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Sie sind hier: DDR-Autoren: Newsletter 20.11.2026 - Zwischen Nachtentscheidungen, Fußwegen und gemeinsamer Verantwortung

Zwischen Nachtentscheidungen, Fußwegen und gemeinsamer Verantwortung – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

 

(Pinnow, 20.11.2026) – Fünf E‑Books, die unterschiedliche Wege des Sich‑Entscheidens zeigen: eine lange Schicht, in der ein Mann zwischen Pflicht und Neuanfang abwägt; ein Pilgerweg, bei dem Gehen zu einer Quelle von Freude und Orientierung wird; eine Sammlung voller Spielideen, die Gemeinschaft und Heiterkeit stiften; ein Erzähler, der in einer fremden Gegenwart erwacht; und die bedrängte Flucht eines Lehrers, der in der Vergangenheit nach Halt sucht. Zusammen zeichnen sie ein Panorama von Alltagssituationen und existenziellen Momenten — Texte über das, was Menschen zusammenhält oder trennt, und über die Wege, die daraus erwachsen.

 

Vom Freitag, dem 20. November, bis Freitag, dem 27. November 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.

 

Die Nachtschicht von Wolfgang Held

 

Für Artur Milan, Meister in einem Metallwerk, wird die Nachtschicht zur Qual. Seine Frau ist nach mehr als dreißig Ehejahren von einem Besuch bei ihrem Bruder in der Bundesrepublik nicht zurückgekommen und hat ihn in einem Brief zum Nachkommen aufgefordert.

 

Soll er alles aufgeben und seine Kollegen einfach im Stich lassen?

 

Da ist seine Erinnerung an die schweren Jahre nach dem Kriege, als er trotz dauerndem Hunger ein anständiger Mensch blieb und seine Frau diese Entscheidung schweren Herzens billigte. Oder der Schweißer Krauß, der als Schieber im Gefängnis saß. Ruth Wächter gehört nach der Entlassung aus der Haft wegen Diebstahls am Volkseigentum zu seinen besten Drehern. Egon Felsner erhielt im 2. Weltkrieg für die Rettung von 18 Kameraden das Eiserne Kreuz und hat nichts dagegen, dass sein Sohn es im Bach versenkt hat. Der lebenserfahrene Meister Minde spricht von Liebe und Vertrauen.

 

Milan macht sich seine Entscheidung nicht leicht, aber am Morgen steht sie für ihn fest.

 

Die 1959 beim Volksverlag Weimar veröffentlichte Erzählung ist das erste Buch von Wolfgang Held, der über 30 Bücher und 15 Drehbücher geschrieben hat. Es stellt ein interessantes Stück Zeitgeschichte dar, spannend geschrieben ist es durchaus auch nach über fünfzig Jahren noch lesenswert.

 

Die 2300-Kilometer-Therapie. Die Story des Jakobswegs der Freude von Bert Teklenborg

 

Mit diesem Reisebericht schafft der Autor als gewissenhafter und verantwortungsvoller Routenplaner das Fundament dafür, dass der Jakobsweg selbst "zum Mittler der Freude" wird: ein Führer von Deutschland aus über Straßburg, Taizé/Cluny, Le-Puy-en-Velay, Roncesvalles nach Santiago de Compostela. Durch seine Wanderungen persönlich erfahren, schafft er die Grundlagen für siebenundsiebzig Karten, die schematisch den Wegeverlauf nachzeichnen; zahlreiche „Ausflüge“ in die Geschichte des Jakobswegs sowie viele Abbildungen ergänzen die ausführliche und exakte Beschreibung.

 

Spielen Sie mit! von Rita Danyliuk

 

Gibt es etwas Schöneres, als die Freizeit mit guten Freunden zu verbringen? Lachen und dabei lernen - wer möchte das nicht? Laden Sie alle dazu ein: "Spielen Sie mit!"

 

Fast 400 Spiele für lange Autofahrten, Ball-, Fang-, Wurf-, Schreib-, Geschicklichkeits-, Tanz-, Party-, Pfänder-, Lege-, Sing-, Mal-, Tummel-, Denk-, Lern-, Rate-, Brett-, Karten-, Würfel- und Streichholzspiele, Patiencen, Quiz, Pantomime, Wettläufe und Wettkämpfe bieten genügend Anregungen für interessante Freizeitaktivitäten mit der Familie und mit Freunden. Manch einer erinnert sich an fast vergessene Spiele aus seiner Kindheit und Jugend, bekommt aber auch viele neue Anregungen. Das Buch ist für Großeltern, Eltern, Erzieher, Kinder und alle, die sich mal von Smartphone, Tablet und Gameboy trennen können, eine Fundgrube.

 

Der Geist des Nasreddin Effendi - Originalausgabe von Alexander Kröger

 

Es ist verrückt. Und der Mann, der da erwacht, kann es kaum glauben:

 

Da lächelte die Kaufwillige, die zu einer Gruppe eigenartig angezogener hellhäutiger Passanten - zu denen noch viele Frauen gehörten - zählte.

 

Und als wurde es dem Mann erst jetzt bewusst: In der Tat, die Frauen zeigten ihre Gesichter ohne Scham, als sei es für sie etwas Alltägliches. >Oh Allah!< Und er schaute in den Himmel, der blau war, und sah über die niedrigen Schuppendächer jenseits der Straße die schlanke Spitze des Minaretts, eines Minaretts. >Ja, bin ich denn nicht in Chiwa?< Er blickte die Straße hinunter, und dort sah er, zwischen den Körpern der Leute hindurch, das Eingangstor zur Karawanserei. >Doch Chiwa ...! Aber das Minarett? Was ist geschehen? Die Frauen ohne Schleier, ein falsches Minarett? Also doch tot, in einer anderen Welt. Aber in einer, die nicht minder schön ist.< Und er sah in das Gesicht der Frau und nickte ihr froh zu.

 

Eigentlich sollte der Mann doch tot sein, hingerichtet wegen der verbotenen Liebe zu einer schönen Frau, der Frau des Chans. Aber offenbar war er nicht tot, sondern sehr lebendig und – in der Gegenwart. Aber das versteht der Mann nicht oder noch nicht. Überhaupt kommt ihm in dieser Welt vieles unbekannt, unverständlich und ungeheuerlich vor. Schließlich lebt Nasreddin Chodscha – so der Name dieses Eulenspiegels des Orients – noch ganz in seiner alten Welt. Doch wohl oder übel kommt er in der Gegenwart an und sogar in einen Kolchos, wo er Arbeit bekommt.

 

Später hat er einen Unfall, da ein Kollege in einer Kurve die Gewalt über sein Motorrad verloren hatte. So kommt Nasreddin ins Krankenhaus und zur Bekanntschaft mit einer schönen, geheimnisvollen Frau. Und die hat offenbar Interesse an ihm, wie er vom Pförtner des Provinz-Krankenhauses erfährt. Und sie will von ihm unbedingt etwas wissen: Sie lachte, stützte eine Sekunde ihre Stirn in die Hand, fuhr mit Daumen und Mittelfinger über die Augen. „Es ist also tatsächlich wahr, was die Leute sagen, du glaubst, Nasreddin, der Chodscha aus Aksehir zu sein ...?“ Sie fragte es so ernsthaft und gleichzeitig behutsam, dass er sich nicht brüskiert fühlte.

 

Diese Frau ist Anora, eine junge Wissenschaftlerin, eine erfolgreiche Archäologin, und Anora hat ein Experiment gewagt – ein erstaunliches Experiment, von dem sie nicht einmal selbst wusste, ob es der Menschheit nutzen oder schaden würde. Merkwürdigerweise will sie trotzdem nicht berühmt werden.

 

Ein raffinierter Text, der fasziniert und nachdenklich stimmt.

 

Der utopischen Roman von 1984 in der Originalfassung.

 

Sie nannten mich Nettelbeck von Heinz-Jürgen Zierke

 

Der Friday for Future‑Titel der Woche ist „Sie nannten mich Nettelbeck“ von Heinz‑Jürgen Zierke. Zierkes Roman zeigt, wie eine einzelne Entscheidung in einer apokalyptischen Gegenwart das Schicksal vieler Menschen berührt und wie die Suche nach Orientierung in der Vergangenheit zum Versuch wird, Verantwortung für andere zu übernehmen. Diese Fragen nach kollektiver Verantwortung und nach den Folgen persönlicher Entscheidungen für kommende Generationen verbinden das Buch thematisch mit den Anliegen von Friday for Future.

 

Der Lehrer Scharrenberg, genannt Nettelbeck, flüchtet mit dem letzten Dampfer aus dem von der Sowjetarmee abgeschlossenen Kolberg. Er muss fürchten, dass seine Familie in der Stadt umgekommen ist. Um sich abzulenken, erzählt er sich selbst die Geschichte der erfolgreichen Verteidigung im Jahre 1807. So ist er vor der apokalyptischen Gegenwart in die Vergangenheit geflohen. Aber immer wieder drängen sich die Erinnerungen an die letzten Stunden in der brennenden Stadt dazwischen, und er selbst glaubt sich in Nettelbeck und Gneisenau wiederzuerkennen. Sein Freund und Schüler Harald Bögeholt, den er verletzt aus der Frontlinie trug, nimmt die Züge des Barbiergehilfen Philipp Püttmann an, der seine Braut gegen einen Schillschen Offizier verteidigen musste, und dieses Mädchen erscheint ihm wie seine Tochter Karla.

 

1807, damals, wurde die Stadt durch einen rechtzeitigen Frieden gerettet. Scharrenberg, obwohl er weiß, dass die Geschichte nicht wiederholt wird, sucht darin Trost und Hoffnung. Und doch kann er der Gegenwart nicht entfliehen. Seine dreihundert Gefährten, Frauen, Kinder, Greise, verlangen von ihm eine Entscheidung, die unter konträren historischen Vorzeichen einst Nettelbeck abverlangt wurde.

 

Die folgenden Leseproben öffnen kurze Fenster in die Welt jedes Buches: in die stickige Nacht einer Fabrik, auf erste Schritte eines langen Pilgerwegs, in die heitere Nähe einer Spielrunde, in die Verwirrung eines Mannes, der plötzlich in einer neuen Zeit steht, und in die bedrängte Gegenwart eines Flüchtenden, der sich in historischem Erzählen Zuflucht sucht. Jede Passage setzt den Ton des gesamten Werks und macht neugierig auf die entscheidenden Augenblicke, die die Figuren tragen.

 

Die Nachtschicht von Wolfgang Held

 

Die Probe führt mitten in die blecherne Enge einer Nachtschicht, in der Artur Milan zwischen Loyalität zu seinen Kollegen und dem Verlangen nach einem anderen Leben hin‑und hergerissen ist — ein Moment, in dem innere Erinnerung und der Druck der Schicht zu einer schweren Entscheidung auflaufen.

 

„May? Wo steckt denn der nun schon wieder?"

 

Keine Antwort. Nur das Grinsen verstärkte sich.

 

„Soll ich ihn holen?", bequemte sich schließlich das Schwarzkäppchen zu einer Gegenfrage, doch diese Bereitwilligkeit machte den Meister noch misstrauischer. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, löste Ruth Wächter mit ihrer Bemerkung ein kleines Gelächter aus. „Vor mir ist der May jedenfalls in seinem Schlupfwinkel sicher!"

 

Meister Milan kniff die Lippen zusammen und fixierte der Reihe nach die Kollegen.

 

„Nun?", sagte er dann. Nichts weiter. Ein kleines Wort. Es wischte das Grinsen aus den Gesichtern. Die Dreher blickten sich unschlüssig an. Meister Milan wartete. Endlich kam einer damit heraus, dass May vor etwa einer Stunde in der Toilette verschwunden sei. Vor einer Stunde!

 

„Holen!", befahl Milan kurz, und das Schwarzkäppchen verließ den Raum. An der Tür drehte sich der junge Kollege noch einmal zu den anderen um und blinzelte mit dem rechten Auge. Meister Milan tat, als bemerke er es nicht. Er wollte die Zeit nicht ungenutzt verstreichen lassen.

 

„Also herhören!", sagte er und begann, die Arbeitsschutzbestimmungen vorzulesen. Sie waren ihm so geläufig, dass er dabei seine Gedanken unbesorgt auf einen anderen Weg schicken konnte. Er dachte an den Kollegen May.

 

Ob der sich wohl noch ändern wird? ging es ihm durch den Kopf. Schlechte Arbeit, schlechte Disziplin und einen großen Rand, so ist das immer. Kaum sechs Wochen ist der May jetzt bei uns und quatscht schon wieder davon, dass er sich nach einer anderen Arbeit umsieht. Na, so einem weint keiner eine Träne nach. Im Westen drüben soll er ja auch schon gewesen sein ... Warum ist er denn überhaupt zurückgekommen? Werde ihn nachher mal fragen!

 

„... müssen die Ärmelenden am Handgelenk eng anliegen. Weiter ist bei Dreharbeiten unbedingt die Schutzbrille ..."

 

Da wurde die Tür aufgerissen!

 

Meister Milan schaute unwillig vom Blatt hoch. Der Kollege mit dem schwarzen Käppchen war hereingestürmt und verkroch sich in die entlegenste Ecke. Mit scheinheiliger Unschuldsmiene sah er zur Tür, wo nun der Kollege May erschien. Schallendes Gelächter empfing ihn. Selbst Meister Milan konnte beim Anblick der wassertriefenden Gestalt ein Lächeln nicht unterdrücken. Weder für ihn noch für einen der Dreher war hier noch eine Erklärung nötig. Offenbar hatte sich May an dem „stillen Ort" für ein kleines Mitternachtsschläfchen eingerichtet und war erst durch eine über die Trennwand gesandte Wasserdusche aufgescheucht worden.

 

Die 2300-Kilometer-Therapie. Die Story des Jakobswegs der Freude von Bert Teklenborg

 

Hier setzt die Leseprobe an wie der erste Schritt auf einem Pilgerweg: Karten, Wegstationen und kleine Rituale treten hervor und lassen spüren, wie das Gehen selbst zur Quelle von Freude, Rhythmus und Orientierung werden kann.

 

Nun zurück auf den Wanderweg, den ich bei Dijon verlassen habe. Die Stadt geht auf das römische Kastell Divio zurück, das an der Straße von Lyon (Lugdunum) nach Mainz (Moguntiacum) lag. Bereits im Jahr 525 wurde die Abtei Saint-Bénigne gegründet und Robert I, Herzog von Burgund, machte sie zur Hauptstadt. Mit Philipp dem Kühnen (1364-1404) begann die glanzvollste Zeit der Stadt; ihr Ruhm und ihre Bedeutung endete 1477 mit dem Tod Karls des Kühnen. Wer den Namen „Burgund“ hört, denkt an Weinberge; schon im 3. Jahrhundert wuchsen an der Côte d'Or berühmte Weine und seit dem frühen Mittelalter förderten die Klöster den Weinbau. Der berühmte „Clos de Vougeot“ entstammt einem Weingut, das im 12. Jahrhundert durch die Mönche von Citeaux angelegt wurde. Von dort wandere ich durch die Rebhänge nach Reulle-Vergy; hier verläuft der GR 7 durch eine landschaftlich besonders reizvolle Gegend. Der Wanderweg führt über den Belvédère zum Chateau de Vergy, Tour St. Denis und an den Ruinen von St. Vivant vorbei hinunter nach Curtil-Vergy. Über Arcenant geht es nach Bouilland und dort hinauf zu den Ruinen der Abtei Sainte-Marguerite. Die Choräle der weißgekleideten Augustinermönche, die sie im 9. Jahrhundert gegründet hatten, sind schon lange verstummt. Zwischen den Säulen der gotischen Kirche wandert der Blick ungehindert in einen strahlend blauen burgundischen Himmel.

 

Entlang der Felsenklippen bei Saint-Romain komme ich zum „Cirque du Bout du Monde“; dieses Landschaftsschutzgebiet zeigt in der wasserreichen Jahreszeit ein beeindruckendes Naturschauspiel. Am Ende eines Talkessels stürzt aus 25 Meter Höhe ein Wasserfall herab. Eine Höhle, etwas für erfahrene Forscher, kann besichtigt werden. Die ersten Spuren menschlicher Besiedlung stammen aus der Jungsteinzeit um 4000 v. Chr; später wurde der Platz, wie der Fund von 47 Silbermünzen bezeugt, zur keltischen Zufluchtsstätte. Nun ist es nicht mehr weit bis Nolay. Eine Herberge lädt ein und nachdem ich ein Bett bezogen habe, gibt’s zur Feier des Tages ein Vesper, das ich mir zuvor als hiesige Spezialität in der Metzgerei kaufte: gekochter Schinken, gefüllt mit Petersilie. Dazu würde ein guter burgundischer Rotwein passen, denke ich und spontan beschließe ich, noch vor Sonnenuntergang einen Stadtrundgang zu machen.

 

Vor dem Tor eines Weingutes, einer Domaine, wie diese hier genannt werden, steht der Patron und grüßt freundlich, fragt nach, wie es mir geht – Comment ça va? – ich antworte Ça va bien, merci. Et vous??, und war es Intuition – als könne er Gedanken lesen, bietet er mir auf Deutsch an, von seinem neuen Wein zu kosten. Den hebt er mit einem Tastevin aus dem großen Tank, gießt ihn in zwei kleine Gläser und prostet mir zu. „Schmeckt ganz vorzüglich, gibt einen guten Jahrgang!“ Nach einem herzlichen Danke verabschiede ich mich und komme an den Bouleplätzen vorbei, auf denen eine Gruppe Männer spielt. Ich schaue eine Weile zu und stelle schnell fest, dass es Profis sein müssen, so wie sie mit den Kugeln umgehen. Aber eigentlich sagt das noch nicht viel aus – schließlich ist jeder boulespielende Franzose ein Profi.

 

Danach schlage ich einen Bogen und lande auf dem mittelalterlichen Marktplatz, mit einer alten Markthalle aus dem Jahr 1388 in der Mitte. Das Dach ist mit Lavasteinen gedeckt, deren ungeheures Gewicht auf einem Balkengerüst ruht. Da sehe ich einen alten Mann; er hat sich eingemummt in eine dicke, braune Jacke und sitzt auf seinem Rucksack vor einem Schaufenster, wo von einer Lampe soviel Licht nach draußen scheint, dass er in einem Buch lesen kann, das auf seinem Schoß liegt. Es ist ein dickes Buch, wahrscheinlich ein Roman mit der Schilderung von Abenteuern. Er hebt den Kopf, als ich vorbei gehe und neugierig zu ihm rüberschaue. Fast gleichzeitig grüßen wir uns „bonsoir“ – „bonsoir“ – und etwas wie Erkennen liegt in diesem Gruß. Ich blicke für einen kurzen Moment in seine Augen, die sich gleich darauf wieder dem Buch zuwenden. Und dann sehe ich die Schlafdecke, bereits ausgebreitet auf einer Bank, für die Nacht. Jetzt erkenne ich seine Situation; er ist als Clochard unterwegs und hat seine „Wohnung“ bezogen, mit Leseecke und Schlafzimmer. Es ist wohl 10 Uhr abends, als plötzlich das Licht im Schaufenster ausgeht. Wahrscheinlich hat der Automat ausgeschaltet, denke ich noch, da erhebt sich der Mann, nimmt seinen Rucksack und bezieht sein Nachtlager. Ich sehe die Zielstrebigkeit, mit der der Platz unter den Arkaden des Marktes ausgewählt worden war, und das Ganze strahlt eine gewisse Zufriedenheit aus. Mit wie wenig muss er auskommen und was denkt er über seinen „Stellenwert“ in der Gesellschaft? Ob ihn das interessiert? Wahrscheinlich nicht, schließlich findet Seelengröße ihren Ausdruck in uns selbst.

 

Spielen Sie mit! von Rita Danyliuk

 

Die ausgewählte Passage rückt eine ganz konkrete Spielsituation in den Mittelpunkt — ein familiärer oder reisender Kreis, in dem ein einfaches Spiel plötzlich alle ansteckt, Lachen erzeugt und Aufmerksamkeit neu bündelt.

 

Marmortanz

 

Während eines figurenreichen Modetanzes setzt die Musik aus. Die Paare haben die Anweisung, in der jeweiligen Stellung zu verharren, bis die Musik wieder einsetzt. Das wird unzählige Male wiederholt bzw. es kann ein Schiedsrichter eingesetzt werden, der das Paar bestimmt, dessen Figuren am exaktesten eingehalten wurden.

 

Blitzschnell

 

Die Musik setzt ein. Ein Einzelgänger legt verschiedene mittelgroße Gegenstände wie Zündhölzer, Schachteln, Äpfel, Knöpfe usw. verstreut auf den Boden, und zwar um einen Gegenstand weniger als Tanzpaare sind. Die Tanzenden dürfen die Gegenstände zunächst nicht beachten. Setzt die Musik aus, muss jedes Paar blitzschnell einen Gegenstand aufnehmen. Das Paar ohne Beute scheidet aus.

 

Tanz auf drei Beinen

 

Zahl der Tanzpaare 2 bis unbegrenzt, Zuschauer als Jury

 

Der Tanzleiter bindet das rechte Bein der Dame am linken Bein ihres Partners fest. Mit Einsetzen der Musik tanzen die an einem Saalende aufgestellten Paare zu Marsch, Foxtrott, Walzer oder Beat ans andere Ende des Saales. Dieser Gruppe folgt die nächste und so weiter, bis alle Tanzpaare am Wettstreit teilgenommen haben. Die Jury wählt aus jeder Gruppe ein Siegerpaar. Alle Siegerpaare wiederholen den Tanz. Das Endsiegerpaar darf mit losgebundenen Beinen einen Tanz nach Wahl aufs Parkett legen.

 

Stuhl- oder Sesseltanz

 

Es werden ebenso viel Stühle, wie sich Paare an dem Tanz beteiligen, in der Mitte des Raumes abwechselnd in einer Reihe aufgestellt, und zwar kommt neben einen Stuhl, dessen Sitzfläche wir vor uns haben, ein Stuhl, dessen Lehne uns zugekehrt ist. Beim Einsetzen der Musik entfernt der Spielleiter einen Stuhl. Die Paare, die sich während des Tanzes im Kreis um die Stühle bewegen, müssen sich bei Abbrechen der Musik sofort auf einen Stuhl setzen, wobei es gestattet ist, dass der Herr auf dem Schoß der Dame oder umgekehrt Platz nimmt. Das Paar, das keinen Stuhl gefunden hat, scheidet aus. Die Musik setzt wieder ein, und wieder entfernt der Spielleiter einen Stuhl. Sieger ist das Tanzpaar, das als letztes übrig bleibt.

 

Huttanz

 

In jedem Haushalt findet sich ein lustiger, dekorativer Hut aus Opas Zeiten oder vom letzten Fasching. Die Tanzpaare nehmen Aufstellung, die Musik setzt ein. Während des Tanzes stülpt der Tanzleiter einer Dame oder einem Herrn den Hut auf. Dieser muss versuchen, den Hut einem anderen Tanzpaar aufzusetzen usw. Bricht die Musik ab, scheidet das Paar, das gerade Besitzer des Hutes ist, aus. Zuletzt bleiben noch zwei Paare übrig, die sich zur allgemeinen Belustigung hart mit dem Hut bekämpfen.

 

Hexenmeister

 

Der Spielleiter überreicht einem Herrn der Tanzrunde einen Besen. Bei Einsetzen der Musik beginnt er mit dem Besen zu tanzen und berührt mit diesem abwechselnd so lange einen Herrn und eine Dame, die sich ihm als Tanzpaar anschließen, bis alle Anwesenden tanzen. Nach einiger Zeit lässt der Hexenmeister überraschend den Besen fallen und setzt sich schnell auf den nächsten Stuhl. Alle hören sofort zu tanzen auf und setzen sich ebenfalls - gleichgültig wohin, selbst auf den Boden -, denn wer zuletzt übrig bleibt, wird Hexenmeister.

 

Rutschpartie

 

Einige vom Tanzleiter ausgewählte Herren setzen sich auf je ein bereitgestelltes längliches Tuch, das sie an den beiden Zipfeln eines Endes festhalten. Es wird nun ein Wettkampf ausgetragen, bei dem die Damen Schiedsrichter sind. Auf dem Tuche sitzend rutscht jeder Teilnehmer auf sein Ziel zu durch den Raum. Dem Schnelleren winkt der Siegerkuss einer durch das Los bestimmten Dame.

 

Melodie und Rhythmus

 

Möglichst viele Tanzpaare

 

Die Damen bilden einen Kreis, die Herren dazu den Außenkreis. Während die Musik ein bekanntes Volkslied spielt, setzen sich die beiden Kreise in Bewegung. Wenn Tanzmusik einsetzt, beginnen die sich gegenüberstehenden Tanzpaare sich im Kreise zu drehen. Wechselt die Kapelle wieder zur Volksliedmelodie über, lösen sich die Paare wieder zu zwei, in entgegengesetzter Richtung marschierenden Kreisen auf, bis die nächste, schmissige Melodie zum Tanzen einlädt. Der Tanzleiter kann nach Belieben variieren, indem er auf Kommando die Richtung der im Kreise Marschierenden wechseln lässt oder zu »Hüpfen auf einem Bein«, »Rückwärtsgehen« usw. auffordert.

 

Schmale Gasse

 

Mithilfe einiger leerer Wein- und Sektflaschen wird auf der Tanzfläche eine schmale Gasse aufgebaut, welche alle Tanzpaare passieren müssen. Nach der ersten Runde werden die Flaschen immer enger aneinandergerückt und die Paare, die eine Flasche umwerfen, ausgeschieden. Übrig bleibt ein Tanzpaar, das mit viel Grazie und fehlerlos durch die enge Gasse tanzt und als Siegerpaar eine volle Flasche leer trinken darf.

 

Der Apfeltanz

 

Alle Paare legen einen Apfel oder einen anderen runden Gegenstand zwischen ihre Stirnen und tanzen in dieser Position, ohne den Apfel mit der Hand festzuhalten, zu den Klängen der Musik. Das Paar, das den Apfel fallen lässt, scheidet aus. Es werden so viele Runden getanzt, bis ein Siegerpaar übrig bleibt.

 

Fische füttern

 

Die Paare drehen sich im Kreise. Der Tanzleiter, der eine Angelrute in Händen hält - ein ca. 1 m langer Stock mit einer Schnur, an deren Ende ein Korken befestigt ist -, steigt auf einen Stuhl und lässt den Korken über den Köpfen der Tanzenden hin und her baumeln. Die Tanzpaare versuchen, den Korken einzufangen. Wem dies gelingt, der bekommt von der Dame des Hauses einen Leckerbissen in den Mund gesteckt.

 

Korbtanz

 

Nach einer kleinen Ruhepause gibt der Tanzleiter der Kapelle das Zeichen zum Einsatz, indem er einer Dame einen möglichst großen, geschmückten Korb überreicht. Die Dame drückt den Korb einem neben ihr stehenden Herrn in die Arme und wählt einen Partner, mit dem sie den Tanz beginnt. Der mit dem Korb zurückgebliebene Herr tanzt ein paar Takte, übergibt den Korb galant einer Dame aus dem Zuschauerkreis und holt sich eine Partnerin zum Tanz. So geht es weiter, bis alle Paare tanzen. Statt des Korbes kann zur größeren Belustigung auch ein Besen genommen werden.

 

Krawattentanz

 

Nach einigen schwungvollen Tänzen sorgt der Tanzleiter für Abwechslung. Er sammelt die Krawatten aller Tänzer ein, legt sie durcheinander in einen Korb und fordert die Tänzerinnen auf, sich jeweils eine Krawatte auszusuchen. Die Damen versuchen nun, die Besitzer ihrer Krawatten auszukundschaften. Dann haben sie die Aufgabe, diesen die Krawatte um den Hals zu legen und korrekt zu binden. Die schnellste und geschickteste Dame darf als Siegerin der Kapelle den Wunsch nach einer bestimmten Tanzmelodie bekannt geben, zu deren Rhythmen nun alle Paare tanzen.

 

Schürzentanz

 

Eine Parallele zum Krawattentanz ist für die Herren der Schürzentanz.

 

Eine Dame rollt zwei Schürzen so ein, dass die möglichst langen Bänder nicht zum Vorschein kommen. Die beiden Schürzen in je einer Hand stellt sie sich vor zwei von ihr ausgewählten Herren auf, die nun ohne Zögern eine Schürze ergreifen, auseinanderfalten und sich selbst anziehen müssen. Natürlich darf die schöne Schleife nicht fehlen. Der Schnellere führt eine kurze Tanzeinlage vor und darf anschließend mit der Schürzen-Dame tanzen, während der Verlierer das Nachsehen hat. Die Damen werden vom Tanzleiter bestimmt, die sich wiederum ihre Partner selbst aussuchen.

 

Kissentanz

 

Der Tanzleiter gibt den Start zum Kissentanz. Er reicht einem Tänzer, dessen Partnerin er nun übernimmt, ein kleines Kissen, das dieser während des Tanzes der von ihm angebeteten Dame zu Füßen legt und sich selbst daraufkniet. Die so Angesprochene verlässt ihren Partner und nimmt, auf dem Kissen kniend, den Handkuss des Herrn entgegen. Dann erheben sich beide und ordnen sich tanzend im Kreise ein. Der partnerlos zurückgebliebene Tänzer nimmt das Kissen auf. Er geht damit auf die Suche nach einer ihm sympathischen Dame, und alles wiederholt sich wie vorher.

 

Tomatentanz

 

Zahl der Tanzpaare 2 bis unbegrenzt

 

Mindestens 2 Paare nehmen Aufstellung. Der Herr hält in seiner Linken, die Dame in ihrer Rechten einen Löffel, auf dem eine Tomate, ein kleiner Apfel oder ähnliches liegt. Die Paare, die am Ende der Tanzfläche Aufstellung genommen haben, versuchen im Wettstreit, Löffel mit Inhalt unbeschädigt über die Tanzfläche und wieder zurückzubringen. Dies ist um so gefährlicher, je schneller das Paar seine Runden nimmt. Sieger ist das zuerst am Ausgangspunkt wieder eingetroffene Paar, auf dessen Löffel die Tomate oder der Apfel unverändert liegen.

 

Ballontanz

 

Im späteren Verlauf des Abends schließen sich gern immer wieder dieselben Paare zusammen. Um dies zu verhindern, wird vom Tanzleiter der Ballontanz angesetzt. Luftballons, der Zahl der Tanzpaare entsprechend, werden vor dem Aufblasen mit Nummern versehen. Die aufgeblasenen Ballons, an denen ein langer Bindfaden hängt, werden an die Damen verteilt. Dann müssen die Herren ein Los ziehen, auf dem in der Innenseite die Nummer eines Luftballons steht. Die Herren haben für den nächsten Tanz die zu dem Ballon gehörende Dame als Partnerin. Natürlich kann diese Art von Partnerwahl nach Belieben wiederholt werden.

 

Gaudi-Tanz

 

Nachdem für jedes Tanzpaar ein Ballon zur Verfügung steht, wird der Gaudi-Tanz angesagt. Die mit einem Luftballon bewaffneten, tanzenden Herren haben die Aufgabe, möglichst jeden anderen Ballon zum Platzen zu bringen und gleichzeitig den eigenen Ballon vor den Angriffen der Gegner zu schützen. Sieger ist das Tanzpaar, dessen Ballon als letzter unversehrt bleibt. Es darf mit sämtlichen noch vorrätigen Ballons, die zu einer Traube zusammengebunden werden, den nächsten »Traumwalzer« tanzen.

 

Der Geist des Nasreddin Effendi - Originalausgabe von Alexander Kröger

 

Diese Stelle stellt uns in den Augenblick, in dem Nasreddin verwundert die Gegenwart erkennt: unverschleierte Frauen, ein fremdes Minarett und das Tor zur Karawanserei — ein Erwachen, das zwischen Staunen und fremder Vertrautheit oszilliert.

 

Die rollenden Häuser und Hütten nahmen zu, je weiter der Tag fortschritt. Sie kamen mit Gebrumm aus beiden Richtungen, und manchmal stießen sie auch ein gequetschtes Gebrüll aus, um den Mann mit dem Esel auf sich aufmerksam zu machen.

 

Anfangs drückte sich Nasreddin ganz weit an den Straßenrand, und es suchten ihn Angstschauer und Gänsehaut heim. Aber sehr bald hatte er sich mit der neuen Situation abgefunden, sich überzeugt, dass diese Dinge trotz ihres respektablen Äußeren und Angst einflößenden Getöses harmlos und im Ganzen dumm, eben wie Häuser waren und von ihnen keinerlei Gefahr ausging, wenn man sich ihnen nicht in den Weg stellte.

 

Nasreddin winkte sogar schon zurück, wenn ihn Insassen der Häuser grüßten.

 

In dem Maße, wie er sich an sein neues Dasein gewöhnte, fand er Gefallen am wiedergewonnenen Leben, und es störte ihn nicht im Geringsten, dass so viel Unerklärliches um ihn herum geschah. Satt und im Grunde zufrieden und mit nachklingender Freude, davongekommen zu sein, ritt er einher, ließ den Esel laufen, wie es dem gefiel, und sang alle Lieder, die er kannte. Und fehlten ihm da und dort die Worte, setzte er neue ein. Immer aber waren es solche, die sein Geschick priesen ...

 

Rechter Hand hörte das Maisgebiet plötzlich auf. Knie- bis hüfthohe Stauden standen in Reih und Glied mit weißen Bäuschen an den Ästen, manchmal mit großblättrigen gelben Trichterblüten oder grünen strotzenden Kapseln.

 

Beim ersten Anblick hätte Nasreddin geschworen, es sei Baumwolle. Als er aber die riesige Fläche überschaute und sich erinnerte, dass er sich nicht in seiner Heimat, sondern in der Oase Choresm befand, dort niemals Baumwolle gezogen wurde, überkamen ihn Zweifel. Er stieg ab, vergewisserte sich, es war Baumwolle. „Gut, ist es eben Baumwolle und viel Baumwolle!“ Nasreddin hatte eine Handvoll gepflückt, warf sie in den Wind, der leicht über das große flache Feld wehte. Im Aufrichten gewahrte er weit zum Horizont zu, gegen eine schwärzliche Buschgruppe, blaue Kästen, die emsig im Feld einherwanderten, und ihm war, als seien hinter ihnen dunkle Streifen im sonst insgesamt weißlichen Baumwollflor. Wenn er sich anstrengte, glaubte er auch ein Brummen von dorther zu vernehmen.

 

Nasreddin saß auf. Vor ihm, noch fern, stieg Rauch aus der Ebene. Wo Rauch ist, sind Menschen, dachte er. Und wo Menschen sind, ist Leben. Denn langsam ging ihm diese endlose Straße mit ihrem ewig gleichbleibenden schwärzlichen Belag, ihrem Staub und ihrer Geradheit auf die Nerven. Und daran änderte auch nichts, dass sich zu den fahrenden Häusern und Hütten noch eine Vielzahl anderer rollender Merkwürdigkeiten gesellt hatte: riesenhafte Karren, kleinere auch, Fässer, aus denen Timurs gesamtes, stets durstiges Heer einen ganzen Tag wohl hätte trinken können. Und die Formen dieser Dinge, die da ihre Bahnen zogen, waren sehr unterschiedlich, auch die Farben. Aber — sie waren eben gleichgültig, die Bauten und die Menschen darin. Niemand nahm Notiz von dem Mann mit dem Esel, nichts, außer er bezog das gelegentliche Brüllen auf sich, und manchmal sah er deutlich den Bogen, den die Kästen um ihn und den Esel beschrieben, wenn sie auswichen. Man konnte sich da schon verloren und nichtig vorkommen ...

 

Dann war da der Kischlak! Nasreddin atmete auf, glitt vom Esel, führte ihn hinunter von der Straße, auf einen lehmstaubigen Weg, mitten hinein zwischen die Häuser. Er atmete deshalb befreit auf, weil er endlich wieder auf Bekanntes traf, hier fühlte er sich wohler als zwischen diesen metallenen Kästen da draußen, hier standen die Häuser ohne Räder fest verwurzelt mit dem Boden, hatten die vertraute gelbliche Farbe des Lehms, in dem das eingebackene Stroh dort, wo die Sonne es traf, ein freundliches Glitzern wie einen schmückenden Schleier hervorzauberte.

 

Nasreddin wanderte langsam, sah nach links und rechts. Ja, da war Leben. Hunde strichen über die Wege, er hörte Kindergeschrei hinter den Mauern, sah die Kleinen tollen. Zwei Männer, in ein angeregtes Gespräch vertieft, begegneten ihm, im Chalat und mit der Tjubeteika, dem Käppchen, das man in Choresm trug. Und als Nasreddin grüßte, antworteten sie „Salam!“.

 

Sie nannten mich Nettelbeck von Heinz-Jürgen Zierke

 

Die Leseprobe lässt uns die bedrängte Flucht eines Lehrers miterleben und zeigt, wie er sich in der Erzählung einer historischen Verteidigung Halt sucht — ein kraftvoller Einblick in die Verantwortung, die in Krisen von Einzelnen für ganze Gruppen gefordert wird; deshalb haben wir dieses Buch als Friday for Future‑Titel der Woche ausgewählt.

 

Aus Haralds Kopfwunde sickerte Blut in den Sand. Ich ließ mich auf die Knie nieder und hob ihm den Kopf ein wenig an. Harald reagierte nicht, als ich ihn anfasste, aber er atmete. Der Unteroffizier, der Mann mit der winzigen Narbe am glatten Kinn und der angenehmen Stimme, trat heran. Ich fühlte einen drohenden schwarzen Schatten über mir; ich sah nicht auf, sah nur dem Jungen in das graue, blasse Gesicht mit den halb geschlossenen Augen.

 

Mein Blick fiel auf die Stiefelspitze neben meiner Hand, schmutziges, sandverkrustetes Leder, das vor wenigen Stunden noch lackschwarz geglänzt hatte und in der ersten Stunde der Ruhe wieder glänzen würde. Ich hob den Blick, den Stiefelschaft entlang, die Reithosen aufwärts, den taschenbesetzten grauen Rock, aber bevor ich zum Gesicht kam, dem glatten Gesicht mit der rötlichen Narbe am Kinn, sagte die angenehme Stimme über mir: „Will sich drücken, der Bruder!“

 

„Hören Sie, er muss in ein Lazarett.“

 

„Lazarett? Einen Guss Wasser über das Gesicht, dann läuft er wie der Hase gegen den Igel.“

 

Mir war, als stürzte mir einer den Eimer Wasser in den Nacken. „Sehen Sie das nicht?“ Ich hielt ihm meine blutverschmierte Hand entgegen.

 

Die Stiefel, die Reithosen, der graue Rock lachten, und das Lachen hörte sich an wie Schläge eines Blechlöffels gegen das Kochgeschirr. „Wer ist heute nicht verletzt? Hunderte, Tausende, Millionen, Mann! Was suchen Sie überhaupt hier, Sie Zivilist?“

 

Ich drehte Haralds Kopf zur Seite und bedeckte die Wunde mit einem Taschentuch.

 

Die schmutzverkrusteten Stiefel traten einen Schritt zurück. Ich richtete mich auf, sah mich nach einem der Soldaten um. Sie waren jung wie Harald, ihnen konnte das gleiche geschehen sein, meine Söhne hätten sie sein können, fast meine Enkel, sie mussten ihn, mich verstehen, mussten mir helfen. Aber der eine lief vorbei, die Granate im Arm, er wollte nicht herschauen, das sah man ihm an; er wollte nicht mitleidig sein, er ging vorbei. Es hätte vielleicht eines Wortes bedurft, und er würde sich den Jungen, seinen Kameraden, auf die Schulter geladen haben, um ihn in das nächste Lazarett zu schleppen. Aber es sagte niemand dies Wort. Ich wollte ihn anrufen, ich hätte ihn anrufen können, aber ich tat es nicht, er trug eine Granate im Arm.

 

Und der andere, der gesagt hatte: „Wenn er aufwacht, ist der Schlamassel vorbei“? Ja, „Schlamassel“ hatte er gesagt. Ich hob die Augen auf zu ihm, dessen Knabengesicht ebenso hohlwangig aussah wie das Haralds. Er spürte meine wortlose Frage, und seine Augen begannen zu flackern, die bleichen Wangen, von der Nasenwurzel beginnend, füllten sich mit einem tiefen Rot; der Blick irrte zu dem Unteroffizier hinüber, der dastand, gerade so, als ob er für eine Karikatur Modell zu stehen hätte, und der Junge senkte die Augen und trottete zu dem Munitionsstapel.

 

Nein, es bestand nicht die geringste Hoffnung, dass sie Harald halfen, wenn nicht der Unteroffizier einen Befehl oder wenigstens sein Einverständnis gab.

 

Kaum hatte ich ihn angesehen, tobte er auch schon: „Was wollen Sie von mir? Dem helfen? Einem Selbstverstümmler? Lassen Sie ihn hier krepieren, dann spart die Feldgendarmerie den Strick!“

 

Ich konnte die Worte der so angenehmen Stimme nicht länger ertragen. Ich blickte zu dem Bauern in der grauen Joppe, der seine immer noch erregten Tiere an der Trense hielt. Auch er sah fort, schaute nur seine Pferde an, die am Geschirr zerrten. „Ich muss Munition fahren. Sie nehmen mir sonst das Gespann fort.“

 

Wie sollte ich den Jungen von hier fortschaffen? Eile tat not; er musste zum Verbandplatz. Ich nahm mich zusammen, straffte mich, versuchte meiner Stimme einen harten Klang zu geben. „Ich bin Soldat des ersten Weltkrieges, war Leutnant bei der gleichen Waffengattung.“ Der Unteroffizier ließ mich nicht ausreden. „Ihr alten Mumien habt uns den einen Krieg vermasselt und wollt uns jetzt den zweiten versauen. Das lassen wir nicht zu, Sie! Warum sind Sie ohne Waffen, wenn Sie Soldat sein wollen? Wer sind Sie überhaupt?“

 

„Ich bin ...“, ich hatte es nicht sagen wollen, ich hatte mit keiner Silbe daran gedacht, ich weiß jetzt noch nicht, wie es mir in den Mund kam, es brach aus mir hervor: „Ich bin Nettelbeck.“

 

„Sie! Lustig machen wollen Sie sich über mich? Das soll Ihnen schlecht bekommen! Ich werde Sie melden, Sie und Ihren Ganymed. Wehrkraftzersetzung.“ Er griff nach Notizbuch und Bleistift, die er, anders als sonst die Leute seines Ranges, aus der Seitentasche des Rockes zerrte. In diesem Augenblick, er setzte gerade den Stift zum Schreiben an, und so muss ich den Zufall preisen, in diesem Augenblick wurde von der Geschützstellung her gerufen: „Unteroffizier Imm zum Batteriechef!“

 

Er ging, zornrot bis ins Kinn, dass die Narbe wie eine bleiche Insel wirkte, und schrie mich an: „Sie kommen beide an die gleiche Laterne!“

 

Vielleicht, nachdem der Unteroffizier, ihr Peiniger, der Mann mit der rosa zuckenden Narbe am glatten Kinn, abberufen worden war, sie nicht mehr unter Kontrolle hatte, vielleicht waren die Soldaten jetzt eher bereit zu helfen.

 

Ich hoffte vergeblich.

 

Ich bin Lehrer, ich habe Knaben erzogen, ich weiß nicht, wie viele. Sind aber die, die durch meine Klassen gegangen sind, anders geworden als diese? Hätten sie anders gehandelt in diesem Augenblick?

 

Der eine - nur der eine antwortete - fasste sich mit der Hand an den Hals, malte mit dem Finger die Bewegung des Strickes. Keiner half! Und in zweieinhalb Stunden ging mein Boot. Der Major wartete, meine Frau, meine Tochter, meine Manuskripte.

 

Ich knüpfte ein sauberes Taschentuch um Haralds Kopf. Vielleicht half mir einer, den Jungen aufzuladen, bestimmt hat es einer getan, allein hätte ich es kaum geschafft; aber ich sah mich nicht danach um. Ich richtete mich auf, ächzend unter der Last. Die alte Verwundung, die mich seit dem Donon, seit den letzten Tagen des letzten Krieges quält, vor allem bei einem Wetter wie diesem, das mehr dem Herbst als dem des Frühlings gleicht, dazu mein Rheuma und die Jahre, sie machten es mir schwer, mich aufzurichten. Ich glaubte zusammenzubrechen, aber gleichwohl, ich stolperte voran. Ich sah vor mir die alte Ziegelscheune mit dem Eulenloch im Giebel. Bis dahin musste ich kommen, dort konnte ich mich anlehnen und einige Augenblicke ausruhen.

 

Weit her vom Geschütz hörte ich den Unteroffizier mit seiner vollen Stimme Kommandos geben. Ich dachte nicht daran, dass er hinter mir herstürmen und mich mit seiner Last zu Boden schleudern, dass er dem nächsten Kanonier den Karabiner von der Schulter reißen und mich und Harald niederschießen konnte. Unsinnigerweise stellte ich mir, als ich die angenehme, grausame Stimme hörte, die Frage, was ich wohl an Kramohls, was ich an Nettelbecks Stelle getan hätte, wenn dieser Mann mit der rosigen Narbe am glatten Kinn meine Tochter, Karla, anrührte. Merkwürdigerweise fiel mir in diesem Augenblick der Fähnrich ein, ein Neffe meiner Frau, heimlicher Verehrer Karlas - im letzten Frühjahr hatte er für sie Tulpen aus einem fremden Garten gestohlen, ausgerechnet Tulpen, die sie nicht mochte -, und sein blasses Jünglingsgesicht verschwamm mit dem des Mannes mit der Narbe. Ich sah mich, den Bürgerdegen in der verkrampften Faust, auf den Unteroffizier Imm eindringen - aber ich schüttelte diese unsinnige Vorstellung ab. Die Geschichte wiederholt sich nicht, auch nicht in Kleinigkeiten. Der Leutnant Jahn stand nicht im Unteroffizier Imm wieder auf, und kein Gneisenau konnte kommen, um die Stadt zu retten. Retten? Vor wem? Als sie Preußen nicht mehr ertrugen, schiffte sich Gneisenau nach England ein, Stein und Clausewitz gingen nach Russland, und sie kämpften in fremden Heeren gegen ihren König, Clausewitz an der Seite Kutusows. Sie kehrten zurück, als ihr Volk den Kampf um die Freiheit begann ...

 

Ich sah die Scheune vor mir, die rote Ziegelscheune mit dem schwarzen Tor. Noch achtzig Schritt hatte ich bis dahin, noch siebzig, dann konnte ich mich vier, fünf Atemzüge lang ausruhen; von dort aus waren es noch hundert 40 Schritt bis zu den ersten Häusern der Vorstadt.

 

Mit fliegendem Atem erreichte ich die Ziegelscheune und sank an die schmutzige, rotbraune Wand, in deren Fugen sich grau-grüne Flechten angesiedelt hatten. Ich lehnte an der Mauer, und die Mauer war hart. Ich stieß mich ab, wankte weiter, erreichte schließlich das große, schwarze Scheunentor. Wie gern hätte ich Harald auf den Erdboden niedergelassen, auf die welke Grasnarbe über dem weichen Sand, hätte ich mich aufgerichtet, den Rücken gestreckt, mich ausgereckt wie morgens nach dem Aufstehen! Aber nein, ich fürchtete, Harald nicht mehr auf den Rücken zu bekommen.

 

Ganz in der Nähe schlug eine Granate ein, jenseits der Scheune wohl, das Beben der Torflügel warf uns fast um.

 

Der Luftdruck riss die lockeren Dachziegel von den Sparren, Bruchstücke fielen in den Sand. Wir mussten sofort weiter!

 

Wie viel Zeit war vergangen? Wie lange wartete der Major? Meine Uhr aus der Tasche nehmen konnte ich nicht, ich hätte Harald loslassen müssen. Eine Viertelstunde über die Zeit konnte bedeuten, dass Blissing in See stach und wir zurückblieben. Ohne mich fuhr meine Frau nicht, keinesfalls, glaubte ich, und wir wären alle verloren, begraben unter den Trümmern einer Stadt, eines Badeortes, den der blanke Wahnsinn zur Festung erklärte.

 

Ich freue mich, Sie auch nächste Woche mit einer neuen Auswahl zu überraschen — bis dahin gute Lektüre und herzliche Grüße aus der Redaktion.

 

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Über "EDITION digital Pekrul & Sohn GbR"

 

EDITION digital war vor 31 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Der Verlag gibt Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher als barrierefreie E-Book heraus, einige auch als Hörbuch. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher von DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.800 Titel. Die Printsparte des Verlages war Ende 2025 von Ralf Jordan vom Geschichtlichen Büchertisch als Imprint übernommen worden.

 

DDR-Autoren: Newsletter 20.11.2026 - Zwischen Nachtentscheidungen, Fußwegen und gemeinsamer Verantwortung