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Phantastische Anfänge, geteilte Zimmer, Mühlenliebe, ein hartnäckiger Jäger und der Partisanenkonflikt – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

 

(Pinnow, 04.12.2026) – Vom 4. bis 11. Dezember 2026 stellen wir fünf E‑Books vor, die auf sehr unterschiedliche Weise von Widerstandsfähigkeit und von der Kraft einzelner Entscheidungen erzählen: frühe phantastische Erzählungen, die mit Einfällen das Verhältnis von Mensch und Technik ausloten; die intime Nachzeichnung einer ungewöhnlichen Begegnung in der jungen DDR; ein zärtlicher, konfliktreicher Jugendroman; ein historischer Abenteuerbericht über einen hartnäckigen Jäger im Thüringen des 18. Jahrhunderts; und eine Kriegsgeschichte, in der ein Mann zwischen Gehorsam und dem Versuch, Menschen zu retten, abwägen muss. Zusammen ergeben diese Texte ein enges Panorama von Stimmen, die zeigen, wie persönliche Entscheidungen in beengten Situationen größere Zusammenhänge formen.

 

Vom Freitag, dem 4. Dezember, bis Freitag, dem 11. Dezember 2026, sind die folgenden fünf E-Books zum Sonderpreis erhältlich.

 

Raumsprünge, das kleinere Weltall und andere phantastische Erzählungen von Karsten Kruschel

 

Zum ersten Mal werden hier die frühen Erzählungen Karsten Kruschels zusammengefasst. Neben den ersten Kurzgeschichten von 1979 sind das auch verstreut erschienene Texte aus verschiedenen Anthologien und alle Geschichten des Bandes "Das kleinere Weltall" (1989), von denen einige später zu den preisgekrönten Romanen "Vilm" und "Galdäa" ausgearbeitet wurden. Hier findet der Leser aufsässige Haustiere, seltsame Theorien, kosmische Phänomene und immer wieder Menschen, die auch angesichts der überragendsten Technik nichts anderes können, als menschlich zu handeln.

 

Und so Menschen zu bleiben.

 

Einer trage des anderen Last. Roman nach dem Film von Wolfgang Held

 

Dieses Buch erzählt von der ungewöhnlichen Begegnung zweier junger Menschen in der gerade ein Jahr alten DDR, zu unbedeutend für die historischen Annalen und doch eng verflochten mit dem Geschehen jener bewegten Jahre. Die bittere Einsicht von Schuld, der Mangel am Notwendigsten in dem zerschundenen Land, das alles löschte damals den Willen zum Leben nicht aus.

 

Ein Volkspolizist und ein evangelischer Vikar müssen, todkrank und mit völlig verschiedener Weltanschauung, über mehrere Monate ein Zimmer in einem Tbc-Heim teilen. Humorvoll und mit großer Dramatik schildert Wolfgang Held, wie beide schließlich zu gegenseitiger Achtung und Toleranz finden.

 

Als der später auf der Berlinale ausgezeichnete Film „Einer trage des anderen Last" Anfang 1988 in die Kinos kam, fand er in der DDR ein Millionenpublikum. Er wurde in Ost und West als ein „Plädoyer für Toleranz" verstanden.

 

Nach seinem Drehbuch hat Wolfgang Held 1995 den gleichnamigen Roman geschrieben.

 

Zwei im Kreis von Heinz Kruschel

 

Habuck schafft sich eine Bleibe in einer alten Mühle, um mit seinem Mädchen Torcky zusammen sein zu können. Er glaubt, ihr damit eine große Freude zu machen. Aber Torcky stellt sich Glück anders vor. Habucks Mutter versucht mit allen Mitteln, die beiden auseinanderzubringen.

 

Verschiedener können die Elternhäuser auch nicht sein. Habucks Mutter ist Betriebsleiterin und tut alles für den einzigen Sohn. Torcky wuchs mit vielen Geschwistern in sehr beengten Wohnverhältnissen in einer Alkoholikerfamilie auf, die immer mal mit dem Gesetz in Konflikt kam.

 

Ein einfühlsamer, überzeugender Roman über eine große Jugendliebe.

 

… wie eine Schwalbe im Schnee.Historischer Abenteuerroman von Wolfgang Held

 

Jäger Roth - ein Selbsthelfer von vermutlich einmaliger Art. Das historisch belegte Schicksal des Jägers Roth vollzog sich in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts im Thüringischen, auf und um Schloss Kochberg.

 

Johann Christoph Roth war der begabte Sohn eines Leibeigenen, der durch herrschaftliche Gunst und eigenen Fleiß zu damals überdurchschnittlicher Bildung gelangte, wobei die Rechtskunst sein besonderes Interesse beansprucht haben muss. Er prozessierte so geschickt gegen seine Entlassung als herrschaftlicher Jäger, dass die Verhandlung ins Endlose verzögert wurde. Die Kunde seines beharrlichen Aufbegehrens sprach sich schnell herum, so dass der Einzelgänger und individuelle Empörer plötzlich zahlreiche Verbündete fand …

 

Die Gestalt des Jägers Roth geriet jedoch in Vergessenheit, im Gegensatz zu Stülpner-Karl oder Schinder-Hannes, die von der bürgerlichen Geschichtsschreibung als räuberische Subjekte und abschreckende Beispiele moralischer Entwurzlung zitiert wurden.

 

Neben der spannenden und abenteuerlichen Handlung weiß Wolfgang Held zugleich ein ebenso eindrucksvolles wie farbenprächtiges Bild jener Zeit zu entwerfen. Gespickt mit interessanten Fakten und aufschlussreichen Details erwartet den Leser eine unterhaltsame, sinnenfrohe, spannende und informative Lektüre.

 

Der Streit um die Partisanen von Hasso Grabner

 

Der Friday for Future-Titel der Woche ist „Der Streit um die Partisanen“ von Hasso Grabner. Die Schlüsselszene, in der Karl am Wegesrand zwei gefangene Partisanen entdeckt und fortan zwischen dienstlicher Anweisung und dem Versuch, Leben zu retten, hin‑und hergerissen ist, macht deutlich, wie einzelne Entscheidungen unter existenzieller Bedrohung das Schicksal anderer prägen. Diese literarische Prüfung von Gehorsam, Mut und Verantwortung lässt sich direkt auf die Anliegen von Friday for Future übertragen: Es geht um das Abwägen kurzfristiger Kosten gegen die Verantwortung für kommende Generationen.

 

Dem deutschen Kommunisten Karl geht es gut auf der griechischen Insel, obwohl er dem Bewährungsbataillon neunhundertneunundneunzig angehört. Doch da wird er zum Partisanenkampf aufs Festland geschickt. Wegen seines schlechten Schuhwerks ist er beim Marsch etwas zurückgeblieben und entdeckt am Straßenrand zwei Partisanen. Er will sie schon laufen lassen, da kommen der Bayer Alois und weitere drei Kameraden dazu, die die beiden sofort erschießen wollen. Karl gelingt es, sie als seine Gefangenen mit zur Truppe zu nehmen. Das ist aber nur ein Aufschub, denn er soll die beiden gemeinsam mit Alois erschießen. Fieberhaft sucht er nach einer Lösung, das Leben der beiden zu retten.

 

Die folgenden Leseproben öffnen jeweils eine knappe Tür in die Welt der vorgestellten Bücher: sie führen von schelmischen, kosmischen Einfällen über die intime Nähe zweier Geteilter in einem Krankenzimmer und die Zerbrechlichkeit einer jungen Liebe bis hin zu einem historischen Ringen um Recht und zu einem moralisch aufgeladenen Moment der Flucht und des Urteils. Jede Passage stimmt einen eigenen Ton an und erlaubt unmittelbaren Zugang zu Szenen, die das jeweilige Buch tragen.

 

Raumsprünge, das kleinere Weltall und andere phantastische Erzählungen von Karsten Kruschel

 

Die erste Probe wirft uns mitten in Karsten Kruschels frühe phantastische Erzählungen: eigensinnige Haustiere, seltsame Theorien und ein unerwartetes kosmisches Ereignis zeigen dort die Spielfreude und zugleich die Verletzlichkeit der Figuren gegenüber großen technischen Kräften.

 

Josepha und Fred verbissen sich in ihre Arbeit und waren fast böse, wenn man sie auf Streife schickte. Auf einer dieser Streifen - die ohne Kontakte mit Wirblern verliefen - kam Fred jene Idee, die sie weiterbrachte. Vorausgesetzt, die gesuchte Information war zerhackt und per Zufall oder System auf die Frequenzbänder verteilt worden, müsste man nur die Schnittstellen finden und könnte das eigentliche Band zusammensetzen. Das bedeutete natürlich, dass die Übersetzung als Hilferuf nur ein Missverständnis wäre. Das "wilde" Orsini-Netz rechnete ergebnislos an der Aufgabe herum. Die Idee stimmte nicht. Doch kam Fred mit Josephas Hilfe auf andere Deutungen. Die Zahl Sechs hatte angefangen, in Freds Gedanken herumzuspuken, und seine neue Idee war verrückt genug, um zu stimmen. Sie probierten sie aus. Sie bildeten einen Teil der Sendung auf einen andern ab, als wäre das Signal die verschlüsselte Darstellung eines sechsstrahligen Kristalls. Es war viel komplizierte Rechnerei, aber sie schien sich zu lohnen, als sie Kennmarken fanden, die ins Bild hineinpassten, sozusagen die Endpunkte der sechs Strahlen bezeichneten.

 

An diesem Punkt verloren Fred und Josepha den Kontakt zu den anderen. Natürlich lebten sie weiter in der Garnison, stapften mit, wenn es auf Streife ging, oder sie pflegten einige Tage die Weggeschickten. Ihre Gedankenwelt aber war den anderen unverständlich geworden. Ihre Gespräche drehten sich um das Signal und das Schneekristallsystem, und Peter, der hin und wieder zuhörte, schüttelte verständnislos den Kopf. Patrick zeigte unmissverständlich, wie ein Zeigefinger heftig gegen die Stirn stößt.

 

Dann gingen sie zum Garnisonskommandanten, der sich wortlos und lange anhörte, was Fred zu sagen hatte.

 

"Wenn das wahr ist", sagte er schließlich trocken, "dass es nach Ihrer Methode sechsunddreißig verschiedene Texte gibt, die im Signal versteckt sind, dann können wir hier einpacken."

 

Fred und Josepha sahen ihren Chef erstaunt an.

 

"Wieso das?", fragte Josepha.

 

"Der Hilferuf ist, glaubt man Ihnen, nur eine von sechsunddreißig Aussagen desselben Signals. Woher sollen wir wissen, dass er die richtige ist? Die für uns zutreffende? Dass wir nicht infolge eines Missverständnisses hier sind?"

 

Einer trage des anderen Last. Roman nach dem Film von Wolfgang Held

 

Diese Passage setzt in einem Tbc-Heim ein: zwei Männer mit ganz verschiedenen Lebenshintergründen müssen ein Zimmer teilen und tasten sich, zwischen stiller Komik und tiefer Dramatik, zur gegenseitigen Achtung vor.

 

„Ich bin Hubertus ... Hubertus Koschenz. Dein ... hier nennt man das wohl ,Schlief' ..."

 

„Heiliger ..." Das Stutzen des Neuen berührt den noch ein wenig Schlaftrunkenen nicht. „So heiß' ich ... Josef Heiliger ..."

 

„Tatsächlich?" Hubertus Koschenz lacht.

 

„Ich hab' mir den Namen nicht ausgesucht. Nenn' mich Jupp, das ist mir lieber."

 

„Mach' dir nichts draus, Jupp. Hubertus würde ich meinen Sohn auch nicht nennen ..." Der junge Mann öffnet seinen Koffer. Er will mit dem Auspacken beginnen, da fällt sein Blick auf das Stalinbild über dem Nachttisch des Zimmergenossen. Er zögert einen Moment, dann holt er aus der Tiefe der Reisetasche ebenfalls ein gerahmtes Bild, geht damit zu seiner Schlafseite und befestigt es dort an gleicher Stelle. Es zeigt einen geneigten Christuskopf mit Dornenkranz.

 

Josef Heiliger richtet sich steil auf. Entgeistert wandert sein Blick zwischen dem Christusbild und Hubertus Koschenz hin und her. Er ist jetzt hellwach und traut seinen Augen nicht. „Das ... das ist doch nicht dein Ernst?!"

 

Der junge Mann, der seinen Lodenmantel noch nicht abgelegt hat, gibt sich verwundert.

 

„Wieso Ernst? ... Es ist unser Heiland!"

 

„Nimm das weg, Hubertus! Mach' doch hier keinen Scheiß!"

 

Der Zimmergenosse bleibt freundlich, aber in den leisen Worten ist entschiedene Klarstellung. Er deutet dabei auf das Stalinbild.

 

„Du hast deinen ... Chef, ich hab' den meinen. Ich bin evangelischer Vikar ... Wusstest du das nicht?"

 

Stille - fast eine Minute lang.

 

Josef Heiliger betrachtet den jungen Kirchenmann, als sei er ein Wesen aus einer anderen Welt. Endlich schwingt er die nackten Füße aus dem Bett, will wohl aufstehen, verharrt aber noch auf der Bettkante.

 

„Ein Pfaffe? ... Du ... Du bist Pfarrer? Das geht doch nicht gut!" Er angelt mit den Zehen nach seinen Hausschuhen. „Das gibt doch Mord und Totschlag ... Die müssen uns auseinander legen!" Er hat endlich die Hausschuhe gefunden, steht auf und ist schon unterwegs zur Tür, als ihn der Vikar zurückhält.

 

„Warte doch! Wollen wir es nicht erst mal miteinander versuchen? Du, der andere, der vorhin mit mir gekommen ist, der ist über siebzig ...!"

 

Das Argument sticht. Josef Heiliger zögert. Die Vorstellung, das Zimmer mit einem schnarchenden, womöglich blasenschwachen und dauernd altväterlichen Rat erteilenden Opa teilen zu müssen, erscheint ihm wenig verlockend.

 

„Du meinst ...?!"

 

„Einer von uns beiden würde den Alten kriegen, ganz sicher!"

 

„Hmmm ..." Langsam geht Josef Heiliger zu seinem Bett zurück, bleibt davor stehen. Er wendet dem Vikar den Rücken zu. Nachdenklich betrachtet er den Bücherstapel auf dem Nachttisch.

 

„Also, Jupp: Waffenstillstand?" Hubertus Koschenz räumt ohne Hast die Reisetasche leer. Er tritt mit einem kleinen Wäscheberg zum Kleiderschrank, öffnet und stutzt. Betroffen presst er die Lippen zusammen. Einen Augenblick lang spürt er dumpfes, beklemmendes Würgen im Hals. Vor ihm hängt Josef Heiligers Uniform mit den Rangabzeichen eines Volkspolizeikommissars! Mein Gott, weshalb durfte ich das nicht vor zehn Minuten sehen, schießt es ihm durch den Sinn. Auf was habe ich mich da eingelassen?!

 

„Du, hör' mal, Jupp". Er wendet sich zu ihm um, zwingt sich zu besonnener Ruhe. „Damit wir uns gleich richtig verstehen: Mein Vater ist Anfang sechsundvierzig zur sowjetischen Kommandantur bestellt worden und nie mehr zurückgekommen. Denunziert von einem aus deiner Partei, der scharf auf unsere Wohnung war, obwohl es ihm nichts gebracht hat. Meine Mutter kriegt neunzig Mark Rente ..."

 

Zwei im Kreis von Heinz Kruschel

 

Die Leseprobe aus ‚Zwei im Kreis‘ führt in eine Mühle, in der Habuck und Torcky versuchen, ein gemeinsames Glück zu finden — ein Moment, in dem familiäre Gegensätze und jugendliche Hoffnung unvermittelt aufeinandertreffen.

 

Aber in diesem Treppenhaus kam sich Habuck vor wie ein Zinnsoldat, der seine Standhaftigkeit verliert. Dass es solche Hinterhäuser, solche Treppen noch gibt.

 

Sechs mal sechs Stufen, hohe, breite und ausgetretene Stufen aus Stein, abgewetzt, ausgetreten von den Schritten der Mieter und Besucher in einem Jahrhundert. Es roch nach Klosett und Windeln. Es gab kein Fenster in diesem Treppenhaus, und hinter jeder Tür lauerten andere Geräusche.

 

Noch war Habuck guter Dinge auf seiner Reise nach oben. Sechs mal sechs ist sechsunddreißig, ist der Mann auch noch so fleißig. Solche Sprüche stammen noch von Oma Tonine. Und die Frau ist niedrig, kriegt ’nen kleinen Friedrich.

 

Aber dann klopfte er. Die Tür wurde hastig aufgerissen. Eine Frau zog, als sie ihn sah, ein schiefes Gesicht und gab damit ihre Unzufriedenheit über den Besuch zu erkennen.

 

Ich dachte, sie haben ihn freigelassen, sagte sie.

 

Das war nun Torckys Mutter. Habuck konnte keine Ähnlichkeit feststellen. Die Frau trug den dünnen Haarzopf zu einem filzigen Nest gesteckt, sie sah spitz aus wie ein Mensch, der leicht friert, und war so mager wie eine Schindel.

 

Was wollen Sie, junger Mann?

 

Ich suche Torcky.

 

Die suche ich schon lange nicht mehr.

 

Dann ist sie also bei Ihnen?

 

Junge, die ist mir scheißegal, ich hab ganz andere Sorgen, die haben meinen Mann eingelocht, und Sie kommen hier rein wie ein Spielmann zur Hochzeit. Die Veronika macht einem bloß Wind vor, die macht immer ein Wesen von sich, ich komme ohne sie aus. Nun rein oder raus, sonst wird’s kalt.

 

In der engen Küche stieg Habuck über einen Wäscheberg, um an den Stuhl heranzukommen, auf dem viele Strümpfe lagen. Die Frau fegte sie mit einer Handbewegung auf die Wäsche. Es duftete, es roch, und Habuck wusste nicht zu sagen, wonach es roch.

 

Er spürte das Summen in seinen Ohren, antwortete auf die Fragen der Frau und hätte nach einer Viertelstunde nicht mehr sagen können, auf welche Fragen er welche Antworten gegeben hatte. Er verstand Torcky, die ihm diese Frau vorenthalten hatte, er dachte daran, wie Torcky mit seiner Hand spielen konnte, während sie nebeneinander gingen, wie sie mitten auf der Straße wortlos stehen blieben, um sich zu küssen. Zwei Seelen und ein Gedanke. Torcky bewegte ganz schnell die Zungenspitze beim Küssen. Ein zweiter flatternder Herzschlag.

 

Während die fremde Frau von ihrem Mann erzählte, der in betrunkenem Zustand mit einem Dumper losgefahren sei, lange nach Mitternacht, ohne Erlaubnis und in schnellem Tempo, bis das schwere Fahrzeug in einer Kurve ihm nicht mehr gehorcht habe und erst vor den Schaufenstern eines Einkaufszentrums, den asphaltierten Weg pflügend, zum Halten gekommen sei, ging die Tür zum Nebenzimmer auf, und ein dickes Kind stand auf der Schwelle. Es hatte so pralle Backen, dass die Augen sehr tief zu liegen schienen.

 

Was sagen Sie zu dem da, junger Mann? Kokelt der doch am Gasherd rum! Sagen Sie ihm, wer kokelt, der pinkelt auch nachts ins Bett! Siehst du, der Onkel sagt das auch.

 

Aber nein, sagte Habuck, aber nein, wieso denn.

 

Gott im himmlischen Thron! Sind Sie naiv, eine richtige treue Seele hat sich Veronika da angelacht. Der da, das ist Torckys Halbbruder, der Vater sitzt nun im Knast und soll einen Dumper bezahlen, das schaffen wir nie und nimmer in einem Leben, dazu braucht man fünf!

 

Sie redete und redete.

 

Habuck blickte sich um. Es wäre schön gewesen, jetzt auf einem Foto in Torckys Augen zu sehen. Aber sie ließ sich ja nicht fotografieren, um irgendwo aufgestellt oder vorgezeigt zu werden. Wir haben uns immer lebendig in Erinnerung, sagte sie.

 

… wie eine Schwalbe im Schnee.Historischer Abenteuerroman von Wolfgang Held

 

Der Ausschnitt über den Jäger Roth öffnet die Szene der Prozessführung rund um Schloss Kochberg und macht spürbar, wie Hartnäckigkeit, Rechtsgewandtheit und unerwartete Verbündete das Leben eines Einzelgängers verändern können.

 

In den vergangenen zehn Wochen waren von den fürstlichen Kanzleien in Gotha vier Klagen aus Großkornberg aufgenommen worden, die sämtlich den dortigen Gutsherrn beschuldigten. Die Petition zur Rettung des Waldes war nur der Anfang dieser Kette gewesen. Das Verfahren hatte sich über anderthalb Monate hingezogen. Endlich entschied ein herzoglicher Erlass, dass dem Schönbacher nicht mehr als ein Viertel des Holzes vom Hummelsberg zum Einschlag gestattet sein, doch zu diesem Zeitpunkt waren die Hänge dort, von einem knappen Dutzend übrig gebliebener Bäume und spärlichem Buschwerk abgesehen, schon grau und kahl.

 

Der Schlossherr musste daraufhin eine Strafe von fünfzig Reichstalern an die Landeskasse zahlen. Seine Wut brannte noch, als er von der Klage des Anspänners Kämpe erfuhr. Der Einspruch des Bauern galt der Fronforderung des Kammerjunkers.

 

Nach Recht und Ordnung begann in den Wochen zwischen dem Bartholomäustag am 24. August und dem Osterfest der Frondienst mit dem Sonnenaufgang und endete bei Sonnenuntergang. Während der Zeit der kürzeren Nächte zwischen Ostern und jenem Tag des Schutzheiligen der Fischer, Fleischer und Handschuhmacher musste der Frondienst von vier Uhr in der Frühe bis sechs Uhr am Abend geleistet werden. Die Wegezeit vom heimatlichen Hof bis zu dem Ort, an welchem der Frondienst gefordert wurde, zählte nur dann zu Gunsten des Fröners, wenn diese Strecke mehr als eine halbe Meile maß.

 

Der Bauer Kämpe war beauftragt worden, im Laufe der Wintermonate das gesamte Mobiliar aus dem Stadthaus der Familie von Schönbach in Rudolstadt nach Schloss Großkornberg zu bringen. Der Kammerjunker hatte verlangt, dass der Anspänner mit Pferd und Wagen bei Tagesanbruch vor dem Haus in Rudolstadt zu stehen habe. Die Anfahrt von Großkornberg bis zur Hauptstadt des souveränen Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt betrug jedoch reichlich anderthalb Meilen. Kämpe hätte bald nach Mitternacht mit Laternenlicht aufbrechen müssen, wenn er trotz Dunkelheit, Frost und verschneiter Straße pünktlich zur Stelle sein wollte. In seiner Klageschrift berief er sich auf Particular II, Kapitel 2, Titel 15 der Fürstlich-Sächsischen Landesordnung, wo eine solche Forderung ausdrücklich für unbillig erklärt wurde. Ein Untergericht der Hochfürstlich-Friedenssteinischen Regierung hatte Johann Friedrich von Schönbach gerügt und bestimmt, dass er dem Anspänner die bereits geleisteten Tagwerke zur Hälfte als Lohnarbeit zu bezahlen habe.

 

Zuerst gaben die beiden verlorenen Prozesse dem Kammerjunker Rätsel auf. Die aus den Klageschriften ablesbare, genaue Rechtskenntnis beunruhigte ihn. Für kurze Zeit hegte er sogar den Verdacht, dass Friedemann von Volthen seine Hände im Spiel hatte. Klarheit brachte erst die dritte Beschwerde.

 

Der als frommer, fleißiger und gehorsamer Untertan bekannte Bauer Bertram Nussohr aus dem Großkornberger Vorwerk Rottenhein hatte seinen Fronherrn beim Herzog Friedrich II. verklagt. Der Schönbacher war nach einer Fuchsjagd, von drei herrschaftlichen Gästen begleitet, zu abendlicher Stunde auf dem Hof des Anspänners erschienen. Dort fand gerade eine kleine Familienfeier statt. Die Zwillingstöchter des Ehepaares Nussohr wurden vierzehn Jahre. Die vier Adelsherrn hatten sich am gedeckten Tisch breit gemacht und der Familie wie den anwesenden Gratulanten, dabei auch Pfarrer Klagebusch, kaum einen Bissen vom Braten oder einen Schluck vom Bier übrig gelassen. Allein dem beherzten Einspruch des Geistlichen war es zu verdanken gewesen, dass sich die hochwohlgeborenen Herrn gegenüber den beiden Mädchen mit unzüchtigen Handgriffen begnügten.

 

Umreiten, so nannte man landauf, landab, dieses dreiste Treiben der Gutsherren und nahm es als lästige, aber unabwendbare Gepflogenheit hin.

 

Für Johann Friedrich von Schönbach stand außer Zweifel, dass seine Dörfler, vom ärmsten Tagelöhner bis zum Heimbürgen keine Ahnung von der Existenz eines juristischen Schutzes vor solchen Überfällen gehabt hatten. Nun aber zitierte dieser des Schreibens völlig ungeübte Bauer in einer wohlgesetzten Klageschrift beinahe wörtlich aus der Landesordnung: Keiner soll ungeladen bei des anderen Ehrengelage erscheinen, noch als Hausherr ungeladene Gäste dabei aufnehmen.

 

Friedemann von Volthens Geschick vor Gericht hatte den Kammerjunker in dieser Sache vor Geldbuße oder gar Gefängnis bewahrt, denn in diesem Falle hätte es den Kläger gleichermaßen mitbetroffen. Der betreffende Titel in der Rechtsschrift bestimmte, dass bei vorgegebenem Tatbestand das Gericht den Geschädigten ebenfalls bestrafen konnte, wenn er die unerwünschten Besucher an der Festtafel geduldet hatte. Bauer Nussohr war heilfroh gewesen, dass die Gerichtsherren seinen Vorwitz nicht übel vergolten hatten. Unbedacht war ihm über die Lippen gekommen, dass er sich nicht ein zweites Mal vom Jäger Roth beraten lassen würde.

 

Diesen Satz hatte der Gerichtsverwalter von Volthen gehört!

 

Der Kammerjunker schmetterte einen Kelch aus bestem Ilmenauer Glas gegen die Tapete, als er davon erfuhr. Während er noch auf Rache schwor, erreichte ihn die Nachricht von erneuter Beschwerde, die in Gotha gegen ihn vorlag. Im vergangenen Sommer hatte er dem Tischler und Zimmermann Haubold auf dessen inständiges Bitten zwanzig Taler geliehen, die der Mann dringend zur Ausrichtung der Hochzeit seiner Tochter brauchte. Für einen auf zwanzig Taler ausgestellten Schuldschein hatte er dem Bittsteller achtzehn Taler ausgehändigt und zwei gleich als Zinsen einbehalten. Zehn Prozent waren nur zweieinhalb mehr als er selbst bei seinem Jenaer Geldverleiher zahlen muss, und Wohltat ohne jeden Nutzen galt in seinen Augen soviel wie Angeln ohne Köder.

 

Nun hatte Leberecht Haubold seinen herrschaftlichen Gläubiger wegen Wuchers verklagt, denn die Landesordnung erlaubte auf geliehenes Geld nur einen Zinssatz von höchstens fünf Prozent.

 

Johann Friedrich von Schönbach stützte die seitlich ausgestreckten Hände auf und nahm so die ganze Breite der Kutschbank in Anspruch. Er saß in Fahrtrichtung, zurückgelehnt gegen das gesteppte Polster, die stämmigen, kurzen Beine gegrätscht hingestemmt wie Säulen. Auf seinem Gesicht lag bläulicher Schimmer. Er brütete einen Racheplan aus.

 

Das Gericht in Gotha hatte die Verhandlung unterbrochen. Der Prozess sollte eine Woche nach dem Osterfest fortgesetzt werden. Es ging dabei nur noch um die Höhe der Strafe, die dem Kammerjunker auferlegt werden würde, deshalb war er entschlossen, in dieser Angelegenheit nicht noch einmal in die Residenzstadt zu reisen. Er wollte künftig seinen Gerichtsverwalter in diesem unseligen Streitfall allein nach Gotha senden und sich die erniedrigenden Auftritte vor Gericht ersparen. Eine der Sachen, die er aus tiefster Seele heraus hasste, war das Verlieren.

 

In den Augen des Kammerjunkers war einer, der solche demütigenden Niederlagen hinnahm und dabei nicht sofort über Vergeltung nachdachte, ein erbärmlicher Wicht und somit des Herrschens über andere Menschen völlig unfähig. Das traf nach seiner Überzeugung in ganz besonderem Maße zu, wenn die Abfuhr einem Angehörigen des Adels von einer Person aus den unteren Ständen erteilt wurde. Erfolg macht hochmütig, und ein Untertan bekam dabei womöglich Hunger nach weiteren Triumphen über seine Obrigkeit.

 

„Was wir jetzt nötig brauchen, von Volthen, das ist ein strenges Exempel“, erklärte Johann Friedrich von Schönbach unvermittelt und entschieden. „Furcht allein ist die Mutter des eisernen Gehorsams. Der Toffel braucht einen Streich, der ihn auf drei Meilen weit hörbar schreien lässt, anders macht er uns im Großkornbergischen selbst die Hasen noch rebellisch!“

 

Philipp sah von seinem Malblock auf und schaute den Vater an, dessen Tonfall von Wut geschärft war. Unmerklich rückte er ein wenig tiefer in die Sitznische am Fenster.

 

„Es ist wahr“, pflichtete der Jurist dem Kammerjunker bei. „Dem Roth juckt die Schwarte, und nun reibt er sich an Euch wie das Schwein an der Eiche.“

 

Der Vergleich gefiel dem Schlossherrn offensichtlich. Er spitzte die Lippen und nickte.

 

„Das kommt, weil der Kerl ganz und gar aus Zucht und Zügel ist“, sinnierte er laut. „Jede Daumenbreite mehr an Freiheit nutzen Leute niederer Herkunft lediglich dafür, alle in ihnen schlummernden bösen Eigensüchte und Gelüste rücksichtslos auszuleben. Beim Toffel ist es vor allem die Eitelkeit, von Volthen. Ich hab’ es immer gespürt, dass in ihm ein Hang dahin lauert.“

 

„Mit Verlaub, Exzellenz, solches Streben nach Bewunderung des gemeinen Volkes verschafft noch keine dermaßen profunde Rechtskenntnis. Die Particularien der ernestinischen Landesordnung samt Strich und Kommata hat der Roth doch gewiss nicht als Eleve in der Obhut des sachsen-gotha-altenburgischen Oberforstmeisters einstudiert.“

 

Philipp starrte hinaus in die Landschaft. Er wollte bei diesem Gespräch nicht länger Zuhörer sein und nutzte die wunderbare Fähigkeit aller mit Fantasie Begabten zur unauffälligen Flucht aus der Wirklichkeit in jene fernen, zauberhaften Regionen, die allen Verfolgern verschlossen blieben.

 

„Das Lesen ist es!“, entgegnete Johann Friedrich von Schönbach seinem Gerichtsverwalter. Er kramte in den Taschen seiner langen Weste und fand endlich die Schnupftabakdose. „Er hat die Nase schon immer lieber in ein Buch als in einen Krug gesteckt, der Hundsfott. Wer erst einmal mit den Buchstaben zurechtkommt, der findet auch die Wege zu den Büchern, meine ich. Und Lesen heizt die Denklust an!“

 

Der Streit um die Partisanen von Hasso Grabner

 

Die abschließende Probe friert den Augenblick ein, in dem Karl die beiden Partisanen entdeckt und zwischen Befehl und Rettung hin‑und hergerissen ist — ein beengter, existentieller Entscheidungsraum.

 

„Nichts von Belang, Herr Leutnant“, brummte Gorke, „bei der Durchsicht der Urlauberkartei ergibt sich, dass diesmal der Schütze Leonhardt, Karl, dritter Zug, dran ist.“

 

„Letzter Urlaub?“ Die militärische Kürze steht mir gut, dachte der Pimpf, und außerdem weist sie den Hauptfeldwebel in seine Schranken.

 

„Noch gar keinen Urlaub, Herr Leutnant“, antwortete Gorke, und es war wie ein kleiner Triumph in seiner Stimme: Warte, du Rotzer, hier kannst du nicht nein sagen.

 

„Noch gar keinen Urlaub? Wo gibt’s denn so was?“

 

„Politischer!“, antwortete Gorke, unwillkürlich seine Stimme dämpfend.

 

„Politischer? Ach ja, jetzt kenne ich den Mann, so ’n großer schlanker, macht immer bisschen was von sich her. Ein gefährlicher Bursche.“

 

„Nicht dass ich wüsste, Herr Leutnant.“

 

„Nicht dass ich wüsste, nicht dass ich wüsste – ja, mein Lieber, Sie wissen manches nicht, aber ich weiß.“

 

„Der Mann ist fast zwei Jahre nicht zu Hause gewesen, nach der Dienstvorschrift …“

 

„Dienstvorschrift! Unsere Dienstvorschrift ist die Sicherung der Front, innen und außen. Mir genügt, dass dieser Leonhardt seine Kumpane hier verrückt macht. Es ist nicht gut, wenn er auch noch vor seinen Leuten in der Heimat das Maul aufsperrt.“

 

„Wir haben keine Handhabe, Herr Leutnant.“

 

„Handhabe? Ich kichere, Herr Hauptfeldwebel. Wenn wir eine ,Handhabe‘ hätten, brauchte der Mann niemals mehr einen Urlaubsschein. Vom Pfahl tritt man den großen Urlaub ohne Schein an.“

 

„Herr Leutnant“, wagte Gorke den letzten Widerspruch.

 

„Schluss, für den Leonhardt unterschreibe ich keinen Urlaubsschein, verstanden!“

 

Kellner hatte sich erhoben und die letzten Worte mit einer Entschiedenheit hervorgestoßen, die es dem Hauptfeldwebel geraten sein ließ, keinen weiteren Versuch zu unternehmen. Er legte die Hand an das Mützenschild und verließ das Zimmer. „Rotzpopel, affiger“, murmelte er auf dem Korridor, ihm, dem Hauptfeldwebel Gorke, so zu kommen. Und der Leonhardt fährt auf Urlaub, das wäre gelacht!

 

In seinem Zimmer angekommen, suchte er aus der Formularkiste einen Urlaubsschein heraus und malte mit grimmiger Befriedigung darauf: „Leonhardt, Karl, geb. 31. Jan. 1913 – nach Dresden.“ Als er ihn in sein dickes Buch stecken wollte, fiel ihm noch etwas ein. Er nahm den Federhalter und setzte hinzu „und Hildesheim“. Morgen würde er den Schein bei passender Gelegenheit dem Alten vorlegen, der Pimpf konnte ihn …

 

Wir hoffen, diese Auswahl weckt Neugier auf ungewöhnliche Begegnungen und schwierige Entscheidungen. Bis zum nächsten Freitag alles Gute und herzliche Grüße aus der Redaktion.

 

Ansprechpartner

 

Gisela Pekrul
Verlagsleiterin
Tel: +49 (3860) 505788
E-Mail: editiondigital@arcor.de

 

Über "EDITION digital Pekrul & Sohn GbR"

 

EDITION digital war vor 31 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Der Verlag gibt Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher als barrierefreie E-Book heraus, einige auch als Hörbuch. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher von DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.800 Titel. Die Printsparte des Verlages war Ende 2025 von Ralf Jordan vom Geschichtlichen Büchertisch als Imprint übernommen worden.

 

DDR-Autoren: Newsletter 04.12.2026 - Phantastische Anfänge, geteilte Zimmer, Mühlenliebe, ein hartnäckiger