Pflicht, Unfall und väterliche Wege Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis
(Pinnow, 30.10.2026) Fünf Erzählungen führen diese Woche in Momente, in denen Entscheidungen Spuren hinterlassen: ein Jagdflieger, der zwischen Dienstpflicht und Gewissensnot steht; eine schonungslose Trauerrede, die Lebenslinien freilegt; ein Naturbeobachter, der geduldig im Versteck ausharrt; ein Junge auf der Suche nach einer Wunderblume; und eine Familienchronik, die Generationen über Zeiten und Ideologien verbindet. Zusammen zeigen die Texte, wie persönliches Wollen, Zufall und historische Kräfte sich verknoten und Zukunft gestalten.
Vom Freitag, dem 30. Oktober, bis Freitag, dem 6. November 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.
Sturz aus den Wolken von Jürgen Leskien
Diesen Sommerabend wird der Jagdflieger Lindner sobald nicht vergessen. Als er von seiner Freundin Inge zurückkommt, erwartet ihn sein Vorgesetzter.
Nun weiß er wieder: Er hatte Befehl, die Wohnung während des Bereitschaftsdienstes nicht zu verlassen. Aber da war der beunruhigende Anruf, da war die Sorge um Inge, die verunglückt sein sollte, und er war ohne Zögern zu ihr gefahren. Lindner begreift an diesem Abend, dass er nicht nur Inges Vertrauen aufs Spiel gesetzt hat. Er schweigt, aber es fällt ihm schwer, mit einer Lüge zu leben. Als er endlich redet, ist es fast zu spät.
Die Sache mit Maria von Herbert Otto
Ein Reh tauchte plötzlich von links auf, ganz dicht. Der Fahrer hatte noch sachte gebremst, es fehlten nur Zentimeter. Mit hundertzwanzig voll auf ein Tier dieser Größe. Amen.
Alles wäre weitergegangen ohne sie.
Und Willi wäre dran gewesen mit der Rede. Ungeschminkt, das war die Bedingung.
Trauergäste. Macht eure längsten Gesichter. Wo, zur Hölle, stand das nur wieder. Also, Leute. Dieser hier, Robert Gassen, Rohrschlosser von Natur, Kommunist mit stark anarchistischem Einschlag, Trunkenbold und Schürzenjäger, immer zwischen Held der Arbeit und Parteiverfahren - dieser, Trauergäste, starb unverdient früh.
Er hat gern gelebt, aus vollem Halse.
Es kotzte ihn an, und er liebte es.
Die Mathematik liebte er, einen Großbau beherrschte er. Fast alle Mittel waren ihm recht, wenn er einen Kessel baute und Termine hielt. Oder wenn er ein Weib wollte. Er hinterlässt einundzwanzig Dampferzeuger, den letzten unvollendet. - Er hasste die Heuchelei, die Selbstsüchtigen und die Bürokraten, die er reizen konnte bis zu Infarkt und Magengeschwür. Er empfing noch die Würde eines Oberingenieurs. Direktor für Produktion zu werden, lehnte er strikt und bis zum letzten Augenaufschlag ab; denn zu seinem Weltbild gehörte die Vorstellung, jeder solle genau den Platz in dieser Gesellschaft einnehmen, den auszufüllen er imstande sei. Er hinterlässt Mariechen, die noch nichts weiß und die wir nicht finden konnten. Vielleicht ahnt sie etwas. Denn sie war anders. Und auch er zu ihr. Und war schon geändert worden durch sie. Das fing eben an: das Hinausdenken über sich selbst und auf sie. - Sterben wollte er in Gummistiefeln. Gestorben ist er in den beigefarbenen Schuhen, den einzigen, die er besaß, und in dem billigen grauen Flanell, den er widerwillig anzog und nur selten oder wenn es Orden gab. Dieselben sehen Sie dort links, Trauergäste. Bis auf einen, der verlorenging. Und bis auf die, die ihm nicht verliehn wurden, obwohl er sie verdient hatte. Denn ein Held, Trauergäste, war er nie. Ein Held hat rund zu sein, wie wir wissen ...
Durch Urwald und Dünensand von Wolf Spillner
Für dieses Buch ist Wolf Spillner fast dreißigtausend Kilometer gefahren und viele Hundert Kilometer gewandert und geklettert. Bekannte und unbekannte Pflanzen und Tiere in geschützten Landschaften wollte er beobachten und fotografieren, um darüber berichten zu können. So kam er in verschiedene Naturschutzgebiete und Nationalparks in der Volksrepublik Polen, in der CSSR und in der DDR. Von den Seen der wilden Gänse und seltenen Schwarzhalstaucher seines mecklenburgischen Dorfes, über die im Frühjahr und Herbst die Seeadler fliegen, ist er zu den scheuen Wisenten gefahren und vor ihnen davongerannt. Durch glutheißen Sand der Wanderdünen an der Ostsee ist er gestapft und durch den Sommerschnee der Hohen Tatra, dort, wo die Karpatengämsen leben. In den regennassen Waldbergen der Bieszczady hat er den Schwarzstorch auf seinem Nest gesehen und die seltene, kleine Orchidee Korallenwurz auf der Insel Rügen. Unter der Tarnkappe seines Versteckzeltes hat er mit Notizbuch und Kamera auf Bäumen und im Sumpf, zwischen Felsgeröll und im Schnee gesessen, um die scheuen Tiere zu belauschen und Bilder von ihrem Leben für dieses Buch zu sammeln. Das war nicht immer leicht. Aber es war immer schön, denn viele freundliche Menschen, die sich in den Reservaten und Nationalparks um den Schutz der Natur sorgen, haben ihm sehr geholfen. Nur so konnte dieses Buch im Laufe einiger Jahre entstehen. Spillner hat viel von der Schönheit der Natur gesehen und doch nur einen Teil vom Reichtum unseres blauen Planeten.
Rote Elefanten und grüne Wolken für Till von Jürgen Leskien
Till ist allein auf der Ferieninsel geblieben, der Vater musste plötzlich nach Afrika fliegen. Der Junge ist traurig, was soll er mit diesem Tag beginnen ... Er wird in die Berge wandern und die Wunderblume für den Vater suchen, die ihm ein langes Leben geben soll. Solch ein Wanderweg ist beschwerlich, viel gibt es zu beobachten: Fischer im Hafen, Arbeiter an der Dieselramme und Fräulein Wogenstein, die rote Elefanten und grüne Wolken zeichnet ...
Schloss Karnitten. Der Weg der Väter von Manfred Kubowsky
Der Friday for Future‑Titel der Woche ist Schloss Karnitten. Der Weg der Väter. Manfred Kubowskys Roman spannt eine Familiengeschichte über dreihundert Jahre und macht deutlich, wie Entscheidungen, politische Umbrüche und gelebte Erinnerung Lebenswege bis in die Gegenwart prägen. Gerade weil das Buch Verantwortung über Generationen thematisiert und zeigt, dass unsere Gegenwart die Folge längerer Handlungs‑und Fehlentscheidungen ist, stellt es eine literarische Brücke zu den Forderungen von Friday for Future nach Verantwortung für kommende Generationen her.
Vielfältige Recherchen führen den Autor zunächst in das Russland um 1700. Hier begegnet er dem russischen Landadligen Petrus Dobrovskij, dessen Nachkommen sich in halb Europa verstreuen. Ein zentraler Punkt ist das Schloss Karnitten eines walisischen Barons in Ostpreußen, wo der junge Schlossgärtner Gustav sein Vaterland verlässt, um in Potsdam Wildpark die Königlich Preußische Gärtner-Lehranstalt zu besuchen. Erst kaisertreu und später mit nationalsozialistischer Gesinnung wird er in der Prominentensiedlung Kolonie Alsen in Berlin-Wannsee leben. Sein Enkel wird im Osten Berlins geboren und wächst in die DDR und in das später wiedervereinigte Deutschland hinein.
Es ist die überaus facettenreiche Geschichte einer ost-westlichen Familie über dreihundert Jahre, beeinflusst von den Ereignissen dieser Jahrhunderte und deren Protagonisten, von Katharina der Großen, über die Preußenkönige, Kaiser Wilhelm II., u.a. bis in die heutigen Tage hinein...Das Buch liest sich, wie wenn man lange Abende mit einem Freund verbringt, der Geschichten aus seiner Familie erzählt, gehörte und selbst erlebte, und die gehörten erzählt er wie selbst erlebte. Er durchquert dabei dreihundert Jahre deutscher Geschichte, springt aus älteren in neuere Zeiten, geht zurück in die Stationen dazwischen, um wieder ins Heute zu kommen. Man liest dramatische und anrührende Geschichten, komponieert in einer ungewöhlichen Abfolge. Man findet interessante Einsichten und Perspektiven und kommt an in der Weisheit Salomons, des Predigers. Und doch will der Erzähler nicht resignieren: sein Roman ist anregend-streitbar, lustvoll. unterhaltsam, melancholisch-hoffnungswillig.
Dr. phil Jürgen Borchardt, Germanist, Schwerin
Die Leseproben öffnen je ein knappes Fenster auf einen Schlüsselmoment: das stockende Schweigen eines Mannes nach einer folgenschweren Nacht; eine zupackende, fast zynische Trauerrede; das geduldige Lauschen eines Beobachters im Tarnzelt; die abenteuerliche Suche eines Jungen auf einer Ferieninsel; und der Auftakt einer Stimme, die Familiengeschichte über Jahrhunderte erzählt. Jede Passage setzt Ton, Figur und die Frage der jeweiligen Erzählung unmittelbar in Szene.
Sturz aus den Wolken von Jürgen Leskien
Ein Sommerabend, die Maschine gelandet: die Stelle lässt uns beim Piloten zurück, der die Last einer Dienstentscheidung und das Gewicht einer Lüge spürt.
An Mutter Fiedlers Gartenzaun lehnte Hölzers Fahrrad. Wollte er heute zum Schachspiel? Das konnte nicht sein wie hatte ich das vergessen können: Unsere Kette hatte Bereitschaftsdienst! Wir mussten uns in unseren Wohnungen aufhalten! Mir wurden die Knie weich.
Schon auf der Treppe roch ich den Zigarettenrauch. Als ich ins Zimmer trat, stand Hölzer auf. Meinen Gruß erwiderte er nicht. Er hatte die Tischlampe im Rücken, ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Auf dem Nachtschrank tickte der alte Wecker. Um die Lampe herum summten Insekten. Man hörte sie gegen den Lampenschirm stoßen. Ich wagte nicht zu schlucken, so ruhig war es.
Hölzer hatte die Ärmel der Uniformbluse bis zum Ellbogen hochgeschoben. Als er die Zigarette heftig in den Aschenbecher drückte, war alles klar.
Wo kommst du jetzt her?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, brüllte er los:
Wir hatten Alarm! Da staunst du, du Depp!" Er ging zum Fenster und schloss es. Die Scheiben klirrten.
Wir wurden gebraucht, Ballons sind eingeflogen, und wir haben sie abgeschossen!" Er streifte die Ärmel herunter. Welchen Nutzen hat deine ,Hohe Schule der Fliegerei', du bist nicht da, wenn man dich braucht. Du erlaubst dir, ohne dich abzumelden, in der Weltgeschichte herumzufahren. Überlege dir die Folgen!" Er hieb mit der Faust auf den Tisch.
Ich kannte meinen Kettenkommandeur, der sonst ruhig und überlegt Entscheidungen fällte, der geduldig Fehler in der Steuertechnik auswertete, nicht wieder.
Natürlich ist er zuverlässig. Immer pünktlich zum Dienst, der Genosse Unterleutnant Lindner, exaktes militärisches Auftreten, Männchen bauen: Jawohl, Genosse Oberleutnant', ,Zu Befehl, Genosse Kommandeur', aber ansonsten teilt der Herr seine Zeit selbst ein. Sei still! Ich möchte wetten, du warst bei dieser Inge! Aber das eine sage ich dir "
Sein Gesicht war ganz dicht vor mir, ich spürte den Zigarettenatem auf der Haut. Unvermittelt trat er zurück, zog die Bluse über den Hosenbund und stelzte zum Fenster. Ich habe dich beim Stabschef krankgemeldet, Magenverstimmung, du liegst im Bett. Dem Melder, der dich alarmieren sollte, wurde nicht geöffnet. Ich habe einen Ersatzmann besorgt." Er sagte das leise und kam auf mich zu. Oder dachtest du, wir lassen uns durch dich um alles bringen?!"
Er stand vor mir, den Kopf etwas zur Seite geneigt, die Hände in den Hosentaschen. Morgen dann wie immer." Ganz ruhig nahm er die Mütze vom Türhaken. Bevor ich ein Wort herausbekommen hatte, polterte er schon die Treppe hinunter. Die Haustür fiel ins Schloss.
Dann waren nur noch das Ticken des Weckers und die Falter am Lampenschirm zu hören.
Was hatte ich angestellt! Es ging Hölzer um die Auszeichnung für die Kette, es ging ihm um die verdiente Anerkennung der Leistung eines Jahres. Kuhlmann, Sanders und alle anderen, die Anteil daran hatten, was würden sie sagen. Sie hatten gearbeitet, hatten immer wieder probiert, oft hatten wir stundenlang zusammengesessen. Hölzer hatte mit mir noch das Schießen auf Erdziele durchgesprochen, wenn die anderen die Dienststelle längst verlassen hatten. Auf dem Raucherplatz am Wäldchen saßen wir, und Hölzer zeichnete Skizzen in den Sand, wischte sie fort und zeichnete wieder. Geduldig, bis er sicher war, dass ich es begriffen hatte.
Wir waren gut, besser als die anderen und darum zur Auszeichnung durch den General vorgeschlagen! Und nun?
Es waren Ballons gewesen, die abgeschossen werden mussten, bevor sie irgendwo unkontrolliert explodierten. An ihnen hatten zentnerschwere Pakete gehangen. Der Westwind sollte sie ins Land treiben. Und wenn sie uns nicht die Flugblätter, sondern ihre Jagdbomber geschickt hätten! Auch dann hätte ich gefehlt.
Im Gefechtsstand hing die große beleuchtete Tafel. Gleich unter den Namen der Flugzeugführer, die ständig an den Maschinen Dienst hatten, waren Lindner, Sanders, Kuhlmann und Hölzer" eingetragen. In einer halben Stunde startbereit. Die Sirene! Fünfzehn, zwanzig Minuten!
Wer hat Lindner gesehen? Wo ist der Mann?
Der Anruf: die Frau schwanger und verunglückt! Nur, danach hätte niemand gefragt, wenn durch meine Schuld ein Mensch umgekommen wäre, ein einziger nur.
Ich war auf dem Bett eingeschlafen.
Früher als sonst ging ich am nächsten Morgen zur Dienststelle. Im Speisesaal blätterte ich in den neuesten Zeitungen. Eine Nachricht auf der zweiten Seite trieb mir den Schweiß auf die Stirn. Ich faltete die Zeitung zusammen, ließ das Frühstück stehen. Mir wurden die Hände feucht, und ich war froh, dass mir niemand begegnete. Im Dienstzimmer las ich es noch einmal. In der Nähe der Staatsgrenze West war ein Ballon explodiert! Die brennenden Fetzen hatten den Dachstuhl eines Kindergartens entzündet. Ein Kind war schwer verletzt Ich hätte nicht zu Inge fahren dürfen, nicht während des Bereitschaftsdienstes. Fluchtartig verließ ich das Zimmer. Auf dem Flur lief ich dem Arzt in die Arme.
Du hast feuchte Hände, mein Junge, und siehst käsig aus."
Das Mach-dich-frei" des Arztes überhörte ich fast.
Die Hosen kannst du anbehalten!"
Sag mal, Doktor, eine Brandwunde, kann die völlig verheilen? Ich meine so, dass keine Narbe zurückbleibt?"
Hole mal tief Luft es kommt ganz darauf an. Man kann mit Hauttransplantationen allerhand machen. Ein Mädchen hat einer blinden Frau ein Auge geopfert, Hornhautverpflanzung. Müsste mit einem Stück gewöhnlicher Haut ebenso möglich sein. Also, du spürst nichts? Und wenn ich hier klopfe?"
Schon gut, Doktor, ich bin nicht krank."
Musst mehr schlafen, Sportsfreund, und abends öfter mal einen ausgedehnten Spaziergang machen. Fliegen kannst du, alles o. B."
Dieter würde ich nichts vormachen können. Er würde mir meine Entschuldigung nicht abnehmen, er würde es nicht zulassen, dass ich mich hinter einer Ausrede verstecke. Er ist durch Krieg und Nachkrieg hart geworden, hart gegen sich und gegen andere. Sein Vater wurde von einer Mine zerrissen, die Mutter von den Puffern eines Kohlenzuges zerquetscht. Vom Kinderheim trug er seine Koffer ins Lehrlings-Wohnheim. Die Wochenenden verbrachte er auf dem Segelflugplatz, nach der Lehre ging er zur Fliegerschule.
Dieter hat sie durchlebt, die Angst um die Sache, die einem ans Herz gewachsen ist. Wie gern wäre er Flieger geblieben!
Mein Verhalten wird er ablehnen. Wenn es nach ihm geht, sitzen wir in spätestens einer Stunde bei den anderen, bei Kleinert. Aber damit ist niemandem geholfen. Für Hölzer bin ich dann erledigt. Sanders wird sagen: Pech für uns, junge Hunde kleckern eben mal auf den Teppich, doch der lässt sich reinigen." Kuhlmann, da bin ich sicher, schlägt mit der Faust auf den Tisch.
Die Sache mit Maria von Herbert Otto
Vor dem Sarg und vor der Gemeinde entfaltet sich hier eine Rede, die ein Leben in rohen Bildern abtastet und die Widersprüchlichkeit einer Figur freilegt.
Es war sieben oder acht Jahre her, dass er sich hatte überreden lassen, ein Auto zu kaufen. Er wusste nicht mehr genau, von wem.
Der alte Pobjeda war sein Dienstauto gewesen und verfiel zusehends; die Zylinder waren hoffnungslos ausgeschlagen, Radlager und Getriebe zum Teufel, die Bodenbleche durchgerostet. Er fuhr nur noch im dritten Gang und rückwärts überhaupt nicht. Aber doch kaufte Robert das Auto vom Betrieb. Für neunundsiebzig Mark. Das war der reine Schrottpreis; Papiere und Nummernschild wurden eingezogen.
Da er weder Zeit noch Lust hatte, das Wrack wieder aufzubauen, stand es neben der Baubude. Gelegentlich fragte einer, ob er nicht den Anlasser haben könnte oder die Lichtmaschine. Oder sonst etwas. Nehmt euch, was ihr wollt. Den Rest schleppte Oskar ab, der mit seinem Wagen und dem Pferd Flocke fürs Kombinat Transporte machte. Er bekam ein Fläschchen Getreidekorn extra, hatte aber längst einen Käufer, der vierhundertfünfzig Mark zahlte; Oskar feierte das, fehlte am nächsten Tag, und es hieß, die Feuerwehr habe im Morgengrauen Mann und Pferd und Wagen von der Autobahn entfernt, wo Flocke zwischen Lübbenau und Vetschau graste und spazieren ging.
Nun wieder ein Auto. Edgar, der inzwischen gekommen war und bei ihnen wohnte, lag ihm in den Ohren. Der Mensch muss beweglich sein. Ein Mann wie du. Beweglichkeit ist alles. Schnuppe gut und schön. Er kann einen Unfall machen und die Hütte in Klump fahren.
Wie stehst du dann da. Oder nachts musst du mal irgendwohin. Dringend. Also. Ich besorg dir, was du willst. Wolga oder Moskwitsch. Einen Opel, Baujahr zweiundsechzig. Musst nur sagen, was du willst. Handelszentrale. Keine krummen Dinger.
Edgar musste vermitteln, besorgen, überreden. Er konnte nicht anders und schaffte es. Bring irgendeinen. Dreihundertelfer Wartburg. Ja doch. Alles. Nur keinen Pobjeda.
Edgar erwähnte noch zwei Elektriker, die er an der Hand hätte und die sie dringend brauchen könnten, um die Schweißmaschinen instand zu halten.
Na, hol sie her, sagte Robert. Worauf wartest du?
Und Wohnung? Sie sind aus Riesa.
Da lässt sich was machen, sagte Robert. Obwohl er wusste, dass sie im Augenblick keinen Anspruch auf Wohnraum hatten und nur der Umweg über Hanna blieb, was ihm aber nicht gefiel. Er verdrängte die Sache und vergaß die Elektriker. Vorübergehend.
Um Weihnachten konnte er mit dem eigenen Auto, Baujahr fünfundsechzig, zu Marlene. Drei Tage ihrer Freischicht wollten sie zusammen bleiben. Gemeinsamer Einkauf, essen gehen, Spaziergang, bei ihr zu Hause trinken, schlafen, aufwachen, weiterschlafen, wach werden von Geklapper. Frühstücken. Beim Abwasch in der Küche trällert Mariechen. Später wegfahren, um einen Weihnachtsbaum zu finden.
Aus einer Schonung nehmen sie eine magere Kiefer mit, die sie zu Hause herausputzen. In der Küche stehen und zusehen bei Fischpfefferkuchentunke. Petersilienwurzel fehlte. Das Rezept stammte von der Oma aus Pommern, die auf einem Friedhof geheiratet hatte.
Würdest du auf einem Friedhof heiraten?
Und die vielen Gewürze auf dem Regal. Jetzt machst du die alle da rein?
Nicht alle und nicht jetzt.
Nach dem Essen noch Mohnklöße, einen Brahms anhören, trinken. Immer zusammen.
Sie schenkte ihm ein Hemd mit Streifen, was modern war und zu dem er Fleischerhemd sagte. Er schenkte ihr nichts. Nur seine Gegenwart. Drei Tage und drei Nächte lang. Er musste weit zurückgehen in der Erinnerung, ehe er auf etwas Ähnliches stieß. Mit Lisa hatte es das gegeben. Mit Elfriede. Und dann noch einmal mit Alice. Seitdem aber nicht mehr.
Er bekam eine Ahnung von Familienleben, fand jedoch nicht heraus, was ihn daran störte. Mariechen war es nicht. Sie wirkte glücklich. Mit ihren kurzen steifen Zöpfen sah sie lustig aus und besonders jung. Der Punsch, den sie machte, enthielt wieder viele Zutaten, und dass er ihn nicht mochte, enttäuschte sie. Er schmeckt wie ... Na, wie denn.
Wie Volkskunst, sagte er.
Und sie sagte: Versuch mal ein Substantiv zu bilden aus Blö und Dian.
Später bekam sie Kopfschmerzen. Nein, du qualmst zu viel. Fenster auf, und draußen der Heilige Spätabend, die Straßen und der Platz lagen wie ausgestorben. In die Kirche. Wieso Kirche. Sie kam darauf, weil sie früher mit Großmutter nachts in die Messe gingen, gelegentlich, wenn Vater guter Laune war und es zuließ. Und guck dem Pfarrer auf die Finger, beeindruckt hatten sie die Kerzen, der Geruch und die Stimmen und dass man nicht sprechen durfte. Irgendwann würde sie wieder gehen. Heute nicht.
Durch Urwald und Dünensand von Wolf Spillner
Unter Tarnnetz und im Sumpf: diese Passage nimmt uns mit in das stille Beobachtungslager, wo Notizbuch, Kamera und Geduld das Verhältnis von Mensch und Natur ausloten.
Über diese Seen fliegen viele Vögel. Das Trompeten der Kraniche klingt dort im Frühjahr und Herbst, der klagende Flötenruf der Brachvögel im späten Sommer und das Geschrei der Blessgänse bis in den Winter hinein. Im Frühjahr und Sommer werden die beiden Seen von den Vögeln nicht nur überflogen, dann sind die kleinen Inseln, die weiten Schilfzonen und die verkrauteten Flachwasserbuchten Brutstätten und Mauserplätze. In dieser Zeit verstummen die Vogellaute nie, nicht am Tage und nicht in der Nacht.
Die Seen sind nicht sehr groß. Wenn die Kraniche in winkligen Flugkeilen am blassen Frühjahrshimmel zu ihren Brutplätzen ziehen, überqueren sie das Wasser und die Schilfwälder unter sich in wenigen Minuten. Wie zwei seichte Schüsseln liegen die Seen im flachwelligen Land nebeneinander. Aus der Höhe ihres Fluges könnten die Kraniche weit zur Linken die Türme der Stadt Wismar und dahinter die Ostsee erkennen und fern im Süden die Bezirksstadt Schwerin. Um die Seen breiten sich Felder, im Westen schließt sich ein Torfmoor an, und vier Dörfer liegen rund um die Seen.
Die Kinder aus den Dörfern können in diesen Seen nicht baden. Das Wasser ist zu flach und der Seegrund mit einer dicken Schicht verrottender Pflanzen bedeckt. Und wenn das Wasser warm genug zum Baden ist, dann wird es dicht von Wasserpest, Wasserschlauch und anderen Pflanzen durchzogen. Algen bilden auf seiner Oberfläche große, gelbgrüne Teppiche. Millionen und aber Millionen brauner und roter Wasserflöhe tanzen im Wasser zwischen den Pflanzen umher. Wer mag in solcher »Suppe« aus Wasserflöhen baden? Die Kinder fahren daher zum tiefen Rugensee, zur Ostsee oder zum großen Schweriner See.
Die Vögel aber lieben die Seen mit den vielen Wasserpflanzen. Auch jene Wasservögel, die an anderen Gewässern schon selten geworden sind, nisten dort. Deshalb stehen die Seen zwischen den Feldern von Bobitz und Drispeth, Wendisch Rambow und Dambeck unter Naturschutz. Kein Jäger darf hier den Gänsen und Enten nachstellen, kein Angler mit seinem Boot die Trauerseeschwalben, Schwarzhalstaucher und Bartmeisen stören. Das Naturschutzgebiet Dambecker Seen gehört den Wasservögeln.
Rote Elefanten und grüne Wolken für Till von Jürgen Leskien
Allein auf der Ferieninsel: der Text folgt einem Jungen auf verschlungenen Pfaden, auf der Suche nach einer Wunderblume eine Szene voller Neugier, Einsamkeit und kindlicher Einbildungskraft.
Auf dem Weg kommen Till Kinder entgegen. Er kriecht schnell durch den Weidezaun. Beim Bücken reißt ihm der Wind den Umschlag aus der Hand und weht ihn über die Weide.
Till hat die Zeitung an die Brust gedrückt und sieht dem Telegramm nach. Es flattert, fällt ins Gras, wird wieder hochgerissen. Und wenn ich es einfach davonfliegen lasse? überlegt er.
Das Telegramm bleibt in einem Strauch am anderen Ende der Weide hängen. Till schlägt Haken um die Maulwurfshügel. Er hat es nicht eilig.
Der Umschlag ist aufgerissen, die Klappe zittert wie ein Wimpel. Till geht nahe heran. Ein Wort ist zu lesen Interflug. Die Zweige schlitzen das Papier weit auf, als Till es hastig aus dem Geäst zieht. Er streicht das Telegramm auf seinem Knie glatt. Den Umschlag treibt der Wind fort.
Außergewöhnlicher Flug, liest er, Urlaubsunterbrechung für drei Tage notwendig. Start Freitag, 6.7., 10 Uhr. Kienbaum, Interflug.
Till springt auf. Freitag, das ist ja schon morgen!
Er sieht auf die Zeitung, dort steht: Donnerstag, 5. Juli. Freitag, Sonnabend, Sonntag; danach bleiben ihnen nur noch vier Tage im Ferienhaus!
Till faltet das Telegramm zusammen. Und wenn es vorhin wie ein Vogel davongeflogen wäre? Noch einmal knifft er das Papier. Nun ist es nicht größer als ein eingewickeltes Bonbon. Er steckt es in die Brusttasche. Das Telegramm plustert sich in der Tasche auf. Till schaut an sich herunter. Man sieht, dass ein Telegramm in der Tasche steckt, denkt er.
Ein Pferdewagen zuckelt vorbei. Er ist hoch mit Koffern bepackt, Urlauber sind angekommen. Till läuft ein Stück hinter dem Wagen her, dann stapft er durch den Sand zu den Dünen.
Am Strand steigen die ersten Bälle in den Morgenwind.
Schimpfend kurven die Möwen zum Hafen ab.
Vom großen Stein hinter den Dünen kann Till weit sehen: klein und fern die Dieselramme, auf halbem Weg zu den Bergen mit dem Leuchtturm. Dort oben zwischen Dornen soll die Wunderblume wachsen.
Er hält die Hand über die Augen. Das ist ein weiter Weg. Einen ganzen Tag muss man wandern, bis die Berge erreicht sind. Till kennt außer Herrn Wolters niemanden, der dort oben war.
Der Wind fährt zwischen die Zeitungsblätter, es raschelt laut. Erschrocken greift sich Till an die Brust.
Das Telegramm steckt noch in der Tasche.
Was würde Herr Wolters sagen? Uber Telegramme haben sie noch nicht gesprochen.
Till dreht dem Meer den Rücken zu, sieht zu den weißen Häusern auf der Wiese. Auf dem Weg zum Hafen gehen Leute mit großen bunten Taschen.
Sein Freund Peter Tiefensee, der mit den Eltern die obere Etage des Ferienhauses bewohnt, ist heute nach Stralsund gefahren. In Stralsund kann man lebende Seepferdchen besichtigen, sagt Peter.
Peter ist schon zehn Jahre alt, ob er solch ein Telegramm davonfliegen ließe?
Till sieht den Vater aus der Tür treten. Unter den Armen trägt er ihre Schlafsäcke. Er hängt sie über die Wäscheleine.
Till springt vom Stein herab in den Sand und läuft über den Wiesenweg zum Haus.
Herr Wolters, ja?
Der war schon weg, ruft Till aus der Küche. Er steht vor den umgestülpten Tellern und Tassen. Vater hat abgewaschen. Bevor Till das Geschirrtuch vom Haken nimmt, sieht er zum Fenster hinaus. Es ist so, wie er es befürchtet hat. Der Seewind hat die Wolken, die über dem Meer angesegelt kamen, ins Land geschoben. Die erste Wolke blieb irgendwo im Süden an einem hohen Berg oder an einem Felsen hängen. Dann kam eine nach der anderen und konnte nicht weiter. Still liegen sie dicht gedrängt nebeneinander, werden immer mehr. Das Himmelsblau verschwindet. Sie werden dunkel vor Ärger, weil sie nicht weitersegeln können. Die Sonne wärmt ihnen die Rücken, sie aber zeigen den Menschen auf der Erde ihre grauen Bäuche.
So weit Till sehen kann, bedecken die Wolken die Insel. Nur fern auf dem Wasser blitzt noch ein Sonnenfleck. Das macht traurig, denn bedeckter Himmel ist das Zeichen zum Aufräumen gleich nach dem Frühstück. Sonnenwetter aber heißt: nach dem Essen sofort an den Strand.
Was meinst du, Till, ob wir die Fahrräder durchsehen?
Und baden?
Später, wenn es wieder sonnig ist.
Till baut die abgetrockneten Tassen auf. Fünf sind es. Eine ohne Henkel, dafür ist sie mit schönen Schiffen bemalt. Aus der hat bestimmt heute Peter getrunken. Peter hat es gut, dort bei den Seepferdchen. Und ich muss mit dem Telegramm allein fertig werden.
Alles ist abgetrocknet. Till stemmt die Arme in die Seite. Er sieht zu den Blumen, die auf dem Regal stehen. Eigentlich hat er beschlossen, die Blumen vertrocknen zu lassen. Den Strauß brachte Fräulein Schlohmeier. Sie fasst Till immer gleich ins Gesicht, und ihre Hände haben schwarz lackierte Fingernägel.
Aber die Blumen können sich gegen Fräulein Schlohmeier nicht wehren, denkt Till, ebenso wie ich unser Haus nicht wegzaubern konnte, als sie über die Wiese gelaufen kam.
Das Regal ist hoch. Er stellt sich auf die Zehenspitzen.
Was machst du mit den Schlohblumen?
Till fährt zusammen. Blumen und Wasser regnen auf ihn herab. Aber die Vase hält er fest in den Händen. Der Vater schüttelt den Kopf.
Gib her! Zieh dir einen Pullover an!
Als Till das Hemd auf die Leine hängt, beobachtet er misstrauisch den Vater. Sorgfältig schneidet er von jedem Blumenstängel ein Stück ab. Till sieht, wie von Vaters Augen das Lächeln abwärts zum Kinn wandert. Der Vater sieht Till an.
Die Schlohmeier ist nichts für uns, was?
Genau, sagte Till schnell, schwarze Fingernägel sooo lang! Doch die Blumen können nichts dafür.
Der Vater reicht ihm die Vase: Lass Wasser ein!
Till stellt die Vase unter den Wasserhahn, er dreht sich zum Vater um. Der fegt bedächtig mit der Hand das Grünzeug auf dem Tisch zusammen. Till scheint es, als trüge der Vater die abgeschnittenen Blumenstängel sehr behutsam zum Abfalleimer. Wasser sprudelt über den Rand der Vase und besprenkelt Tills Pullover. Er sieht an sich herunter. Till erstarrt vor Schreck. Das Telegramm!
Das Hemd zappelt übermütig an der Wäscheleine, ein Ärmel umschlingt Tills Hals die Brusttasche ist leer. Till läuft zwischen den Wäschepfählen umher. Er sieht die kreischenden Möwen über dem Dach und das Bonbonpapier von gestern und zwei ausgeblichene Kinokarten und einen kleinen eingerissenen Zettel, auf dem steht: Es gibt Pampelmusen im Konsum. Herzlich I. Schlohmeier. Allerlei liegt im Gras. Till springt von Fleck zu Fleck, aber es sind nur Blumen, Steine mit hellen Buckeln und fremde Papierschnipsel.
Der Vater schiebt das Rad aus dem Holzschuppen.
Das Telegramm ist weg! Till sieht den Vater an und beißt die Zähne zusammen.
Komm schon, nimm mir das Rad ab. Der Vater ist ungeduldig. Er bleibt stehen. Welches Telegramm?
Von der Frau Schliebhacke!
Till lehnt das Rad an die Gartenbank. Ich habe es in die Brusttasche gesteckt.
Nun mal nacheinander! Der Vater setzt sich.
Schloss Karnitten. Der Weg der Väter von Manfred Kubowsky
Ein Erzähler beginnt, Ahnennamen zu nennen und Orte zu betreten: die Probe stimmt den Ton einer Familienchronik an, in der persönliche Schicksale und historische Ereignisse ineinander greifen.
Petja döst in dem über die holprige Sandstraße rumpelnden Wagen. Ach, waren das Zeiten gewesen, als sie noch so jung waren, so verwegen, so tatendurstig. Gewiss, der Vater hatte harte Arbeit auch von ihm verlangt, von wegen Allüren als Gutsherrensöhnchen, wegen der zweihundert Seelen, die ihnen gehörten, das hatte der Alte ihm frühzeitig ausgetrieben. Da hieß es, mitzuschuften von früh an, oft bis in den späten Abend hinein; Ställe auskehren, zur Ernte auf die Felder fahren, Kühe treiben, die Pferde striegeln, aber doch hatte er auch seine Spielräume. Nicht selten ritt er mit Gawrilo wie der Teufel über die Felder, von einer ungeheuren Staubwolke eingehüllt, da gab es kein Halten, kaum ein Hindernis.
Einmal waren sie auf dem Rückweg nach Dobrovo, an einem Junitage, gegen Abend, die Sonne hatte sich schon dem Waldsaum genähert und mit ihrem Gold die ganze Landschaft rings übergossen, da kam ihnen eine Reiterschar entgegen, eine Eskorte offenbar, denn ihr folgte eine mit sechs Rappen bespannte, große und prächtige Kutsche. Sie wichen zum Feldrand aus und blieben stehen, und kurz bevor die Kutsche sie erreicht hatte, hörten sie einen scharfen Befehl und der ganze Tross kam sofort zum Stillstand. Aus dem Kutschenfenster beugte sich ein Herr in feiner Kleidung. Er trug das Haar ungewöhnlich kurz geschoren und dazu einen kecken Schnurrbart. Petja erkannte ihn sofort: heilige Mutter Gottes, der Zar, Väterchen Zar, Peter, der Große, wie er allenthalben genannt wurde! Er raunte Gawrilo die Neuigkeit zu, schnell sprangen sie von ihren Pferden, verneigten sich tief, fast bis zum staubigen Boden, vor Seiner Heiligen Majestät.
Peter winkte kurz, herrisch, mit der linken Hand und sprach sie an:
He, ihr jungen Dachse, wer seid Ihr, was treibt Euch so spät noch in diese elende Wildnis?
Halten zu Gnaden, Euer Majestät, sprach Petja,
Petrus Dobrovskij, Gutsbesitzerssohn, und das ist mein guter Freund Gawrilo. Wir sind noch ein wenig ausgeritten, um die Pferde immer gut in Form zu halten, sollen doch keine Schlafmützen werden, halten zu Gnaden, Euer Majestät...
Petrus? Guter Name, gilt er mir oder dem Heiligen? Sagt nichts, er gilt uns beiden nicht wahr? Parbleu! Das kann nicht Euch gelten! Wenn hier einer heilig ist, dann bin ich das, versteht Ihr?
Wie Ihr befehlt, Euer heiliger Petrus Majestät!
Worauf der Zar in ein dröhnendes Lachen ausbrach und in die Hände klatschte, das ist gut, das ist prächtig, nicht wahr, Seldowsky, ha, ha, heiliger Petrus Majestät...
Der Kaiser krümmte sich vor Lachen.
Ach Söhnchen, Petrus Dobrovskij, war´s nicht der Name, Dobrovskij? Vom Gut Dobrovo? Wartet, kenne doch Euren Vater, war früher Offizier und in Petersburg stationiert. Warum seid Ihr, junger Mann, nicht beim Militär? Nein, antwortet nicht, Ihr Söhnchen, muss auch prächtige Gutsleute geben, florierende Landwirtschaft; was hätten wir sonst in unseren silbernen Schüsseln, gäbs unsere tüchtigen Landleute nicht, ist es nicht so, Seldowskij, wandte er sich lachend an den neben ihm sitzenden Herrn, der im Gegensatz zu ihm eine gewaltige, lockige und ziemlich albern wirkende Allongeperücke trug.
Par exzellence, Euer Majestät, klug gedacht, sehr klug, eminent klug, wie immer, Herr...
Ach, hört auf, klug, klug, klug, Ihr redet wie ein Uhu, Seldowskij, das ist nicht klug, das ist selbstverständlich; die Landleute mit ihrer Arbeit, darauf steht unser Reich, Landarbeit und emsige Handwerksarbeit machen uns reich, reich und stark, versteht Ihr?
Der Zar lachte nun den Jungen zu, tausend lustige Fältchen durchzogen plötzlich sein Gesicht, und die Spitzen des schwarzen Schnurrbartes, angetrieben von dem Gelächter, zitterten und schwangen wie Grasspitzen im Wind.
Sorgt, dass das Land gut bebaut wird, dass prächtige Ernte wird, pflegt mir die Tiere, macht dass auch viele kleine kommen..., er schmunzelte jetzt schelmisch, und die Pferde, haltet Eure Pferde gut, kann sein, ich bräuchte Euch mal für Dienste zu Pferde. Reiten könnt ihr ja wie die Teufel. Nun, grüßt Euren Vater, Petja, Söhnchen fahr zu, Kutscher!
Der Tross setzte sich augenblicklich in Bewegung und war nach kurzer Zeit in einer Wegbiege verschwunden.
Ein Traum, flüsterte Gawrilo, war das ein Traum?
He, Gawruschka, wach auf! Der Zar hat uns gerade begrüßt, kein Gespenst, unser Väterchen Zar. Mutter Gottes, wenn wir das den Unseren berichten, los Gawri, auf nach Dobrovo!
Ich hoffe, diese Auswahl hat Ihre Neugier geweckt und findet einen Platz in Ihren Herbstleseplänen. Herzliche Grüße, Ihre EDITION digital‑Redaktion
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Pekrul
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Über "EDITION digital Pekrul & Sohn GbR"
EDITION digital war vor 31 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Der Verlag gibt Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher als barrierefreie E-Book heraus, einige auch als Hörbuch. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher von DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.800 Titel. Die Printsparte des Verlages war Ende 2025 von Ralf Jordan vom Geschichtlichen Büchertisch als Imprint übernommen worden.