ÂNehmse Platz, Herr Jeheimrat!
In den Geschichten von C.U. Wiesner erklärt ein Frisör die Weltpolitik und vieles andere
Tatsächlich gab es für die satirischen Geschichten von C.U. Wiesner über den Frisör Kleinekorte ein reales Vorbild, das allerdings ein wenig anders hieà als sein literarisches Abbild. Darüber berichtet der Verfasser höchst persönlich: ÂNehmse Platz, Herr Jeheimrat! Was gibsn Neues aufm Bau? Wieder Nachtschicht gehabt? Mit diesen Worten begrüÃte der Frisörmeister Kowalczik gewöhnlich fast jeden seiner Stammkunden, ob das nun ein alter Zausel oder ein junger Spund wie ich damals war.
Ende der fünfziger Jahre wohnte ich im Bezirk Prenzlauer Berg in einer Untermieterbude am Arnswalder Platz. Gleich um die Ecke, in der Dimitroff-, heute Danziger StraÃe, lag des Altberliner Figaros armseliger, aber sauberer kleiner Laden, der mich mit seinen vielfältigen Utensilien an das Bühnenbild eines frühen Gerhart-Hauptmann-Dramas erinnerte. An der Tür hing ein handgeschriebenes Schild: Freitag und Sonnabend kann ich Kinder keine Haare schneiden. Den Frisierstühlen gegenüber prangte halblebensgroà ein gerahmtes handkoloriertes Foto. Es zeigte den schnauzbärtigen Ladenbesitzer in der kleidsamen Infanteristenuniform des Ersten Weltkriegs, neben sich, wie einen Hund an der Kette, ein wassergekühltes Schweres Maschinengewehr auf Rädern, darunter ein Schild: Wir Herrenfrisöre kämpfen für den Frieden.
Solange Meister Kowalczik seinen Kunden bediente, vom Kittelumbinden bis zum Kragenabbürsten, redete er auf ihn ein. Monologe voller skurriler Lebensweisheiten und komischen Döntjes aus seinen langen Erdentagen. Die weitere Personnage bestand aus seiner Ehefrau, Muttern, die höchstens mal mit einem Töppken Kaffe in Erscheinung trat, aber in den Erzählungen ihres Mannes eine gewisse Rolle spielte.Â
Und C.U. Wiesner, geboren im letzten Monat der Weimarer Republik, am Neujahrstag 1933, und später langjähriger Autor der satirischen DDR-Zeitschrift ÂEulenspiegel erklärt auch die ungewöhnliche Namensgebung seines haareschneidenden Helden: ÂDen ersten Monolog in diesem Buch, Frisör Kleinekorte trauert verlorenen Werten nach, habe ich mir fast wörtlich aus dem Gedächtnis notiert und ihn später im Eulenspiegel veröffentlicht. Aus gutem Grund verpasste ich Meister Kowalczik einen neuen Namen. Der echte Kleinekorte betrieb dereinst in meiner Heimatstadt Brandenburg einen Branntweinausschank. Auch der Name Kafforke ist nicht ganz erfunden. Kafurke hieà ein Gehilfe in dem für damalige Verhältnisse geradezu vornehmen Salon Wallik. Der lag genau gegenüber dem Eulenspiegel Verlag in der Berliner KronenstraÃe. Und dort lieÃen sich sogar hohe Staatsfunktionäre die Haare schneiden, zum Beispiel der Präsident der Akademie für Landwirtschaftswissenschaften Prof. Dr. Stubbe.Â
Auch heutige Leser dürfen sich gleich in mehreren Bänden an den wunderbaren Gedanken eines gewitzten Friseurmeisters über den damaligen kleinen DDR-Alltag und die damalige groÃe Weltpolitik erfreuen. Die offene oder versteckte Gesellschaftskritik hatte diesen Büchern eine Gesamtauflage von einer halben Million und eine begeisterte Leserschaft eingebracht. Aber lesen Sie selbst Â
Nehmse Platz, Herr Jeheimrat!