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Sie sind hier: DDR-Autoren: Newsletter 29.05.2026 - Zwischen Krimi, Fantasie und Zeitgeschichte

Zwischen Krimi, Fantasie und Zeitgeschichte – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Vom Freitag, dem 29. Mai, bis Freitag, dem 5. Juni präsentiert EDITION digital erneut fünf preisgesenkte E-Books, die mit Spannung, Humor, Fantasie und historischen Themen überraschen. Ob literarischer Kriminalfall, poetische Erzählung, deftige Sprachschätze oder bewegende Zeitgeschichte – diese Auswahl lädt zum Entdecken ganz unterschiedlicher Welten ein.

 

Mord im Wunderland. Ein Krimi um, nach und mit Ringelnatz von Steffen Mohr

In der Nachwendezeit wird Frau Brack, die bundesdeutsche Unternehmerin, die den halben Muldentalkreis aufkaufen wollte und dann pleiteging, mit Morphin ermordet. Motive für den Mord haben viele Einwohner von Wurzen: Arbeitslose, in den Ruin Getriebene, Natur- und Umweltschützer. Die Ermittlungsgruppe um Kriminalhauptmeister Torsten Gräfe findet auch schnell Unregelmäßigkeiten im Giftbuch eines Pflegeheimes. Aber die Verantwortliche hat mehrere Liebhaber mit einem scheinbar wasserfesten Alibi. Als dann noch eine Gymnasiastin aus der linken Hausbesetzerszene erschlagen wurde und die Polizei Drohanrufe bekommt, wird es Ernst. Übrigens mischt der inzwischen pensionierte, vorher noch zum Major aufgestiegene Merks heimlich mit.

 

Augenoperation – Schattenrisse von Jurij Koch

Er bewegt sich in einer eingedunkelten schattenreichen Welt: Gerat Lauter, noch nicht achtzehn. Er wartet darauf, dass seine mit Kalklauge verätzten Augen operiert werden können. Ob er danach wieder sehen wird? Die Chance steht fünfzig zu fünfzig.

Alles begann mit dem Bewerbungsschreiben. Wer äußert sich auch so offen über sich selbst und stiftet damit Verwirrung. Nur noch zu sagen, was wahr ist - ein selbstgewählter Anspruch, dessen Folgen Gerat zu spüren bekommt, zu Hause, später im Betrieb, in der Liebe zu Claudia, seiner Lehrerin, von der er nicht weiß, zu wem sie hält, als es um die Aufdeckung eines großen Betruges geht.

 

Das Mecklenburgisch-Vorpommersche Schimpfwörterbuch. Bannich deftige Wörter von Hans-Ulrich Lüdemann

Für Freunde der Niederdeutschen Sprache ist dieses Büchlein eine zeitlose Rarität. Deftige und weniger deftige Worte werden heiter ins Hochdeutsche umgesetzt, so dass auch ein Hinterbayer alles versteht.

 

Meine Freundin, eine Nixe von Hanna Borchert

Zauberhaftes passiert in diesem poetischen Buch von Hanna Borchert. Felizitas, genannt Feli, das bald zwölfjährige Mädchen aus einem großen, schönen Dorf lernt zu ihrer Überraschung an der Bretterbrücke am Zaubersee die Nixe Walburga von Wasserburg, genannt Wally kennen – ebenfalls ein schönes Mädchen, nur mit Flossen statt mit Beinen. Schnell haben Feli und Wally den gleichen Wunsch: jede der beiden möchte einmal so sein wie die andere. Und mit Hilfe von Lybella, der zauberkäftigen Tante von Wally, können das Mädchen und die Nixe tatsächlich für drei Tage ihre Körper und ihre Lebenswelten tauschen – in Feli steckt jetzt Wally und umgekehrt. Eine aufregende Angelegenheit.

Sowohl die Nixe als auch das Mädchen finden es toll, einmal ein Mensch oder eine Nixe zu sein. Allerdings bringt das neue Leben auch manche Schwierigkeiten und Missverständnisse, aber zumindest auf der Erde auch manche hilfreiche Zauberei mit sich. Denn mit Unterstützung ihrer Tante Lybella kann Wally als Feli nicht nur Felis Mutter von ihren Bauschmerzen befreien und der alten Frau Krause und Felis bester Freundin Marion helfen, sondern auch der Hündin Layka und dem Eisvogel Erich. An manches Andere und Ungewohnte müssen sich Feli und Wally in ihrer jeweils anderen Umgebung aber erst gewöhnen. Und nicht nur Hund Bello scheint bemerkt zu haben, dass da irgendetwas nicht stimmt.

Schnell sind die drei Tage um, und dann muss zurückgezaubert werden. Natürlich sind die echte Feli und die echte Wally auch traurig darüber, dass sie sich jetzt erst mal wieder voneinander trennen müssen, aber es wird bestimmt kein Abschied für immer. Schließlich sind Feli und Wally Freundinnen.

 

In unserer Rubrik „Fridays for Future“ steht diesmal ein Werk im Mittelpunkt, das sich eindringlich mit Krieg, Menschlichkeit und Verantwortung auseinandersetzt. „Wir sind nicht Staub im Wind – Triptychon mit sieben Brücken“ von Max Walter Schulz verbindet persönliche Schicksale mit den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und erinnert daran, wie wichtig Erinnerung, Frieden und menschlicher Zusammenhalt auch für kommende Generationen bleiben.

„Welches Unmaß an Hoffnung!" Als Prof. Dr. Füßler diese zuversichtlichen Worte ausspricht, ist der Krieg beendet, lebt in den Menschen die Gewissheit auf ein friedliches, befreites Morgen. Weit ist der Weg dahin, weil er von jedem Einzelnen Besinnung, Auseinandersetzung und Entscheidung fordert. Das aber verlangt Wende, und Wende ist Überwindung. Hagedorn, Saliger, Hilde und Lea müssen sich vor allem von der Einstellung lösen, dass der Mensch machtlos dem Schicksal unterworfen ist. Das Leben dieser Zentralgestalten, ihre vielfältig verflochtene, unterschiedliche Entwicklung dient dem Autor zum Nachweis der These, die dem spannenden Geschehen den Titel gegeben hat: Wir sind nicht Staub im Wind! Ein wahrhaft poetischer, wortkünstlerisch faszinierender Roman, der getragen wird von der nationalen Mission der Literatur. Diese Gewissheit — „Welches Unmaß an Hoffnung!“

Der Roman „Wir sind nicht Staub im Wind“ von Max Walter Schulz, erstmals 1962 erschienen, wurde zu einem der erfolgreichsten Bücher in der DDR.

In diesem folgenden, in sich abgeschlossenen Buch führt der Autor die Gestalten, die mit einem „Unmaß an Hoffnung“ aus der Handlung entlassen wurden, in den dramatischen Augusttagen des Jahres 1968 wieder zusammen. Jetzt gilt es zu überprüfen, ob jene „unverlorene Generation“ den Weg in ein erfülltes menschliches Dasein gefunden hat, ob sie die inzwischen errungene Einheit von Macht und Geist im Sinne des Menschen zu gebrauchen weiß. Dabei hat die Entscheidung zu fallen, ob die Angst der früheren Welt überwunden und praktische Verantwortung aus inzwischen gewonnener Erkenntnis gewachsen ist. Mit einer ungewöhnlichen Episodenfülle, die der Autor ausbreitet, um seine nur wenige Tage umfassende Fabel poetisch umzusetzen, ist eine außerordentlich dichte Romanstruktur entstanden, die bis zur letzten Szenerie, einem Triptychon mit sieben Brücken, Charaktere und Handlungsabläufe zusammenhält.

 

Von kriminalistischen Rätseln über sprachliche Kuriositäten bis hin zu bewegenden Geschichten zwischen Realität und Fantasie – jedes dieser Bücher eröffnet seinen ganz eigenen Kosmos. Lassen Sie sich von den folgenden Leseproben inspirieren und entdecken Sie neue Lieblingslektüre.

 

Mord im Wunderland. Ein Krimi um, nach und mit Ringelnatz von Steffen Mohr

Literatur, Humor und Kriminalfall verbinden sich hier zu einer ungewöhnlichen Mischung.
Lesen Sie die Leseprobe und folgen Sie den ersten Spuren dieses besonderen Krimis.

Mitten auf einer kleinen Brücke, die ein Sickerbächlein unter der Straße überdachte, stand die verdammte Karre still. Links lagen die poppig bemalten Haus- und Fensterwände der Villa Kuntabunt, Treff der sogenannten linken Jugendszene. Aber eher ein Treff, wenn die Dunkelheit aufzog. Jetzt, zwölf Uhr mittags, lag die verfallene Prunkbude still.

Ein gelber Mischlingshund sprang von der Eingangstreppe, auf der er sich eben gesonnt hatte, hoch und lief kläffend an den Zaun. Von hinten, aus dem verfallenen Gebäude des alten Wasserwerks, sprang in langen Sätzen ein schwarzgrau glänzender Schäferhund hinzu. Der jaulte auf, als er Zeisig sah.

Der Naturschützer, schon über den Motor gebeugt, blickte stirnrunzelnd auf. Er schob seinen grünen Hut mit den Eichelhäherfedern ins Genick und brummte zu den Hunden herüber: „Na, Lutz? Kleiner Springinsfeld. Und du - Tina? Was jaulste denn so? Wo ist denn deine Herrin, diese ... diese ... Ach, diese blöden Punkernamen. Ich vergesse sie immer wieder.”

Als ob sie Zeisig etwas erzählen wollte, jaulte Tina wieder. Da ließ er den Wagen mit geöffneter Motorhaube stehen und lief quer über die Straße. Er schob den Zaun ein Stück zur Seite, kniete wieder und kraulte Tina das Fell. „Na, was jaulste denn so? Was haste bloß, mein Tierchen?”

Wie zur Antwort wimmerte Tina noch einmal kurz und laut. Das klang fast wie ein Schrei. Dann hetzte sie spornstreichs auf Zeisigs Wagen zu, umrundete ihn hinten mit eingezogener Rute. Plötzlich legte sie ihre Vorderpfoten auf das steinerne Geländer der Brücke und schnüffelte aufgeregt nach unten, als ob da in etwa fünfzehn Meter Tiefe etwas Wichtiges verborgen sei.

Philipp Zeisig blickte ebenfalls in die verschlammte und von Gestrüpp überwachsene Lache hinab, auf der jetzt feiner Schnee den schlimmsten Unrat verdeckte. Halt!

Das Rote dort war doch kein liederlich hingeworfenes Kleidungsstück. Das war ... Zeisig schauderte.

Ja, es war ein Stück menschlicher Arm, mit einem dicken Pullover bekleidet. Oberarm, Ellbogen. Die Hand hing sicher im zugeschneiten Gestrüpp, ebenso wahrscheinlich der Rest des Menschen.

Ratlos blickte Zeisig Tina an. Und auf einmal, wie ihn die großen, feuchten Hundeaugen anheischten, fiel ihm der Name wieder ein.

„Es wird doch nicht deine Luna sein? Das da unten?”

Behutsam führte er die Hündin zurück hinter den Zaun, wo sie Lutz bereits mit freudigem Gebell in Empfang nahm. Er zog das Funktelefon heraus.

 

Augenoperation – Schattenrisse von Jurij Koch

Persönliche Erfahrungen und feine Beobachtungen verdichten sich zu einer eindrucksvollen Erzählung.
Tauchen Sie in die Leseprobe ein und entdecken Sie die leisen Zwischentöne dieser Geschichte.

Mitten auf einer kleinen Brücke, die ein Sickerbächlein unter der Straße überdachte, stand die verdammte Karre still. Links lagen die poppig bemalten Haus- und Fensterwände der Villa Kuntabunt, Treff der sogenannten linken Jugendszene. Aber eher ein Treff, wenn die Dunkelheit aufzog. Jetzt, zwölf Uhr mittags, lag die verfallene Prunkbude still.

Ein gelber Mischlingshund sprang von der Eingangstreppe, auf der er sich eben gesonnt hatte, hoch und lief kläffend an den Zaun. Von hinten, aus dem verfallenen Gebäude des alten Wasserwerks, sprang in langen Sätzen ein schwarzgrau glänzender Schäferhund hinzu. Der jaulte auf, als er Zeisig sah.

Der Naturschützer, schon über den Motor gebeugt, blickte stirnrunzelnd auf. Er schob seinen grünen Hut mit den Eichelhäherfedern ins Genick und brummte zu den Hunden herüber: „Na, Lutz? Kleiner Springinsfeld. Und du - Tina? Was jaulste denn so? Wo ist denn deine Herrin, diese ... diese ... Ach, diese blöden Punkernamen. Ich vergesse sie immer wieder.”

Als ob sie Zeisig etwas erzählen wollte, jaulte Tina wieder. Da ließ er den Wagen mit geöffneter Motorhaube stehen und lief quer über die Straße. Er schob den Zaun ein Stück zur Seite, kniete wieder und kraulte Tina das Fell. „Na, was jaulste denn so? Was haste bloß, mein Tierchen?”

Wie zur Antwort wimmerte Tina noch einmal kurz und laut. Das klang fast wie ein Schrei. Dann hetzte sie spornstreichs auf Zeisigs Wagen zu, umrundete ihn hinten mit eingezogener Rute. Plötzlich legte sie ihre Vorderpfoten auf das steinerne Geländer der Brücke und schnüffelte aufgeregt nach unten, als ob da in etwa fünfzehn Meter Tiefe etwas Wichtiges verborgen sei.

Philipp Zeisig blickte ebenfalls in die verschlammte und von Gestrüpp überwachsene Lache hinab, auf der jetzt feiner Schnee den schlimmsten Unrat verdeckte. Halt!

Das Rote dort war doch kein liederlich hingeworfenes Kleidungsstück. Das war ... Zeisig schauderte.

Ja, es war ein Stück menschlicher Arm, mit einem dicken Pullover bekleidet. Oberarm, Ellbogen. Die Hand hing sicher im zugeschneiten Gestrüpp, ebenso wahrscheinlich der Rest des Menschen.

Ratlos blickte Zeisig Tina an. Und auf einmal, wie ihn die großen, feuchten Hundeaugen anheischten, fiel ihm der Name wieder ein.

„Es wird doch nicht deine Luna sein? Das da unten?”

Behutsam führte er die Hündin zurück hinter den Zaun, wo sie Lutz bereits mit freudigem Gebell in Empfang nahm. Er zog das Funktelefon heraus.

 

Das Mecklenburgisch-Vorpommersche Schimpfwörterbuch. Bannich deftige Wörter von Hans-Ulrich Lüdemann

Deftig, humorvoll und voller regionaler Sprachbilder präsentiert dieses Buch eine besondere Sammlung norddeutscher Ausdruckskraft.
Werfen Sie einen Blick in die Leseprobe und entdecken Sie bannich originelle Wörter und Redensarten.

Telerbücks, eine Petze. Getreu dem Motto: Gepetzt wird hier nicht, aber gesagt werden muss es!

Tittengör, ab einem bestimmten Alter gehen Kinder ihre eigenen Wege — dieser Nesthocker jedoch noch nicht: Is von Murrer ehr Titt noch nich wech wääst.

Tittenolsch, Frau mit großer Oberweite, die naturgemäß einen entsprechenden Tittenbüdel anlegen muss, um ihrer Tittelatur den gewissen Halt und Schick zu geben.

Toegeljochen und Toegelliesch, er und sie sind gleichermaßen aufreizend langsam in ihrem Tun.

Toet, dummes, schwatzhaftes Mädchen. Eine gestandene Frau mit den gleichen Eigenschaften heißt ebenso.

Tömiggänger, Faulpelz und Müßiggänger.

Torfkopp, hat etwas sehr Dummes angestellt.

Töt, analog zur Bezeichnung für die rossige Stute eine auffallend liebeslustige Frau.

Trachunkel, Madame Liederlich, auf deren Küchentisch Haare, Kamm, Topflappen, Haarklammern, Brotreste, Lippenstift und Butterschale einträchtig nebeneinander zu finden sind.

Trallbüdel, wunderlicher Mensch.

Trampeljochen, wie Trampelliesch jeweils unruhige Jungen oder Mädchen. Neutrum ist Trampeltier.

Tranpott, auffallend langweiliges und schwerfälliges Wesen. Von dem Zeitpunkt an, da er einen Knuff von seinem Hintermann im Rücken verspürt, bis zum ärgerlichen Umdrehen benötigt so einer etwa fünfzehn Minuten.

 

Meine Freundin, eine Nixe von Hanna Borchert

Zwischen Wirklichkeit und Fantasie entsteht eine Geschichte voller Geheimnisse und besonderer Begegnungen.
Lesen Sie die Leseprobe und tauchen Sie ein in die faszinierende Welt der Nixe.

Nun bin ich schon an der Haustür, hätte beinahe geklingelt, aber dann macht jemand die Tür auf und sagt: „Felizitas, wo warst du so lange, nun aber schnell, Mama wartet schon."

Ohne zu antworten, laufe ich in die Stube, ich sehe mich um, Mama wird gerade untersucht. Nun sieht mich Felis Mama und ruft: „Felizitas, bitte hole saubere Sachen für mich und lege sie in eine Tasche, ich werde wohl mit ins Krankenhaus müssen. Mein Fieber ist sehr hoch.“

„Ja“, sage ich, gehe an den Schrank und nehme wirklich Sachen heraus, die ich noch nie gesehen habe. Aber es ging leicht. Ohne zu fragen, konnte ich alles erledigen.

Der Vater brummt immer nur vor sich hin: „Oh, was mache ich nur, was mache ich nur.“ Ich beruhige Felis Vater: „Das bekommen wir wieder hin, Papa, ganz bestimmt, Mama hat nur eine Magenverstimmung.“

Die Ärztin schaut mich an: „Du bist ja schlau, nur eine Magenverstimmung.“ Sie schüttelt den Kopf. „Ein wenig mehr wird es wohl schon sein, denke ich."

Nun versuche ich, Felis Mama zu helfen: „Ach bitte, Mama, setz dich doch mal hin und zeige uns, wo du die Schmerzen hast!“

Mama schaut mich: „Ich habe das der Ärztin schon gesagt und dir auch, das war doch erst gestern!“

„Ja, ich weiß, aber lege bitte deine linke Hand auf deine rechte Schulter und sage mir noch einmal, wo es dir weh tut, bitte, Mama.“ Es fällt mir nicht schwer, zu Felis Mutter Mama zu sagen, sie ist so eine liebe Frau.

Nun schauen alle auf mich. „Was ist los, warum dieses Spiel?“, fragt Mama. Und doch legt sie die Hand auf die rechte Schulter.

„Nun, Mama, wo tut es weh?“ Mama richtet sich auf und ist überrascht. „Wo mir etwas weh tut? Das weiß ich nicht, es ist nicht mehr da.“

„Wie schön“, sage ich und wende mich zu Felis Vater. „Eine Tasse Tee wäre jetzt sehr wohltuend, Lindenblütentee haben wir in der Dose, brüh für Mama eine große Tasse auf!“

Der Vater nickt nur, wundert sich und fragt: „Ist es ein Wunder oder Zauberei? Mir ist es wurscht, was es ist, Hauptsache, Mama ist bald wieder gesund. Ich koche für alle eine schöne Tasse Lindenblütentee“, geht und lächelt dabei.

 

Wir sind nicht Staub im Wind – Triptychon mit sieben Brücken – Max Walter Schulz

Der Zweite Weltkrieg bildet den Hintergrund für eine eindringliche Erzählung über Menschen, Erinnerungen und Hoffnung.
Entdecken Sie in der Leseprobe den Auftakt eines bewegenden literarischen Triptychons.

Hagedorn, gepeitscht von der Angst ums Leben wie von der Verlassenheit des Vogelfreien, des aus allen menschlichen Bünden gestoßenen, lag bäuchlings auf quergestellten Reihen von Benzinkanistern, die unter ihm hin und her schaukelten, weil sie etwas Spielraum hatten zwischen den seitlichen Bordwänden. Als der Wagen eine Kurve befuhr, presste die Fliehkraft die unruhige Ladung nach außen und klemmte dem Liegenden die Finger der rechten Hand ein. Er riss die Hand fluchend aus den zusammengepressten Kanistern, schob die Finger in den Mund, um den Schmerz zu betäuben ... Sechshunderteinsundzwanzig, zwoundzwanzig, dreiundzwanzig ... Zu beiden Seiten der Straße tauchten schattenschwarze Häuser auf. Stimmen erhoben sich, eisenbereifte Räder rumpelten schwer und hart über Pflastersteine, dazwischen klickten ungezählt viele Pferdehufe. Vorn in der Kabine schaltete der Fahrer mit viel Zwischengas herunter. Unendlich langsam überholte der Wagen eine bespannte Einheit, irgendeinen Tross ... Siebenhunderteinsundzwanzig, zwoundzwanzig ...

Gesprächsfetzen wehten herein: halbe Stunde von hier, Spaziergängertempo, wär’ ich zu Hause. Hannchen liegt im Bett und greift im Schlaf nach meinem Kopfkissen ... Wißte, Fuchs! Wißte ...“ „... wenn es noch einen lieben Gott im Himmel gibt, Ernst, dann versteh’ ich ihn nicht mehr. So was dürfte er …“ „... ’n Holzfuß trägt jetzt meine Erna. Ich sage ihr, lass gut sein, ’ne hinkende Stute fohlt auch noch gut ab .... unsere V-Waffen, Kameraden, ich sage euch ...“ - „... in der dritten haben sie gestern zwei Oberschnäpser standrechtlich erschossen. Wollten stiften gehn. Der eine hat buchstäblich in die Hosen …“

Der Lastkraftwagen stoppte. „He, du, verschlaf den Tod nicht!“, lachte ein Fahrer auf dem Bock und stieß Hagedorn im Vorbeifahren mit dem Peitschenstiel in die Rippen ... Neunhunderteinsundzwanzig, zwoundzwanzig, dreiundzwanzig ... Die Blindzeit war abgelaufen. Man musste ’raus. Das Nächstliegende wäre, in diesem Trosshaufen mitzutrotten. Aber das Nächstliegende ist nicht immer das Beste. Wen der Landser nicht kennt, den verpfeift er zuerst. Hagedorn beugte sich aus dem Wagen und riskierte einen Blick nach vorn. Das erste der drei Motorfahrzeuge hielt mitten auf einer Kreuzung. Am geöffneten Schlag standen zwei baumlange Feldgendarmen und sprachen mit dem Fahrer. Ihre silbernen Brustschilder blinkten trüb ... Neunhunderteinsundachtzig, zwoundachtzig ... Wenn die Kettenhunde jetzt nach hinten kommen, springe ich ab, tauche durch die bespannte Kolonne, suche Deckung in den Gärten. In meiner Manteltasche steckt die Pistole. Du oder ich. Von mir soll niemand sagen, ich hätte mir die Hosen vollgemacht ...

Aber die Kettenhunde kamen nicht nach hinten. Der eine wies mit dem Arm in die Richtung schräg voraus, der andere tat gelangweilt. Die wollten nichts, wussten noch nichts. Und die Räder begannen sich schon wieder zu drehen. Hagedorn zog schnell den Kopf zurück und rollte sich über die Kanister gewandt in den Laderaum zurück. Die Kettenhunde sahen ihn nicht, sahen den vorüberfahrenden Wagen überhaupt nicht nach.

Als sie wieder die offene Landstraße erreicht hatten, begann der Flüchtige von vorn zu zählen, von eins bis dreihundert. Dann kletterte er hinaus auf die Seitenplanke, löste die Finger aus der Plane und hechtete in Fahrtrichtung in den Straßengraben. Er schlug schwer in einen stinkenden Schlamm, regte vorsichtig die Glieder, sich vergewissernd, ob sie sich alle noch regen ließen. Sie ließen sich alle noch regen. Es tat ihm nichts weh. Schon ein ganzes Stück voraus zischten die Pneus der Lastkraftwagen durch den Nebel davon. Bald erstarb jedes Geräusch. Die Stille toste in den Ohren. Hagedorn raffte sich auf. Von Händen und Mantel tropfte ihm der Grabenschlamm und roch scharf wie faulende Kohlstrünke. Doch der Flüchtige säuberte sich nicht. Er griff mit beiden Händen noch einmal in den schwarzen stinkenden Morast und beschmierte sich auch das Gesicht. Denn auch die schwärzeste Nacht löscht das menschliche Gesicht nicht ganz aus. Und wenn sie Spürhunde ansetzen, dachte Hagedorn, erstickt mein Menschengeruch unter der stinkenden Kruste. So lief er nun querfeldein, verhielt aller paar Minuten, witternd wie ein Tier, hielt sich in die Richtung, aus der ab und zu Geschützdonner kam und jetzt auch ganz schwach schon das Rattern leichter Maschinenwaffen, vertraute seinem Glück, dass er bald ein sicheres Versteck fände. Je weiter ich aber vor Morgengrauen vorwärtskomme, dachte er, um so eher überrollt mich die Front. Ich werde mich hüten, in Gefangenschaft zu gehen. Ich will nach Hause. Wenn die Front über mich weggerollt ist und ein ganzes Stück fort ist, sehe ich zu, dass ich zunächst nach Rohren zurückkomme, zu dem Mädchen. Ich glaube fast, es wartet auf mich. Vielleicht kann sie mir Zivilklamotten verschaffen. Und wenn sie einen Dank will und wenn sie mag, nehme ich sie zum Dank mit nach Hause. Sie ist sauber und kräftig und mutterseelenallein ... Lea ist tot. Lea ist an Saliger verdorben. Als ich sie das letzte Mal in Reiffenberg gesehen habe, sah sie aus wie eine Wachspuppe und hat auf meinen Gruß gedankt wie eine Nonne ... Aber jetzt muss ich achtgeben, dass ich nicht im Kreis laufe und bald ein Versteck finde. Mein Gott, ist es hier kahl und öd ...

 

Der Hauptmann Saliger vergaß sich, brüllte den Oberfähnrich in Gegenwart der beiden Telefonisten und des Schreibstubengefreiten gereizt an: „Was wollen Sie eigentlich, Korta! Bin ich die Wach- und Schließgesellschaft? Wenn der Unteroffizier desertiert ist, können Sie mich nicht persönlich dafür haftbar machen. Sie am allerwenigsten.“ Der Oberfähnrich antwortete mit geradezu aufsässiger Sicherheit: „Dass der Kerl renitent war, gefährlich renitent, alle Anlagen zum Aufwiegler und Deserteur hatte, konnte ein Blinder mit dem Krückstock im Finstern feststellen. Ich hatte sofort Bedenken, als Sie den Dreckskerl allein wegschickten. Das war, erlaube mir zu sagen, Herr Hauptmann, zumindest ...“

„Zumindest werden Sie mir bestätigen, dass ich dem Unteroffizier einen Befehl gegeben habe.“

 

Viel Freude beim Stöbern, Entdecken und Lesen!

 

In der kommenden Woche erwartet Sie unter anderem Drei Tropfen Licht. Ein doppeltes Tagebuch von Aljonna und Klaus Möckel.

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