Zwischen Aufbruch und Auseinandersetzung Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
(Pinnow, 28.08.2026) Fünf E-Books, fünf Wege, die ins Innere und hinaus in die Welt führen: In dieser Auswahl begegnen wir Menschen, die Entscheidungen treffen müssen sei es die späte Liebe einer Frau, die Stille langer Wanderetappen, der harte Einsatz in einem fremden Land, ein junges Paar, das sich gegen Erwartungen behauptet, oder Reportagen über eine zerrissene Gesellschaft. Jede Geschichte öffnet ein Fenster auf persönliche und politische Konflikte und lädt dazu ein, über Verantwortung, Solidarität und die Bedingungen des Zusammenlebens nachzudenken.
Vom Freitag, dem 28. August, bis Freitag, dem 4. September 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.
Ausstellung einer Prinzessin von Elisabeth Schulz-Semrau
Wie ist das mit der Liebe einer Frau, die erst in der Mitte des Lebens den richtigen Partner findet? Was ist mit dem Vorher, von jenem pubertär-schwärmerischen Tage an, da man sich in romantischen Träumen als Prinzessin dünkte und die Verehrung eines Ritters entgegenzunehmen glaubte? Was liegt dazwischen, was muss man offenbaren und überdenken, um in Liebe und Leben die Selbstverwirklichung zu finden? Elisabeth Schulz-Semrau geht diesen Fragen nach. Was dabei herauskommt, ist ein Roman über eine Frau, die mit schonungsloser Offenheit ihre Wege und Irrwege, ihre Probleme und Entscheidungen darlegt. Und das alles mit der Sensibilität und dem poetischen Vermögen einer Schriftstellerin, die entscheidende Situationen psychologisch einzuordnen weiß und auf diese Weise die Lebensgeschichte einer Frau nachzeichnet, die in aufrichtiger Auseinandersetzung mit den Forderungen und Förderungen der DDR-Gesellschaft ihren Standpunkt und damit ihre Selbstverwirklichung findet.
Jakobsweg der Freude. Von Strassburg nach Santiago de Compostela von Bert Teklenborg
Der Pilgerweg nach Santiago de Compostela in Spanien wird er Camino Francés genannt beginnt nicht erst im Nordwesten der Iberischen Halbinsel. Wo sollten die Pilger auch herkommen, wenn nicht aus Nord- und Mitteleuropa; da führt kein Weg an Frankreich vorbei. Als ich mich vor fast 15 Jahren auf den Weg machen wollte, konnte mir niemand genau sagen, welche Route man am besten einschlägt. Mir bekannte Reiseberichte erzählten fast immer vom Suchen nach dem richtigen Weg; oft wurde entlang von Autobahnen und Nationalstraßen gewandert. Das war nicht in meinem Sinne und so versuchte ich, eine Wanderroute zu konstruieren, die von Deutschland aus über Strasbourg, Taizé/Cluny, Le Puy-en-Velay und St. Jean-Pied-de-Port nach Roncesvalles führt. Geplant war, in erster Linie die (fast immer) gut markierten GR-Wege (Grande Randonnée) zu nutzen; doch stellte sich im Verlauf der fast einjährigen Wanderung heraus, dass sie durch Hilfswege (Liaison) miteinander verbunden werden müssen.
Die Idee war, so nahe wie möglich an die Situation, die Stimmung der Pilger des Mittelalters heranzukommen. Die gewählten Wanderwege im Herzen Frankreichs führen durch schier endlose Wälder und die unberührte Natur der Vogesen, von Lorraine, Haute Marne, Burgund, Aubrac, Auvergne und Gascogne. Einsame Landstriche sorgen dafür, dass Sie stunden-, ja manchmal auch tagelang unterwegs sind, ohne auch nur einem Menschen zu begegnen.
In den letzten Jahren haben die französischen Jakobswegfreunde im Elsaß, in Franche-Comté, Burgund und Haute-Loire neue Wegstrecken eingerichtet, die mit dem blauen Strahlensignet markiert sind. Sie sind in der Neuauflage als Übersichtskarten enthalten (siehe nächste Seite) und damit bietet sich Ihnen die Möglichkeit, zwischen dem Jakobsweg der Freude und den Chemins de St-Jacques zu wählen.
Der spanische Teil folgt dem Camino Frances von Roncesvalles über Burgos und Leon nach Santiago de Compostela. Einführung in den geschichtlichen Hintergrund der Jakobus-Pilgerschaft, ausführliche Beschreibung der wichtigsten Orte und Sehenswürdigkeiten sowie viele Gasthöfe, Pilgerherbergen und Ferme Auberges entlang der Route.
Visite in Guiné-Bissau von Dietmar Beetz
Zwei Ärzte erhalten Gelegenheit, ein halbes Jahr in Guinea und Guiné-Bissau zu verbringen.
Was bedeutet dieser Aufenthalt für sie? Unterstützung eines um seine Freiheit ringenden Landes; Arbeit unter ungewöhnlichen Bedingungen; Begegnungen mit Menschen, die unbeirrbar ihr Ziel verfolgen; Konfrontation mit einer völlig fremden Umwelt; Strapazen und Gefahren?
In diesem Buch verarbeitet Dietmar Beetz Eindrücke seines Afrika-Aufenthaltes. Er erzählt vom Marsch durch die umkämpften Gebiete Guiné-Bissaus, von der medizinischen Arbeit dort, von Bombenangriffen, zerstörten Dörfern, Überfällen und Entführungen durch die Portugiesen, aber auch von Abenden, an denen man zusammensitzt und an denen die alten Märchen wieder lebendig werden.
Das spannende Buch erschien erstmals 1975 im Verlag Neues Leben Berlin.
Sommerinsel von Hildegard und Siegfried Schumacher
Stephan und Fine müssen sich auf zweierlei vorbereiten: auf ihr Abitur und auf ihr Kind. Sie haben ein schweres Jahr durchzustehen, und es geht nicht ohne familiäre und schulische Konflikte, nicht ohne Spannungen und Zerwürfnisse vorüber. Aber Stephan und Fine verteidigen ihre Liebe, wahren ihre Rechte, lassen sich nicht von Erwachsenen verwalten und beißen sich durch. Auch haben sie natürliche Verbündete: den Klassenlehrer, die Klasse und Leute, von denen sie Verständnis gar nicht erwartet haben. Ganz abgesehen von der sexuellen und schulischen Bedeutung der Worte, bestehen Stephan und Fine in diesem klaren und kritischen Buch eine Reifeprüfung, bei der sie allerdings auch hätten durchfallen können.
Ist Stephan leichtfertig und Fine unmoralisch? Haben die Eltern recht, wenn sie den jungen Leuten nichts zutrauen? Liebe fordert Bewährung, und Fine und Stephan bestehen die Probe. Sie möchten keinen Tag des Jahres in Ellerstädt streichen.
Wir lachen, weil wir weinen.Im Brennpunkt: Nordirland von Walter Kaufmann
Friday for Future-Titel der Woche: Walter Kaufmanns Reportagen aus Nordirland. Seine Texte machen sichtbar, wie tief Wunden und Gegensätze in einer Gesellschaft sitzen und wie Erinnerung, Identität und Überlebensalltag politische Verhältnisse prägen. Aus diesen Reportagen lässt sich lernen, warum Versöhnung, Verantwortung und solidarisches Handeln langfristige Anstrengungen erfordern Einsichten, die auch für die Debatten um eine gerechte und nachhaltige Zukunft wichtig sind.
Wir lachen, weil wir weinen so lautet ein irisches Sprichwort, das in all seiner Knappheit Charakteristisches über Irland und die Iren aussagt.
Dem in jahrhundertelanger Unterdrückung durch die Engländer erfahrenen Leid, aber auch dem unbeugsamen Lebenswillen des irischen Volkes spürt Walter Kaufmann in seinem Buch von 1975 nach. In seinen Reportagen kommt seine Liebe zu diesem Land zum Ausdruck, nehmen Menschen Nordirlands Gestalt an: Iren und Engländer, Katholiken und Protestanten, Männer der IRA und Männer der UVF, Kommunisten und Kapitalisten. Ihre Schicksale stellvertretend für das Schicksal ganz Nordirlands machen uns die inneren Widersprüche des leidgeprüften Landes und die scheinbare Ausweglosigkeit deutlich, lassen uns den blutigen Alltag ungleich stärker nacherleben als das lapidare Zeitungsmeldungen vermögen.
Sein Leben unter Hafenarbeitern und Seeleuten während seines siebzehnjährigen Australienaufenthaltes machte Walter Kaufmann schon in den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren mit der irischen Art vertraut. Der Freiheitsdrang von Einwanderern aus Belfast und Derry, denen er in den Häfen von Sydney und Melbourne und in der Inselwelt des Pazifischen Ozeans begegnete, ihre selbstverständliche Solidarität mit allen Unterdrückten, ihr Humor und ihre Herzlichkeit beeindruckten ihn sehr. Für die bildhafte kraftvolle Sprache dieser Männer entwickelte er ein waches Ohr, ihm war, als blättere er in den Werken von OFlaherty, OCasey und Synge, die von jeher einen bedeutenden Einfluss auf sein Schaffen hatten. Diesem Einfluß hat sich Walter Kaufmann nie entziehen wollen und so war es nur folgerichtig, dass er bei Reisen in Nordirland 1975 seine Bindung zum irischen Leben vertiefte und hier mit besonderem Engagement sein Thema fand.
Die folgenden Leseproben öffnen fünf sehr verschiedene Türen: intime Selbstbetrachtungen, Wege durch stille Landschaften, Eindrücke aus der medizinischen Praxis unter schwierigen Bedingungen, die Probe einer jungen Liebe und berührende Reportagen. Jede Passage ist ein eigener Einstieg in eine Welt, die Fragen nach Verantwortung, Mut und dem richtigen Maß an Nähe stellt.
Ausstellung einer Prinzessin von Elisabeth Schulz-Semrau
Die Probe beginnt mit einer persönlichen Inventur: eine Frau blickt auf Jugendträume vom Prinzessinnensein und wägt ab, was sie aufgeben und was sie neu wagen muss, um noch einmal Liebe zu finden.
Jetzt hat es zu schneien begonnen.
Große weiße Flocken wirbeln durcheinander. Verschwunden Straße, Hofvierecke, zu sehen gerade noch die Molkereimauer, die mir bis zu den Schultern zu reichen scheint. Von hier oben natürlich.
Da spür ich auf einmal ganz mich und die leeren fordernden Bänke hinter mir.
Genau dreiundzwanzig sind es, in drei Reihen gestellt, für jede Klassenstufe eine, das heißt, eine einzelne Bank steht abseits von den anderen. Ich hätte sie ja schon eingeordnet. Läuse-, Esels- oder Armenbank oder wie mögen sie hier dazu gesagt haben?
Hier, Kollegin, können Sie Schüler beaufsichtigen, die Ihnen besondere pädagogische Schwierigkeiten bereiten!, hat Herr Bierle gleich am ersten Tag gesagt.
Was konnte ich gegen pädagogische Schwierigkeiten denn anführen, wo ich diese Komeniusse, Diesterwegs, Pestalozzis kaum auseinanderhielt?
Und erst Kollegin
Was hatte ich hier nur zu schaffen?
Warum rannte ich nicht einfach los nach Haus, oder wenigstens über diesen See, der, wenn er zugefroren war, den Weg nach Ramzow auf zwei Stunden abkürzen sollte. Wenigstens eine halbe Stunde mit ihm reden. Sprechen über alles hier. Er würde sich die Tabaksspuren aus allen Taschen klauben, die Pfeife auf einige Züge warm ziehen und weiter endlos daran herumknaupeln, ehe er behutsam (oder war es vorsichtig?) seine Antworten herausgab. Antworten, die so anders waren
Aber wie konnte ich loswandern, er hatte ja den verabredeten Brief nicht geschickt.
Erster Schnee!
Nun fast rhythmisch oder systematisch oder mathematisch quatsch, ich weiß auch nicht warum, aber irgendwie probieren mich solche Fremdwörter aus.
Also da segeln diese Weißfleckchen ausgewogen hintereinanderweg, treffen, verzähneln sich zum ersten Winterteppich.
Hinter meiner Fenstersicherheit suche ich, obwohl mich fröstelt, auf einmal Verse zusammen, viertes Schuljahr kann das gewesen sein:
Und dräut der Winter
noch so sehr
mit trutzigen Gebärden,
und streut er Eis und Schnee umher,
es muss doch Frühling werden.
Genau, damit werde ich am Montag den Unterricht beginnen.
Meinen Unterricht. Wie sich das anhört.
Licht. Ich gehe zur Tafel, drehe den kleinen Hebel, die ganze Tafel und damit auch das neue Kinderzeichen mit den drei Flammen. Das muss heil bleiben, zu mühsam habe ich es mir gleich für den heutigen Nachmittag von diesem Bilderbogen abgemalt.
Ich werde es ja nun öfter brauchen, wenn ich jemals hier wegkommen will.
Guckt mal her, habe ich gesagt, alle sind sie gekommen, und die meisten sogar in ihren Sonntagssachen, Hansi Schliebhacke hatte seinen Filzkopf mit irgendner Pomade getränkt, sodass ich zwischendurch immer durch seifensüßliche Wolken schwamm, habt ihr so etwas schon einmal gesehen?
Niemand kannte es, was ich verstand, denn auch ich war ja gestern zum ersten Mal darauf gestoßen oder gestoßen worden in jener Kreisleitung. Aber ich glaub, ich hab mich dort ziemlich kundig angestellt.
Puppenmützen, sagte Irmtraut Krehl, wozu ihr Bernd Müller einen Vogel zeigte und erklärte, das sei Feuer, bestimmt n Gaskocher, und seine Tante Frieda in Berlin hätte auch so einen.
Da hab ich mal lieber angefangen zu erklären, ehe die noch sonst was ausdachten.
Also, das große Jot seid ihr, die Jungen die Kinder.
Das Püh bedeutet Pionier. Pioniere also das sind Kinder, die zusammengehören. Die Flammen aber bedeuten Mehr wusste ich nicht, obwohl ich doch dort so getan hab, als wär ich mindestens damit geboren Schiete.
Und dann hab ich angefangen, ihnen die Gesetze vorzulesen.
Junge Pioniere lieben ihre Heimat. Junge Pioniere halten ihren Körper sauber und gesund. Junge Pioniere schützen. Junge Pioniere Doch dann habe ich auf einmal an mich gedacht, wie ich darauf reagiert hätte, wenn ich gleich beim ersten Mal so unter die Nase gerieben bekäme, was ich darf und was nicht.
Und da hab ich angefangen, mit ihnen zu spielen. Ich packe meinen Affen und lege hinein Bei Affen ist mir sofort eingefallen, dass die nicht wissen können, was das ist, Affe: und habe auf Rucksack verbessert: Überhaupt geht Affe nicht mehr: Und Gott sei Dank: Die Affenzeit ist vorbei! War richtig davon eingenommen, dass mir so was Treffendes eingefallen ist.
Aber jetzt, wie es mir noch mal in den Sinn kommt, höre ich die dunkelbraune Stimme von Frau Mönchen: Denken Sie nach, Christine Rachowe, wenn es nur Affen gewesen wären die hätten nicht so gehaust!
Wegen Frau Mönchen schon muss ich mich schleunigst erkundigen, wieso dieser Kinderbund Pioniere heißt.
Ich weiß bloß, dass das früher so halbe Soldaten waren, die nur zu schippen hatten. Oder von dem, der im Argonner Wald um Mitternacht auf der Wacht stand
Warum nennen sie ihre Kinder so?
Endlich habe ich im Schrank noch einen Kreidekasten mit einigen Stücken entdeckt und beginne Überschrift und Dichter zu malen. Doch, ich male richtig und ganz langsam.
Wie soll denn eine, die selten ne Drei in Schreiben erreichte, plötzlich sogar wien Lehrer schreiben können?
Jakobsweg der Freude. Von Strassburg nach Santiago de Compostela von Bert Teklenborg
Hier steigen Sie in einen Abschnitt ein, der das Gehen selbst zum Thema macht durch Wälder und Dörfer, über historische Pilgerrouten, mit jener Stimmung von Einsamkeit und Nähe zur Landschaft.
Vougeot (Karte 18)
GR 7 Richtung Flavignerot; auf die Höhe nach Chamboeuf (Restaurant); an Curley vorbei. Bald werden wir die Jakobspilger treffen, die auf dem Weg durch Franche-Comté und Côte d'Or hierher gelangen.
21220 Reulle-Vergy
Kirche aus dem 12. Jh.; sehenswertes Rathaus, aufgesetzt auf ein ehemaliges Waschhaus. Gegenüber dem Rathaus das Musée des Arts et Traditions des Hautes-Côtes (u. a. Funde aus der Bronze- und gallorömischen Zeit); Tourist Information; Restaurant.
Oberhalb der Eglise de Vergy beginnt eine landschaftlich besonders reizvolle Strecke: sie führt über den Belvédère zum Château de Vergy, Tour St. Denis und an den Ruinen von St. Vivant vorbei hinunter nach Curtil-Vergy, Messangès und Chevannes.
Das Land der Burgunder
Der germanische Volksstamm der Burgunder zog während der Völkerwanderung zunächst in das Weichselgebiet, war im 4. Jahrhundert an Main und Rhein ansässig, wovon die Nibelungensage erzählt. 435 siedelten die Burgunder in der westlichen Schweiz und dem Rhônegebiet; Zentren des neuen Burgundischen Königreichs waren Genf und Lyon. Unter König Gundobald erreichte es seine größte Ausdehnung, verlor jedoch im Kampf mit den Merowingern im Jahr 523 seine Selbständigkeit und wurde Bestandteil des merowingisch-fränkischen Reiches. Von den Reichsteilungen unter den Nachfolgern Karls des Großen war insbesondere das burgundische Gebiet betroffen. Im westfränkischen Reichsteil entstand zwischen dem Oberlauf der Loire und der Saône das Herzogtum Burgund. Das Reich Lothars, im Vertrag von Verdun 843 zwischen Ost- und Westfrankenreich gebildet, zerfiel sehr bald in eine nördliche Hälfte, Lotharingen genannt, und die südlichen Teilgebiete Hochburgund (später Franche-Comté) und Niederburgund mit dem Rhônegebiet und der Provence, nach der Hauptstadt Arles auch Arelat genannt. 947 wiedervereinigt, fiel das Königreich Burgund 1033 im Erbgang an das Reich, wie 100 Jahre vorher das Herzogtum Lothringen. Von 1363 bis 1477 war Burgund das französische Herzogtum mit der Hauptstadt Dijon, das sich unter den Grands Ducs de Bourgogne aus der Seitenlinie der Valois (Philipp der Kühne, Johann Ohnefurcht, Philipp der Gute, Karl der Kühne) zu einer bedeutenden politischen Macht entwickelte.
Dijon
Die Stadt geht auf das römische Kastell Divio zurück, das an der Straße von Lyon (Lugdunum) nach Mainz (Moguntiacum) lag. Gründung der Abtei Saint-Bénigne im Jahr 525; 1015 wurde Dijon von Robert I., Herzog von Burgund, als Hauptstadt gewählt. Mit Herzog Philipp dem Kühnen (1364-1404) begann die glanzvollste Zeit der Stadt. Ihr Ruhm und ihre Bedeutung endete mit dem Tod Karls des Kühnen 1477, als sie an die französische Krone zurückfiel. Von ihrer großen Zeit als Hauptstadt des burgundischen Reiches künden der teilweise erhaltene Palast der Herzoge und die Kirche Notre-Dame, um 1220 bis 1250 erbaut, mit besonders stilreiner Fassade in burgundischer Gotik. Durch die dreischiffige Vorhalle erreicht man die drei Portale der Westfront. Im Innern beachtenswerte Glasfenster des 13. Jh. im linken Querschiff; in der Kapelle des rechten Querschiffs die hochverehrte Schwarze Madonna des 12. Jh. Fachwerkhäuser des 15-18. Jh. in der Rue des Forges.
Visite in Guiné-Bissau von Dietmar Beetz
Diese Passage begleitet Ärztinnen und Ärzte für ein halbes Jahr in eine fremde Umgebung: medizinische Not, unerwartete Begegnungen und Momente, in denen Vertrautes und Erschütterndes nah beieinanderliegen.
Und ich schließe die Augen und spüre, wie Sita mein Gesicht, meinen Bart untersucht, vorsichtig die Haut und das Haar betastet, und verspüre dann überhaupt nichts mehr, höre nur noch die Musik, dieses leise, mitunter schwindende, von anderen Sendern bedrängte, dieses wunderbare Konzert.
Und vernehme ein fernes Grollen, denke: Nein, nicht jetzt!
Ein Knacken, nah, und die Musik ist aus, und Klaus, der sich schweigend neben mich gesetzt hat, springt auf, und Sita, gepackt von ihrer Mutter, fängt zu weinen an, und wir alle laufen los, und die Hühner rennen gackernd beiseite, und der Hahn, gestört bei seiner Pflichterfüllung, kräht entrüstet.
Dann stehn wir, geschützt bis zu den Schultern, im abrigo und horchen, und neben mir besänftigt die Mutter ihr Kind, wiegt die zweijährige Sita und summt und schaut dabei immer wieder hoch zu den Kronen, zum Himmel hinter den Lücken im hellgrünen Laub, zu diesen Fetzen noch tiefblauen Himmels.
Als die Bomben detonieren, sagt die Mutter eindringlich, beschwörend Jacto. Und sie wiederholt das Wort, schärft es, hämmert es dem Mädchen ein.
Jacto!- Sita, Kleine, wirst du je vergessen, wirst du deinen Kindern noch erzählen, wie das war im Wald von Donca, früh am Morgen, als die Bomben fielen? - Jacto!
Es war der erste Angriff heute und sicher nicht der letzte; überrascht hätte uns eher, wenn er ausgeblieben wäre. Nur die Zeit ist ungewiss, die Möglichkeit hingegen, die Gefahr stets gegenwärtig, auch uns mittlerweile wieder.
Als sich das Grollen entfernt, verlassen wir den Splittergraben, den neben der Hütte des Kommissars, stützen uns auf den Erdwall und schwingen uns hinauf. Malam reicht seiner Frau die Hand; zuvor hat Klaus ihr Sita abgenommen.
Aus dem Graben hinter unserer Hütte klettern ein paar Frauen mit Kindern auf dem Rücken und ein Soldat - Patienten, die ich erst jetzt bemerke. Es ist kurz vor acht, und auf alle wartet das übliche Tagewerk.
Bevor wir mit der Sprechstunde beginnen, nehmen wir neben Armindo, Malam und den responsables aus dem Landesinnern, die gestern Abend oder heute früh zum Rapport ins Kommissariat gekommen sind, Platz an der Tafel im Salon. Die Bezeichnung, bereits in Kandiafara für das Schutzdach über dem Tisch mit der grünen Wachstuchdecke benutzt, gebrauchen wir hier ohne jegliche Ironie: Allein der lange Tisch, bedeckt mit einem sauberen Tuch und mit Servietten aus demselben Stoff neben jedem Teller, war für uns eine Überraschung, die erste angenehme nach der Ankunft und nicht die einzige.
Heute gibts zum Frühstück gezuckerte, verdünnte Kondensmilch - TATRA LAIT; wir kennen die Büchsen, haben sie am Anfang auch in Kandiafara zu Gesicht bekommen; mir erscheinen sie immer wie ein Gruß von daheim. Und gar die Semmeln, die der Kommissar, der aus einem Kochkessel die Becher gefüllt hat, nun aus einer Schüssel verteilt - das braune, faustgroße, knusprige Stück Brot ist eine Augenweide, ein lang entbehrter Leckerbissen, ein Hochgenuss.
Klasse, was?, sagt Klaus mit vollem Mund. Hätt nicht im Traum geglaubt, dass aus diesem Loch so was Edles kommen könnte.
Ich nicke kauend, denke flüchtig an den Backofen, den wir gestern Abend inspiziert haben - tatsächlich bloß eine verrußte Höhle in einem Termitenhügel -, denke an den Bäcker, einen Greis, der vor dem Ofen den Teig aus Maismehl, Wasser, Salz und fermento geknetet hat, und denke schluckend an die auffallend stillen Kinder und an die Soldaten, die reglos den Bäcker umringten.
Zum Abschluss des Mahles gießt Malam - wiederum mit dem Gebahren eines Hausherrn - Kaffee aus einer Thermosflasche in die Becher, schwarzen kubanischen Kaffee.
Ach was - Kaffee! Das ist Mokka, das ist Mokkakonzentrat, Medizin für unseren klapprigen Kreislauf, ein Lebenselixier! So was hab ich bisher nur hier und in Kandiafara getrunken. Schlürfen müsste man dieses köstliche Getränk, tropfenweise genießen.
Wir aber trinken hastig aus, alle; überhaupt haben wir ziemlich rasch gefrühstückt: So gemütlich es sich auf den Bänken auch sitzt - über dem Dach, über den Kronen der Bäume wölbt sich wie an jedem Tag ein unberechenbarer Himmel, und das Netz rings um den Salon, der Vorhang zum Schutz vor Moskitos, könnte zum Hindernis werden, wenn plötzlich ein Dutzend Personen zum Durchlass drängt.
Draußen warten außerdem mittlerweile zehn, fünfzehn Patienten, und weitere kommen hinzu. Wir arbeiten wie gestern und vorgestern synchron - Sago mal bei mir, mal bei Klaus als Dolmetscher, wenn jemand unser Crioulo nicht versteht. Als Untersuchungsliege benutzen wir abwechselnd die Bank, die hinter unsrer Hütte steht, unmittelbar neben dem Splittergraben, und die Medikamente entnehmen wir dem Sack und den beiden Kartons, dem Vorrat, der bereits die ersten Lücken zeigt.
Nur einen Patienten, vorerst den letzten, einen Soldaten, der allen den Vortritt gelassen, die ganze Zeit über sich abseits gehalten hat, befragen wir gemeinsam. Überraschenderweise beteiligt sich Sago auch an dieser Konsultation, völlig sachlich, ohne die geringste Spur von Belustigung.
Der Mann, eigentlich noch ein Jüngling, neunzehn Jahre alt und hager, abgemagert wie die meisten Soldaten und sichtlich nervös, klagt über Beschwerden, die in der Medizin als Impotentia coeundi bezeichnet werden. Stockend, unbeholfen bringt er sie vor, verlegen, zerknirscht.
Armer Kerl, denk ich, da hattest du nun mal die Gelegenheit, gestern Abend, wer weiß, unter welchen Umständen, und es ging nicht, ging beim besten Willen nicht und war kein Wunder, und nun ist dein Selbstbewusstsein hin. Mit Medikamenten, zumal mit denen hier, lässt sich da wenig ausrichten.
Trotzdem reiße ich schließlich ein weiteres Blatt aus dem Schulheft, dreh eine Tüte und zähle zwanzig Dragées ab, sage dem Patienten, schärfe ihm ein, jeden Abend um comprimido zu nehmen, um so - nur eins, aber regelmäßig, sem falta - unbedingt!
Und Klaus fügt genauso beschwörend hinzu: Vitamina com ferro - muito bom!
Als der Patient gegangen ist, uns gedankt hat, überschwänglich gedankt, erkundigt sich Sago argwöhnisch, ob diese Vitamindragees mit dem Eisenzusatz wirklich so gut seien, ob überhaupt bei solchen Beschwerden nützlich. - Wir hätten sie doch auch an Frauen ausgegeben, dieselben schwarzen Dragées an Frauen mit Blutarmut!
Sieh einer an, denk ich, unser Sago!
Und Klaus erklärt nach kurzem Überlegen: Blutarmut? - Natürlich! Ob Sago etwa glaube, Blut sei dabei nicht vonnöten? Manga di sangue - viel, eine Menge Blut brauche man dabei.
Das allerdings leuchtet Sago ein, und er lacht, lacht in seiner unbekümmerten Art und bittet plötzlich, ihm gleichfalls solche Dragées zu geben, nicht bloß zwanzig, muito - viele, am besten tudos - alle, die gesamte Packung.
Ich schütte ihm schätzungsweise fünfzehn Dragées in die Hohlhand, schaue mich nach dem Heft um - zu spät: Sago hat bereits den Mund geöffnet, den Kopf in den Nacken geworfen, die geballte Ladung verschluckt.
Sommerinsel von Hildegard und Siegfried Schumacher
Die Szene fängt einen Abschnitt aus dem harten Jahr von Stephan und Fine ein: familiäre Spannungen, schulische Auseinandersetzungen und die kleine Alltagsrevolution zweier Jugendlicher, die ihre Liebe verteidigen.
Wir könnten es lohnend machen und unser Zelt nehmen. Das verschimmelt bloß auf dem Boden.
Hm, machte Fine, und über ihrer Nasenwurzel kerbten sich zwei Falten ein.
Hör zu, Fine, ein Auto ist da und ein Zelt auch. Das haben wir nicht alle Tage. Der See ist schön. Niemand kennt uns dort. Wir kochen selbst. Das machst du, ich angle Fische.
Also Jäger und Sammler, Stephan?
Ich wich ihrem Blick nicht aus. Du kannst dich auf mich verlassen.
Wenn wir eine Gruppe wären
Sind wir nicht ne Gruppe?
ne verdammt kleine, sagte sie.
Ich sprang auf, raste die Treppe hinunter und brach im Vorgarten Grünzeug von einem Strauch. Hinauf nahm ich drei Stufen auf einmal. Ich drückte Fine den Zweig in die Hand und sagte: Grün ist die Hoffnung!
Sie strich über die Blätter.
Hast du Angst?
Ach!
Du kannst dich auf mich verlassen, sagte ich noch einmal und hielt ihr meine Hand hin.
Fine nahm sie und sagte: Würde ich sonst mit dir fahren?
Stephan packte ein: Zelt, alles, was an Ausrüstung herumstand und was die Speisekammer hergab. Die Ungeduld ließ ihn auf die Uhr sehen. Es war noch zu früh. Er steckte sich eine Zigarette an. Fine würde sicher erst auf ihrem Koffer hocken, bemüht, die Schlösser einschnappen zu lassen. Große Koffer, das wusste er von Babs und Doris, brachten die Mädchen immer angeschleppt. Die Jungen konnten sich die Ungetüme dann auf den Ast stemmen und damit abbuckeln, auch wenn sie so taten, als mache es ihnen nichts aus. Und es waren damals drei Kilometer von der Bahnstation gewesen. Nein, Babs und Doris weinte er keine Träne nach. Für Fine würde er sich zwei Riesenkoffer aufladen.
Ob sie wohl schon bei Mutter Matz war, um die Wohnungsschlüssel abzugeben? Nanu? würde Mutter Matz fragen. Nach Bernwalde, zu Martina, eine gute Woche vielleicht, wollte Fine antworten, denn das würde Mutter Matz verständlich sein. Richtig, würde sie sicherlich sagen, fahr nur und erhol dich schön, ich pass auf die Wohnung auf.
Stephan schaute wieder auf die Uhr. Fine musste gerade auf dem Weg zum Bahnhof sein. Da mühte sie sich mit dem Koffer in der sengenden Mittagshitze ab! Stephan ging auf die Veranda. Das Thermometer zeigte achtundzwanzig Grad im Schatten und Fine mit dem Riesenkoffer! Breit, mit gelben Lederecken und einem Riemen, damit das Ding nicht aufplatzt, so sah ihn Stephan vor sich. Diese Schlepperei konnte er nicht zulassen. Er raste aus dem Haus, schloss ab und sprang ins Auto. Als er starten wollte, ließ er sich jedoch auf den Sitz zurücksinken. Das wäre gegen die Vorsicht. Fine mit dem Koffer! Wer von all den Leuten, die sie beide in Ellerstädt kannten, würde an harmlose Märchen glauben, wenn sie zu ihm in den Wagen stieg? Ruhig, alter Junge, sagte er zu sich, Fine ist kräftig. Fahr wie verabredet nach Bernwalde, bring nichts in Unordnung.
Er scheuchte die Bernwalder Hühner aus ihren Schattenkuhlen, als er auf dem Bahnhofsvorplatz bremste. Nach einem Blick auf seine Uhr peilte er die große, altmodisch verschnörkelte über der Eingangstür an. Sie ging genau, zu genau. Sechzig Sekunden, dann ruckte der Zeiger vor, und wieder sechzig Sekunden, und wieder ruckte er vor.
Noch fünfundzwanzigmal musste er mit seinem in dieser trägen sommerlichen Ruhe nicht zu überhörenden Knacken vorspringen. Stephan lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er würde mindestens zehn Minuten vergehen lassen, ehe er wieder hinsah. Er hätte später fahren sollen. Doch man kann eine Panne haben, zu spät kommen und dann als unzuverlässig dastehen. Es liegt ihm nichts an mir, könnte Fine denken. Quatsch, das würde sie nicht denken, und er war ja schon in Bernwalde, und der Wagen war so intakt wie die Bahnhofsuhr.
Vorsichtig blinzelte Stephan durch die Lider. Vier Minuten waren erst um. Noch einundzwanzigmal Knack, bis Fine da war. Er schloss wieder die Augen. Fine, dachte er, Fine. Er lauschte auf das metallische Knacken, das die Stille in so unerträglich lange, gleichmäßige Abstände teilte, das leiser wurde, immer leiser
Sein Name ließ ihn aus der Tiefe des Schlafs auftauchen.
Hallo, Stephan! Fine beugte sich durch das heruntergelassene Wagenfenster und rüttelte ihn leicht. Wartest du schon lange?
Er fuhr auf und sagte, noch ganz benommen: Bin gerade erst angekommen.
Du Spinner, sagte sie und lachte. Da bist du wohl mit geschlossenen Augen gefahren? Und ich soll mich dir anvertrauen? Ich nehm den nächsten Zug zurück.
Nein!, schrie er und sprang aus dem Wagen und hielt sie fest. Wo hast du deinen Riesenkoffer?, fragte er.
Aber es war nur eine karierte Reisetasche, die er auf die hinteren Sitze legte, und der Campingbeutel mit den Badesachen.
Und dann guckte Stephan sie richtig an. Fine, sagte er, siehst du schick aus!
Sie drehte sich einmal um sich selbst, wiegte sich mit ein paar Mannequinschritten über das holprige Vorplatzpflaster und quäkte: Beachten Sie bitte dies maritime, direkt azurne Blau, Modefarbe des Jahres! Dazu der modisch gefällige Schnitt des Kostüms! Die Dame von Welt trägt weiße Lackschuh dazu.
Du bist verrückt, sagte er. Mit deinem Geschrei weckst du ganz Bernwalde aus seinem Dornröschenschlaf, die Schlosswache wird dich arretieren. Was hast du da in der Zeitungspapiertüte?
Gegen Skorbut, gestrenger Herr, flötete sie. Ihr habt gesagt, Ihr räumt alle Konserven aus dem Kühlschrank. Und mit richtiger Finestimme sagte sie: Nimm sie bloß, Stephan, gleich platzt sie auf.
Aber als er die Tüte hatte, langte sie schnell hinein, angelte zwei Zwillingskirschen heraus und hängte sie ihm über die Ohren.
Rein ins Auto!, befahl er. Wir müssen los, ehe sie uns festnehmen. Dann ließ er den Tacho über die Sechzig klettern. Der ABV von Bernwalde schlief in der heißen Mittagsstunde wohl genauso tief wie das kleine Nest.
Stephan stellte das Radio an und suchte Musik. Fine sang. Ab und zu stopfte sie sich Kirschen in den Mund und spuckte die Steine aus dem Fenster.
Das Fräulein sind wohl noch nicht oft Auto gefahren?, fragte er.
Selten, gestrenger Herr, selten. Meist nur mit der Postkutsche.
Ja, ja, die Postkutsche, das waren noch Zeiten!, sagte er und gab Gas.
Fine konnte vor Freude nicht still sitzen, und ihre Beine sahen sehr lang aus. Machten das die matt glänzenden Strümpfe? Stephan wurde unruhig. Du lieber Himmel, dachte er, Fine ist furchtbar aufgeregt. Er lenkte den Wagen in einen Waldweg und stoppte.
Zieh dich auf Camping an, sagte er. Du knautschst dir dein schickes Kostüm. Und er ging, ohne sich umzudrehen.
Was sollte aus seinem Versprechen werden? Eine Woche würde er mit ihr allein sein, beim Baden, beim Schlafen, im Wald und am Wasser, jeden Tag vierundzwanzig Stunden lang. Ihm wurde heiß und kalt. Du lieber Himmel, dachte er wieder, du lieber Himmel.
Er hörte sie rufen, und als er sich umwandte, kam sie ihm entgegengeschlendert. Nun, da sie nicht mehr das neue azurblaue Mädchen war, sondern die gewohnte Fine, fühlte er sich erleichtert.
Sie machte ein geheimnisvolles Gesicht, und als sie dicht vor ihm stand, streckte sie ihm ihre geschlossene Hand entgegen. Rate, was da drin ist.
Stephan besah sich die Faust von allen Seiten, ne Blindschleiche, sagte er endlich.
Falsch, sagte Fine, ganz falsch! Langsam geben ihre Finger die Handfläche frei, darauf lagen zwei glatte goldglänzende Ringe.
Stephan sah Fine an. Sie war erstaunlich, seit sie ihn in Bernwalde geweckt hatte. Sie steckte so voller Überraschungen, dass ihm seine gerade erst gefundene Ruhe wieder abhandenkam. Fine sagte: Wenn wir sie tragen, wird niemand neugierig werden. Überleg doch mal, zwei so junge Leute und schon mit Wartburg! Mit Ring wirken wir älter und uninteressanter. Probier mal, ob er passt.
Eifrig steckte sie ihm den Ring an den Finger. Er saß, als wäre er nach Maß angefertigt. Dann hielt sie ihre Hand neben seine. Wie echt verheiratet, sagte Fine, wie Hochzeitsreise.
Wir lachen, weil wir weinen.Im Brennpunkt: Nordirland von Walter Kaufmann
Die Leseprobe führt in Reportagen, in denen Menschen Nordirlands vor Augen treten; aus ihren Schicksalen werden die inneren Widersprüche einer zerrissenen Gesellschaft deutlich.
Am folgenden Sonntag lenkten auf der achten Seite des Sunday Call vier große Fotos und eine von Alex McMurray in Sekunden festgelegte Balkenüberschrift BULLDOZER ZERSTÖREN DIE SEELE DES SHANKILL die Aufmerksamkeit der Leser auf das Schicksal von drei alten Bewohnern dieser Stadtgegend, vor allem aber auf einen Mr. Samuel Herbert, der vierundfünfzig Jahre lang in seinem erbärmlichen, von Feuchtigkeit durchdrungenen Häuschen ausgehalten hatte und sich voll Sorge darüber beklagte, dass er im Alter noch entwurzelt werden sollte.
Hätte man mir vor Jahrzehnten eine bessere Wohnung geboten, das wäre was gewesen! Jetzt ist die Umstellung zu schwer, und ich mag nicht mehr weg.
Shankills Fortingale Street, in der nur noch sechs Familien wohnten, hatte gespenstisch und verlassen dagelegen, die Fenster und Türen der meisten Häuser waren zugemauert, in den Dächern klafften Löcher, Schutt und Gerümpel versperrten die Bürgersteige. Der kleine Kamin in Mr. Herberts Wohnzimmer blakte und füllte den Raum mit Rauch. Kaum ein Sonnenstrahl drang durch das Fenster, die Tageszeit war schwer zu bestimmen, und der alte Mann sah aus, als habe er ein Leben lang im Dunkeln gehockt kränklich, übermäßig hager und blass. Dabei arbeitete er noch, war als Kassierer einer Gasgesellschaft viel im Freien und berichtete kopfschüttelnd, wie gefährlich in letzter Zeit sein Beruf geworden sei. Er war vor Überfällen nie sicher und schon wiederholt seines Geldes beraubt worden.
Davon allerdings stand nichts in meinem Artikel, es gehörte nicht zur Sache. Zur Sache aber gehörten Mr. Herberts Vorwürfe gegen die Häusermakler, die sich jahrzehntelang bereichert hatten, ohne je an die Nöte der Mieter zu denken. Alex McMurray musste erwartet haben, dass ich darüber berichten würde, und strich keine Silbe davon, er ließ auch Worte wie Gespensterstraße, Vergewaltigung der kleinen Leute und Plünderei stehen, so dass am Ende doch der Zweck erfüllt wurde, an dem uns beiden gelegen war das Brandmarken von Zuständen, die nicht erst heute, sondern schon vor Generationen hätten behoben werden müssen.
Helfen Sie mir bitte!, hatte Mr. Herbert eindringlich gebeten. Ich will nicht mehr umziehen, sondern sterben, wo ich ein Leben lang zu Hause war!
Für den inzwischen vierundsiebzigjährigen Mann, dessen Frau schon seit langem nicht mehr lebte, war der Gedanke an eine Einzimmerwohnung im zwölften Stock eines Wohnblocks in fremder Umgebung unerträglich.
Der Komfort kommt zu spät. Jetzt ist es, als verbanne man mich in ein Grab in luftiger Höhe!
Passen Sie gut auf sich auf und nehmen Sie sich Zeit zum Lesen wir freuen uns darauf, Sie auch nächste Woche wieder mit einer sorgfältig gewählten Auswahl zu überraschen. Bis dahin: bleiben Sie neugierig und der Welt der Bücher verbunden.
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Pekrul
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Über "EDITION digital Pekrul & Sohn GbR"
EDITION digital war vor 31 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Der Verlag gibt Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher als barrierefreie E-Book heraus, einige auch als Hörbuch. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher von DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.800 Titel. Die Printsparte des Verlages war Ende 2025 von Ralf Jordan vom Geschichtlichen Büchertisch als Imprint übernommen worden.