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Septemberliebe von Herbert Otto
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Preis E-Book:
6.99 €
Veröffentl.:
05.03.2015
ISBN:
978-3-95655-311-0 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 134 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Liebesroman/Geschichte/20. Jahrhundert, Belletristik/Liebesroman/Spannung, Belletristik/Familienleben, Belletristik/Geschichte, Belletristik/Thriller/Spannung
Historischer Roman, Thriller / Spannung, Familienleben, Belletristik: romantische Spannung, Liebesromane, 20. Jahrhundert (1900 bis 1999 n. Chr.)
DDR, Staatssicherheit, Industriespionage, Republikflucht, Liebe, Schwestern, Chemieindustrie
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Er langt nach seiner Hose, die neben dem Bett auf dem Fußboden liegt, zieht Streichhölzer und Zigaretten aus der Tasche, nimmt den Aschenbecher vom Nachttisch und zündet eine Zigarette an. Er bettet sich wieder in ihren Arm, raucht zwei tiefe Züge und sagt dann:

„Ich muss dir noch etwas sagen, was du wissen sollst ... Ich habe eine böse Sache hinter mich gebracht ... die mich sehr bedrückt hat ...“

Sie ist aufmerksam geworden, hört ihn an der Zigarette ziehen und dann weiterreden:

„Das ist jetzt vorbei, und du sollst es wissen. Es fing an während meines Berliner Studiums. Ich war damals häufig bei meinem Onkel in Charlottenburg. Er hat da eine pharmazeutische Fabrik, eine kleine Bude. Ich lernte bei ihm Leute kennen, Chemiker, auch welche von IG-Farben ..“

Weil der Rauch seiner Zigarette sie stört, nimmt sie behutsam seine Hand zur Seite. Er sieht zu ihr auf, küsst sie flüchtig auf die Schulter und sagt:

„Verzeih.“

Und er fährt fort:

„Wir haben nächtelang gesessen und gefachsimpelt ... Sie haben mir Bücher beschafft. Sie sprachen sogar mit Respekt von unserer Arbeit hier und was wir alles schaffen! ... Dann war ich fertig und kam hierher ins Werk. Wir trafen uns weiter bei meinem Onkel. Man müsste die Kontakte pflegen, Deutsche mit Deutschen, und die Spaltung sei schon tief genug ... Und dann eines Tages wurden sie deutlicher. Ob ich Ihnen nicht Einblick in unseren Forschungsauftrag geben könnte ...“

Franka hört gespannt zu. Eine leise Besorgnis kommt in ihr Gesicht. Ihre Hand, die durch sein Haar streicht, ist unruhig geworden. Sie hört ihn weiterreden:

„Ich lehnte das entschieden ab, und sie zeigten sich entrüstet ... Es gehe einzig um die deutsche Forschung und nur gemeinsam, Hand in Hand könne man ihr wieder Weltgeltung verschaffen.“

Er macht eine Pause, und es scheint, als wünsche Franka, er möchte schweigen. Sie hört ihn tief atmen und dann sagen:

„Ich war froh, als ich wieder zu Hause war und nahm mir vor, nicht mehr dort hinzufahren ... Aber zwei Wochen später schickten sie mir ein Päckchen ins Haus ... mit einer winzigen Spezialkamera.“

Er deutet mit den Fingern die Größe der Kamera an.

„... so groß wie eine Streichholzschachtel. Ich sollte unsere Arbeit fotografieren und den Film in einem Versteck am Bahnhof hinterlegen ... Sie nennen das einen ,Toten Briefkasten‘. Das war vor einer Woche.“

Franka liegt bewegungslos. Der weiche beglückte Ausdruck ist nun ganz aus ihren Zügen gewichen. Ihre Hand in seinem Haar ist still geworden. Da er schweigt, richtet sie sich halb auf, sieht ihn an und fragt unruhig drängend: „Und weiter?“

Nach einer Weile hört sie ihn mit veränderter Stimme, ein wenig härter sagen:

„Ich habe die Kamera unbenutzt in das bezeichnete Versteck gelegt ... Und einen deutlichen Brief dazu ... ich sei nicht der Mann für sie ... sie brauchen nicht weiter mit mir zu rechnen.“

Franka horcht in die Stille des Zimmers, blickt eilig umher. Sorge und Ratlosigkeit sind in ihren Zügen, aber auch die verzweifelte Sorge nach einem Ausweg. Er sieht zu ihr auf und sagt:

„Das solltest du wissen. Herrgott, bin ich froh, dass ich dir das sagen kann, dass alles hinter mir liegt und dass ich dich habe ..."

Er liebkost sie.

„Keinem hätte ich davon erzählen mögen - außer dir ... Auch Hannelore nicht ...“

Sie hält mühsam ihre Erregung zurück. Sie hört anscheinend weder, was er sagt, noch nimmt sie seine Zärtlichkeiten wahr. Instinktiv zieht sie das Deckbett vor der Brust zusammen, fragt plötzlich:

„Und die Kamera liegt jetzt in diesem Versteck?“

Sie hört wohl auch nicht, dass er antwortet:

„Ja. Seit gestern früh.“

Sie sagt, wie zu sich selbst:

„Und jemand wird dorthin gehen und sie wegholen ... heimlich ... und weiterbringen …“

Ihre Art zu sprechen macht ihn stutzig. Er sieht sie abwartend an. Sie fragt dann plötzlich:

„Was können wir jetzt tun?“

Er versteht diese Frage nicht.

„Nichts. Was ich tun musste, habe ich getan.“

Franka, immer noch auf der Suche nach einer Lösung, sagt:

„Aber ist das genug?“

Er setzt sich auf.

„Ich habe mich geweigert, unsere Arbeit zu verkaufen ... wieso ist das nicht genug?“

Franka streicht wieder mit der Hand durch sein Haar, zieht ihn zu sich heran. Sie sagt ruhig, begütigend:

„Aber Hans, damit hast du doch die Leute nicht abgeschüttelt. Das ist eine ganze Organisation, die weiter gegen uns arbeitet. Es geht nicht nur um dich! Du darfst doch so etwas nicht verschweigen!“

Sie hört ihn fragen:

„Dann sag mir, was soll ich machen?“

Sie überlegt noch und sagt dann eindringlich:

„Du musst hingehen und alles offen sagen!“

Er fragt bestürzt:

„Wohin gehen?"

Franka, als wäre das die einfachste Sache der Welt, sagt: „Zu den Genossen, die das angeht, zur Staatssicherheit!“ Er fährt hoch, starrt sie fassungslos ungläubig an.

„Wie? Das kann doch nicht dein Ernst sein! Ich soll mich selber ins Gefängnis bringen?“

Sie sagt ruhig:

„Aber du kommst freiwillig ... und außerdem hilfst du, eine Bande von Verbrechern zu fassen. Wer sollte dich dafür ins Gefängnis stecken?“

Ihre Ruhe beruhigt auch ihn ein wenig. Er überlegt, schüttelt den Kopf und sagt nach einer Weile.

„Du weißt nicht, wie alles war. Da sind eine Menge kleiner Dinge ... Mein Onkel hat mir Geld gegeben. Nicht viel. Ich habe mir davon Bücher gekauft in Westberlin und Zeitschriften ... Ich war in Italien, mit einem Ausweis von drüben ... Ich habe in Gesprächen dies und jenes ausgeplaudert ... Erst viel später ist mir das bewusst geworden ... Alles wird gegen mich sprechen.“

Er wendet sich zu ihr, bittend:

„Verstehst du das nicht? Ich habe geglaubt, du kannst das, niemand sonst - deshalb musste ich dir das alles sagen. Liebes ...“

Sie nimmt seinen Kopf, streicht ihm tröstend das Haar, küsst ihn und sagt:

„Das war doch gut, und ich bin dir dankbar dafür ...“

Sie küsst ihn wieder, sagt:

„Aber mit dieser Halbheit werden wir nicht leben können ... Bitte, tue auch den letzten Schritt noch ... geh hin und erzähle, was du mir erzählt hast ... Ich komme auch mit, wenn du willst!“

 

Septemberliebe von Herbert Otto: TextAuszug