Ein zweiter Panzerkreuzer derselben Klasse kommt in Sicht, der Tiger! Sechzehn schwere Turmgeschütze richten sich auf die kleine Ariadne.
Ruder hart Steuerbord!, befiehlt der Kommandant.
Liegt Steuerbord!, antwortet der Rudergänger.
Die Ariadne dreht auf Gegenkurs, sucht mit äußerster Fahrt sich in den Nebel zurückzuziehen. Der Lion schießt mit seinem vorderen Turm. Aus den Mündungen steigt Rauch auf.
Wie ein D-Zug, der über eine Eisenbrücke rattert!, konstatiert Hein Mathiesen. Er würgt an den Worten. Seine Augen sind stier. Kleesattel erkennt das Schiff wieder vor ein paar Wochen vor der Insel Malta! Ein Gewimmel von Matrosen damals! Er hätte diesem Hamburger Bäckermeister doch die Fresse zerschlagen sollen! Die Rote-Kreuz-Schwester in Bremen auf dem Bahnhof, was für hohe, schlanke Beine sie hatte!
Anderthalb Sekunde!
Zwei Fontänen steigen aus dem Meer, einige hundert Meter vor dem Schiff. Fünfundfünfzig Hundert!, gibt die Feuerleitung für die eigene Artillerie an. Fünfundfünfzig Hundert!, wiederholen die Telefonposten an den Geschützen.
Salve Feuer!
Die Geschützführer an der Backbord vorderen Kanone der Bootsmaat Paul Weiß reißen die Abzugshebel zurück. Betäubendes Krachen. Das Rohr rennt rückwärts in der Lafette. Zweiunddreißig Pfund Eisen jedes Geschütz. Erbsen gegen die schweren Panzer der Schlachtkreuzer, die wirkungslos abprallen.
2600 Tonnen ist die Ariadne groß.
30 000 Tonnen jeder der Panzerkreuzer.
Die fünf Mann Bedienung der Ariadnekanonen stehen frei an Deck. Die achtzig Mann Bedienung jedes britischen Turmgeschützes stehen hinter dem Schutz dicker Panzerwände.
Die nächsten Aufschläge liegen achterlich. Der Gegner hat sich herangegabelt, das Schussfeld gefunden. Jetzt zuckt ein Feuerkreuz rings um die beiden Panzer. Der braune Korditrauch der Pulverladung steigt wie eine Wand.
Die Köln ist im Nebel verschwunden.
Die Ariadne hat den Schlachtkreuzern den Achtersteven zugekehrt und bietet nur ein schmales Ziel. Die Granaten schlagen neben dem Schiff ein. Wassersäulen, grün aufleuchtend, steigen hoch wie kristallene Dome, brechen dann über das Deck zusammen. Fünfhundert, tausend Tonnen vielleicht, aus Wolkenhöhe welche Gewalt Wasser hat! Das Schiff kreischt und zittert in allen Spanten und sackt plötzlich weg wie ein überladenes Packtier, das sich auf den Hintern setzt.
In den Abteilungen kollern Gegenstände durcheinander. Gläser und Kontrollinstrumente zerbrechen. Die Metallfäden von Glühbirnen zerstäuben. Auf dem Achterdeck heben sich blutig geschlagene Gesichter aus den abfließenden Wassern. Der lange Oberleutnant Alvens wird weggeschleppt mit zerbrochenen Armen.
Mehr Umdrehungen!, fordert der Kommandant.
Hilfe!, trommeln Finger auf die F.T.
Feuer!, kommandiert der Artillerieleiter.
Die Stoker wühlen wie gejagte Teufel. Kohlenkarren, Schüreisen, klappende Feuertüren! Die durchgeschwitzten Fetzen kleben nass an ihren Schenkeln. Lungen und Brustkasten arbeiten wie Blasebälge Dampf! Dampf!
Auf dem Deck, an den Geschützen: Granate, Kartusche, Verschluss zu! Die näher kommenden grauen Phantome im Fadenkreuz der Ferngläser! Abschussfeuer! Erstickende Pulvergase! Die Augen schmerzen. Kehlen sind wie ausgebeizt und ganz trocken.
Wenn der Rauch fällt, ohne Pause weiter:
32 Pfund Eisen jedes Geschütz! 80 Kilo die Breitseite.
Lion und Tiger schießen in großen Zwischenräumen, aber sie stoßen mit jeder Salve 6600 Kilo Stahl und Dynamit durch die Luft.
Hallo, an Deck?
Heizer Turuslawsky steht unter dem Luftschacht:
Sind unsere ,Dicken schon in Sicht?
Der Matrose oben ein Glied in der Kette der Munitionsmänner setzt seine Last ab. Der Nebenmann ist nicht mehr zu sehen. An der eisernen Wand klebt was, flach und weit wie eine ausgespannte Kuhhaut, rieselt in roten und grauen Streifen an das Deck hinunter.
Diese Heizer, was wollen sie dauernd?
Der Matrose steckt seinen Kopf in den Luftschacht.
Sind unsre ,Dicken schon zu sehen?, wiederholt Turuslawsky.
Scheiße!, brüllt der Matrose von oben in das Dunkel hinunter.
Turuslawsky packt seine Kohlenschaufel und stellt sich wieder in die Reihe. Die Kessel stehen unter Druck bis zum Bersten. Aber die Leistungen der Maschine haben die Grenze erreicht.
Zu alt, der verfluchte Klasten!
Zu langsam zum Ausrücken!
Munitionsträger, Ausguckposten, geschwärzte Gesichter der Geschützbedienungen, immer wieder suchen sie nach Osten, von wo die schweren Schiffe anmarschieren müssen zur Entlastung. Und immer wieder duckt sich alles, was Fleisch ist, wenn das anrollende Metall die Luft zerdonnert.
Karl !
Heini! Mensch!
Sie fassen und halten sich, sehen jeder das fahle Gesicht des anderen wie das eigene aufzuckende Spiegelbild. Dann schlauchen sie tief Luft. Der Mast steht noch.
Das ist der Luftdruck! Da kann man nicht gegen an, Hein!
So muss ein Erdbeben sein. Derselbe Stoß von unten gegen die Eingeweide! Doch schwimmende Schiffskörper sind weicher abgefedert. Aber das Fleisch schlottert an den Knochen. Die Nerven klappern.
Das da unten an Deck, das Hineingurgeln in die Tiefe, die Feuerlohe, die bis zum Krähennest gesprungen und die Augen geblendet hat, ist noch nicht das Ende. Kleesattel sieht wieder, kann hören, denkt und beobachtet!
Die Granate hat das Deck durchschlagen, ist im Vorschiff krepiert. Pressluft heult durch das Einschussloch. Kohlenstaub! Rauch! Der Staub geht nieder, eine schwarz funkelnde Wolke. Der hochsteigende Rauch ist von sattem Ockerbraun. Durch Zugänge, Mannlöcher, zuletzt auch durch die Einschussöffnung quillt eine Flut halb nackter, schwarzer Leiber. Die Stoker! Sie räumen das Unterschiff. Die Bunkerkohlen brennen. Die Kesselräume liegen in Rauch. Fünf Kessel sind ausgefallen.
Die Ariadne läuft nur noch halbe Fahrt.
An der vorderen Kanone sind die Apparate zerstört. Telefon, Fernrohr, Visiereinrichtung weggefegt. Bootsmaat Weiß peilt über das Rohr und klappt nur ein wenig hinter den übrigen Geschützen her.