Hinter dem Alexanderplatz, in der Landsberger Straße, wo Oberst Zecke einmal im Keller gesessen hatte, war die gleiche Frau, die ihn damals betreut und ihm ein nasses Tuch gereicht hatte, zusammen mit den andern auf dem Weg zum Wasserhydranten. Gegen fünf Uhr morgens war es. Dicke Staub- und Brandwolken hingen über den Ruinen. Grünes Licht sickerte auf die Straße giftgrün war die Spiegelung von dem zusammenfallenden Feuer auf einem Lagerplatz für ausländische Hölzer, und grün waren auch die Gesichter der Frauen. Mit den Eimern in der Hand drückten sie sich an der Häuserwand entlang. Die schauerliche Sirene ertönte nicht mehr, war verstummt aus Stommangel. So hat alles sein Gutes, sagte jene Frau Riek zu ihrer Nachbarin. Wir brauchen dieses scheußliche Heulen nicht mehr zu hören. Bei Gefahr soll dreimal geschossen werden. Zum Lachen, denn wer hört das schon bei dem ununterbrochenen Höllenlärm! Das Krachen und Bersten der Bomben war abgelöst worden von den Geräuschen der Front. Artilleriegeschosse fegten durch die Landsberger Straße. Manche Geschosse brummten nur, andere heulten, noch andere pfiffen, und nochmals andere rollten dumpf und lang anhaltend. Die Frauen aus dem Hause in der Landsberger Straße hatten ihre Eimer gefüllt und gingen zurück. Frau Riek stellte ihre Eimer ab und blickte auf. Vor ihrem Haus am Laternenpfahl hing ein armseliges Bündel Mensch. Ein Soldat war während der Nacht von einer Streife aus dem Keller geholt worden und hing nun hier mit einem Pappschild an der Brust. Auch die anderen Frauen machten halt und starrten entsetzt dieses unwirkliche Bild an.
Aus dem Hausflur heraus ließ sich eine Stimme vernehmen:
Sehr richtig so muss man es mit allen machen, die feige sind! Der Frau wurde es kalt, ihr Gesicht verfärbte sich, wurde blass unter der Schicht aus Staub und Ruß. Sie brachte das Gesehene und das darüber Ausgesagte nicht zusammen. Und sie konnte und wollte die Stimme nicht erkennen. Die scheppernde Stimme ihres Mannes. Dieser Jammerlappen stand unter dem Haustor und entblödete sich nicht, solche hämische Bemerkung zu machen, und fand vielleicht noch Zustimmung, nicht bei allen, aber bei manchen.
Auch Franz war da. Quatsch doch nicht dämlich!, sagte er zu Riek.
Es gab aber noch immer Dumme und Verblendete und Verführte genug. Frau Riek wollte über ihren Mann herfallen, doch sie verschluckte das Wort, das sich ihr auf die Lippen drängte. Sie fasste sich, der lauernde Ausdruck auf den Gesichtern der andern warnte sie. Noch nicht, noch nicht wären doch bloß erst die Russen da! Steh da nicht herum, trag lieber die Eimer, schrie sie Riek an. Sie ließ die mit Wasser gefüllten Eimer stehen und ging voran in den Hausflur. Sie ging vorbei an den Toten, die dort an der Wand abgestellt waren. Von der Straße Hereingetragene waren es, aus dem Haus ein altes Ehepaar mit ihrer Tochter, die sich vor einer Stunde das Leben genommen hatten. Und der alte Veteran Willem lag in der Reihe; er war in der vergangenen Nacht an der vor einigen Wochen während eines Luftangriffs erhaltenen Splitterverwundung gestorben. Eine weitere Tote war die Hausbesitzerin, die, ohne Morphium geblieben, in sich zusammengefallen und ohne ein Wort der Klage gestorben war.