Fünf Geschichten für den Frühling entdecken, erinnern, mitfühlen Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
Wenn die Tage heller werden und die Natur neu erwacht, wächst auch die Lust auf frische Geschichten. Von Freitag, dem 24. April, bis Freitag, dem 1. Mai, lädt EDITION digital dazu ein, gleich fünf besondere E-Books neu zu entdecken spannend, berührend und vielschichtig wie das Leben selbst. Ob historische Abenteuer, leise Zwischentöne oder große Gefühle: Diese Auswahl bietet für jede Lesestimmung das passende Buch.
Abflug der Prinzessin von Egon Richter
Man konnte sie Freunde nennen: Als sie zusammen zu malen begannen, damals in Kaiser Richards Garten, gleich nach dem Krieg. Als sie über die Dörfer zogen, um dasselbe Mädchen warben. Ladenbach und Hollweg, so unterschiedlich im Charakter, so gleich aber in ihrem Streben nach Wahrheit in der Malerei. Der eine findet seinen Weg nach mühevollem Experimentieren, in quälender Kleinarbeit, in ständigem Sich-in-Frage-Stellen: spät erst kommt der Erfolg. Der andere, der schon einmal Sieger war, schafft auch den Sprung zur künstlerischen Anerkennung schnell: es gefällt, was er malt. Er bekommt die Aufträge und die Preise, und er malt: gestaltet die Wandflächen in Kulturräumen und Empfangshallen, übernimmt, was sich ihm bietet, und er übernimmt sich. Er merkt nicht, dass die Freunde immer seltener kommen, die Wahrheiten, die er sagt, immer hohler klingen, seine Frau immer zurückhaltender wird. Doch als dann auch Susanne, die ihn bewundernde Faschingsprinzessin, ihn verlässt, beginnt er zu zweifeln, nachzudenken über seine Haltung zur Kunst und zu den Menschen, die ihn liebten und förderten. Und er erkennt: Die Ansprüche sind größer geworden.
auch ohne Gold und Lorbeerkranz von Wolfgang Held
"Siegen, mein Junge, das können auch Großmäuler und Schweinehunde", sagt der Vater von Sebastian. "Was einer wirklich wert ist, das zeigt er erst als Verlierer. Niederlagen machen den Menschen durchsichtig." Nach einem Verkehrsunfall ist dem Zwölfjährigen ein Teil seines linken Fußes amputiert worden. Wie der körperlich behinderte Junge, trotz allem ein begeisterter Sportler, nun Kränkungen und Hemmnisse überwindet, wie dabei Freundschaft in eine Bewährungsprobe gerät, das wird hier spannend und mit viel Einfühlungsvermögen erzählt.
Eva und der Tempelritter von Christa Grasmeyer
Ihr hatte der Vater die Reise versprochen, nun fährt er mit Frau Tempel, der Mutter des unausstehlichen Uwe. Eva bleibt nichts übrig, als sich mit Uwe zu verbünden, um die bevorstehende Heirat des Vaters zu unterbinden.
Wo blüht denn blauer Mohn von Jan Flieger
Ja, auch die Frage wird in diesem Buch beantwortet, wo denn nun blauer Mohn blüht. Sogar auf zweifache Weise. Aber vor allem wird sich zeigen, ob die Liebe hält, die sich da langsam entwickelt zwischen dem Matrosen Bert Müller, den alle nur Kußmaat nennen, und seinem Mädchen, das auf verschiedene Weise ein ganz besonderer Mensch ist.
Und Kußmaat merkt, dass er um seine Liebe kämpfen muss, wenn er sie behalten will. Und sein Mädchen. Es ist eben eine ernsthafte Sache.
In unserer Rubrik Fridays for Future stellen wir diesmal einen Titel vor, der auf eindringliche Weise zeigt, wie sehr persönliche Schicksale und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verwoben sind. Der Soldat und die Frau von Max Walter Schulz erzählt nicht nur eine individuelle Geschichte, sondern wirft zugleich einen kritischen Blick auf Verantwortung, Menschlichkeit und die Folgen von Entscheidungen Themen, die heute aktueller sind denn je. Gerade deshalb passt dieses Werk über den 2. Weltkrieg so eindrucksvoll in unsere Auswahl für eine lebenswerte Zukunft.
Tief in der Steppe, mitten im Zweiten Weltkrieg, begibt sich eine außergewöhnliche Geschichte: Der Soldat Röder, der als Gefangener mit einem Kommando die gefallenen Soldaten begräbt, wird von dieser Gruppe getrennt, und er findet sich wieder allein in der Nähe eines Dorfes, nunmehr als Gefangener von Frauen, die beginnen, ihre Häuser und Höfe wieder aufzubauen. Was erwartet ihn, was kann er erwarten? Er erwartet Hass und erfährt zunächst Hass. Aber im Verlauf des Geschehens verwandelt sich der Hass, und auch er selbst gewinnt neue Erfahrungen, und er wird nicht nur überleben, sondern eigentlich erst wirklich zu leben beginnen. Und so spiegelt sich im Außergewöhnlichen das historisch Bedeutsame, das sich wandelnde Verhältnis zwischen sowjetischen und deutschen Menschen. In ungewöhnlicher Dichte, spannungsgeladen, wird diese Geschichte erzählt, die den Autor wiederum als reifen Erzähler ausweist.
Neugierig geworden? Dann laden wir Sie ein, selbst einen ersten Blick in alle fünf Titel zu werfen. In den folgenden Leseproben können Sie die unterschiedlichen Stimmen, Stimmungen und Erzählwelten kennenlernen und vielleicht schon Ihr nächstes Lieblingsbuch entdecken.
Was geschieht, wenn Erwartungen und eigene Wünsche nicht mehr zusammenpassen? Egon Richter erzählt eine Geschichte vom Aufbruch und vom Mut, neue Wege zu gehen.
Lesen Sie hier die Leseprobe aus Abflug der Prinzessin von Egon Richter und begleiten Sie die Prinzessin auf ihrem ganz eigenen Abflug.
Es war der Abend eines verkorksten Tages. Stundenlang hatte er am letzten Entwurf des Triptychons, dem mittleren Porträt der zentralen Dreiergruppe, gearbeitet. Behutsam hatte er Pinsel und Tupftuch über den steifen Karton geführt, der die ganze Atelierwand bis zur Dachhöhe ausfüllte. Er hatte genau darauf geachtet, dass nirgends ein Farbtupfer zu viel oder zu wenig aufgetragen wurde oder gar das mit tiefschwarzer Tusche exakt eingezeichnete Gitterwerk berührte, das die künftigen Fugen der vorgesehenen farbigen Emailleplatten markierte. Jedes Mosaikteil musste seinen einheitlichen Ton haben. Er würde wieder selbst in die Brennereien fahren, Lacke ausprobieren, Farbgebungen überwachen müssen. Aber nun fand er, als er zum letzten Mal über die Gesichtsfläche des Porträts strich, dass es gut sei.
Er pfiff und sang, während er von der kurzen Trittleiter herunterstieg, Farbenplatte, Pinsel und Tupftücher ablegte, säuberte und in beklecksten Behältnissen verstaute. Es gefiel ihm. Er fühlte sich wohl. Er zog mit Schwung den dünnen weißen Leinenvorhang beiseite, der das Tageslicht milderte und wandte sich um. Der Riesenentwurf des Triptychons erstrahlte in heller Sonne.
Hollweg sah genau hin.
Ein leichter Unmut befiel ihn.
Er tastete Linien und Tönungen ab, künftige Erhöhungen und Vertiefungen, die durch dünne Farbschatten markiert waren. Es war alles in Ordnung: kein Fehler im Schnitt, nirgends eine Schwäche in der Aufteilung. Die Farbkomposition war einwandfrei.
Irgendetwas störte ihn.
Er griff nach dem weißen Vorhang und deckte die Sonnenstrahlen halb ab. Ungeduldig wartete er darauf, dass sein Unmut verschwand. Aber ihm war, als stünde jemand hinter ihm und drückte seine Rippen zusammen. Ein seltsam dumpfer Schmerz.
Langsam löste sich der Krampf. Er griff nach der zweiten Vorhanghälfte und zog auch sie zu. Er berührte den Vorhang so, wie man ein kostbares, altes Gewebe anfasst. Er zögerte einen Augenblick.
Dann drehte er sich um und sah hin.
Aus der Höhe des Ateliers sah ihn das Gesicht eines Mannes an, klar und starr, neben zwei anderen Gesichtern vor einem stilisierten Kran. Und einen Augenblick lang überfiel Hollweg die schreckliche Erkenntnis, dass sich dies Gesicht in keiner Weise abhob von den Gesichtern neben ihm, ja, dass es sogar zu all den anderen Gesichtern, die er in den vergangenen Jahren geschaffen hatte, kaum einen Unterschied aufwies. Dann versuchte er rasch, sich an den Mann zu erinnern, der Modell für diese Figur gestanden hatte, an die Männer daneben, an die Ausgangspunkte für die künftigen bunten Emaille-Antlitze; daran, ob die Männer gelächelt hatten, wie und worüber. Aber es fiel ihm nicht ein. Er dachte an die Begegnungen mit ihnen, kurze, spröde Begegnungen. Die Leute waren wenig zugänglich, sparsam mit Worten. Dann hatte Hollweg sie tagelang am Arbeitsplatz beobachtet, einfach so. Sie blieben ihm fremd. Dennoch, hatte Hollweg festgestellt, spielte das keine große Rolle. Die Konzeption des Bildes war mit Kohlmann abgesprochen, die ersten skizzenartigen Entwürfe mit Auftraggebern und Werkdirektoren, Sekretären und Vorsitzenden diskutiert, geändert, verbessert worden. Hollweg beherrschte sein Handwerk, er wusste, wie man so etwas machte. Jahrelange Tätigkeit in diesem Metier hatte ihn klug gemacht und seine konzeptionellen und kompositorischen Entscheidungen erleichtert.
Nun stand er vor dem fertigen Produkt und sah, dass es gut war. Ja, es war gut, sagte er sich. Der Auftraggeber würde ihn loben, Kohlmann würde zufrieden sein. Hollweg spürte mit einem Mal, dass seine Handflächen feucht wurden, dass die Hitze die Arme hochkroch. Ein erledigter Auftrag. Statt Keramik diesmal kostbares Emaillemosaik, Gisbert Hollweg gestaltete in einem Triptychon für die spätere Kongresshalle auf dem Zentralen Bauplatz das Gesicht unserer Gemeinschaft ein neues Meisterwerk des Künstlers.
Die Leute auf dem Blatt waren keine Menschen. Sie waren leblos und kühl. Sie waren Figuren in einem thematischen Ensemble, Funktionen in einer kompositorischen Gleichung. Sie hatten nichts Gemeinsames mit der Vera auf dem Holzstoß in Kaiser Richards Garten, mit dem Gesicht des Staudammfahrers Herbert Treskow, mit den Stahlschmelzern das Bild kannten selbst die Bauarbeiter , sie waren nichts als erstarrte Symbole.
Hollweg wandte sich um. Er sah alles ganz klar: die Sonnenflecken auf dem Boden, den Litho-Stein in der Ecke, das graue Tuch über der kaum benutzten Grafikabzugspresse, die Farbdosen und Paletten, alles sah er so deutlich wie noch nie.
Er drückte auf einen Knopf an der Giebelwand des Ateliers und ein Schutzrollo aus durchsichtiger dunkelblauer Folie rollte von der Decke her über den Entwurfskarton. Dann setzte er sich auf die Couch und brütete vor sich hin.
Er sehnte sich nach einem Menschen. Ladenbach kam nicht infrage. Selbst an Treskow wagte er in dieser Stunde nicht zu denken. Vera war nicht zu Hause. Die Soellnhofer Villa war leer. Er war allein. Er holte sich Kognak und trank.
Er erwog, jemanden anzurufen, aber ihm fiel niemand ein.
Er lief durch das Atelier, ziellos wie so oft. Dann zog er sich den Mantel über und durchstreifte den Ort. Endlich besorgte er sich ein Taxi und wartete am Tor des Elektronikwerkes auf Susanne.
Er lief ihr entgegen; eine wilde, begehrliche Sehnsucht trieb ihn vorwärts. Bei ihr war alles. Frische. Bewunderung, Erfüllung.
Er zog sie an sich, mitten im Getriebe des Schichtschlusses. Es störte ihn nicht. Sie wurde rot. Die Leute lächelten sie an. Alles kam Hollweg freundlich vor er wollte an anderes nicht denken.
Komm, sagte er und schob sie in das Taxi. Es war ein altes Taxi mit einer unmodernen Trennscheibe zwischen Volant und Fond. Zum Forst, sagte Hollweg rasch und schob die Scheibe zu.
Gisbert, sagte das Mädchen, was ist denn?
Ach Prinzessin, sagte er zwischen Küssen, mit denen er ihr Gesicht, ihr Haar, ihre Schultern und Arme bedeckte, was soll schon sein, ich kann es nicht aushalten ohne dich, wir müssen uns öfter sehen, unbedingt
Sie sagte erstaunt: Fehlt dir irgendetwas?
Nein, sagte er, was sollte mir fehlen außer dir?
Ach, sagte sie lächelnd und küsste ihn, aber es war eine leichte Besorgnis in diesem Lächeln. Sie hielt seine Finger fest, als sie die oberen Knöpfe ihrer Bluse öffnen wollten. In ihren Augen stand ein seltsames Staunen, das Hollweg beunruhigte. Er zog die Hände zurück und sagte hastig: Entschuldige, ich vergesse mich. Aber ich kann mich nicht beherrschen, wenn wir zusammen sind, verstehst du das? Sie lächelte nur.
Liebst du mich?, sagte er. Sie nickte.
Du sollst nicht nicken, sagte er drängend, du sollst es sagen.
Ich liebe dich, sagte sie. Ihre Fingerspitzen lagen auf seiner Hand. Ich hab nicht viel Zeit, sagte sie, ich hab eine Versammlung heute Abend, wegen Minsk.
Nein, sagte er heftig, heute Abend nicht. Heute Abend bleiben wir zusammen. Ich muss heute bei dir sein. Dieses blöde Minsk, lass doch den Unsinn
Sie lächelte immer noch, als sie sagte: Gisbert, lass uns nicht streiten, bitte. Wo fahren wir denn hin?
Hollweg empfand ein maßloses Verlangen. Er schob die Trennscheibe zurück und sagte: Halten Sie bitte.
Susanne schwieg. Er spürte ihre Fragen, aber er sah sie nicht an. Er bezahlte den Fahrer reichlich und half dem Mädchen beim Aussteigen. Er ließ ihren Arm nicht mehr los und zog sie an sich. Sie gingen durch den Wald am Fluss. Schlängelpfade.
Gisbert, sagte sie, und beängstigendes Erstaunen k7lang durch all ihre Freundlichkeit, was ist denn heute mit dir los?
Ich will bei dir sein, sagte er hastig, während er sie zu sich auf den warmen Waldboden zog und ihre Kleider öffnete, ich will dich nicht verlieren, ich möchte, dass du immer für mich da bist, du sollst nicht nach Minsk fahren und überhaupt nicht irgendwohin, ich mag nicht ohne dich sein, du bist wie ein neues Leben
Er sah wieder das Staunen in ihren Augen und küsste rasch ihre Fragen fort. Sie sollte nicht fragen, sie sollte da sein. Hollweg fühlte, wie sie ihn ausfüllte mit ihrer Anwesenheit, wie er keine Zeit fand und keine Lust hatte, anderes zu denken. Wo sie war, war keine Ablenkung erforderlich.
Nicht Ruhm und Auszeichnungen bestimmen den Wert eines
Lebens, sondern das, was zwischen den Zeilen geschieht. Wolfgang Held richtet
den Blick auf das Leise, oft Übersehene.
Tauchen Sie in die Leseprobe aus
auch ohne Gold und Lorbeerkranz
von Wolfgang
Held ein und entdecken Sie eine Geschichte jenseits von Glanz
und Ehrung.
"Ist dir das Wasser drüben im Freibad zu kalt?"
Sebastian schüttelt den Kopf. Verlegen wedelt er mit seinem Beutel. "Ich... Ich will mich hier anmelden." Seine Stimme klingt schroff, als habe ihm sein Gegenüber an der Nase gezupft.
"Aha." Der Mann schmunzelt weiter. "Sicher bist du schon geschwommen, oder?"
"Oft!" Sebastian nickt eifrig. "In den Ferien manchmal jeden Tag. Und dann nach meinem Unfall beim Behindertenschwimmen."
"Körperbehindert?" Der Graukopf wird nachdenklich.
"Mir fehlt ein halber Fuß."
"Und Wettkämpfe? Ich meine, beim Behindertensport?"
"Nein, eigentlich nicht. Ich bin... war Turner."
"Aha." Das Lächeln des Mannes erlischt. Er zieht einen Schlüssel aus der Tasche und öffnet die Glastür. Erst nachdem er den Mädchen und Jungen am Becken ein paar Anweisungen zugerufen hat, widmet er sich wieder dem jungen Besucher. "Ich glaube, hier bist du nicht am richtigen Platz, mein Junge."
"Wegen meines Fußes? Weil ich damit beim Sprung vom Startblock Schwierigkeiten habe?"
"Zum Beispiel."
"Und Rückenschwimmen? Da wird doch im Wasser gestartet. Kein Sprung. Ich strenge mich bestimmt an, echt!"
"Trotzdem." Das kleine Wort des Graukopfes ist welk wie ein gestorbenes Blatt. Es fällt ihm sichtlich schwer, auszusprechen, was seiner Meinung nach jetzt gesagt werden muss. "Und dann bist du für den Wettkampfsport im Schwimmen auch schon ziemlich alt."
"Alt? In zwei Monaten werde ich dreizehn." Er schaut hinüber in die Halle. "Dort sind ein paar dabei, die gehen schon in die neunte oder zehnte Klasse."
"Stimmt." Der Graukopf nickt. "Die haben gemeinsam sechs Landesmeistertitel und zweimal Bronze bei der Europameisterschaft. Keiner, der nicht schon mindestens fünf Jahre hart trainiert hat."
Dann rutscht mir doch den Buckel herunter, möchte Sebastian dem Übungsleiter entgegenschleudern, doch er beherrscht sich. Nur seinen Indianerbeutel bewegt er ein bisschen heftiger. Das sind Weicheier und Warmduscher, die gleich beim ersten Widerstand mit hängenden Ohren davonschleichen, denkt er. So schnell wirst du mich nicht los, du Silberskalp!
"Alle können doch sowieso nicht Weltklasse sein." Er hebt das Kinn und blickt dem Mann in die Augen. "Das kann doch nicht stimmen, dass nur Klasse gefragt ist. Siege. Rekorde. Weshalb darf ich hier nicht mit anderen, die auch keine Asse werden wollen oder werden können, um die kleinen Siege kämpfen, die nie in der Zeitung stehen?"
Jetzt schmunzelt der Graukopf wieder. Der Eifer des Jungens gefällt ihm, wenn das auch an den Tatsachen nichts ändert.
"Kannst du, sollst du sogar auch." Der Übungsleiter wird drüben am Becken gerufen. Er winkt: Gleich, gleich! "Jederzeit kannst du um die Wette schwimmen. Im Freibad oder auch hier in der Halle, wenn öffentliche Badezeit ist."
"Und warum nicht mit denen dort drüben?"
Der Übungsleiter holt tief Luft. Es macht ihm keine Freude, was er dem Jungen sagen muss. "Weil wir eine Leistungsgruppe sind, verstehst du? Was du suchst, das ist Breitensport..."
"Sport ist Sport, so sehe ich das!"
"Irrtum. Das hier ist kein Freizeitvergnügen. Hier geht es um Steigerung der Leistung, um Rekorde, um Siege, vielleicht sogar um Olympisches Gold."
Gallig unterbricht Sebastian den Mann. "Und Krüppel oder Kinder, denen gerade erst der Schnuller aus der Klappe gezerrt worden ist, solche schickt man fort in die Sandkiste oder zu den Briefmarkensammlern. Ihr könnt mich mal..."
Historische Spannung trifft auf eine starke Frauenfigur: Christa Grasmeyer entführt in eine Zeit voller Geheimnisse, Gefahren und unerwarteter Begegnungen.
Werfen Sie einen Blick in die Leseprobe aus Eva und der Tempelritter von Christa Grasmeyer und lassen Sie sich in diese faszinierende Vergangenheit ziehen.
Also doch, sagt Uwe und blickt an Eva vorbei auf die Schüler, die um sie herum die Hofpause genießen.
Evas heimlichen Zeichen ist er nur widerwillig gefolgt. Er hat sich schon geärgert, dass er sich verleiten ließ, an jenem Regentag auf der Fahrt nach Klüssow vorübergehend das Visier zu lüften. Und hat sie das nicht gleich ausgenützt, versucht, ihn einzuwickeln und weich zu machen?
Nun aber zeigt sich, dass mehr hinter ihren Gebärden steckte als Wichtigtuerei. Dieser Geheimplan seiner Mutter, Evas Vater zu heiraten, bedeutet auch für Uwe einen schweren Schlag.
Du sagst, die Heirat ist beschlossene Sache?
Genau.
Und das hat dein Vater dir anvertraut?
Anvertraut ist gut! Ich hab ihn so in die Enge getrieben, dass er keine Ausflüchte mehr machen konnte.
Sie hat Mut, denkt Uwe, sie lässt nicht locker.
Leicht hat dein Vater es nicht mit dir, was?
Ich hab meinem Vater nie das Leben schwer gemacht, alles war immer so schön und so leicht.
Jetzt nicht mehr?, fragt Uwe.
Nein, sagt sie.
Er nickt. Was willst du machen?
Ich weiß nicht. Eva starrt vor sich hin. Ich stell mir nur vor, wie alles sein wird, und dann könnt ich heulen.
Aufgeben, murrt Uwe, kapitulieren! Du streust die Blumen, ich halte die Schleppe, so soll wohl die Hochzeit sein.
Und deine Mutter, die errötende Braut ...
Hör auf! Meine Mutter ist völlig durchgedreht, aber du hast darüber keine Witze zu machen!
Warum nicht? Ein glückliches Brautpaar, ein schönes Paar, und trampelt über die eigenen Kinder weg.
Sei still! Er sieht Eva krampfhaft lachen. Tränen treten in ihre Augen. Er mäßigt sich.
Mein Vater, sagt Eva, hat mich abgeschrieben. Er raspelt Süßholz, verspricht mir das Blaue vorn Himmel und glaubt selbst dran. Kann man einem Elefanten klarmachen, dass er nicht trampeln soll?
Meine Mutter ist genauso ein Elefant.
Das glaub ich nicht.
Aber sie hat mir eine Antwort gegeben ... Ein anständiger Mensch, hat sie gesagt, versucht nicht, seinen Willen durchzusetzen, indem er andere erpresst. Darauf sei sie früher nicht eingegangen und würde es auch jetzt nicht tun.
Erpresst?, fragt Eva verwundert. Womit kannst du denn deine Mutter erpressen?
Ich bin ihr Stern, kapiert? Das war mein Trumpf. Ich dachte, sie würde es vielleicht nicht aushalten, wenn ich ihr die kalte Schulter zeige und sie abblitzen lasse. Es ist nämlich so ..., ich spreche jetzt kein Wort mit ihr.
Eine Suche, die mehr ist als nur eine Reise Jan Flieger erzählt poetisch und eindringlich von Sehnsucht, Erinnerung und der Frage nach dem richtigen Ort im Leben.
Lesen Sie die Leseprobe aus Wo blüht denn blauer Mohn von Jan Flieger und folgen Sie den Spuren des blauen Mohns.
Da stürmt der Läufer in das Zimmer. «He, Kussmaat. Anruf von unten - ne Puppe!»
Kussmaat schreckt hoch, denn er trägt nur die Turnhose und die Jacke des Trainingsanzuges.
«Für mich?», fragt er.
«Denkste für mich?», fragt der Läufer. «Wenn du sie nicht brauchst - ich nehme sie dir ab!»
Während Kussmaat sich überhastet anzieht und noch vergisst, einen Knopf zu schließen, fliegt die Botschaft durch alle Zimmer des Nachrichtenzuges: die Puppe vom Kussmaat! Jetzt stehen auch die am Fenster im Waschraum, die in den Zimmern auf den Betten gelegen haben. Und solange Kussmaat sich noch anzieht, nun ganz allein im Zimmer, kann man schon seine Witze machen. Aber die Münder bleiben offen. So ein Mädchen verschlägt ihnen den Atem: so blond! Und die Figur! Beine hat die! Mann! Da kann man verstehen, dass Kussmaat so wild ist, wenn er an sie denkt.
«Aber sie lässt ihn nicht ran», witzelt Eddi. «Das sieht man der an. Die ist stolz. Der schönste Pudding ist blöd, wenn man ihn nicht essen kann.»
Das erste Diensthalbjahr schweigt, auch Siggi, obwohl er etwas sagen möchte, aber er verkneift sich die Bemerkung.
Und eigentlich hat ja Eddi auch recht. Nur würde er die Worte vor Kussmaat sagen?
Kussmaat läuft die Treppe hinab, nimmt drei Stufen auf einmal, stößt zusammen mit Leutnant Wulf von den Aufklärern, der um die Ecke biegt.
«Sie haben wohl persönlichen Alarm, Genosse Müller?»
«So kann man das sagen, Genosse Leutnant», platzt Kussmaat atemlos heraus.
Leutnant Wulf lacht. «Na, dann laufen Sie los!»
Miriam steht vor der Tür des Besucherraumes.
«Hallo, Miriam.» Kussmaat sieht verstohlen hoch zu dem Fenster, durch das die Soldaten des Nachrichtenzuges herabblicken, Gesicht an Gesicht! Und er begreift, warum sie das Hörgerät nicht mag und es auch heute nicht trägt.
Miriam küsst ihn ohne Scheu. Oben am Fenster antwortet ein «Hallo», sodass alle Besucher, die das Tor passieren, hochschauen und dann zu Kussmaat und Miriam.
Der Besucherraum ist voll, aber in einer Ecke finden sie doch zwei freie Stühle.
«Ausgangssperre», sagt Kussmaat. «Ich wollte dir heute schreiben.»
«Was ist das?», fragt Miriam.
«Ich kann nicht raus», sagt Kussmaat. «Wegen einer Schlägerei mit einem aus der dritten Batterie.»
«Du schlägst dich?»
«Wenn man mich reizt», sagt Kussmaat, «dann ..., der hat eine Taube gequält, dieser Röger.»
«Schlagen ist nicht gut», sagt Miriam. «Wer sich schlägt, ist schwach.»
«Ist schwach!», lacht Kussmaat. «Wer keine Angst hat? Vor keinem? Auch wenn es zwei sind, drei?»
«Schlag dich nicht mehr, Bert.»
Kussmaat blickt Miriam zornig an, aber ihre Augen besänftigen ihn wieder. «Na ja», sagt er, «wenn du es unbedingt willst. Aber dieser Röger ...»
«Versprich es mir», fordert Miriam.
Ist die hartnäckig, denkt Kussmaat. Aber wenn er an diesen Röger denkt. Schon der Name ist eine Zumutung. Wie kann man so einen blöden Namen haben.
Miriam legt ihre Hand auf seine Hand. «Bitte, Bert! Schlägereien zeugen nicht von Stärke.»
Kussmaat weicht Miriams Augen aus, doch der Druck ihrer Hand wird fester, dringlicher. Und Kussmaat weiß: Was man diesem Mädchen verspricht, das muss man auch halten. Aber ein solches Versprechen? Wegen ein Paar schöner Augen? Begann so ein «Pantoffelleben»?
«Gut», stößt er endlich durch die Zähne, weil er Miriams Augen nicht ausweichen kann, aber er glaubt selbst nicht an die Ehrlichkeit seiner Antwort.
«Wie bitte?», fragt Miriam. «Entschuldige, ich habe dich nicht verstanden.»
«Ich verspreche es», murmelt Kussmaat und wiederholt die Worte, als Miriam ihn fragend anblickt. «Aber nun hör auf davon. Ich habe schon Krach genug.»
Und es ärgern ihn die Stimmen im Raum und das Lachen, überhaupt sitzt er plötzlich da mit einer Wut im Bauch, die er sich nicht erklären kann.
«Was hast du, Bert?», fragt Miriam.
Zwischen Pflicht und Gefühl entfaltet sich eine Geschichte, die nachwirkt. Max Walter Schulz zeichnet ein eindringliches Bild menschlicher Beziehungen in bewegten Zeiten.
Entdecken Sie in der Leseprobe aus Der Soldat und die Frau von Max Walter Schulz die leisen und zugleich kraftvollen Töne dieser besonderen Erzählung.
Der Mann, der auf dem Eis kniete, beugte das Haupt tief über den Toten. Herrgott im Himmel, wenn es dich noch gibt. Du kannst mir glauben, wir haben ihn aufgezogen in Liebe. Bei der Taufe hat der Pfarrer Ballmann gesagt, dies Kind soll unverloren sein. Hast du es weggeschmissen, Gott? Haben wirs getan? Hat ers selber gemacht? Deck dich mit meinem Mantel zu, Junge. Es ist kalt. Es ist kalt, hörst du, wie die Räder knarren vor dem Karren. Und die müssen noch so weit mit dir. Hörst du, wie der Baum umbricht ...
»Roider!«
Das wird der Starschina sein. Den kennst du nicht. Der kann unsern Namen nicht richtig aussprechen. Ist kein schlechter Mensch deswegen. Ich muss jetzt aufstehn.
Der Starschina, das Pferd am Zügel haltend, stand an der Grube. Sah hinab auf den Toten. Sah lange hinab auf das Totengesicht. Blickte auf. Sah prüfend in das tote Gesicht des Mannes, der sich erhoben hatte.
»Familija?«, fragte der Sergeant, auf den Toten deutend.
»Röder«, antwortete der Kriegsgefangene.
Er tappte die paar Schritte bis zum Karren. Nahm sein Brecheisen von der Pritsche. Die Grube war heute für zehn auszusprengen. Neun und einer sind zehn. Und der zehnte war noch aus dem Eis zu hacken. Röder fing gleich damit an. Was du tun musst, tue gleich. Wenn du sterben musst, stirb schnell. Der Starschina stieg auf den Karren, schloss die Kiste auf, warf Spitzhacke und Schaufel herab. Dann ging er zu dem Gefangenen, streifte den Mantelärmel etwas zurück, tippte auf seine Uhr, tippte auf die eins. Die Uhr des Starschina zeigte jetzt auf viertel zwölf.
Die Räder begannen wieder zu knarren. Das Geräusch verlor sich hügelaufwärts. Wenn Maria noch lebte und es wäre noch eine Zeit hin, würde ich sagen, seitdem ich den Jungen begraben habe, würde ich Maria sagen, weiß ich, was eine Gnade ist. Wenn ein Mensch deine Not sieht. Und dir hilft. Ohne zu fragen. Dass mich der Russe allein ließ mit dem Jungen, ganz allein, in dem Schneetreiben. Eindreiviertelstunden, damit ich dem Jungen sein eigenes Grab machen konnte, sein letztes Bett, das war eine Gnade. Wahrhaftig. Eindreiviertelstunden hats auch gedauert, als er zur Welt kam. Um fünfe, weißt du noch, setzen bei dir die Wehen ein. Dreiviertel sieben tat das Kind seinen ersten Schrei. Ich hab auf die Küchenuhr gesehn. Die ging immer genau. Wir hatten dein Bett in die Küche gerückt. Es war auch kalt und eisig draußen, an dem vierten Dezember. Und wir waren auch alleine. Die Hebamme war tags vorher mit dem Fahrrad gestürzt, hatte sich den Arm gebrochen. Du hast gesagt, das Kind muss gebadet werden. Nicht zu heiß und nicht zu kalt. Ich hab heißes Wasser in die kleine Holzwanne geschüttet. Und kaltes dazu. Und mit dem Ellenbogen probiert, bis es nicht zu heiß und nicht zu kalt war. Und als ichs Kind mir auf den Arm legte, hast du Angst gehabt, es könnt mir in der Wanne aus dem Arm rutschen ...
Als es Röder vollbracht hatte, suchte er die Kolonne in der Richtung, aus der er die Sprengschüsse gehört hatte. Er hatte sich beeilen müssen bei der Arbeit, weil er die Grabsohle so tief haben wollte, wie es sich gehört. Über eine Viertelstunde ging er am Fuß des Hügels entlang. Sie waren dabei, die Grube zuzuschütten. Beim Starschina gab er die Uhr des Jungen ab, des Gutsherrn Geschenk zur Konfirmation. Eine billige Armbanduhr. Der Starschina besah sich die Uhr kurz und warf sie zu anderen wertlos gewordenen Dingen mit in die Grube. Die Uhren, die sie fanden, waren alle unbrauchbar geworden. Was Röder dem Kommandoführer nicht ablieferte, das war der Trinkbecher, der Füllfederhalter und die Pistole des Toten, die nie versagende. Warum das? Es war ihm bei der Arbeit geschehen, dass sich auf einmal Erde und Himmel und alle Gedanken in einem irren Tanz um ein reines Nichts zu drehen begannen, um einen Pfahl im Fleisch, den er sich eigentlich schon lange herausgezogen und in Vergessenheit gebracht hatte. Mitten in der Arbeit glaubte er auf einmal lebens- und sterbenshalber wissen zu müssen, ob der Junge es mit der letzten Kugel getan hatte. Wie sich das für einen Soldaten gehört. Die Pistole trug Röder auf der bloßen Haut unter den Lumpen, unter dem Koppelriemen. Ihm hatte sich der wahnsinnige Gedanke eingebrannt, er müsse die Pistole bis zum Einbruch der Nacht auf der bloßen Haut tragen, damit sich das Metall erwärme und er den Kniegelenkverschluss und das Magazin gängig machen konnte. Dann würde er es mit eigenen Augen gesehen haben. Dann würde er zu gegebener Zeit seinem Bruder, diesem falschen Helden, die Wahrheit bieten: Der Junge hat nicht durchgedreht. Der Junge hat die letzte Kugel für sich aufgespart.
Viel Freude beim Stöbern, Entdecken und Lesen!
In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem Des Kaisers Kuli. Roman der deutschen Kriegsflotte von Theodor Plievier.