Zwischen Grotte, Gefängnis und Lebenswegen Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
(Pinnow, 14.08.2026) Von einer entführten Kommissarin über einen Mann, der seine Partei verteidigt, bis zu satirischen Blicken auf Betrieb und Alltag: die fünf E‑Books dieser Woche spannen einen weiten Bogen zwischen Krimi, politischer Vergegenwärtigung, beißender Sozialkritik, dem Ringen um künstlerisches Auskommen und dem Kaleidoskop eines bewegten Lebens. Wer sich auf diese Mischung einlässt, begegnet nicht nur starken Figuren, sondern auch Fragen, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verweben.
Vom Freitag, dem 14. August, bis Freitag, dem 21. August 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.
Verhängnis in der Grotte. Nora Grafs dritter Fall Schwerin-Krimi von Christiane Baumann
In der Grotte im Burggarten des Schweriner Schlosses wird eine junge Berlinerin überfallen und lebensgefährlich verletzt. Einen Tag später verschwindet Nora Graf, Hauptkommissarin bei der Schweriner Mordkommission, in ihrer Mittagspause spurlos. Ihr Auto steht verlassen auf dem Parkplatz des Schlosspark-Centers. Keiner ihrer Kollegen kann glauben, dass Nora einfach so abgetaucht ist. Wahrscheinlicher ist, dass sie entführt wurde und in irgendeinem Versteck festgehalten wird. Spielt dabei das kleine Mädchen eine Rolle, von dem sie wegen einer Puppe angebettelt wurde? Wurde Nora verschleppt, weil sich jemand an ihrem Lebensgefährten Tom rächen will? Er sucht auf eigene Faust nach Nora und gerät selbst in Gefahr.
Als Nora wieder frei ist, muss sie einen schweren Schicksalsschlag verkraften. Und sie erfährt den Grund für Toms panische Angst vor toten Menschen.
Das Ermittlungsverfahren. Ein Thälmann-Roman von Walter Baumert
Die schwere Klappe in der Zellentür rasselt herunter. Thälmann hört die sich entfernenden Schritte des Wachhabenden. Dann herrscht wieder Stille, die ihn seit seiner Isolationshaft wie eine Glocke umschließt. Manchmal, wenn ihm seine schwierige Situation bewusst wird, glaubt er sie unterbrochen von einem klirrenden Ton, der bedrohlich anschwillt. Das sind gefährliche Augenblicke, in denen er seine ganze Willenskraft mobilisieren muss. Hitler an der Macht, Millionen Genossen verhaftet oder ermordet, die Partei verboten, wie konnte es dazu kommen - diese Frage stellt er sich immer wieder.
Und indem er nach den Ursachen forscht, über sein Leben, den Kampf, die Erfolge, über die Niederlagen seiner Partei im Wirrwarr der Weltwirtschaftskrise nachdenkt, findet er Ruhe und Zuversicht. Göring, die Gestapo und die Reichsjustiz setzen die besten Spezialisten ein, um Thälmann zu einem Geständnis zu zwingen, das Hitler, der einen Hochverratsprozess anstrebt, dringend braucht, um sein Vorgehen gegen die Kommunisten vor der Weltöffentlichkeit zu rechtfertigen.
Thälmann, allein in seiner Zelle, doch mit der Gewissheit, die Genossen hinter sich zu haben, beginnt sich auf den Prozess vorzubereiten.
Das Buch nach dem DDR-Fernsehfilm von 1981 erschien 1985 zeitgleich in Ost-Berlin und Dortmund.
Mit Kräuterschnaps und Gottvertrauen. Roman von Wolfgang Schreyer
Schreyers zweiter Roman spielt Anfang der 1950er Jahre in einer anhaltinischen Kleinstadt. Jugendlich unbekümmert, ohne Angst vor zivilrechtlichen Folgen, beschrieb er sein eigenes Erleben in einem Betrieb, der aus der Produktion von Likören und vor allem von Schweinemastpulver gute Gewinne erzielt. Mit Humor, beißender Satire und der Spannung eines Kriminalromans nimmt er die Schiebungen seines Chefs genauso aufs Korn wie den vom Chef mit Likören geschmierten Gewerkschaftsfunktionär.
Stefan Heym hob 1953 in einer Rezension die realistische Darstellung der Gewerkschaftsfunktionäre hervor.
Trotzdem kam das Buch über die Erstauflage von 20 000 Stück nicht hinaus. Man nahm Rücksicht auf die Ost-CDU und die Befindlichkeiten der christlichen Bürger wegen des lästerlichen Titels.
In seinem autobiografischen Roman "Der zweite Mann" schreibt Schreyer 2000 über seine Jugenderlebnisse und dieses Buch: "Wenn dort, wie erlebt, die Beute der Königin den Lohn der Arbeitsbienen krass übersteigt, so kann etwas nicht stimmen. Dieser Zug des Kapitalismus stößt mich ab. Für Nichtstun 17-mal mehr, bloß weil einem der Laden gehört, das ist ungerecht und wider die Vernunft ... dass ohne weit mehr Ungerechtigkeit die Marktwirtschaft offenbar nicht läuft, das geht mir erst viel später auf."
Die Maler aus der Ostbahnstraße. Aus dem Leben von Hans und Lea Grundig von Brigitte Birnbaum
Endlich ist es Hans und Lea gelungen: Für wenig Geld können sie ein Atelier beziehen, zwei lichte Räume in einem Mietshaus an der Ostbahnstraße, vier Treppen hoch. Der Blick geht über das Bahnhofsdach; Lärm dringt herauf, und der Qualm der Loks weht gegen das schlecht verkittete Fenster. Eine schmutzige, verrußte Gegend, doch das stört die beiden nicht. Endlich werden sie ungehindert arbeiten können, malen und zeichnen, und sie werden leben in eigenen vier Wänden.
Es ist das Jahr 1930 und eine schwere Zeit für die angehenden Künstler. Noch sind Hans und Lea Grundig unbekannt. Wer Geld hat, kauft ihre Bilder nicht, und die Grundigs wissen, warum das so ist. Fürs Erste hilft ein Kunstpreis weiter, ein paar hundert Mark; doch bald schon sind die Kassen wieder leer, und das wird nicht die einzige Sorge für Hans und Lea sein ...
Sachkundig im Detail, lebendig und engagiert in der Schilderung von Leben und Werk, erzählt Brigitte Birnbaum von einem Künstlerehepaar, das den Schwierigkeiten des Alltags nicht nachgibt und mit seinen Bildern etwas bewirken will in dem alles beherrschenden Konflikt der Zeit: Es naht das Tausendjährige Reich.
Schade, dass du Jude bist. Kaleidoskop eines Lebens von Walter Kaufmann
Der Friday for Future‑Titel dieser Woche ist Schade, dass du Jude bist. Kaleidoskop eines Lebens. Walter Kaufmanns Erinnerungen an Flucht, Deportation, zahlreiche Arbeitsstationen und weltweite Begegnungen sind mehr als biografische Episoden: Sie zeigen, wie eng persönliche Schicksale mit politischen Umbrüchen und kultureller Vernetzung verbunden sind. Solche Geschichten schärfen Verständigung und Empathie, erinnern an die Folgen von Ausgrenzung und Zwangsmigration und machen deutlich, warum Erinnerung und globale Verantwortung für Gegenwart und Zukunft bedeutsam sind.
Immer in Bewegung, sich ständig verändernd - so ist das Leben Walter Kaufmanns. Als Fünfzehnjähriger flieht er aus Nazideutschland nach England, wird von dort nach Australien deportiert, wo er sich mit verschiedenen Arbeiten über Wasser hält - im Krieg Soldat, später Hochzeitsfotograf, Dock- und Hafenarbeiter, zuletzt Seemann. Zurück in Deutschland ist es die DDR, die er wählt. Dort lebt er als Schriftsteller, geht wieder zur See, schreibt Reportagen aus Japan, Irland, Israel und den USA. Er bleibt in der Welt zu Hause.
In seinen bewegenden, autobiografischen Erzählungen betrachtet Walter Kaufmann Menschen, so verschieden wie die Länder, die er bereiste, von Begegnungen, von Stimmungen, die er einfängt und die berühren. So offenbart sich dem Leser ein immer wieder neues, stets anderes Bild und jedes davon überrascht und verzaubert.
Das literarische Kaleidoskop eines Lebens.
»In dieser meisterlichen Kurzprosa zeigt sich die Spannweite zwischen Region und weiter Welt, zwischen Vertrautem und Fremdem, zwischen kleinen Verhältnissen und exotischen Abenteuern, zwischen sozialer und künstlerisch-literarischer Erfahrung.«
Aus der Laudatio zur Verleihung des Literaturpreises Ruhrgebiet.
Die folgenden Leseproben öffnen fünf sehr unterschiedliche Fenster: sie führen in ein Schlossparkversteck und in eine einsam klingende Zelle, an die Fließbänder eines Likörbetriebs und in ein rußiges Atelier, schließlich auf die weltweite Reiseroute eines Lebens. Jede Passage zeigt, wie individuelle Entscheidungen und historische Umstände einander prägen.
Verhängnis in der Grotte. Nora Grafs dritter Fall Schwerin-Krimi von Christiane Baumann
Auf einem Schlosspfad geschieht das Unfassbare: Die erste Passage beginnt mit der verstörenden Entdeckung in der Grotte und der rätselhaften Abwesenheit einer Kommissarin ein Moment, der Spannung und Sorge miteinander verknüpft.
Nora am späten Freitagvormittag
Wessen Idee war es, den Ausflug nach Schwerin zu machen? Bisher hatte Nora von keiner der Chorfrauen eine befriedigende Antwort auf ihre Frage erhalten. Auch Ilona Rettig blieb vage: Der Vorschlag, hierher zu fahren, war auf einmal da. Wir fanden die Idee mit Schwerin auf Anhieb super. Es spielte keine Rolle mehr, wer sie hatte. Ilona Rettig war eine vierzigjährige dralle Frau mit schwarzem Bubikopf und die tragende Altstimme im Chor.
Waren Sie enger mit Alina Vollmer befreundet?
Nein. Alina verstand sich mit allen, soweit ich es beurteilen kann.
Keine engere Freundin in der Truppe?
Ilona Rettig schüttelte den Kopf.
Hatte Alina einen Freund in Berlin?
Wirklich keine Ahnung. Können wir sie im Krankenhaus besuchen?
Oh, am Nachmittag möglicherweise. Stellen Sie sich bitte darauf ein, dass Alina im Koma liegt. Es tut mir sehr leid, dass Ihre Tour auf diese dramatische Weise endet. Noch was. War Alina zuvor schon einmal in Schwerin?
Dazu kann ich was sagen. Ich saß nämlich im Bus in der Reihe vor Alina und hörte unfreiwillig etwas vom Geplauder hinter mir mit. Alina erzählte ihrer Sitznachbarin, ich glaube, es war Annett Schumann, sie wäre noch nie in Schwerin gewesen. Deshalb würde sie sich so besonders auf die Stadt freuen. Alina kommt ja eigentlich aus dem Westen. Und für die meisten Wessis ist der Osten ja immer noch unbekanntes Terrain.
Wie auch immer. Konzentrieren wir uns auf das gestrige Geschehen, bitte. Nach dem gemeinsamen Kuchenessen im Café Prag ging die Gruppe zum Schloss und spazierte durch den Park. Alina wollte durch die Laubengänge gehen. Niemand wollte mit. Erinnern Sie sich daran?
Ja, Alina hatte sich auf der Stelle in die beiden Laubengänge verguckt; die fand sie toll. Na ja, wir sind zuvor alle zusammen durch und einmal reichte doch. Zumal es anfing zu nieseln. Die meisten von uns wollten weiter in die Altstadt. Bis auf Alina sind wir dann alle raus aus dem Schlosspark. Unser nächster Treffpunkt war um achtzehn Uhr zum Essen im Hotel. Auf Alina warteten wir vergeblich. Ilona Rettig tupfte sich mit einem Taschentuch die Augen trocken.
Nora ließ der Zeugin Zeit, sich zu fassen. Die Aussagen der Chorfrauen ähnelten sich: Alina wollte ein zweites Mal durch die Laubengänge; die anderen hatten keine Lust dazu. Erst beim Abendessen fiel auf, dass Alina fehlte und ihr Handy aus war. Nachdem eine weitere Stunde vergangen war, rief der Chorleiter kurz nach neunzehn Uhr die Polizei an.
Haben Sie andere Personen bei Ihrem Spaziergang im Park gesehen? erkundigte sich Nora.
Ja, da waren Leute. Ein paar waren Chinesen, vermute ich. Jedenfalls Asiaten. Und ein Kind spielte Ball.
Um das Schloss gibt es linksherum den Burggarten. Rechts am Schloss entlang kommt man über eine kleine Brücke in den Schlossgarten. Frau Rettig, beschreiben Sie mir bitte den Weg, den Sie mit der Gruppe gegangen sind.
Zuerst sind wir in den Burggarten. Links, ja. Und dann
Moment. Den Burggarten kann man auf zwei Wegen durchqueren. Unten am Wasser lang durch eine Grotte und etwas oberhalb. Wie sind Sie gelaufen?
Eine Grotte habe ich nicht gesehen. Dann sind wir wohl oben lang und nachher weiter über diese Brücke in den großen Park.
Also in den Schlossgarten, hielt Nora fest.
So war es. Ach, der schöne Schlossgarten. Da war doch mal die BUGA, oder?
Ja, aber die ist schon ein Weilchen her. Frau Rettig, denken Sie an gestern, als der Nieselregen einsetzte.
Ja, zu dem Zeitpunkt waren wir in Höhe dieses Pavillons. Da drin ist ein Café, glaube ich. Von dort sind wir alle umgekehrt. An den Laubengängen ist Alina zurückgeblieben, und wir anderen sind raus aus dem Park. Erneut schluchzte sie heftig auf.
Nora wartete einen Augenblick, bis sie fragte: Welchen Ausgang wählten Sie?
Na, wieder über die kleine Brücke und später die Schlossstraße runter. Sie stockte. Heute wollten wir alle das Schloss besichtigen. Und nun Alina schlimm das Ganze. Tränen liefen über ihr Gesicht.
Die sehen wir nie wieder in Schwerin, dachte Nora bei sich.
Das Ermittlungsverfahren. Ein Thälmann-Roman von Walter Baumert
Ein Klappenknall, dann Stille: Die nächste Szene lässt den Leser die klaustrophobische Zeit der Einzelhaft nachempfinden, in der Erinnerungen, Fragen und die innere Stimme des Angeklagten zusammenspielen.
Nun berichtete Rosa von daheim, überbrachte Grüße vom Vater, der sich wieder gesund und stark fühle, aber von einer unstillbaren Sehnsucht erfüllt sei, seinen Sohn wiederzusehen. Dann erzählte sie viel Trauriges, aber auch manch Tröstendes. Alle Grüße an Freunde und Bekannte seien ausgerichtet und die Aufträge erfüllt worden. Ich habe in der Gefängniskasse zehn Mark für dich eingezahlt und dir frische Wäsche und Zigarren mitgebracht. Die hat Vater von seinem Ersparten für dich gekauft. Man wird sie dir sicher unbeschädigt aushändigen. Dann fügte sie mit einer Betulichkeit, die sonst nicht ihre Art war, hinzu: Auch unser liebes Irmchen hat dir etwas in das Päckchen gelegt. Du wirst dich darüber ganz besonders freuen.
Schnell war die Besuchszeit zu Ende. Noch schwerer als bei der ersten Visite fiel der Abschied. Schade nur, dass alles so überraschend kam, dass er keinen Kassiber vorbereiten konnte, den er Rosa leicht hätte zuschieben können.
Schon brachte man ihn in die Zelle zurück. Der Beamte, der mit im Zimmer war, ging voran. Ein zweiter, den er noch nicht kannte, folgte mit dem durchwühlten Paket unterm Arm. Da, an der Zellentür, geschah etwas Unerwartetes. Während der erste Beamte das schwere Schloss öffnete, flüsterte der andere ihm ins Ohr: Vorsicht, Zelle ist durchsichtig!
Thälmann ließ sich nichts anmerken, nahm das Paket, stellte es auf den Tisch, erfrischte sich in der Waschschüssel, ging gleichgültig zur Pritsche, ordnete die Decke und setzte sich an den Tisch, um sein Paket auszupacken, möglichst unbefangen, denn sollte die Mitteilung stimmen, so durfte ein unsichtbarer Beobachter keinen Hinweis bekommen, dass er gewarnt worden war. Während er die Sachen auf dem Tisch ausbreitete, betrachtete er unauffällig Wände und Decke der Zelle. Sie waren glatt verputzt. Nirgendwo gab es eine verdächtige Stelle. Dann tasteten seine Blicke die Ausstattung der Zelle ab, das Wandbord, den kleinen, schon rissigen Rasierspiegel über der Waschschüssel, den Toilettenkübel, die Schlafpritsche, doch er fand keine Auffälligkeiten, die darauf schließen ließen, dass man in die Zelle außer durch den üblichen Türspion, der sich mit dem Rücken verdecken ließ, durch eine weitere Vorrichtung hineinsehen konnte. Lediglich die Deckenlampe über dem Tisch wies eine Besonderheit auf, die nicht recht zu der übrigen kargen Einrichtung passte. Über der Glühbirne war ein Reflektor aus matt schimmerndem Glas an einem Unterzug, der quer durch den Raum lief, befestigt. Das Material dieses Reflektors sah anders aus als gewöhnliches Pressglas; es wirkte wie geschliffenes Kristall. Wenn sich die Untersuchungsbeamten den Aufwand leisteten, ihn von außen zu beobachten, dann war dieser seltsame Reflektor über dem Tisch ihr Auge. Er beschloss, diese Möglichkeit von nun an in Rechnung zu stellen.
Erst jetzt dachte er über den Wachbeamten nach, der ihn gewarnt hatte. Ein Antifaschist unter den Gefängniswärtern, das konnte von unschätzbarem Wert für ihn sein.
Er begann in aller Ruhe das Paket auszupacken. Er vermutete aufgrund der besonderen Betonung, mit der Rosa seine Aufmerksamkeit auf Irmas Geschenk lenkte, dass in diesem Gegenstand versteckt eine Nachricht von draußen eingeschmuggelt worden war. Bald schon fand er das Mitbringsel Irmas. Ein Stück der Rasierseife Marke Rotpunkt, die er immer gern benutzt hatte. Auf der Verpackung war ein Gruß von Irma gemalt. Sonst wies das Schächtelchen keinerlei Besonderheiten auf. Nur ein wenig leichter als üblich erschien es ihm. Er legte es beiseite. Ziemlich sicher war er sich nun, dass sich in der Seife eine sehr geschickt vorgenommene Aushöhlung befand. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, räumte er die Wäsche, das Kistchen Zigarren und die Packung Kekse in das Bord. Dann brachte er das Stück Rasierseife zur Waschschüssel.
Erst am nächsten Morgen, zu der Zeit, da er sich üblicherweise rasierte, nahm er die Seife aus der Pappschachtel und untersuchte sie. Dabei achtete er darauf, dass er mit dem Rücken zur Deckenlampe stand. Rasch fand er das Bohrloch. Es war leicht, den eng zusammengerollten Kassiber herauszulösen. Während er sich wie immer recht sorgfältig rasierte, rollte er das Papier auseinander, ein winzig beschriebener Kassiber mit dem Signum John Schehrs. Was er las, befreite ihn von der Unruhe, die ihn seit seiner Verhaftung plagte. Die älteren Genossen des Politbüros, an ihrer Spitze Wilhelm Pieck, hatten Deutschland illegal verlassen können und mittlerweile in Paris die vorbereiteten Quartiere bezogen. Sie setzten ihre politische Führungsarbeit fort und waren dem Zugriff der Hitlerschergen nicht mehr ausgesetzt. Die weiteren Informationen ließen sein Herz höher schlagen. Eine Weltfront der Arbeiterklasse hatte sich gebildet, die um die Befreiung der politischen Gefangenen des Naziregimes kämpfte. Namentlich forderten sie die Freilassung Ernst Thälmanns und Georgi Dimitroffs. Viele demokratische Organisationen und namhafte Geistesschaffende hatten sich dieser Bewegung angeschlossen. Sie griffen das Naziregime in der internationalen Presse an und zwangen es dadurch, sich zu verteidigen und den Mantel humanitärer Rechtschaffenheit umzuhängen. Das konnte helfen, Tausende der eingekerkerten Genossen vor dem Schlimmsten zu bewahren! Unter Führung des im Land verbliebenen John Schehr setzte die Partei ihren Kampf gegen das Hitlerregime bei Beachtung der strengsten Regeln der Konspiration fort.
Bevor er seine Rasur beendete, verschluckte er den Kassiber.
Als man ihm das Frühstück brachte, sah er durch die Klappe das Gesicht jenes Gefängniswärters, der ihn gewarnt hatte. Er sah ihn dankbar an.
Mit Kräuterschnaps und Gottvertrauen. Roman von Wolfgang Schreyer
Zwischen Destille und Schweinestall: Diese Passage führt ins Werk, wo Likör, Schweinemastpulver und die kleinen Schiebungen des Alltags zur Bühne satirischer Beobachtungen werden.
"Kommen Sie, Doktor", ermunterte der Chef seinen weißhaarigen Nachbarn, "wir beiden Strohwitwer suchen uns 'ne Dame!" Gleich den anderen Herren wollte er sich erheben - da spürte er Nagatis' Hand auf seinem Ärmel.
"Hör zu, Erich!", flüsterte der, "Fabelhaftes Geschäft in Aussicht. Bombensichere Sache. Du verdienst das Doppelte wie bisher."
Hechtenberg spitzte die Ohren, zeigte aber eine gleichgültige Miene. "Durch meine Bücher kann ich nichts mehr nehmen", erklärte er abweisend.
"Wer verlangt das?"
"Also Ware ohne Rechnung?", zischte Hechtenberg, als mutet man ihm zu, sich in einen großen Ameisenhaufen zu setzen, "lieber Kurt, ganz unmöglich."
"Lass heut mal das Theater weg", riet der Major, "wir müssen uns rasch einig werden. Da kommen zwei kleine Kisten, nicht mehr. Du brauchst sie nur zu lagern. Das ist alles. Sie gehen mit dem übrigen Kram zusammen demnächst ab - und basta."
"Dein Christbaumschmuck ist inzwischen gekommen."
"Bin im Bilde. Hör' zu. Es handelt sich um optische Geräte ..."
"Wert ...?"
"Interessiert jetzt weniger. Also zwei kleine Kisten. Aber in den Kisten können sie nicht bleiben. Das muss umgepackt werden, kapierst du?"
"Umgepackt? Ja, wie denn ...?"
"Zwischen dem Christbaumschmuck. Einfach dazwischen. Wenn was von dem Weihnachtsklimbim entzweigeht - scheißegal. Aber damit kannst du keinen beauftragen. Das musst du selber machen."
"Ich ... selbst?"
"Klar, wer sonst? Mensch, fantastische Fotoapparate dabei. Wer die sieht, der klaut sie entweder. Oder er lässt mich hochgehen. Übrigens: spiel' mir keinen Streich, Erich. Wenn drüben auch nur einer fehlt ..."
"Erlaube mal. Das steht doch wohl nicht zur Debatte. Nebenbei bemerkt, viel Lust habe ich nicht. Es ist nicht ganz einfach, was du da verlangst ..."
"Du bekommst einen anständigen Vorschuss. Zwanzigtausend. Hab's bei mir. Und ein paar Nägel kannst du wohl noch einschlagen!"
Das sagt der so, dachte Hechtenberg. Die Zeit, da er Kisten eigenhändig zu vernageln pflegte, lag Jahrzehnte zurück. Doch die Provision lockte. Das musste man mitnehmen, ehe hier Schluss gemacht wurde! War man erst einmal drüben, krähte kein Hahn mehr danach. "Los, gib schon her!"
"Aber doch nicht hier."
Die Maler aus der Ostbahnstraße. Aus dem Leben von Hans und Lea Grundig von Brigitte Birnbaum
Zwei lichte Räume, verrauchte Fenster, ein Lebensentwurf auf Papier die folgende Stelle zeigt den Anfang eines Atelierlebens, in dem Hoffnung, Armut und die nahende politische Gefahr miteinander ringen.
Für Hans und Lea wurde alles noch schlimmer. Schriftlich wurde der Volksgenosse Grundig zur maßgebenden Stelle befohlen. Um zehn Uhr vormittags hatte er sich zwecks Klärung einer Angelegenheit einzufinden. Sie rätselten herum. Vage hoffte Lea, ihm würde erlaubt zu arbeiten.
Das wäre eine andere Abteilung, erinnerte sich Hans. Er putzte die Schuhe auf Hochglanz, kämmte sich sorgfältig, um einen guten Eindruck zu machen.
Lea wollte ihn begleiten. Er redete es ihr aus.
Hans Grundig hatte recht. Es war eine andere Abteilung. Der Beamte in Zivil, ein gepflegter Mittvierziger, bot ihm höflich vor seinem Schreibtisch einen Stuhl an. Er ließ sich die schriftliche Einladung, wie er die Aufforderung nannte, zeigen und legte sie, nachdem er einen flüchtigen Blick darauf geworfen hatte, zu anderen Papieren. Hans betrachtete die sortierende Rechte des Mannes und dachte: Er hat schöne Hände.
Diese wohlgeformte Rechte schob ihm ein Formular zu. Um es Ihnen zu erleichtern, habe ich alles für Sie ausgefüllt. Bitte! Sie brauchen nur zu unterschreiben.
Fragend blickte Hans ihn an, dann das Formular, auf dem er in gotischen Buchstaben die Scheidung von seiner jüdischen Ehefrau Lea Grundig, geb. Langer, beantragte.
Mein Herr!, fuhr Hans hoch. Er fühlte, wie sein Blut in den Schläfen pochte. Ich bin ein deutscher Mann ...
Deshalb wird es höchste Zeit, sich von der Rassenschande zu reinigen und wieder vollwertiges Mitglied unserer Volksgemeinschaft zu werden, sagte der Beamte leise und ohne Schärfe.
... Und als deutscher Mann gab ich einer Frau mein Wort, und das gilt, bis dass der Tod uns scheide! Grundig stand auf und ging.
Das wird Folgen für Sie haben. Jetzt sprach der Beamte ein wenig lauter.
Hinter der nächsten Hausecke holte Lea Hans ein. Sie war ihm gefolgt. Allein hatte sie es zu Hause nicht ausgehalten. Er war froh, dass sie da war, fragte sich nicht einmal, wieso. Sie nahmen sich bei den Händen, wie Kinder, die sich fürchten. Dass es sich nicht um die Arbeitsgenehmigung gehandelt hatte, erriet sie unschwer. Schweigend gingen sie Seite an Seite, trieben weiter und weiter ab, nach einem stillen Winkelchen suchend, bis sie zu einem alten Friedhof kamen. Zwischen eingesunkenen Gräbern, abgekippten Kreuzen und ungestutzt wuchernden Rosen fanden sie eine verwitterte Bank. Ihre Rückenlehne hing herunter, doch das Sitzbrett trug die beiden noch, leicht und mager wie sie waren. Flüsternd, als fürchte er, sogar das Rotkehlchen in der Hecke belausche ihn in böser Absicht, erzählte er von dem gemeinen Ansinnen. Während er Lea ansah, entdeckte er, dass sie in den Augenwinkeln Falten bekam. Durch meine Schuld, dachte er und schämte sich, als ich sie heiratete, hatte sie kein einziges Fältchen. Ich hab mein Schwarzes schlecht gehütet.
Scheidung? sagte Lea, umklammerte mit den Armen ihr rechtes Knie und wiegte sich leicht auf und ab, Scheidung, wie die sich das vorstellen, Witsch. Wir zwei haben doch nur ein Herz, das uns am Leben erhält.
So unzertrennlich sie sich fühlten, die Unruhe blieb. Und die Gefahr wirkte. Hans hatte nun mal keine Nerven wie Stricke. Lea ängstigte sich um ihn, und sie litt darunter, jeder Willkür ausgesetzt zu sein. Wie gewöhnlich schlug ihre Verzweiflung in Arbeitswut um. Damit wollte sie ihn anstecken. Dass er aufhörte zu grübeln, warum sich die Menschen so gleichgültig gegeneinander verhielten. Warum sie zum Beispiel diesem Lumpen Hitler erlaubten, ihn, Grundig, zwingen zu wollen, seine Frau zu verteufeln, die er über alles liebte. Jener Beamte, dieser miese Helfershelfer, war doch selbst verheiratet. Ganze Tage verbrachte Hans, ohne sich zu rühren, in diesen Gedanken, und sie verursachten ihm Übelkeit und Magenschmerzen. Er wird ihr noch wegsterben.
Eines Morgens, gleich nach dem Frühstück, Hans spülte die Tassen; begann Lea alles aus der Mäuseecke hinter dem Rahmengelumpe hervorzuzerren.
Suchst du was? Hoffentlich nicht eine der Platten, die, in die Dresdner Neuesten Nachrichten gehüllt, auf heimlichen Wegen davongetragen wurden. Solange Hans nicht wusste, ob sie gerettet waren, wollte er zu Lea darüber schweigen. Vielleicht sogar bis zu dem Tag, an dem sie wieder davon druckten.
Um seine Neugier anzustacheln, antwortete sie nicht. Sie täuschte Heiterkeit vor.
Er fragte nochmals, nun schon nähertretend: Suchst du was?
Würd ich mich sonst wie eine Schlange im Staub winden? Willst du mir nicht helfen?
Eigentlich wollte er nicht. Ich hab da unlängst Ordnung gemacht.
Deshalb finde ich auch nichts!
Er wischte seine nassen Hände wie ein Junge an der Hose ab.
Eine Platte such ich. Sie wühlte weiter. Die mit deinem Porträt.
Ach die! Er wurde lebhafter. Die war doch man klein, höchstens zwanzig Zentimeter. Quadratisch. Du warst recht zufrieden ... hast geändert ... die lag ... lass mich mal!
Hier ist sie ja! Ganz quadratisch war sie nicht. Sie war ein wenig höher als breit.
Hans hielt sie so, dass er die Gravur erkennen konnte. Gut ist sie. Die Radierung ist eine deiner besten. Du solltest nicht ...
Ich will eine neue machen. Das warst du im vergangenen Juni, bevor wir zu Albert fuhren. Jetzt möchte ich das neu machen. Nur für mich. Verstehst du!
Schade, dass du Jude bist. Kaleidoskop eines Lebens von Walter Kaufmann
Der nächste Auszug beginnt an einem Wendepunkt: ein Jugendlicher verlässt seine Heimat und tritt in eine Welt voller Unwägbarkeiten, Reisen und Begegnungen der Anfang einer biografischen Odyssee, die Perspektiven öffnet.
Weil ich noch die einstige Sekretärin meines Vaters hatte aufsuchen wollen, war ich einen Tag länger in Duisburg geblieben. Wie mir mitgeteilt wurde, wohnte sie noch in dem Mietshaus von damals. Mir schien sie sehr gealtert und weit hagerer, als ich sie in Erinnerung hatte. Sie war unverheiratet und darum Frl. Minuth geblieben, und so misstrauisch wie sie mich nach meinem Läuten aus einem der oberen Fenster des Hauses gemustert hatte, musterte sie mich auch auf dem Treppenabsatz. Wohl nur aus Gewissensgründen ließ sie mich in die Wohnung und ich blieb kaum länger als sie brauchte, um mir auszuhändigen, was mein Vater ihr vor der Verschleppung zur Aufbewahrung hinterlassen hatte eine Reiseschreibmaschine, Manschettenknöpfe, eine Krawattennadel. Strikt ungesetzlich war das, so was zu behalten damals, sagte sie, gefährlich auch für unsereins, allein die Mappe hier hätte mich verraten können. Wie ich überlebt und wohin es mich verschlagen hatte, fragte sie nicht und ich schwieg dazu, dankte ihr und ging. Es traf mich tief, als ich, zurückgekehrt in die Pension am Bahnhof, eine Adoptionsurkunde in der Mappe fand. Schlagartig war gewiss, was ich als Elfjähriger geahnt hatte, als mich Käte, unsere Hausgehilfin, im Ärger Adoptivkind nannte, ein mir unheimliches Wort damals, das mir die Mutter nicht hatte erklären wollen später, wenn du größer bist. Also war ich tatsächlich nicht der leibliche Sohn meiner Eltern; hieß Salomon und eine ledige Verkäuferin mit Namen Rachela Schmeidler, die in der Berliner Mulackstraße gemeldet gewesen war, hatte mich mit siebzehn Jahren zur Welt gebracht.
Dem würde ich nachgehen müssen, dem zuallererst
Ein Junge mit Namen Salomon hier in der Mulackstraße? Nicht dass ich wüsste! Der kleine Mann in Schiebermütze und Lederjacke, der sich als Alfons Hinze vorgestellt hatte, Angestellter einer Zoohandlung beim Alexanderplatz, beäugte mich misstrauisch. Dabei hab ich mein Leben lang hier gewohnt.
Nicht lang genug, sagte ich mir, führte ihn aber doch zu dem Haus, das in der Adoptionsurkunde vermerkt war, eine, wie sich herausstellte, jener zahllosen Berliner Kriegsruinen, an die ich mich seit meiner Rückkehr hatte gewöhnen müssen. Nur der Keller des Mietshauses schien noch bewohnt durch den Vorhang des Fensters dicht überm Bürgersteig schimmerte rötliches Licht.
Muss vor meiner Zeit gewesen sein, sagte Hinze. Die da wohnt, wohnt da schon ewig und kennt auch jeden. Fragen wir sie doch einfach. Schon wollte er an die Scheibe klopfen, da besann er sich. Ist zwar nicht mehr die Jüngste, schafft aber noch immer an. Besser, wir warten.
Nieselregen fiel. Ich fröstelte in der kalten Novembernacht und in dem viel zu leichten australischen Mantel. Ich zog die Schultern ein, schlug den Kragen hoch, schob die Hände in die Taschen.
Hocken wir uns eine Weile in die Mulackritze, schlug Hinze vor. Dort kommt sie immer mal hin vielleicht auch heute.
Wir waren erst beim zweiten Bier, als eine vollbusige Frau, die trotz schlohweißen Haars kaum älter als fünfzig wirkte, die Kneipe betrat und an einem Ecktisch Platz nahm, an dem schon ein Mann saß, den sie zu kennen schien. Schminke gab ihrem Gesicht eine unnatürliche Röte. Ringe glitzerten an den Fingern beider Hände, und als sie ihren Mantel hinter sich auf der Stuhllehne ablegte, offenbarte ihre durchsichtige Bluse füllige Arme und einen üppigen Busen.
Wäre richtig nett, wenn Sie mal herkämen, bat Hinze sie und wandte sich dann an den Wirt: Eine Lage für drei!
Die Frau beschwichtigte den Mann an ihrem Tisch und folgte Hinze. Sie musterte mich.
Auf Ihr Wohl!, sagte Hinze und dann leise zu mir: Das ist sie der Rest liegt bei Ihnen.
Ich stellte mich vor, was der Frau nichts sagte, als ich aber einen Jungen namens Salomon erwähnte, der vor dreißig Jahren in ihrem Haus gelebt haben musste, horchte sie auf. Wie wollen Sie das wissen und von wem?
Ich holte die Adoptionsurkunde aus der Tasche und zeigte sie ihr. Sie überflog den Inhalt und setzte sich, als könnte sie stehend nicht ertragen, was sie da las. Sind das etwa Sie? Ich nickte. Da breitete sie die Arme aus und drückte mich an sich: Mein Solly!
Bleiben Sie gesund und neugierig und gönnen Sie sich in der kommenden Woche wieder Zeit für fünf neue Entdeckungen aus unserem E‑Book‑Regal. Wir freuen uns darauf, Sie erneut mit einer Mischung aus Spannung, Geschichte und Lebensgeschichten zu begleiten.
Ansprechpartner
Gisela
Pekrul
Verlagsleiterin
Tel: +49 (3860) 505788
E-Mail: editiondigital@arcor.de
Über "EDITION digital Pekrul & Sohn GbR"
EDITION digital war vor 31 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Der Verlag gibt Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher als barrierefreie E-Book heraus, einige auch als Hörbuch. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher von DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.800 Titel. Die Printsparte des Verlages war Ende 2025 von Ralf Jordan vom Geschichtlichen Büchertisch als Imprint übernommen worden.