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Unter australischer Sonne von Walter Kaufmann
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
02.11.2020
ISBN:
978-3-96521-280-0 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 236 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Action und Abenteuer, Belletristik/Liebesroman/Aktuelle Zeitgeschichte, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Politik
Historische Liebesromane, Historischer Roman, Thriller / Spannung, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Liebe und Beziehungen, Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Tod, Trauer, Verlust, Kriegsromane: Zweiter Weltkrieg, Erste Hälfte 20. Jahrhundert (1900 bis 1950 n. Chr.), Australien
Jude, Australien, Holocaus, Flucht, Gewerkschaft, Solidarität, Farm, Pfirsichplantage, Hafen, Streik, Freundschaft, Armee, Liebe
12 - 99 Jahre
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Weil ihn der Gedanke an Marcia immer noch beschäftigte, glaubte Stefan einen Augenblick lang, dass der Brief, der für ihn im Flur lag, von ihr sei – wer anders kannte seine Adresse? Dann sah er den gedruckten Absender auf dem Umschlag: Internationales Rotes Kreuz; sah die englische Briefmarke, und in banger Ahnung schien alles Leben in ihm zu erstarren. Wie vom Ende eines langen Ganges hörte er Frau Paterson rufen: „Sind Sie das, Stefan?" Und hörte sich antworten: „Ja, Frau Paterson", während seine Augen über die Zeilen huschten und sein Gehirn ihre Bedeutung aufnahm.

„Liebster Junge! Wir reisen heute nach Theresienstadt.

Gott gebe es, dass wir uns wiedersehen. In inniger Liebe

Deine Eltern."

„Stefan!"

„Ja?"

„Ist etwas passiert? Der Brief vom Roten Kreuz …“ Frau Paterson kam aus der Küche geeilt und sah ihn besorgt an.

Stefan wandte sich zu ihr und sagte: „Die Nazis haben meine Eltern in ein Konzentrationslager geschleppt."

Er hatte ein Gefühl, als kreise alles um ihn, als verschwände Frau Patersons betroffenes Gesicht ins Nichts. Um nicht vollends den Halt zu verlieren, schloss er fest die Hand um den Brief. Langsam ging er auf sein Zimmer. Sie folgte ihm nicht.

 

„Frau Paterson hat mir erzählt …", sagte Albert später. Stefan wusste nicht, wie lange er allein gesessen hatte. „Darf ich den Brief sehen?"

„Er liegt auf dem Tisch", sagte Stefan, erhob sich aber nicht aus dem Sessel vor dem kalten Kamin, in dem angekohlte Scheite in der Asche lagen. Er hörte Albert durchs Zimmer gehen, aber da er sich nicht umdrehte, sah er nicht, dass Albert den Brief aufnahm, ihn sorgfältig las und auf den Tisch zurücklegte. Nach langem Schweigen sagte Albert: „Du sollst wissen, dass du dich auf mich verlassen kannst."

Stefan fuhr mit der Hand über Stirn und Augen. Er sagte: „Der Wortlaut sogar ist tragisch. ‚Wir verreisen heute nach Theresienstadt. Gott gebe … Sie verreisen im Vertrauen auf Gott!" Er sagte es erbittert. „Warum vertrauen sie auf Gott? Sag mir das!", forderte er.

„Vielleicht tröstet es sie."

„Trösten! Du weißt so gut wie ich, der Vorsehung kann man nicht vertrauen. Nicht einmal das haben sie in diesen Jahren gelernt. Albert, ich bin traurig ihretwegen. In Furcht sterben müssen, für nichts sterben müssen – kann es Schlimmeres geben?"

„Vielleicht brauchen sie nicht zu sterben."

„Weißt du, was Theresienstadt ist?"

„Ich weiß, was Theresienstadt ist."

„Dann sag so etwas nicht. Du brauchst meine Gefühle nicht zu schonen."

„Theresienstadt soll nicht so schlimm wie Auschwitz oder Buchenwald sein."

„Ich bat dich, mir keine Hoffnungen machen zu wollen. Ich bin nicht hoffnungsvoll, ich bin traurig und empört und …", er wandte die brennenden Augen Albert zu, „so voll Hass, dass es mich erschreckt."

Er stand auf, und mit unnatürlich ruhiger Stimme, als wäre es ihm gelungen, seine Gefühle zu unterdrücken, sagte er: „Du möchtest wissen, was heute Abend wird?"

„Das Konzert? Wenn du es wünschst, entschuldige ich dich bei Margo. Sie wird es verstehen."

Stefan sagte, noch immer mit Hass in der Stimme: „Ich sitze nicht hier herum und starre das verkohlte Holz und die Asche an. Bleib hier, ich mache mich fertig. Ich möchte gerade heute zu einem Beethoven-Konzert gehen."

 

Das Konzert hinterließ bei Stefan einen nachhaltigen Eindruck. Als sie mit dem Strom der Besucher aus dem Saal traten, hatte er kaum eine Empfindung von seiner Umgebung und der Gesellschaft, in der er sich befand. Er sprach nur, wenn die Höflichkeit es erforderte, und spürte kaum die Schönheit von Ruth McFarlanes sprechenden Augen, die mehr ihre Übereinstimmung bekundeten, als Worte es hätten tun können.

Der Abend war kalt und stürmisch, dennoch machten sie sich in schweigendem Einvernehmen zu Fuß auf den Weg in die nicht allzu weit entfernte Universitätswohnung der Familie McFarlane. Der Wind riss ihre sparsamen Worte in die nackten Wipfel der Straßenbäume, spielte eine heftige Großstadtsymphonie auf Zäunen und Drahtleitungen. Die beiden gingen und gaben sich ganz den Gedanken hin, die das Konzert in ihnen ausgelöst hatte. Vor den Toren der Universität dankte er Margo und bat die beiden Frauen, ihn zu entschuldigen; allein kehrte er zu seiner Wohnung an der Bucht zurück. Lange Zeit trieb er sich in Gedanken verloren am Wasser herum, bis eine ferne Uhr Mitternacht schlug; da ging er in sein Zimmer, nahm Feder und Papier und schrieb ein Gedicht, dessen erste Zeile lautete: „Dass niemand euch vergesse, wenn dieser Krieg bestanden!"

Das erste graue Dämmerlicht säumte die Vorhangkanten, als er sich unausgezogen aufs Bett legte. Er schlief traumlos bis in den Tag hinein.

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