Einige Tage später wurden Meier und der Betriebsrat zur Direktion vorgeladen. Meier forderte jedoch eine von den Kollegen gewählte Kommission, was auch bewilligt wurde. Der vogelgesichtige Herr Reimer, die ,rechte Hand der Betriebsleitung, empfing sie. Nehmen Sie bitte Platz, meine Herren!, lud er sie ein und zeigte mit weit ausholender Handbewegung auf tiefe Sessel. Der Herr Betriebsleiter kommt sofort!
'Morgen, meine Herren!, grüßte Kirchdorf.
'Morgen.
Nur einer fügte hinzu: Herr Betriebsleiter. Es war Scheffler, der Betriebsrat.
Wir können also beginnen. Wenn die Herren einverstanden sind, werde ich, natürlich nur um die Verhandlungen zu erleichtern, den Vorsitz übernehmen. Reimer lachte wohlwollend. Sonst kann einer von den Herren ebenso gut
Machen Sie nur weiter, unterbrach Meier.
Dann möchte wohl Herr Kirchdorf erst einige Worte sprechen, wenn die Herren ?
Es erfolgte kein Widerspruch.
Kirchdorf fuhr mit der Hand über die Stirn. Es handelt sich darum, ein vielleicht nicht ganz unberechtigtes Misstrauen zu beseitigen. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass es mir darauf ankommt, zu einer Verständigung zu kommen. Kirchdorf sah flüchtig in die vor ihm sitzenden Gesichter, als wollte er die Wirkung seiner Worte abschätzen und die der Betonung, die er auf das Wort ,Verständigung legte. Dann fuhr er fort:
Wenn es uns nicht gelingt, auf Grund einer durchgreifenden Neukalkulation eine solide Unterlage für die Leistungsfähigkeit unserer Werke zu bekommen, dann ist die Stilllegung unvermeidlich. Ich glaube, dass Letzteres auch für die Belegschaft nicht sehr angenehm ist?
Kirchdorf stockte wieder. Und die Proleten saßen da und überlegten. Das hatten sie nicht erwartet. Meier sah Kirchdorf an, ein unterdrücktes Lachen in den Augen.
Scheffler, der Betriebsrat, fühlte sich berufen, zu sprechen.
Ich glaube, dass die Leistungsfähigkeit unserer Belegschaft schon voll ausgeschöpft ist, Herr Betriebsleiter. Daran kann doch die Weiterführung des Betriebes nicht scheitern?
Das ist wohl zu allgemein gesagt. Darf ich mit einigen Unterlagen dienen?
Bitte, Herr Kirchdorf, antwortete Scheffler.
Man kann doch hier rauchen, platzte Meier da in die Gemütlichkeit und setzte eine Zigarette in Brand. Das geht hier doch nicht so rasch. Da wird wohl Meister Stempel wieder verschiedene Stunden zupacken müssen.
Dann folgte ein langer Vortrag des Herrn Kirchdorf. Er sprach vom verlorenen Krieg, von dem Verlust großer Teile der deutschen Industrie durch den Friedensvertrag, von den ungeheuren Lasten, die die verstümmelte deutsche Wirtschaft trotzdem zu tragen habe, und erläuterte dann den vorgetragenen Zahlenberg: Sie sehen also, meine Herren, wie die Dinge wirklich liegen. Zwei amerikanische Arbeiter leisten mehr als fünf englische und mehr als sieben deutsche. Natürlich besagt das nichts gegen den Arbeitswillen der deutschen Arbeiter. Die technische Verbesserung des Arbeitsprozesses, die den amerikanischen Arbeiter in die Lage setzt, diese Leistung zu vollbringen, das ist es! Bei dem technisch hoch entwickelten Stand der amerikanischen und englischen Industrie und den Lasten, die unsere Wirtschaft außerdem noch zu tragen hat, ist es um so notwendiger, mit der Durchorganisierung des Arbeitsprozesses ohne Verzug zu beginnen. Darum handelt es sich, meine Herren. Das ist nur durch gemeinsame Arbeit, getragen von gegenseitigem Vertrauen, möglich. Wenn sich erst die Erkenntnis von der unbedingten Notwendigkeit auch in der Arbeiterschaft durchsetzt, dann wird es auch gelingen, das Schlimmste zu verhindern. Kirchdorf betonte die Notwendigkeit und das Schlimmste besonders.
Hmm, brummte Meier nach einer Weile und nickte sinnend und rauchend.
Eisenschmidt von den Spitzendrehern meinte: Da können wir ja noch Geld mitbringen, und dann reicht es auch noch nicht.
Nun griff Reimer ein. Herr Kirchdorf sind zu Ende? Wünscht jemand von den Herren das Wort?
Hier! Meier drückte seinen Zigarettenrest im Aschenbecher aus und begann:
Dass die Karre im Dreck steckt, das wissen wir. Und dass wir sie wieder rausziehen sollen, auch! Und wie das gemacht wird, Herr Kirchdorf, das fühlen wir jetzt schon. Wenn man so von der Schicht kommt, zehn Stunden, ein paar Stunden Fahrt noch dazu im Stehen, im kalten Zug und nichts im Magen, da weiß man schon, was die Uhr geschlagen hat. Und worauf läuft denn das alles, was Sie uns da sagen, hinaus? Vier Jahre hat man sich draußen im Dreck rumgesielt, die Frauen und Kinder sind verhungert und verkommen. Dann ist man wieder angesprungen, ochst den ganzen Tag und kann sich doch keine Hose aufn Arsch kaufen. Und nun kommen Sie und halten uns einen Vortrag, dass das alles noch nicht genug ist. Immer mehr rausschinden. Für uns? Meier deutet mit dem Daumen an seine Brust. Machen Sie doch keine Witze! Wir haben doch auch Augen im Kopf. Immer raus, immer liefern, immer druff! Wo geht denn das ganze Zeug hin, wenn die Amerikaner so billig liefern. Warum erzählen Sie denn nicht, was die amerikanischen Arbeiter verdienen? Die Kollegen liegen den ganzen Tag mit der Nase auf der Arbeit, wenn sie mal fünf Minuten rausschinden, setzen sie es an anderer Arbeit wieder zu. Und nun verlangen Sie, wir sollen ,einsehen, Meier zog das ,Einsehen lang durch die Zähne, dass wir uns noch schneller kaputt machen müssen?
Wünscht sonst noch jemand von den Herren?
Ich wollte eigentlich dasselbe sagen, sagte darauf Eisenschmidt. Auch die andern schüttelten die Köpfe. Dieses Köpfeschütteln war hartgesottene Zustimmung.
Scheffler suchte einen parlamentarischen Ausklang der Sitzung zu erreichen.
Sie müssen verstehen, Herr Kirchdorf, das kommt alles etwas unvorbereitet. Es handelt sich hier ja immerhin um ein recht schwieriges Problem. Im Prinzip sind die Gewerkschaften absolut für Steigerung der Produktion, das war ein deutlicher Wink gegen Meier, aber für die Spitzendreherei des Turbinenbaues dürfte erst eine gründliche Vorbereitung notwendig sein.
Kirchdorf stand auf und sagte kurz und kalt:
Dann sind wir also am Ende. Morgen meine Herren!