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Hochzeit in der Engelsburg. Frauen aus der italienischen Geschichte von Sigrid Grabner
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
08.04.2022
ISBN:
978-3-96521-650-1 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 240 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Geschichte, Belletristik/Action und Abenteuer, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Politik
Historischer Roman, Historische Abenteuerromane, Biografischer Roman
Rom, Engelsburg, Michelangelo, Liebe, Papst, Krieg, Tod, Verfolgung, Erbschaftsstreit, Mittelalter, Italien
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Die Sonne stand fast im Zenit, als Mona Lapa den steilen Anstieg von Ronciglione bewältigt und die Passhöhe erreicht hatte. In der Tiefe schimmerte der Wasserspiegel des Lago Vico. Der Frühling war spät ins Ciminische Bergland gekommen. In den Tälern blühte der Ginster, doch über die Höhe strich noch ein kalter Wind.

Mona Lapa hob die Augen nicht von dem beschwerlichen Weg. Erst als sie das Plätschern einer Quelle hörte, schaute sie um sich. Die Lichtung schien ihr der geeignete Ort für eine Rast. Sie legte ihr Bündel auf einen flachen Stein, entknotete es und breitete die Mahlzeit aus – ein Stück Schafskäse, gesalzene Oliven und Hirsefladen. Seit Sonnenaufgang hatte sie nichts mehr gegessen. Sie bekreuzigte sich und murmelte ein Gebet. Als sie einige Bissen zu sich genommen hatte, überwältigte sie Müdigkeit. Ihr Kinn sank auf die Brust. So erblickte sie ein Reiter, der die Via Cimina entlangritt. Er sprang von seinem Maultier.

Mona Lapa schrak auf. Gegen die Sonne sah sie nichts als Schatten. Sie hob die Hand über die Augen.

„Gute Frau, was tut Ihr hier allein? Ist Euch etwas zugestoßen?“

Die Alte musterte den Fremden. Sein Gewand war einfach, doch aus feinstem Tuch, auf dem schwarzlockigen Haar saß ein rotes Barett. Das bartlose Gesicht ließ ihn jünger erscheinen, obwohl er auf die Dreißig zugehen mochte.

„Setz dich zu mir, wenn dich die Gesellschaft einer alten Frau nicht langweilt.“

Lächelnd verbeugte sich der Fremde und nannte seinen Namen: Antonio di Bartolo, auf dem Weg von Rom in seine Heimatstadt Florenz.

Mona Lapa winkte ab. „Was sind schon Namen! Nenn mich Mutter und setz dich nieder.“

Antonio band das Maultier an einen Baum. Aus der Satteltasche nahm er Wein, Oliven und Brot. Bedächtig aßen und tranken sie.

„Fürchtet Ihr Euch nicht, ohne Begleitung zu reisen? Es soll Banditen in den Wäldern geben“, begann Antonio das Gespräch.

„Es fürchtet sich nur, wer etwas zu verlieren hat. Was habe ich zu verlieren? Nur das Leben, und das neigt sich ohnehin dem Ende zu. Achtzig Jahr bin ich alt.“ Mona Lapa nahm den Becher Wein, den Antonio ihr reichte, trank und fuhr fort: „Drei Stunden Weg von hier sprangen zwei Männer aus dem Gebüsch, etwa so alt wie du, die Gesichter von Haar bewachsen, dass sie kaum zu erkennen waren. Da seid ihr bei mir falsch, sagte ich. Ich habe nur mein Leben, wenn ihr etwas damit anfangen könnt. Wenn ihr es nicht wollt, dann betet mit mir für die Seele meiner verstorbenen Tochter, die ich eben in Rom begraben habe, und Gottes Segen wird mit euch sein.

Du wirst es nicht glauben, aber die Burschen knieten mit mir nieder, wir beteten gemeinsam ein Vaterunser. Sie begleiteten mich noch ein Stück, dann verschwanden sie wie gekommen. Banditen sind auch Menschen.“

Mona Lapa wandte sich Antonio zu. In den altershellen Augen tanzten Lichtpünktchen. Der Mann wusste nicht, ob er über die Schläue oder die Einfalt der Alten lachen sollte.

„Ihr brächtet es wohl auch fertig, Banditen zu Mönchen zu machen, wie?“

Die Alte schüttelte den Kopf. „Da blieben sie ja, was sie sind.“

„Ihr habt keine hohe Meinung von den frommen Brüdern.“

„Es gibt gute und schlechte“, wich Mona Lapa aus. Sie ging zur Quelle und wusch sich die Hände. Ihre Bewegungen waren rasch und nicht ohne Anmut. Als sie wieder neben Antonio saß, strich sie eine Haarsträhne aus dem Gesicht und band das Kopftuch fester. Antonio mutete diese Geste vertraut an. Wo hatte er sie schon einmal gesehen und bei wem?

„Euch ist die Tochter gestorben?“

Mona Lapa nickte. „In meinem Alter wird der Tod zu einem treuen Begleiter. Jedes Mal, wenn er eines der Kinder oder Enkel holt, frage ich: Warum nicht mich? Sie war meine jüngste Tochter, kaum älter als du. Mir ist, als hätte ich sie eben erst geboren. Wer soll das begreifen.“

Antonio berührte mitfühlend Mona Lapas Hand. „Wie gut ich Euch verstehe. Auch ich habe in Rom eine Tote beweint. Man hatte sie schon begraben, als ich kam. Der Gedanke, sie nie wiederzusehen, macht mich krank. Sie war noch so jung …“

Ihm brach die Stimme. Das Maultier hielt im Grasen inne, hob den Kopf und ließ ein Schnauben hören.

„Sie war eine Heilige, wie es sie nur alle hundert Jahre einmal gibt“, sagte Antonio, als er sich gefasst hatte.

„Warum trauerst du dann?“, fragte Mona Lapa. „Heilige sterben nicht wirklich. Sie sind bei Gott. Du kannst zu ihnen beten, sie um Hilfe bitten, mit ihnen Zwiesprache halten. Aber – wer sagt dir, dass deine Tote eine Heilige war?“

„Ich weiß es. Sie war wie ein Engel mit dem Flammenschwert. Menschliche Gemeinheit vermochte nichts gegen sie. Sie lebte und sie starb wie eine Heilige.“

Hochzeit in der Engelsburg. Frauen aus der italienischen Geschichte von Sigrid Grabner: TextAuszug