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Dorfgeschichten einmal anders von Adam Scharrer
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Preis E-Book:
7.99 €
Veröffentl.:
24.03.2025
ISBN:
978-3-68912-451-9 (E-Book)
Sprache:
deutsch
Umfang:
ca. 560 Seiten
Kategorien:
Belletristik/Geschichte, Belletristik/Krieg & Militär, Belletristik/Politik
Belletristik: Themen, Stoffe, Motive: Politik, Historischer Roman, Kriegsromane: Zweiter Weltkrieg
Angst, Anpassung, Arbeiterbewegung, Armut, Bauernhof, Bauernleben, Befreiung, Denunziation, Deserteur, Desillusionierung, Diktatur, Dorfgemeinschaft, Dorfleben, Drittes Reich, Einberufung, Erbhofgesetz, Existenzkampf, Familiendrama, Familienkonflikt, Familienschicksal, Faschismus, Flucht, Frauenunterdrückung, Freiheit, Frontalltag, Geheime Staatspolizei, Geisteskrankheit, Generationenkonflikt, Gerechtigkeit, Gesellschaftskritik, Gesellschaftszwänge, Gewalt, Gewissen, Heimat, Heimatfront, Heimatverlust, Hoffnung, Hopfenernte, Innere Emigration, Intrige, Kampfgeist, Klassengegensätze, Klassenkampf, Konzentrationslager, Krieg, Kriegsalltag, Kriegsheimkehrer, Kriegsverbrechen, Landbevölkerung, Ländliches Leben, Liebe, Loyalität, Macht, Machtmissbrauch, Manipulation, Menschlichkeit, Militärjustiz, Moral, Mut, Nationalsozialismus, Neuanfang, NS-Regime, NS-Zeit, Ostfront, Partisanen, Patriarchat, Postbote, Rebellion, SA-Männer, Schicksal, Schuld, Selbstaufgabe, Soldatenleben, Soldatenschicksal, Sozialkritik, SS-Terror, Todesangst, Tragödie, Tyrannei, Überlebenskampf, Unrecht, Unterdrückung, Verfolgung, Verlust, Verrat, Verzweiflung, Wahrheit, Wehrmacht, Widerstand, Winterkrieg, Wirtschaftskrise, Zeitzeugnis, Zivilcourage, Zusammenbruch, Zwang, Zwangsheirat, Zweiter Weltkrieg
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Karin und ihre Freier

Die Ernte war gut ausgefallen, das Wetter war prächtig; die Kirchweih in Heiligenhain war daher auch aus anderen Dörfern gut besucht. Das ganze Dorf war voll von Musik.

Im Zanderhaus jedoch, dem rechten von dem Zweigehöft an der Kulmberger Straße, wollte keine rechte Kirchweihstimmung aufkommen. Der Zanderbauer stampfte zornig im Haus herum, weil Karin, seine Tochter, sich weigerte, mit zur Kirchweih zu gehen. Auch der Onkel und die Tante machten betretene Gesichter. Der Vetter versuchte, Karin durch einen Scherz aufzumuntern. „Hab mich so darauf gefreut“, sagte er, „mit dir tüchtig zu tanzen. Verdirb doch wenigstens mir nicht die ganze Kirchweih. Die Alten halten doch nicht so lange aus, und auf dem Heimweg kommen wir schon auf unsere Kosten!“ Doch sofort stellte sich heraus, dass der Witz nicht am Platze war. „Warum traktiert ihr mich, wenn ich doch nicht will“, antwortete Karin, stand dann auf und ging aus der Stube in ihre Kammer.

Zander zog seinen Mantel über, griff nach seinem Hut. Auch die Gäste machten sich zum Gehen fertig. Karin blieb in ihrer Kammer sitzen. Die Gedanken jagten wild durch ihren Kopf. Diese Gedanken enthielten die ganze Geschichte des Zanderhofes und darin eingeschlossen den Grund für Karins Verhalten.

Schon der Großvater war als mürrischer Sonderling bekannt. Außer den Verwandten durfte kein Mensch den Hof betreten. Als er starb, flossen die Tränen nicht sehr reichlich, und er starb auf eigenartige Weise.

Er hatte eine Kuh verkauft und sie nach Kulmberg zum Händler getrieben. Es war im Herbst, des Nachts fiel das Thermometer einige Grad unter Null. Der Viehhändler zahlte dem Alten sein Geld auf den Tisch und fragte ihn, ob er, da er doch viel Geld bei sich trage, nicht mit der Bahn fahren wolle. Der Alte deutete auf seinen Hund: „Der sorgt schon dafür, dass nichts passiert.“ Der Viehhändler goss dem Alten einen Schnaps ein. Der Alte trank, trank noch einen und dann noch einen. Der Schnaps schoss ihm schwer in die Füße.

Als er auf dem Heimweg die Bank erreicht hatte, die unter den Eichen am Oberndorfer Weg stand, beschloss er, ein wenig auszuruhen. Dort schlief er ein. Als ein Radfahrer vorbeikam, lag er vor der Bank, Hut und Stock daneben. Der Radfahrer wollte helfen, doch der Hund knurrte ihn drohend an. Der Radfahrer fuhr ins Dorf und holte Hilfe. Zu spät. Der Alte war tot. Schlaganfall, meinte der Arzt, und dann erfroren.

Die Leute im Dorf waren der Meinung: Der ist an seinem Geiz erstickt. Von seinem Geld hätte er sich nicht so vollgesoffen.

Nun erst war der junge Zander Herr auf dem Hofe, der ihm wohl schon lange überschrieben war, aber der Alte hatte die Herrschaft keinen Augenblick aus der Hand gegeben, obgleich sein Sohn bereits Vater von drei Kindern war. Karin war sechs, ihre Brüder, der Kaspar und der Christian, acht und elf Jahre alt.

Der junge Zander legte die abfälligen Reden als Neid und Missgunst aus. An dem Verhältnis zu den Leuten im Dorf änderte sich nichts. Als die Wasserleitung ins Dorf gelegt wurde, sollten Zander und sein Nachbar, der Sterk, einige hundert Meter Rohr extra bezahlen, weil ihre Höfe zu weit vom Dorf ablagen. Zander weigerte sich, so dass die Rechnung für Sterk noch höher wurde. Sterk beschloss, die Leitung dennoch legen zu lassen, musste aber, wenn er einen großen Umweg vermeiden wollte, mit der Rohrleitung durch einen Acker von Zander. Zander gab seine Einwilligung nicht. Dadurch war die Feindschaft zwischen den Nachbarn noch erbitterter geworden. Ob ein Kalb zur Welt kam, einige Fuder Heu oder Korn vom Gewitterregen bedroht waren: Keiner der Nachbarn nahm mehr die Hilfe des anderen in Anspruch.

Auch die Kinder wurden streng angehalten, jeden Verkehr miteinander zu meiden. Doch dieses Gebot wurde oft durchbrochen. Eines Tages fuhr der Sterk-Ludwig mit dem Fahrrad nach Kulmberg. Karin hütete unweit der Kulmberger Straße die Kühe. Ludwig hatte Karin versprochen, Murmeln mitzubringen. Er hielt Wort: Einen ganzen Beutel voll funkelnagelneuer Murmeln brachte er mit, dazu zwei große, bunte, gläserne. Er schüttete den ganzen Reichtum in Karins Schürze und lächelte sie aufgeregt an. Und plötzlich, ehe Karin mit dem Zählen fertig war, hatte Ludwig sie zu Boden gedrückt. Erst als sie seine Hand zwischen ihren Schenkeln spürte, begriff sie, was Ludwig wollte. Sie biss, kratzte, riss sich los, sprang auf und erschrak noch mehr, wie sie Ludwig nun vor sich sah: Augen wie ein Ochse, Ohren wie ein Esel, Arme und Hände wie ein Affe; Wie ein gehetztes Wild lief sie aus dem Walde zu ihren Kühen. Von diesem Tage an bedurfte es keiner Ermahnung des Vaters mehr, den Umgang mit Ludwig zu meiden. Ludwig war damals dreizehn, Karin elf Jahre alt.

Als Karin aus der Schule kam, entließ Zander die Magd. Christian, der älteste Bruder, machte den Knecht, Kaspar, der jüngere, arbeitete im Schieferbruch. Das Geld, das er verdiente, verwendete Zander für die Bezahlung der Tagelöhner, die er zur Ernte brauchte. Sein Konto auf der Sparkasse stieg von Jahr zu Jahr. Und als es dann galt, im Jahre 1914 Haus und Hof gegen den „Erbfeind“ zu verteidigen, war das für Zander wohl so plötzlich unfassbar, aber dann doch selbstverständlich.

Christian fiel in Polen, Kaspar in Belgien. Als Zander die Nachricht vom Tode seines zweiten Sohnes erhielt, aß er den ganzen Tag keinen Bissen und sprach kein Wort. Seine Frau stellte in der Kammer die Bilder ihrer Söhne auf die Kommode, daneben zwei lange, dicke Kerzen. Sie betete mehrere Male am Tag laut und lange. Zander sah seine Frau verwundert an und blieb stehen. Doch sie wies ihn hinaus, und als er nicht gehen wollte, schrie sie ihn an: „Raus du, du Satan!“ Zander ging erschrocken aus der Kammer. Die Alte verschloss die Tür und betete laut weiter. Sie arbeitete nicht mehr, kochte kein Essen. Eines Tages stürzte sie mit einem Küchenmesser auf die alte Sterk los. „Jetzt hab ich dich“, schrie sie, „du bist schuld, an allem schuld. Du hast alles verhext!“

Die alte Sterk rannte in die Scheune und schrie laut um Hilfe. Zander musste Gewalt anwenden, um der Tobenden das Messer zu entreißen.

In einer kalten Winternacht war sie dann fortgelaufen, ohne sofort bemerkt zu werden. Sie lief auf die Lichter am Bahnhof Kulmberg zu, die von der Straße aus zu sehen waren. Das große grüne, meinte sie, sei der Geist von Christian und das große rote der von Kaspar. Sie lief geradeaus, nicht darauf achtend, dass die Straße eine Biegung machte, verirrte sich im Schnee, und als Karin und ihr Vater sie fanden, war sie starr und kalt.

Zur Beerdigung fanden sich viele ein, mit denen die Zander keine Freundschaft gehalten hatten. Auch die Sterks kamen. Der alte Sterk ging, als Karin ihren Vater vom Grabe wegführte, auf diesen zu, hielt ihm die Hand hin und sagte: „Ich denk, Nachbar, Ihr werdet mir’s doch nicht verwehren, dass ich Euch wenigstens die Hand drücke.“

Zander schlug ein. „Ich dank Euch, Nachbar!“, sagte er. Dann gingen sie miteinander zum Leichenschmaus.

Sterk hatte weniger Land als Zander, doch nur zwei Kinder, den Ludwig und die Marie. Der Ludwig war auch nach Beendigung des Krieges beim Militär geblieben. Die Marie hatte wenig Aussicht auf eine Heirat, wegen ihrer Hasenscharte. Wenn der Ludwig mit einigen tausend Mark Abfindung vom Militär abgeht, rechnete Sterk, wird Zander nichts gegen eine Heirat mit Karin haben. Zander war einverstanden. Wenn schon kein Zander auf den Zanderhof kommen soll, so wenigstens eine Zanderin, um den Preis, dass der Sterkhof später verschwindet. Doch über diese Einzelheiten sprachen die Nachbarn nicht. Sie sprachen nur darüber, dass der Ludwig und die Karin ein stattliches Paar seien.

Ludwig jedoch kam bei Karin keinen Schritt weiter. Als er sie einmal im Kuhstall umfassen wollte, erschrak sie so sehr, dass er sofort von ihr abließ. Mit steinernem Gesicht sah sie ihn an und sagte dann: „Nachbar, das darfst du nicht denken, das nicht, auf keinen Fall.“ Sie ging aus dem Stall, und Ludwig blieb enttäuscht und verletzt zurück und kam dann wochenlang nicht mehr ins Zanderhaus.

Der alte Sterk ließ Zander unterdessen wissen, dass Ludwig nicht nur so viele Frauen bekommen könnte, wie er wolle, sondern auch solche, die es mit Karin sehr wohl aufnehmen könnten, auch was das Heiratsgut anbelangt. Zander antwortete nachdenklich: „Die Karin hat halt viel durchgemacht, da muss der Ludwig ein bisschen mehr Geduld haben als mit der erstbesten. Sie hat halt ein starkes Innenleben. Ein guter Wein gärt lang.“ Und zu Karin sagte Zander: „Ich weiß nicht, Karin, wie du dir das denkst, für später. Ich werde immer älter, und wenn ich die Augen zumache, und ich muss dich allein zurücklassen, das bedrückt mich. Der Ludwig ist doch kein unrechter Bursch, und dass er immer nur auf ein gutes Wort von dir wartet und nach keiner andern schaut, das macht auch nicht jeder. Aber einmal reißt ihm sicher die Geduld, und vielleicht denkst du nachher anders, wenn es zu spät ist.“

„Du stirbst noch lange nicht, Vater“, meinte Karin da. „Und daran denken, dass ich deswegen heiraten soll, das könnt mir’s erst recht verleiden. Ich hab halt gar kein Verlangen danach. Und wenn das nicht von selber kommt, bringt es auch kein Glück. Und Unglück haben wir doch grad genug hinter uns. Jetzt sind wir noch unser eigener Herr, was nachher kommt, wissen wir nicht. Warum sollen wir uns Sorgen machen, grad weil wir jetzt keine haben?“ Der alte Zander ging schweigsam und nachdenklich in seine Schlafkammer, denn über Karin ging das Gerede, dass sie mütterlicherseits erblich belastet sei, weil sie wortkarg und verschlossen war und nichts von Männern wissen wollte.

 

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