DDR-Autoren
DDR, CSSR, Sowjetunion, Polen ... E-Books, Bücher, Hörbücher, Filme
Sie sind hier: Zukunft im Rohbau von F. C. Weiskopf: TextAuszug
Zukunft im Rohbau von F. C. Weiskopf
Format:

Klicken Sie auf das gewünschte Format, um den Titel in den Warenkorb zu legen.

Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
06.05.2026
ISBN:
978-3-68912-673-5 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 450 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Geschichte, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Politik
Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Historischer Roman, Kriegsromane: Zweiter Weltkrieg, Belletristik: Erzählungen, Kurzgeschichten, Short Stories
Reportagen, Zeitgeschichte, Sowjetunion, Reisebericht, Sibirien, Moskau, Industrialisierung, Aufbruch, Zukunft, Transformation, Gesellschaft, Politik, Sozialismus, Arbeiter, Revolution, Alltag, Beobachtung, Menschenbilder, Fortschritt, Modernisierung, Reiseliteratur, Erlebnis, Dokumentation, Historisch, Entwicklung, Städtebau, Industrie, Landwirtschaft, Kollektivierung, Begegnungen, Kultur, Osteuropa, Authentizität, Wandel, Epoche, Erzählkunst, Zeitdokument, Perspektiven, Gesellschaftskritik, Reformen
Zahlungspflichtig bestellen

Zweihundert Komsomolzen aus Nowosibirsk und von den Kolchosen der Umgebung meldeten sich freiwillig, um der Bauleitung zu helfen, die mit Arbeitermangel, Bummelei, Frost und Morast zu kämpfen hatte; sie bildeten ein „Sturmbataillon“, das überall dort eingesetzt wurde, wo die Arbeit ins Stocken kam.

In einer stürmischen Nacht, als die Fuhrleute sich nicht getrauten auszufahren, um Zementsäcke aus den Waggons in die frostsicheren Schuppen zu schaffen, schleppten sie die Säcke auf dem Rücken zwei Kilometer weit über das Eis des gefrorenen Flusses.

In zwölfstündigen Arbeitsschichten, ohne Ablösung, unter Verzicht auf die Ausgangstage stellten sie das Mauerwerk des zweiten Pfeilers in vier Wochen fertig, statt, wie im Plan vorgesehen, in sechs Wochen. Sie zwangen die Betonmischmaschinen, hundertundachtzig Mischungen zu liefern, statt der höchsten Norm von hundertundsechzig.

Dann barst die Verschalung des dritten Pfeilers. Mehr als das, er war überhaupt „krank“; der Senkkasten, auf dem er ruhen sollte, bohrte sich zu langsam in den Flussgrund und stieß noch immer nicht auf den Felsboden – in der Belegschaft hatte es Bummler und Trinker gegeben. Da sprangen die Komsomolzen ein. Sie schrieben an die Wand der Baukanzlei: „Wir Komsomolzen versprechen der Partei, der Bauleitung und dem Land, dass wir dem dritten Pfeiler auf die Beine helfen und ihn ganz allein zu Ende bauen werden!“

„Es war nur noch ganz wenig Zeit. Wenn der Eisgang kam, bevor der dritte Pfeiler den Wasserspiegel überragte, musste der ganze Bau für Wochen unterbrochen werden. Vom Oberlauf meldeten sie schon, dass das Eis in Bewegung geraten sei. Keiner von den Ingenieuren und Technikern, überhaupt kein Mann von der ganzen übrigen Belegschaft glaubte, dass wir es rechtzeitig schaffen würden, aber wir schafften es. Die Zimmerleute brachten die neue Verschalung in einem Tag und einer Nacht fertig; die Betonmischer steigerten ihre Arbeitsleistung um siebenundsechzig Prozent; im Freien wurde vierzehn, im Senkkasten, wo ein Luftdruck von drei Atmosphären herrschte, zwölf Stunden gearbeitet. Wir arbeiteten dort nackt, wir hatten die Leitern entfernt und konnten dadurch zwei Mann mehr unterbringen, es war fürchterlich eng und heiß, aber der Caisson senkte sich täglich um zwei Meter, statt nur um einen wie bisher, und nach drei Tagen waren wir auf dem Felsgrund. Genau zwölf Stunden, bevor der Eisgang begann, war der dritte Pfeiler über Wasserspiegelhöhe; als das Hochwasser kam, arbeiteten wir schon am Oberbau. Aber das schönste ist doch, dass wir dabei ein neues Bähungsverfahren gefunden haben. Es ist um fast zehn Prozent billiger als das alte und erspart, und das ist noch wichtiger, sehr viel Zeit!“

Ich frage ihn, ob er schon lange „in Beton“ arbeitet.

Nein, erst seit dem Brückenbau. Jetzt soll er in Stalinsk sein neues Verfahren weiter ausprobieren, und im Winter wird er auf die Bauschule geschickt. Vorher ist er zwei Jahre lang auf einem Kolchos gewesen, und davor hat er auf dem Dorf gelebt:

„In Michailowka, einem verlorenen Nest, fünfhundert Kilometer von hier. Nicht einmal ein Fahrweg ging hin. Wenn einer in die Stadt fuhr, das kam vielleicht einmal im Jahr vor, war es ein Ereignis. Die Bauern waren fast alle Baptisten, die wenigsten konnten lesen und schreiben. Mein Vater zum Beispiel hat mir nur einen einzigen Buchstaben beigebracht, er kannte nur den einen; es war das F, und er kannte es nur, weil es ,dem Galgen so ähnlich sieht‘, wie er immer sagte!“

Zukunft im Rohbau von F. C. Weiskopf: TextAuszug