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Zwischen schelmischen Automaten und amerikanischen Eskalationen – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

 

(Pinnow, 25.09.2026) – 25.09.2026–02.10.2026 – Diese Woche führt unsere Auswahl von fünf E-Books in Welten, in denen Erfindungsgeist, Begierden, ethische Entscheidungen und die Zerbrechlichkeit gesellschaftlicher Ordnungen aufeinandertreffen. Ob ein Roboter, der Menschen mit seinen Streichen in Zweifel bringt, ob dunkle Träume erotischer Begierde, die Debatte um neue Lebensformen, eine Stadt, deren Glasfassaden jede Regung bedrohen, oder bitter-eindringliche Vignetten aus den USA der Sechziger — zusammen ergeben die Texte ein Panorama von Verantwortung, Sehnsucht und den Gefahren, die aus Ignoranz erwachsen. Neugierig? Tauchen Sie ein in fünf kurze Einstiege, die mehr andeuten, als sie verraten.

 

Vom Freitag, dem 25. September, bis Freitag, dem 2. Oktober 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.

 

Der indiskrete Roboter. Utopische Erzählungen von Gerhard Branstner

 

Die Raumlotsen der Station für außerordentliche Ereignisse sind manch heikler Situation ausgesetzt: Abenteuern, in die der technische Unternehmungsgeist der Menschen führt, und unerwarteten Streichen des Roboters Oskar. So kann der kosmische Leuchtturm zunächst nicht planmäßig in Betrieb genommen und Gustavs Geburtstagsfeier zum 70. muss verschoben werden, weil Oskar den Leuchtturm zum Anlass für ein ganz besonderes Geschenk nimmt; die hohe Temperatur im Kumosee ist zwar nach dem Geschmack einiger Urlauber, aber nicht nach den Vorstellungen der Wissenschaftler in der lädierten Kapsel auf dem Grund des Sees; und Fredys Eifersucht wird zur Ursache zahlreicher, nicht immer komischer Verwicklungen. Da jedoch zu Oskars Zeit die Menschen maschinenfreundlich sind (denn sie haben die Maschinen menschenfreundlich konstruiert), bekommt der Roboter die Streiche weniger mit dem Hammer heimgezahlt als mit einer schmerzlosen Programmkorrektur.

 

Es geht heiter zu im Buch, so heiter und unbeschwert, wie sich Gerhard Branstner den Umgang der Menschen miteinander in Zukunft — und nicht nur für die allzu ferne — wünscht.

 

Alpträume. Dreizehn erotische Geschichten mit kriminellem Hauch von Wolfgang Schreyer

 

Ekstase sei machbar, sagt man uns: genital, klitoral, phänomenal – ganz egal; dem Autor dieser dreizehn Storys ist das schnurz. Statt Orgasmen vorzuführen, spürt er dunklen Süchten nach, der rätselhaften Chemie des Eros. Wonach dürsten seine Figuren?

 

Ihr Intimleben enthüllt sich Zug um Zug. Erst die Schändung seiner Frau, nur in der Fantasie, macht zum Beispiel Heiner spitz. Ulrichs höchstes Glück wäre es, das blutjunge Weib seines Chefs prügeln zu dürfen, splitternackt. Magnus, der Starreporter, will ein scheues Reh, das sich ihm zwanghaft entzieht. Anja sucht die reife Freundin und findet leichtes Geld. Dem Psychiater Professor Winter geht nichts über ein Mercedes-Coupé; auch Blech kann erotisch sein. Ohne die Vorstellung, man erniedrige sie, hat Gabi keinen Höhepunkt. Wendelin will spüren, wie die Macht schmeckt, auf stinknormale Art ein Sadist auch er.

 

Beklemmend geistert durch dreizehn bizarre Träume der Drang nach Unterwerfung, die Lust an geheimer Grausamkeit. Der Clou: All diese Triebtäter sind Menschen wie du und ich. Im Alltag sitzt ihre Maske fest, bis ihr Schöpfer – der einräumt, selbst nicht besser zu sein – daran rührt. Schreyer entblößt sie so gnadenlos, wie sein Intendant Striese den Star des Theaters, die bildhübsche Bella, auf die Bühne schickt.

 

Andere. Utopischer Roman von Alexander Kröger

 

Nahezu unversöhnlich stehen sich Maren Call und Ray Mentzig auf dem internationalen Kongress gegenüber. Sollen aus der Phiole mit den Zellkernen, die Wally 327 Esch aus dem Weltraum mitgebracht hat (siehe »Souvenir vom Atair« desselben Autors), eine neue Wesenheit, eine neue Population, also Andere entstehen oder nicht? Maren ist dagegen. Sie fürchtet, der Lebensraum Erde reiche nicht aus, eine Vermischung der Menschen mit den Anderen sei nicht auszuschließen und könne irreversible genetische Schäden bringen und womöglich die Menschheit dezimieren. Ray ist für die Entwicklung der Anderen auf dem Erdball mit Hilfe von Leihmüttern und dafür, sie später auf einem anderen Planeten anzusiedeln.

 

Das ist der Ausgangspunkt dieses utopischen Romans von Alexander Kröger aus dem Jahr 1990. Er möchte damit auf die Verantwortung der Menschen für sich selbst aufmerksam machen, im weitesten Sinn davor warnen, sich durch Krieg, Umweltverschmutzung oder biologische Experimente zu schädigen oder gar zu vernichten.

 

Die gläserne Stadt. Fantastische Erzählungen von Klaus Möckel

 

Eine Stadt aus Glas gibt es im Land Xenturion, mit Häusern, in denen sich wieder und wieder die Sonnenstrahlen brechen, Bögen, Kuppeln, Flüsse, ganze Gebirge aus Licht schaffen. Die Menschen in dieser Stadt – eine Führungsschicht – sind stolz auf ihr Auserwähltsein und lassen nur den Verstand gelten. Aus gutem Grund, denn schon die kleinste Gefühlsregung kann Risse an ihren schönen, doch zugleich zerbrechlichen Gebäuden hervorrufen und sie letztlich zum Einsturz bringen.

 

Diese Erzählung, 1980 zum ersten Mal veröffentlicht, wurde vom Leser schnell als Hinweis auf die Brüchigkeit des bestehenden Systems verstanden, aber auch die anderen im Band enthaltenen Geschichten setzen sich nachdrücklich mit verknöcherten Verhaltensweisen und erstarrten Anschauungen auseinander. Da schickt ein Erfinder einen Fürsten aus dem 18. Jahrhundert in die Gegenwart, um zu beobachten, wie er sich ohne seine Vorrechte bewährt – er erlebt eine Überraschung; da gerät ein ach so ernsthafter Mann in eine Zukunft voller Possen – seine festgefügten Ansichten bekommen Sprünge; da ersteht ein Literaturkritiker eine neue Brille – er lernt Kunst völlig anders einschätzen; da wird in einem Land das Träumen verboten – groteske Verrenkungen sind die Folge.

 

Mit poetischem Gespür und humoriger Hinterlist geschrieben, haben diese Texte nichts von ihrer Sprengkraft verloren. Das beweist auch ihr großer Publikumserfolg, ihr Erscheinen in verschiedenen Anthologien des In- und Auslands.

 

Gerücht vom Ende der Welt von Walter Kaufmann

 

Der Friday for Future‑Titel der Woche ist „Gerücht vom Ende der Welt“ von Walter Kaufmann. Kaufmanns zwanzig Vignetten zeigen krisenhafte Brüche, Gewalt und das Versagen sozialer Solidarität in den USA der Sechzigerjahre — Szenen, die daran erinnern, wie politische Entscheidungen und kollektive Verdrängung Zukunftsfragen prägen. In Verbindung mit Krögers Warnung vor den Folgen unbedachter Eingriffe in Lebensformen und Möckels Bild von fragilen, leicht zu zerstörenden Ordnungen macht Kaufmanns Buch deutlich, warum Aufmerksamkeit, Verantwortungsbewusstsein und gemeinsames Handeln — zentrale Anliegen von Friday for Future — heute so dringend sind.

 

Schüsse in Harlem und Rauch in Washington. Im unteren Manhattan steht ein Mann auf dem Fenstersims und springt in den Tod. DerTon einer Violine erstickt im Neon-Dschungel des Times Square – Johann Sebastian Bach um Mitternacht aus einem Schuhgeschäft. Ein Feuer in Ithaca, ein Schuppen, in dem Farmarbeiter hausen, brennt nieder: Wer ist der Mörder – und wer der Mörder von Andrew Mc Daniel und Charles E. Tate, die in Vietnam blieben? Verschwörung oder Untat eines Einzelgängers, dass der Pfarrer Martin Luther King sterben musste? Joe Mulloy, fünf Jahre Gefängnis – was hat er getan? Charles B. Crankshaw will sein Frühstück im Garten haben, weil er einen farbigen Gast erwartet. Menschenjagd in Georgia: Der Mann, der die Fotos in derTasche hat, kann entkommen, aber am Ende ist das Schweigen der Leichenhalle. Das Schicksal der Marie Lou und Suzie Anne im Negergetto von Chicago ist ungewiss, doch ihre Mutter ist eine nordamerikanische Carolina Maria de Jesus. Auf dem Pflaster von Greenwich Village welkt die Blume des Träumers, und in der letzten Wette des Jahres steht der Gewinn auf der Zahl 111 – doch nicht für den alten Lou Roberts …

 

Zwanzig Vignetten aus den USA der Sechzigerjahre, Eindrücke des Autors, Kenner des Landes seit langem; sie erweisen sich als stark und erregend, sie geben Aufschluss über die krisenhaften Zustände eines großen Landes, das so reich ist an Menschen.

 

Die folgenden Leseproben öffnen fünf sehr unterschiedliche Fenster: sie führen in humorvolle und ernste Begegnungen mit Technik, in intime und verstörende Traumlandschaften, in Debatten über neue Wesenheiten, in fragile Metropolenbilder und in knappe, scharfe Skizzen einer unruhigen Gesellschaft. Jede Passage gibt einen unmittelbaren Eindruck von Ton, Konflikt und Atmosphäre der jeweiligen Erzählung.

 

Der indiskrete Roboter. Utopische Erzählungen von Gerhard Branstner

 

Mit einem liebenswerten Fehltritt des Roboters Oskar beginnt eine Szene, in der Technikhumor und zwischenmenschliche Fürsorge unvermittelt aufeinandertreffen — ein Moment, der die Zukunftsvision des Bandes auf heitere Weise aufspannen lässt.

 

Der Altlotse hatte die Lorak einige Male um die Kapsel herumgeführt, um den günstigsten Ansatzpunkt zu finden, während Fredy den Roboter aus einer eigengesteuerten in eine fernzusteuernde Maschine verwandelt hatte. Damit waren alle Vorkehrungen getroffen, und Fredy stellte die Verbindung mit Boris her.

 

»Wir sind so weit, es kann losgehen!«

 

»Und Oskar«, erkundigte sich Boris, »können wir uns auf ihn verlassen?«

 

»Kannst ja eine Probe machen.«

 

Boris unterbrach den Videofonkontakt, sodass gesichert war, dass der Roboter ihn weder hören noch sehen konnte.

 

Fredy blickte gespannt auf Oskar. Der zeigte dem Junglotsen einen Vogel. Fredy stellte den Videofonkontakt wieder her und fragte Boris, was er dem Roboter befohlen habe.

 

»Er sollte dir einen Vogel zeigen.«

 

»Na bitte«, rief Fredy, »er funktioniert!«

 

Er beorderte den Roboter ohne weitere Umstände in-die Schleuse, und Gustav steuerte das Lotsenschiff in Schrittgeschwindigkeit auf die Kapsel zu. Doch da stoppte Boris das weitere Vorgehen.

 

»Genau unter mir«, rief er, »ist soeben ein kleiner Ballon an der Wasseroberfläche aufgetaucht!«

 

»Demnach«, konstatierte Gustav, »ist die Postschleuse betriebsfähig. An dem Ballon hängt die Postkassette. Sieh nach, was sie enthält. Das kann für unser weiteres Vorgehen von Wichtigkeit sein.«

 

Boris hatte bereits den Greifer ausgefahren und holte den Ballon mitsamt der Kassette an Bord des Unikraft. Nach einer kurzen Prüfung ihres Inhalts schloss er die Kassette wieder.

 

»Da ist keine Nachricht drin, nur wissenschaftliche Aufzeichnungen.«

 

»Das kann auch als eine Nachricht verstanden werden«, meinte Gustav, »jedenfalls ist es ein Lebenszeichen.«

 

Der Altlotse führte jetzt die Lorak vollends an die Kapsel heran, setzte mit sanftem Druck auf ihr auf und glitt über sie hin. Tatsächlich nahm die Lorak die Kapsel ein Stück mit, aber nur bis zum Kuhlenrand. Von dort rollte sie zurück.

 

»Also das Ganze noch mal!«, rief Gustav.

 

»Und wenn das auch nichts bringt?«, fragte der Junglotse.

 

»Dann bohre ich die Lorak unter der Kapsel in den Grund und schaufle sie heraus!«

 

Doch das war nicht nötig. Schon der nächste Versuch war erfolgreich. Die Kapsel rollte über den Rand der Kuhle und blieb einige Meter weiter, mit der Krampe nach oben, liegen.

 

»Jetzt ist die Krampe wieder zu hoch«, rief Fredy verzweifelt, »wie soll Oskar da hinaufkommen? Ich glaube, jetzt kann nur noch Boris helfen.«

 

»Das fehlte noch«, sagte Gustav, löste ohne ein weiteres Wort einen der Pilotensessel aus der Halterung, öffnete die Schleuse und stellte Oskar den Sessel vor die Füße. »Und jetzt ab mit dir!«

 

Fredy begriff und übernahm nun per Funk die Fernlenkung des Roboters. Sobald er aus der Schleuse war, ergriff er das freie Ende der Trosse, stapfte zur Kapsel, stellte sich auf den Sessel und befestigte die Trosse an der Krampe.

 

»Ist er nicht brav, unser Oskar?«, rief Fredy und befahl dem Roboter, zurückzukommen und den Sessel mitzubringen.

 

Oskar stieg auch sogleich vom Sessel, hob ihn an und bewegte sich auf die Lorak zu. blieb jedoch nach einigen Schritten stehen und war trotz aller Bemühungen Fredys nicht von der Stelle zu bringen.

 

»Wie es scheint«, sagte Gustav, »hat es ihn jetzt endgültig erwischt.«

 

Fredy blickte den Altlotsen ungläubig an. »Du willst ihn doch nicht etwa zurücklassen?«

 

»Was bleibt uns übrig? Die Leute in der Kapsel gehen vor.«

 

»Vielleicht liegt es nur am Leitgerät.« Fredy mühte sich verzweifelt, aber ohne Erfolg. »Das einfachste ist, ich hole ihn rein!«

 

»Das lässt du schön bleiben!« Gustav brachte die Lorak behutsam in Fahrt. »Du weißt, dass du den Druck in dieser Tiefe nicht aushalten würdest.«

 

Die Trosse straffte sich, und das Lotsenschiff zog, allmählich Höhe gewinnend, mit der Kapsel davon. Fredys Blick hing an dem Roboter, der dem standhaften Zinnsoldaten gleich mit dem Sessel in den vorgestreckten Armen einsam und allein zurückblieb.

 

Für den Fall, dass er sich erholen würde, gab der Junglotse Oskar den Befehl, zum Ostufer des Sees zu laufen. Die Lorak nahm Geschwindigkeit auf, und die Gestalt des Roboters verwischte sich zu einem undeutlichen Bild und entschwand endlich dem Blick.

 

»Armer Oskar«, sagte Fredy und wandte sich ab.

 

Alpträume. Dreizehn erotische Geschichten mit kriminellem Hauch von Wolfgang Schreyer

 

Ein Blick in die Abgründe der Fantasie: Die ausgewählte Passage zeigt, wie intime Begierden langsam Masken sprengen und aus verschlossenen Träumen bedrohliche Wirklichkeiten werden.

 

Nie vergaß ich, was nun mit mir geschah. Ich war ziemlich willenlos gewesen, fast im Taumel des Gehorsams: Der Tycoon hat mich erwählt! Nur, ich liebte ihn nicht, zahlte bloß Schulden ab und horchte in mich hinein, auf den Rückschlag lauernd, Ekel womöglich ... Der Wunsch, mich zu säubern, schien doch das Mindeste zu sein. Aber nichts zog mich unter die Dusche. Vielmehr trat ich nackt vor den Spiegel, im Licht des japanischen Papiers, und fand mich anziehender denn je. Winston begehrte mich, kein Zweifel, das hatte mich verschönt.

 

Mein Bett war aufgeklappt, unberührt, freundlich kühl. Erst beim Hineinschlüpfen entdeckte ich, verpackt wie ein kleines Souvenir, den Ehering. Den hatte Winston wortlos hinterlassen, nun überzeugt von seiner Wahl. Es war also für immer! Fassungslos las ich die Inschrift und spielte mit dem Ring, der mir Märchenhaftes versprach. Der süße Lohn meiner Neigung, positiv zu sein.

 

Beim Frühstück fragte ich ihn: "Was muss ich eigentlich noch lernen, um an Deiner Seite zu bestehen?"

 

Winston grunzte: "Benimm Dich nur wie Ava Gardener in der 'Barfüßigen Gräfin', dann liegen Dir alle zu Füßen."

 

Ich kannte den alten Film nicht und bat um ein anderes Beispiel. Er überlegte, ihm dämmerte wohl, dass mehr als eine Generation uns trennt, lästigerweise. "Na, dann wie Lady Chatterly", sagte er über seinem Rührei, "aber ohne den Liebhaber."

 

Bald nach Tokio hörte Winston auf, Zärtlichkeit zu entwickeln. Als sein Eigentum musste ich nicht mehr umworben sein. Er bot kein Vorspiel mehr, pflegte mich einfach zu nehmen; es war ihm völlig schleierhaft, was in mir vorging. Das kümmerte ihn auch nicht, sagte er doch oft: Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Der Standpunkt des freien Unternehmers. All das führte bei mir zu quälender Migräne, hinter der sich Furcht verbarg.

 

Ganz in der Nähe bei uns in Malibu stand die Privatklinik eines Meisters der Blitzdiagnose. Manchmal, so hieß es, beglichen Filmstars ihre Rechnungen, indem sie ihm erlaubten, diskret zu erwähnen, dass er sie behandelt hatte. Aber trotz meines Vorurteils, der Mann hat mich geheilt. Ich lag nur drei- oder viermal auf seiner Couch, dann wusste er, wie mir verlässlich zu helfen und meine Ehe zu retten sei. Durch einen simplen Psychotrick!

 

Beim dritten Gespräch wurde er bei mir fündig, grub etwas aus aus dem Bodensatz der Seele. Ich gestand ihm meinen einzigen Defekt, einen Hunger nach Gruselfilmen, für den ich mich schämte. Von klein auf hatten Katastrophen mich gereizt, erregte ich mich vor Ungeheuern; mitten in einem Drakulafilm war mir die erste Regel gekommen.

 

Wie blitzte es da in seinen Augen! Das war der Haken für seine Therapie. Jedwede Sexualität, schärfte er mir ein, spiele sich im Kopf ab, nicht etwa im Unterleib, wie alle Welt glaube. Und er drängte mich, in Winston künftig eine Art Frankenstein oder King Kong zu sehen: Selbstinszenierung des Horrors durch Zuschalten meiner pubertären Fantasien, der wolllüstigen Ohnmacht und des Erschauerns vor männlicher Gewalt. "Stellen Sie sich vor, man liefere Sie nackt einem Monster aus", riet er mir. "Genießen Sie den Akt als Schändung, das öffnet Ihnen das Tor zur Lust. Denken Sie immer, der Unhold entwürdigt mich, besudelt meinen Mädchenleib!"

 

Das funktioniert seit einem Jahr. Er hat mich gelehrt, willfährig jedem Wink zu folgen, mich im Bett zu erniedrigen, ja nach Unterwerfung süchtig zu sein. Er hat meine Migräne geheilt, mir Orgasmen verschafft, den Frieden meines Heims gerettet - und ich hasse ihn dafür. Ihm zu begegnen, seinem wissenden Blick, das ist die tiefste Erniedrigung.

 

Andere. Utopischer Roman von Alexander Kröger

 

Am hitzigen Tisch eines internationalen Kongresses entfaltet sich die moralische Auseinandersetzung: Hier stehen die Gegner Maren und Ray in einer Konfrontation, die über die Zulässigkeit neuer Lebensformen und die Verantwortung gegenüber der Menschheit entscheidet.

 

Ohne dass sie es vereinbart hätten, ließ die Mannschaft Mark den Vortritt. Er nahm den Respekt vor dem Andersgearteten mit Dank an, obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei innere Beziehung zu dem spürte, was da stoisch und kalt seine Bahn zog — seit etwa siebzehntausend Erdenjahren. Bereits während der ersten äußeren Inspektion hatten sie eine Altersbestimmung vorgenommen. Und wenn alles, was man sich über die Nachbarn im All bislang zusammengereimt hatte, stimmte, dann setzte ihr Verfall ein, als die Menschen begannen, sich als Menschen auf ihrer Erde zu etablieren.

 

Da schwebte sie nun also, die Station — ein Depot, verhältnismäßig klein, ein mattmetallener Quader, kaum ein Fünftel der Größe der LUX ausmachend, und doch ein Gegenstand, von dem, sollte man den Vorstellungen und Befürchtungen dieser Call glauben, so ungeheuer Entscheidendes auch für die Menschen ausgehen, ja bereits ausgegangen sein sollte.

 

Aber dieser Gedanke befiel Mark nur einen Augenblick. Die Call war nicht nur die Milliarden Kilometer entfernt, die sie auf der Reise zurückgelegt hatten ...

 

Die gesamte Crew befand sich an Bord des Beibootes, als man zum ersten Innenbesuch aufbrach. Ein Verstoß gegen das Raumreglement freilich, aber es hatte keine Sekunde zur Debatte gestanden, dass etwa einer Zurückbleiben sollte, zumal die Kontrolle keine Gefahranzeichen ergeben und die LUX unmittelbar an den Quader angelegt hatte, mit ihm gleichsam eine Einheit bildete.

 

Und kein Zweifel, sofort drängte sich ihnen der nämliche Eindruck auf wie jener LUX-Besatzung, die seinerzeit das Objekt entdeckt, selber aber nicht mehr die Gelegenheit hatte, diese Entdeckung ins rechte Licht zu setzen.

 

Schon außen, als sich die sechs Gefährten dem Eingangssegment näherten, entstand bei jedem deutlich das Gefühl — und sie tauschten sich darüber aus — des Eingeladenseins: Im Scheinwerferlicht stark fluoreszierende, zu einem Punkt hin stürzende Linien wiesen zwangsweise zum Einstieg, deutlicher als ein irdischer Pfeil oder ein Schild, das den Wanderer zur Rast in eine Bergbaude lädt.

 

Und genau so unbefangen wie seinerzeit Dirk Sonen und die anderen Besatzungsmitglieder der ersten LUX, machte sich die Mannschaft der LUX sieben daran, die Tür zu öffnen und so die Einladung gleichsam freudig anzunehmen. Da hinderte in der Tat nichts Kompliziertes: Eine faustgroße, in die Wand eingelassene Mulde, drinnen ein Hebel, den man gegen einen kräftigen Federdruck anziehen konnte, worauf die etwa einen Meter mal siebzig Zentimeter große, an den vier Ecken abgerundete Luke um weniges aufsprang und sich dann mühelos, gelagert in gewöhnlichen Scharnieren, nach außen aufziehen ließ, primitiv, beinahe enttäuschend simpel. Denn immerhin musste man davon ausgehen, dass diese Anderen, zum Zeitpunkt, als sie das Depot einrichteten, sich auf einem wesentlich höheren technischen Niveau befanden als die Menschen heute.

 

Als erster entdeckte Mark die Abweichung von Lew Nyemens Vorhersage: Die Tür war im Grunde nicht kreisförmig ...

 

Einer nach dem anderen schwebten sie in das Innere des geheimnisvollen Körpers, Mark voran, nach einer winzigen, auffordernden Geste von Marti.

 

Dann standen sie in einem kleinen, völlig leeren Raum, aber durchaus in keiner Schleuse oder etwas Derartigem — ein Schott vielleicht, das das Innere besser vor äußeren Einflüssen schützen möchte. Keine Anzeichen einer Hermetiktechnik, keine Gerätschaften, keinerlei Hinweise — nicht einmal ein Beleuchtungskörper. Nur gegenüber der Einstiegsluke befand sich eine Tür, irdischen schweren Türen sehr ähnlich, aber breiter, erneut an zwei Scharnieren angeschlagen und wiederum leicht zu öffnen. Hinter dieser Tür, als einzige Überraschung, Licht, das aus zwei runden Öffnungen fiel, die sich an der Decke des Raums befanden, und das wohl durch das Öffnen der Tür eingeschaltet worden war.

 

Ansonsten gewahrten die sechs bereits in diesem Raum in Möbelgebilden, die man nur mit dem Begriff »Regale« kennzeichnen konnte, eine Unmasse von Gegenständen und Behältern, durchaus den Schilderungen Lew Nyemens entsprechend — oder besser dem Mnemogramm der Leute der LUX eins.

 

Später schrieb Marti, der Kommandant der LUX sieben, über die Besuche im Depot der Exterraner folgendes nieder:

 

»In dem Augenblick, zu dem wir den ersten Museumssaal erreichten, schien sich eine Wandlung in unserem Mark, dem Außerirdischen, zu vollziehen. Er betrat hoch aufgerichtet diesen Raum, und er ging langsam, bedächtig einen Schritt vor den anderen setzend, die Regale entlang. Unser anfänglich begonnener Disput über das Erschaute erstarb, wir standen am Eingang und beobachteten. Ich bin mir fast sicher: Mark nahm in den ersten Minuten nichts von alledem wahr, was sich da säuberlich gestapelt an den Wänden und auf den Tischen inmitten des Raums befindet.

 

Mark schritt da entlang, hielt die rechte Hand leicht vorgestreckt und strich unendlich sacht, beinahe zärtlich, über manche Gegenstände. Sein Blick wirkte matt — wie hinter einem Schleier —, und es stand zu befürchten, er stieße an, dann, wenn ihm der Raum oder das Ausgestellte einen Richtungswechsel gebot. Aber wie mechanisch vollzog er die nötigen Wendungen. Und dieses Stoische behielt er auch bei, als er uns beim Abschreiten der zweiten Seite das Gesicht zukehrte. Er befand sich geistig offenbar nicht bei uns. Und wenn er ab und an den Schritt verhielt und bei einem der Exponate länger verweilte, hatte ich auch keinen anderen Eindruck als den, er sähe durch dieses hindurch. Obwohl ich noch nie einen Mondsüchtigen gesehen habe, drängte sich mir sofort ein Vergleich mit einem solchen auf. Nach allen Schilderungen mochte sich ein derart gestrafter Mensch so bewegen. Und auch wir alle hatten die Furcht, etwas, ein Geräusch oder ein Ruf, könne unseren Mark zum Erwachen und damit zu Schaden bringen.

 

Es dauerte auch Sekunden, bis er, bereits wieder inmitten unserer Gruppe, zu uns und zu sich selber zurückfand. Es war in der Tat wie ein Erwachen, und er benahm sich anschließend, als sei er gerade mit uns eingetreten und hätte nicht bereits eine Solorunde im Saal absolviert. Nur langsam löste sich der Bann, und auch als wir uns über das, was dort ausgestellt ist, unterhielten — übrigens mit sehr einsilbiger und zurückhaltender Beteiligung Marks —, taten wir das in gedämpfter Lautstärke, obwohl die Außenmikrofone ohnehin nicht und die inneren auf individuelle Lautstärke geschaltet waren.

 

Als nächstes folgt ein ähnlicher Raum, dann offenbar schon der zentrale, der sich inmitten des Quaders befindet und in den vier Türen münden, an jeder Begrenzungswand eine. Wie sich dann herausstellte, ist der Riesencontainer innen absolut symmetrisch aufgebaut, nur dass die Räume, die sich unmittelbar an der Außenhaut befinden, offenbar mit weniger wertvollen Exponaten ausgerüstet scheinen. Einen weiteren Zugang von außen besitzt das Depot nicht.

 

Längst nicht alles, nicht die Raumaufteilung, die Türen und Standorte der Gegenstände und ihre Träger, stimmt mit dem Mnemogramm überein. Dennoch, darüber waren wir uns einig, fanden wir alles so vor, wie es unserer von Lew eingegebenen Vorstellung entspricht.

 

Der Schrein, eigentlich eine separate Kammer, der in gerader Linie vom Eingang hinter der zentralen Diele liegt, birgt die für uns — eigentlich wie erwartet — eindrucksvollsten Stücke: Die plastischen Abbildungen eines weiblichen und eines männlichen Exterraners.

 

Und obwohl diesmal Lew Nyemens Mnemogramm hervorragend bestätigt wurde, wir also auf diesen Anblick gefasst waren, standen wir minutenlang ergriffen. Das »Helft!« der Anderen schrie uns förmlich entgegen.

 

An diesem Schrein verfiel Mark abermals in eine Art Trance ...

 

Und ich muss sagen, uns überkam alle die gleiche Ehrfurcht, das Gefühl für die Größe des Augenblicks, wenngleich wir nicht das Primat der Entdeckung hatten. Wie musste seinerzeit jenen zumute gewesen sein, die an der gleichen Stelle den Kontakt mit einer anderen Zivilisation erlebten, die Verifizierung des alten Menschheitstraums gleichsam greifbar ...

 

Und wir haben wohl in diesen Minuten alle das Nämliche empfunden, als wir auf die Hände blickten, aus denen seinerzeit Dirk Sonen die Phiole entfernt hatte: Hochachtung vor jener Frau, die — als folgenschweren Irrtum zwar — den ersten Exterraner gebar und so vollendete Tatsachen schuf. Freilich, diese Tat wurde seinerzeit vielschichtig diskutiert, und nicht wenige verdammten sie als unverantwortlich, als Verbrechen gar. Nun, unverantwortlich war sie wohl. Aber wir von der Crew sind uns einig, sie war in erster Linie menschlich, getragen von tiefen menschlichen Emotionen, die nur jener nachempfinden kann, der zu dem fähig ist, was wir im allgemeinen als Zuneigung oder Liebe zum anderen Menschen bezeichnen, der Gefühle und Wünsche des anderen erahnt, respektiert und dafür auch bereit ist, Risiko — bis zum eigenen Untergang — zu tragen. Und es ist ein Glück, dass sich Menschen diese Fähigkeiten trotz aller Versachlichung des Lebens und allgemeiner scheinbarer und echter Oberflächlichkeit bewahrt haben. Nur so, in einer solchen Atmosphäre und hegenden Umgebung, im Schutz einer solchen Mutter, konnte jener Mark werden, werden zum Humanoiden, fähig, vor den Zeugen seiner Vergangenheit, vor der Hinterlassenschaft seiner Artgenossen ergriffen zu sein, mit ihnen über Jahrtausende hinweg gleichsam Zwiesprache zu halten. So jedenfalls fassten wir von der Mannschaft sein Verhalten auf, wir, die wir in diesen Augenblicken um ihn waren.

 

Die gläserne Stadt. Fantastische Erzählungen von Klaus Möckel

 

Ein winziger Riss genügt, um eine Stadt aus Glas zum Symbol für brüchige Macht zu machen — die Szene, die wir wählen, lässt das feine Gleichgewicht zwischen Verstand, Gefühl und sozialer Stabilität hörbar werden.

 

Bella-X 3 sah fasziniert auf die Anzeigetafel im Schaufenster der Zoohandlung. "Flusspferde eingetroffen!", stand da in leuchtender Phosphorschrift. Das war eine echte, sehr angenehme Überraschung. Gerade gestern, kurz vor dem Rückflug aus der Hauptstadt, hatte sie wie nebenbei gehört, dass Flusspferde der letzte Schrei waren. Wer etwas auf sich hielt, versuchte eins für sein Grundstück zu ergattern.

 

Ihre Freundin Carry-Gama war ganz traurig gewesen, dass sie noch keins hatte. "Es ist schwer ranzukommen", hatte sie gesagt, "wenn du wüsstest, wie selten die Tiere sind."

 

Bella-X 3 betrat aufgeregt den Superladen, der vom Lärm trillernder Vögel und kreischender Affen erfüllt war. Sie hatte keine genaue Vorstellung vom Aussehen eines Flusspferdes, erinnerte sich aber an ein Tierkarussell ihrer Kindheit, mit dem sie ein paar Mal gefahren war. Deshalb dachte sie an eine Art Pony mit Schwimmhäuten an den Hufen oder mit Rückenflosse. Ja, wenn es um das neueste Modell des Königsflyers gegangen wäre oder um den Springwagen Typ Magnifique. Die waren in jeder Wochenzeitschrift fotoplastiert und in allen Einzelheiten beschrieben. Aber Flusspferde? Bella-X 3 konnte sich nicht erinnern, jemals eins abgebildet oder gar in natura gesehen zu haben. Im Tierpark der Hauptstadt, dem einzigen, den es im Land gab, sollte man ein oder zwei Exemplare besichtigen können. Vielleicht hätte sie die Gelegenheit wahrgenommen, hätte sie nicht nach Hause zurück gemusst.

 

In dem weiträumigen Laden herrschte ein bläuliches Halbdunkel, doch die junge Frau wusste sofort, wohin sie sich zu wenden hatte. Hinten rechts stand eine Schlange, und dort wurde ihr auch in der gleichen leuchtendgrünen Schrift wie im Fenster bedeutet: "Flusspferde hier!" Zu sehen war keins der seltenen Tiere, das verwunderte aber auch niemanden. In diesem Vorraum war nur der Automat aufgestellt, der das Geld entgegennahm und den entsprechenden Bon aushändigte. Die Tiere befanden sich in der hinteren Halle, wo man sie auch besichtigen konnte. Aber wer nahm sich dafür schon die Zeit. Es kam darauf an, sich sofort in die Schlange einzureihen, um nicht vielleicht in letzter Minute leer auszugehen. Wenn es sich um so etwas Kostbares drehte. Die anderen kauften ja gleichfalls unbesehen.

 

Bella-X 3 stellte sich also an und kramte in ihrer Handtasche nach den großen Scheinen. Eine solche Erwerbung würde nicht ganz billig sein. Etwas verlegen fragte sie einen untersetzten, vierschrötigen Kerl vor ihr, ob er etwas über den Preis wüsste. "Drei Rote", erwiderte der Mann unfreundlich, "da steht's doch groß und breit, können Sie nicht lesen?" Drei Rote, tatsächlich, an einer Tafel über ihr blinkte alle paar Sekunden der Preis auf. Bellas Enthusiasmus bekam einen starken Dämpfer. Mit vier Gelben hatte sie gerechnet, höchstens mit fünf. Drei Rote dagegen - dafür konnte man einen halben Flyer kaufen. Das lag, bei Licht besehen, über ihren finanziellen Möglichkeiten. So viel Geld trug sie natürlich auch nicht bei sich, sie musste es vom Konto abbuchen lassen. Eduard-Orion würde rot und blass werden, wenn er das hörte. Aber sollte sie deswegen diese einmalige Gelegenheit auslassen? Er würde sich schon wieder abregen. Irgendwie waren sie immer zusammengekommen.

 

Der Automat erledigte seine Arbeit zuverlässig und schnell. Bella-X 3 bewegte sich in der Schlange, die keineswegs kürzer wurde, zügig voran. Aber kurz vor dem Ziel war erst einmal Schluss. "Die kommen mit der Auslieferung nicht nach", sagte eine dralle Frau hinter ihr. Es war immer dasselbe bei solchen Einkäufen.

 

Zwei Männer in der Schlange unterhielten sich, Bella spitzte die Ohren. Sie hätte gern Genaueres über die Tiere erfahren, scheute sich aber, durch Fragen ihre Unwissenheit einzugestehen. Dabei war es eigentlich keine Schande: Woher sollte man in dieser Welt aus Plast und Beton solche Kenntnisse haben. Wenn sie wenigstens einen Blick in die hintere Halle hätte werfen können. Vielleicht hätte sie jetzt Zeit dazu gehabt, aber konnte man denn wissen, ob der Automat nicht doch im nächsten Augenblick weiterarbeitete? Dann war ihr Platz vergeben, und sie hätte sich wieder hinten anstellen müssen. Wer aber konnte sagen, wie weit der Vorrat reichte. Da verließ sie sich lieber auf Carry-Gama. Wenn die so von diesen Flusspferden geschwärmt hatte, ging die Sache schon in Ordnung.

 

Etwas Exaktes konnte Bella-X 3 nicht erlauschen, sie erfuhr nur, dass die Tiere am liebsten Schlingpflanzen fraßen und - wie der eine Mann meinte - sehr gutmütig waren. Na also, dachte sie, Ponys mit einer Neigung zum Wasser. Da muss Eduard-Orion eben ab und zu zum See 'rüber, einen Packen Schilf holen. Hat er eine neue Freizeitbeschäftigung. Sonntags können wir das Tierchen ja auch mal an den Fluss führen. Als wir noch unseren Spitz hatten, waren wir sowieso öfter am Fluss als jetzt. Hat uns eigentlich ganz gut getan.

 

Gerücht vom Ende der Welt von Walter Kaufmann

 

Ein scharfes Bild der Sechzigerjahre: Die Passage öffnet mit einer Szene in Manhattan, die Stille und Gewalt zugleich atmet und unmittelbar vor Augen führt, weshalb diese Vignetten bis heute nachhallen.

 

Für gewöhnlich war Mr. Chester B. Crankshaw von einer Ausgeglichenheit, wie sie korpulenten Männern häufig eigen ist, aber gegen Mitternacht gab er seinem Ärger nach. Am frühen Abend war er fortgefahren und hatte eigentlich in drei Stunden wieder zu Hause sein wollen – reichlich Zeit, wie er glaubte, obgleich diese Baptistenkirche der Farbigen am anderen Ende der Stadt lag. Aber jetzt waren all seine Pläne über den Haufen geworfen. Natürlich hatten sie sich über sein Hilfsangebot gefreut, aber sonst war nichts dabei herausgekommen. Er beschloss, noch einen letzten Versuch zu machen – schließlich war es ihr Problem und nicht seins, weiß Gott! und wenn das auch schiefging, würde er aufgeben. Er musste morgen früh im Labor sein, er brauchte seinen Schlaf, und es war nicht seine Schuld, wenn bei der Unterbringung der Teilnehmer am Marsch der Armen absolut nichts klappte.

 

Er schloss seinen Kombiwagen ab und ging über die Straße. Wieder stieg er in den Keller der Kirche hinab, wieder zeigte er den Damen da unten die kleine weiße Karte mit den beiden Namen. Das Häuflein freiwilliger Helfer war überarbeitet und müde. Doch dieses Mal, endlich, bekam er eine zuverlässige Auskunft.

 

„Es tut mir wirklich leid, Mister Crankshaw, die beiden Leute haben Freunde gefunden, bei denen sie unterkommen können. Sie sind schon vor Stunden weggefahren, ohne uns zu benachrichtigen. Es tut uns wirklich sehr leid, dass man Sie so lange hingehalten hat.“

 

Mr. Crankshaw bedauerte das ebenfalls, und er machte aus seiner Verstimmung kein Hehl.

 

„Ziemlich rücksichtslos“, sagte er.

 

„Wir sind ganz Ihrer Meinung, aber was konnten wir tun? Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir Sie schon viel eher gebeten, jemand anders zu nehmen. Wären Sie noch dazu bereit?“

 

„Meinetwegen“, sagte Crankshaw ohne viel Begeisterung.

 

Seine Stimmung wurde nicht besser, als ihm zwei Männer vorgestellt wurden, die durchaus den Eindruck machten, als könnten sie ein Hotelzimmer bezahlen. Arm waren sie jedenfalls nicht. Der eine hatte ein Tonbandgerät, eine Kamera und eine elegante Reisetasche bei sich. Der andere trug Schlips und Kragen und hatte einen Leichtmetallkoffer in der Hand von der Art, die er, Crankshaw, gewöhnlich für eine kurze Flugreise benutzte. Damit hatte er eigentlich nicht gerechnet. Dahinten im Saal warteten noch viele Leute, eine bunte Menge von Farbigen, Männer und Frauen, viele in Jeans und blauen Arbeitsjacken. Nach ihren schlecht verpackten Habseligkeiten zu schließen, brauchten die ihn viel nötiger als die beiden, um die er sich nun kümmern sollte – zwei Weiße überdies! Vielleicht, weil er selbst ein Weißer war? – Wahrscheinlich.

 

„Willkommen in Indianapolis“, sagte Crankshaw. Er bemühte sich, seiner Stimme einen Ton von Herzlichkeit zu geben.

 

„Es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie uns aufnehmen wollen“, sagte der Mann im blauen Anzug. Er stellte sich als Robert Henricks aus Cincinnati vor. Sein Begleiter, erklärte er, sei ein Beobachter aus Deutschland.

 

„Wirklich?“, sagte Crankshaw. Wie sollte sich jemand aus Deutschland für den Marsch der Armen interessieren? „Haben die denn nicht selbst Probleme genug?“

 

„Das schon“, sagte der Mann und überließ Henricks die weiteren Erklärungen, warum er an dem Marsch teilnahm.

 

Mr. Crankshaw hörte schweigend zu. Von Zeit zu Zeit nickte er.

 

„Nun gut“, sagte er schließlich, „ich finde, das klingt ganz vernünftig. Und Sie selbst, Mister Henricks!“

 

„Ich bin aus ethischen Gründen dabei“, sagte Henricks vorsichtig.

 

Das schien Mr. Crankshaw zu unbestimmt. „Was sind Sie von Beruf?“, fragte er, als sie auf die andere Straßenseite zu seinem Wagen gingen.

 

„Ich bin bei einer Grundstücksvermittlung“, sagte Henricks.

 

„Bei uns in Indianapolis werden Sie kaum einen Grundstücksmakler finden, der sich um arme Neger schert, es sei denn, er kann dabei verdienen. Städtebauliche Neuordnung und so, Sie verstehen.“

 

„Ja, ich weiߓ, sagte Henricks. „Nach dem, was ich bisher gesehen habe, macht sich offenbar niemand Gedanken über die Lage der Farbigen in dieser Stadt. Sie sind der einzige Weiße, den ich heute Abend im Saal gesehen habe.“

 

„Ich habe auch meine ethischen Gründe“, sagte Crankshaw.

 

Sie waren eine Weile gefahren, und er hatte sich mit seinen Gästen abgefunden. Besonders mit dem Ausländer; seine gute Laune kehrte zurück bei dem Gedanken, einem so weit gereisten Mann Gastfreundschaft zu gewähren, und er legte los mit einem Vortrag über Indianapolis: die Bevölkerungszahl der Stadt, ihr industrielles und landwirtschaftliches Potenzial, Erholungsmöglichkeiten und das System von Schulen, Colleges, Bibliotheken und anderen Bildungseinrichtungen.

 

„Eine typisch amerikanische Stadt in einem typisch amerikanischen Staat“, sagte er.

 

„Aha“, sagte der Mann aus Deutschland.

 

Begleitet von einer Polizeieskorte auf Motorrädern, waren sie nach Sonnenuntergang in Autobussen in Indianapolis eingetroffen, mehrere tausend Teilnehmer an dem Marsch. Aber weder die Polizeisirenen noch die Sprechchöre hatten in den Straßen irgendeinen Widerhall gefunden. Die Fenster der Häuser waren geschlossen geblieben und die Straßen verlassen. Was er von der Stadt gesehen hatte, war allerdings beeindruckend – wirklich eine wohlhabende Stadt, so modern, sauber und weiträumig. Man mochte Mr. Crankshaws Bemerkung anzweifeln. Im Vergleich zu anderen Städten Amerikas, er kam gerade aus Chicago, schien ihm Indianapolis eher eine Ausnahme zu sein. Allerdings war er auch in San Francisco und New Orleans und New York und Washington gewesen, die sich bei flüchtiger Bekanntschaft wohl mit Indianapolis vergleichen ließen. So gab er sich zufrieden: Er kannte Indianapolis ja nicht einmal flüchtig!

 

„Eine fortschrittliche Stadt“, fuhr Mr. Crankshaw fort, „bekannt für ihre Gastfreundschaft, eine freundliche, aufgeschlossene Stadt. Hier lässt sich’s leben.“

 

„Und doch waren Sie vorhin, wenn ich das noch einmal sagen darf, der einzige weiße Bürger im Saal“, bemerkte Robert Henricks.

 

Mr. Crankshaw unterbrach seine Rede und wurde nachdenklich. „Vielleicht bin ich kein typischer Vertreter dieser typisch amerikanischen Stadt“, gab er nach einer Weile zu. „Aber irgendjemand muss den Anfang machen. Als ich hörte, dass für den Marsch der Armen noch Hilfe benötigt würde, sagte ich mir: Warum nicht du? Und Sie dürfen mir glauben, meine Frau war unbedingt dafür.“

 

„Das freut mich“, sagte Henricks. „Ich will nicht ungerecht gegen Indianapolis sein. Sicher gibt es noch mehr Leute wie Sie, ich bin ihnen nur noch nicht begegnet.“

 

„Da muss ich Sie enttäuschen“, sagte Mr. Crankshaw. „Keiner meiner Nachbarn wollte auch nur einen Finger rühren. Diese ganze Black-Power-Geschichte, dies Gerede von ‚Weißer, mach Platz’, jagt ihnen Angst ein. Deswegen tut es mir ein bisschen leid, dass Sie beide keine Neger sind. Wir wollten nämlich im Garten frühstücken.“

 

„Es ist angenehm, im Frühling draußen zu essen“, bemerkte der Mann aus Deutschland.

 

„Das meine ich nicht.“ Mr. Crankshaw fühlte sich zu einer Erklärung verpflichtet. „Ich wollte, dass meine Nachbarn mich und meine Familie in Gemeinschaft mit Negern sehen sollten.“

 

„Ich verstehe.“

 

Der Mann aus Deutschland enthielt sich wieder jeden Kommentars. Diesmal nicht, weil er anderer Meinung war als Mr. Crankshaw, sondern vielmehr weil er bedauerte, dass er ihn nach seinem Äußeren eingeschätzt hatte: ein etwas zu rundlicher, gemütlicher Bürger, der nur aus Versehen in den Marsch der Armen hineingeraten war. Jetzt war ihm klar, dass er den Charakter und die moralische Kraft dieses Mannes unterschätzt hatte. Hätte er sich vor einigen Stunden doch nur an einen Farbigen angeschlossen statt an diesen Robert Henricks, den einzigen Weißen außer ihm in der Autobuskarawane, dann hätte Mr. Crankshaw sich beweisen können: Frühstück im Garten!

 

Seine Gedanken wurden unterbrochen durch Mr. Crankshaws erneute Bemühungen, ihn über Indianapolis zu unterrichten. Seinetwegen machte er sogar einen Umweg durch das Stadtzentrum. Sie fuhren jetzt im Kreis um eine hochragende weiße Säule, die die Figur einer Kriegsgöttin trug. Am Fuß der Säule konnte er die Figuren kämpfender Krieger erkennen.

 

„Das Armee- und Marinedenkmal“, erklärte Mr. Crankshaw.

 

„Zur Erinnerung an unsere Kriege gegen die Indianer und die Spanier“, kommentierte Henricks trocken.

 

„Nicht nur an die“, gab Crankshaw zurück. Seine Jovialität kühlte etwas ab; offenbar fiel Henricks ihm auf die Nerven. Als sie schließlich an einem riesigen Obelisken aus schwarzem Granit vorbeikamen, der von farbigem Licht angestrahlt und von Wasserfontänen eingerahmt war, enthielt er sich jeder Erklärung. „Noch eine Sehenswürdigkeit“, sagte er.

 

„Im Gegenteil“, sagte Henricks. „Das ist die Weltkriegsgedenkstätte von Indiana.“

 

„Na ja, ich dachte nur, es könnte unseren ausländischen Freund interessieren“, entschuldigte sich Crankshaw.

 

Wir wünschen anregende Lesestunden mit dieser Woche voller Gegensätze und Einsichten. Bleiben Sie neugierig — wir sind nächsten Freitag wieder für Sie da und bringen neue E‑Books, die überraschen und nachklingen. Herzliche Grüße vom EDITION digital‑Team.

 

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