stufe um Stufe in der Ordnung, während die des Marcellus, des Agrippa, meines Bruders Drusus und die der beiden jungen Caesaren Gajus und Lucius, auf die ich später zurückkommen werde, jeweils von Ausnahmen bestimmt war. Mir konnte niemand nachsagen, dass ich etwa begünstigt wurde, und um die Zurücksetzung, die ich empfand, nachzuweisen, hätte ich das Machtgelüst eingestehen müssen, das in mir erwachte. Ich spürte die Lächerlichkeit, der ich mich preisgeben würde, und fügte mich wortlos in alles, auch wenn es meinem Willen widerstrebte. Immerhin ersparte mir Augustus das Angebot neu geschaffener Ämter, die er außerhalb der für Senatoren üblichen Reihenfolge den niederen Günstlingen, die sich an den Tag verkaufen mussten, und ehemaligen Gegnern zur Bewährung vorbehielt, die Aufsicht über öffentliche Arbeiten wie Wegebau, Wasserwirtschaft, Regulierung des Tiberbettes, Kehrichtbeseitigung. Ich überwachte als Adil zunächst Straßen, Tempel und Märkte Roms. Hier begegnete mir Merkur in all den Händlern und ihren Waren. Doch ich sah zugleich, dass seinen Flügelschuhen Mars in den Soldatenstiefeln vorausgeschritten war, die auch mich bald wieder an die Grenzen des Reiches tragen sollten. Wie leicht macht Gewinn die Wunden vergessen. Haben nicht die unterworfenen Völker, in Einsicht, wozu es sich lohnt, die römische Bedrückung zu dulden, zuerst Merkur von uns unter ihre Götter übernommen als Adsmerius, Arvernorix, Cimbranius, Teutates? Sein Heroldstab aus Olivenholz, von Girlanden umwunden, ist das Urbild der römischen Feldzeichen, wie sie durch Jahrhunderte in die Welt hinausgetragen wurden. Die ältesten Bildnisse des Gottes, die ich in meiner Sammlung habe, hölzerne und erzene Hermen, die, noch bevor diese Form für marmorne Schulterporträts benutzt wurde, als Wegmarkierungen in Steinhaufen steckten, lassen aus ihrem sonst völlig glatten, wie ein vierkantiger Keil sich nach unten verjüngenden Unterteil einen auffällig gesteiften Phallus hervortreten, der dem Wanderer, Soldat oder Händler die Richtung weist, in der es etwas zu gewinnen gibt. Wie das Weib gegenüber dem Mann, wissen die Bundesgenossen Roms, dass Unterwerfung Frucht bringt. Nichts anderes scheinen mir noch heute unsere siegreichen Feldzeichen zu bedeuten. Doch ich, das klärte sich mir früh, führte sie selbst als Unterworfener, der sich verstellen musste um eines unvergleichlichen Gewinnes willen, der mir freilich erst zufiel, als ich ihn nicht mehr wollte, die Macht. Heute erhoffe ich mir von dem schönen, zarten Jüngling, als den der letzte und feinste Geschmack Alexandrias den Götterboten in mein Haus gestellt hat, einem Ebenbild meiner unwiederbringlichen Jugend, ein sanftes, von freundlichen Gesprächen verkürztes Geleit zu den Schatten der Unterwelt.

3 Der Bauer, wie mein Ahnherr Clausus in Saturnischer Zeit einer war, ist dem engen Kreislauf seiner Wirtschaft verpflichtet. Seine kleine Welt braucht sich in keine Abhängigkeit zu begeben als in die der Natur, die ihm die Unschuld bewahrt. Er ist träge in all seiner Plackerei, er ist unkriegerisch, er unterhält kein Gemeinwesen als das mit seinesgleichen. Ich hingegen war bis ans Ende meiner besten Jahre eine je nach Bedarf geknüpfte Masche in dem Netz, das der Erste Bürger Roms, der Erhabene mit dem dämonischen Willen, aber auch mit dem tückischen und niederträchtigen Gebaren eines Gladiators über die ganze bekannte Welt warf. Die frühe Erfahrung des Kindes, weder List noch offene Weigerung, weder Spott noch Aufruhr werde ihm helfen, mag meine vorherrschend düstere Laune, meine Grämlichkeit und Verdrossenheit erklären. Ich war immer pflichtergeben, obwohl ich die Pflicht verabscheute. Sie verkörperte sich in Augustus, meinem Stiefvater und Vorgesetzten, dem obersten Kriegsherrn und Imperator, dem Ersten Soldaten, Ersten Senator, Ersten Bürger, dem Ersten in jeder Hinsicht. Ich überragte ihn bereits und sah auf sein gewelltes gelbliches Haar. Doch wenn der scharfe Blick seiner hellen Augen mich traf, wandte ich mich ab wie geblendet. Es genügte, dass er mich bei der Schulter packte und herumriss, mir grimmig seinen harten Blick aufzwang und seine schlechten, lückenhaften Zähne zu einem im voraus triumphierenden Lächeln entblößte, um dann wortlos davonzugehen, und mein Widerspruch brach, ebenfalls wortlos, in sich zusammen. Dennoch sprach die Pflicht stets mit weiblicher Stimme zu mir. Noch immer zehrte mein Respekt vor diesem Mann davon, dass meine Mutter ihn meinem Vater vorgezogen hatte. Und weil ich alles, was mit meiner Mutter, was irgend mit Weiblichkeit zu tun hatte, schwernahm, hatte auch die Pflicht an mir eine leichte Beute. Sie nistete sich in mir ein wie die schmarotzende Mistel im Gezweig eines Laubbaumes. Sie machte mich langsam und bedächtig, nachdenklich bis zur Grübelei, aber auch beharrlich und ehrlich. Heute durchschaue ich alle diese gemeinhin für gut erachteten Eigenschaften: Ich war, weil ich hinter jedem Versäumnis einen Abgrund gähnen sah, in allem, was ich tat, bestrebt, jedem Tadel, jeder mir in meinem eigenen überaus strengen Urteil denkbaren Beanstandung zuvorzukommen, jedweden Einwand gegen mich schon zu entkräften, bevor er sich regte.

4 Hinter dieser unerbittlichen Selbstzucht blieb ich im Innersten kleinmütig und zaghaft. Und da sie der Angst geschuldet war, brütete sie neue Minderwertigkeitsgefühle aus, zeugten sich Hemmungen und Selbstzweifel fort. Mit der Zeit lernte ich es, meine Menschenscheu in die römischen Modegewänder der Schlichtheit, Einfachheit, Bescheidenheit zu kleiden. Doch in einer stillen Qual verachtete ich bald nicht nur die Menschen, die etwas von mir verlangten, sondern auch die, zu deren Gedeih ich es leisten sollte. Mein ständig überforderter Stolz schlug um in Ekel, Ekel vor den Mitmenschen und Ekel vor mir selber, bis ich mich in jene Ausbrüche von Überheblichkeit verrannte, die noch heute in aller Munde sind. Man sah mich oft still bleiben, man sah mich selten hochfahren. Man nannte mich einen Mucker und Heuchler. In Wahrheit bewegte ich mich wie ein gefangenes Tier auf nutzloser Flucht beständig im Kreis. Ich floh vor den Widerwärtigkeiten einer theatralisch auftretenden Großfamilie, indem ich mich an alle Regeln mit ausgesuchter Pünktlichkeit hielt, vor den öffentlichen Obliegenheiten, indem ich mich blindwütig in sie stürzte, und vor dem Kummer über Valerias Hochzeit mit Marcus Lollius, indem ich mich in meine anerkanntermaßen schöne Stiefschwester Julia verliebte. Die frischgeschlossene Ehe mit Claudius Marcellus, dem Schwestersohn des Augustus, führte mir diese einzige Tochter, die ihm aus seiner Verbindung mit der verstoßenen Scribonia herangewachsen war, bei Gastmählern und Zerstreuungen aller Art oft genug unter die Augen, machte sie aber zugleich so unnahbar, dass ich mich in meiner Scheu vor den Wirklichkeiten der Liebe nach Herzenslust aufs Schmachten verlegen konnte. Es beruhte auf lauter Einbildungen, das kann ich heute sagen, nachdem ich auch alle Schlammfluten des Hasses auf dieses Weib habe durchwaten müssen. Damals ruhte mein Blick mit heimlichem Neid auf ihrem Gatten, und hinter dem Wunsch, ihm die Frau wegzunehmen, wie es einst Octavian mit meinem Vater getan hatte, arbeiteten meine gerade erwachten Machtgelüste, die ihm den Tod wünschten. Hegte ich tatsächlich Wünsche? Es waren Vorstellungen, an die sich nie Pläne knüpften.

5 Als Sohn der Octavia, der Schwester des Ersten, die unter den weiblichen Gliedern der palatinischen Familie der Livia nur wenig nachstand und es gelegentlich darauf ankommen ließ, ihr den Rang streitig zu machen, nahm Marcellus längst für Augustus die Stelle des eigenen Sohns ein, den Livias Schoß ihm vorenthielt. Gegen die Stiefsöhne, mich und Drusus also, entschied das Blut, das Augustus näherstand. Schon beim dalmatischen Triumph war dies sichtbar, als Marcellus das rechte, ich aber nur das linke Beipferd seines Siegeswagens reiten durfte. Zudem hatte der Neffe mir ein knappes Lebensjahr voraus. Durch die Ehe mit seiner Tochter hatte Augustus vor aller Welt den Marcellus unumstößlich zu seinem Nachfolger erklärt. Und ich war zu der Zeit noch nicht klug genug, dieses Los zu fürchten. Überdies war Julia in dem Alter, als Valeria mir zum ersten Mal begegnete, ein noch unschuldig dreinschauendes, äußerst reizendes Wesen. Frühreife und Selbstsicherheit gaben dem ersten Aufbrechen ihrer Blüte einen lieblich herben Duft, und nur ein Frauenkenner hätte ahnen können, dass sich der Modergeruch der Verworfenheit daraus entwickeln würde. Sie war auch durchaus klug und belesen. Und wenn Valeria ihr sinnliches Verlangen von Natur aus kaum verbergen konnte, so empfand Julia in Kenntnis ihres Ranges nie eine Nötigung dazu. Schon in diesem zarten Alter schenkten ihre ins Türkis spielenden Augen ihre Gunst, wem sie wollten. Auch sie erschien mir als schicksalhafte Mischung aus Hure und Göttin. Denn die Blicke, die mich trafen, wenn sie am Arm des Marcellus in den Saal trat, lockten mich auf die Spur des Unerreichbaren und umgaukelten mich mit vagen Verheißungen des Verbotenen.

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